Gründerzeit 1870 - 1890
Kleidung der Dame
Oberteile
Die Oberteile der Kleider waren eng und hochgeschlossen und
liefen vorn zu einer Spitze aus. Oftmals hatten diese Mieder einen
jacken- oder westenähnlichen Schnitt. Zahlreiche Knöpfe und
Stickereien dienten als Verzierung.
Die Ärmel waren lang und wurden entweder als glatte Röhrenärmel
oder als unten offene Pagodenärmel getragen. Gelegentlich besaßen
die Ärmel eine leichte Keulenform.
Röcke
Die Krinoline verschwand allmählich und aus den in Anlehnung an
das Rokoko hinten hochgerafften Rockschleppen entstand bald die
"Tournüre".
Dieses halbkreisförmige, lange Gestell aus Stahl- oder
Fischbeinstäben oder auch aus Rosshaarpolster um das Gesäß
gebunden, ließ das Gesäß erheblich größer erscheinen. Über diese
Tournüre wurde der Rock des Kleides bauschig gerafft. Im Laufe
der Zeit bauschte man die Tournüre immer höher auf und der
darüberliegende Rock wurde immer aufwendiger gestaltet.
Mitte der 80er Jahre tauchte die Tournüre als "Cul de Paris" wieder
auf und war größer und voluminöser gestaltet. Ein typisches
Merkmal dieser Zeit waren die Drapierungen. Die Röcke wurden
vorn schürzenähnlich gerafft. Oftmals waren die Röcke so eng
geschnitten, dass die Damen kaum gehen konnten. So blieb eine
Verkürzung des Rockes nicht aus. Zum Teil reichte dieser enge
Rock sogar nur bis zur halben Wade, wobei unten angesetzte Falten
und Volants das Bein bedeckten.
Plisseeröcke und Plisseegarnituren wurden im Laufe der Zeit
immer beliebter, neben Spitzen, Rüschen und Jet- und
Chenillestickereien verliehen sie den Kleidern ein elegantes
Aussehen.
Kleider/Kostüme
Die Kleider jener Zeit wurden an antike und barocke Formen
angelehnt. Häufig wirkten sie durch übermäßige Drapierungen,
Spitzen, Fransen, Borten, Quasten Jet- und Perlenstickerei recht
überladen.
Diese Kleider bestanden aus einem westenförmigen Oberteil, einer
Taille, das im Rücken in Gesäßhöhe hochgerafft wurde. Der Rock
des Kleides war bodenlang und lief in einer Schleppe aus.
Gelegentlich wurde ein zweiter, kürzerer Rock darüber getragen,
den man ebenfalls hochhob und aufbauschte.
Als Tageskleider wurden diese Kleider hochgeschlossen und am
Hals mit einem zarten Rüschenrand versehen.
Als Ballkleid wurde das Dekolleté tief heruntergezogen, wobei
viereckige Ausschnitte beliebt waren. Die Schultern waren kaum
noch bedeckt. Die Ärmel waren meist kurz und puffig und mit
kleinen Rüschen und Blumen verziert.
Ab Mitte der 70er Jahre wurden die Kleider zunehmend enger und
die Tournüre verkleinerte sich zu einem nach hinten ausladenden
Unterrock. Ganze zehn Jahre hielt sich die Tournüre bis sie aus der
Mode gänzlich verschwand. Die Drapierungen verschwanden
allmählich und der Rock des Kleides wurde eng und ließ den Blick
auf den Fuß frei.
Sowohl Tages- als auch Abendkleider liefen in einer Schleppe aus,
die mit Blumenranken und Rüschenborten verziert war. Das
Vorderteil des Rockes hingegen wurde nur mit einer kleinen
Raffung gestaltet. So genannte "Prinzesskleider", Kleider ohne
Taillennaht, ließen die Figur noch schmaler erscheinen.
Mitte der 80er Jahre kamen erste "Kostüme" auf. Die meist aus
gestreiften oder karierten Kammgarn gefertigten Kostüme
wechselten rasch ihre Jacken- und Mantelformen. Anfang der 70er
Jahre waren die Jacken kürzer oder länger geschnitten, wattiert, mit
oder ohne Pelzbesatz und meist mit hinten abstehenden Schößen
versehen, um die durch die Tournüre bestimmte Silhouette zu
betonen. Später, als die Mode enger wurde, nahm man die Form des
von den Männern getragenen Paletots auf und verzierte ihn mit
Pelz, Samt und Posamenten, wobei die Länge des Paletots variieren
konnte.
Unterkleidung
Mit der Entwicklung der Unterkleidung in den 70er Jahren begann
ein neuer Abschnitt in der Damenmode. Durch die schlanke Form
der Mode musste sich auch die Unterkleidung dieser Entwicklung
anpassen.
Erste Kombinationen aus "Unterhemd" und "Unterhose"
wurden modern. Mittlerweile genügte ein einziger Unterrock.
Charakteristisch für die Kleidung der Frau war immer noch das
Korsett und die Küraßtaille prägte in den 70er und 80er Jahren das
Erscheinungsbild der Frau.
Die Taille und die Hüfte wurden durch ein stark verlängertes, bis
zur Hüfte reichendes Korsett in eine schmale Form gebracht,
wohingegen der Busen nach oben gedrückt wurde. Dieses Korsett
wurde über dem Unterhemd getragen und seine Farben reichten
von cremefarben bis zartem violett.
Stoffe und Farben
Tagsüber trugen die Damen hauptsächlich Kleider aus dunklen
Woll- oder Seidenstoffen oder Samt. Die Abendtoilette hingegen
war aus feinstem Satin oder Seide gefertigt.
Für die Sommer- und Abendgarderobe wurden helle Pastellfarben
bevorzugt, beliebte Farbtöne waren Rosa, Lila, Gelb, Blau,
Smaragdgrün, dunkle Rottöne und Bronze, die man in den
verschiedensten Varianten miteinander kombinierte. Im Winter
trugen die Damen mit Vorliebe dunkle Schottenkaros, die mit dazu
passenden Farben wie dunkelgrün, tabakbraun, marineblau und
grau ergänzt wurden.
Die meist einfarbigen Damenkleider waren verziert mit Fransen,
Quasten, Borten, Rüschen, Federn und Pelzen, sowie aufwendigen
Stickereiarbeiten aus Seidenband und Gold- oder Silberkordeln, die
mit Perlen oder kleinen Jetsteinen besetzt waren.
Sportbekleidung
Die zunehmend sportliche Betätigung der Frau erforderte eine
passende "Sportbekleidung". Das Baden und Schwimmen war sehr
beliebt. So gehörten zur kompletten "Badekleidung" eine
rüschenbesetzte Badekappe oder ein Hut aus Wachstuch, eine
Tunika, Sultanin-Beinkleider, Strümpfe und Badeschuhe. Das
Korsett wurde selbst beim Baden nicht abgelegt und gehörte zur
vollständigen Badekleidung.
Um 1870 kam in England das erste "Tenniskleid" auf. Sein fußlanger
Schnitt glich dem eines Tageskleides, jedoch wurde es weniger
aufwendig gestaltet.
Für Turnübungen trugen die Damen lange, meist schwarze
Gewänder, die lose fielen. Jedoch boten diese Kleider nur relative
wenig Bewegungsfreiheit. Trotz allem war nun der Schritt zur
zweckmäßigen, funktionellen Kleidung vollbracht.
Frisuren und Kopfbedeckungen
In den 70er Jahren zierten mit Schleifen, Spitzen und Blumen
geschmückte Lockenprachten den Kopf. Zum Teil nahmen diese
Lockengebilde erhebliche Ausmaße an und machte den Einsatz
von Haarteilen erforderlich. Gegen Ende der 70er Jahre wurde die
Frisur jedoch einfacher.
In den 80er Jahren passten sich die Frisuren der schmalen
Kleiderlinie an, so wurden sie mittels Krepp- oder Welleneisen zu
Locken geformt und oft am Hinterkopf in Form eines Knotens
zusammengehalten.
Die abendliche Frisurenmode wurde ebenfalls einfacher. Man
schmückte das Haar lediglich mit einer Blume und steckte es mit
Schildpattkämmen zusammen. Auf das Färben wurde nach wie vor
nicht verzichtet, vor allem das graue oder rote Haar wurde blond
oder dunkelbraun gefärbt.
Wegen der aufwendigen Frisuren wurden in den 70er Jahren eher
kleine Hüte, so genannte "Kapotthütchen", getragen. Man trug sie
schräg nach vorn oder am Hinterkopf sitzend und mit einem
Schleifchen gehalten. Oft waren sie mit Spitzen, Volants,
Schleifen und Blumen geschmückt. Gelegentlich besaß das
Kapotthütchen einen Schleier aus Tüll oder Spitze, der ins Gesicht
gezogen wurde.
In den 80er Jahren trug man neben dem Kapotthütchen auch
wieder größere Hüte, wie den runden Stoff- oder Panamahut.
Große Federn waren ein beliebter Aufputz.
Accessoires/ Schmuck
Mit Rüschen oder Stickereien verzierte Handschuhe aus feiner
Baumwolle oder Glacéleder waren ein unerlässliches Accessoire
für die elegante Dame. In der Abendmode reichten die Handschuhe
bis zum Ellenbogen oder bis zu den Achseln. Die
Abendhandschuhe waren mit Steppereien oder Perlenstickereien
verziert. Neben Handschuhen gehörte ein Muff zur winterlichen
Kleidung.
Da Schirme nun auch durch die Massenproduktion erschwinglich
wurden, konnten Sonnen- und Regenschirme passend zur
Garderobe ausgewählt werden. Aufgemalte Medaillons, farbige
Tüll- und Spitzenvolants, Falten, Rüschen und Schleifen
schmückten die Schirme. In den 70er Jahren wurden lange,
zierliche Stockschirme beliebt. Schwarze Seidenschirme, die man
als Regen- oder Sonnenschirm verwenden konnte, kamen in den
80er Jahren auf.
Sowohl tags, als auch abends gehörte ein farblich auf das Kleid
abgestimmter „Fächer“ zur vollständigen Garderobe. Meist war
dieser aus Seide oder Papier und mit floralen oder figürlichen
Motiven bemalt oder bestickt. Zur Abendtoillette trug man ein
Fächer aus Tüll, verziert mit Straußenfedern und Stangen aus
Perlmutt oder Elfenbein.
Schmuck im ägyptischen oder im Renaissance-Stil war äußerst
beliebt.
Schuhwerk
Nach wie vor trugen die Damen geknöpfte oder geschnürte
Halbstiefel, die das Bild der Tageskleidung bestimmte. Sie waren
mit Steppnähten und Quasten verziert. Mit dem kürzeren
Rocksaum kamen Halbschuhe auf, die jedoch eher zu festlichen
Anlässen getragen wurden. Sie waren mit einem Querriegeln,
Stoffrosetten und Falbeln verziert. Der festliche Abendschuh wurde
aus feiner Seide gefertigt. Um die Figur zu strecken und schmaler
erscheinen zu lassen, waren hohe Absätze beliebt.
Die Reformbewegung
Im Laufe der 80er Jahre, in denen die Frauen immer mehr am öffentlichen Leben teilnahmen und auch beruflich tätig waren,
nahm der Wunsch nach einer Veränderung der Kleidung erheblich zu. Zahlreiche Frauen nahmen gegen die vom Korsett bestimmte
Mode den Kampf auf. Zudem zwang die wirtschaftliche Krise in den 80er Jahren die Frauen zur Ausübung eines Berufes und machte somit die Reformierung der Frauenkleidung unumgänglich.
Aber auch die Unterkleidung der bedurfte einer Veränderung, zu der vor allem die Ärzte riefen, da sie erkannten, dass das Korsett vielerlei Krankheiten verursachte.
Originalkostüme
| Jahr |
Kleidungsstück |
Quelle |
| 1870 |
Abendkleid, Detail |
Museum of Fine Arts, Boston |
| 1870 |
Kleid |
Cornell University, N.Y. |
| 1870 |
Korsett |
Cornell University, N.Y. |
| c1872 |
Kleid |
McCord Museum, Quebec |
| 1872 |
Ensemble |
V&A Museum, London |
| 1872 |
Ballrobe |
Metropolitan Museum, N.Y. |
| 1872 |
Kleid |
Metropolitan Museum, N.Y. |
| 1874 |
Ensemble |
Museum of Fine Arts, Boston |
| 1875 |
Tageskleid |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1875 |
Kleid |
Kyoto Costume Institute |
| 1875 |
Kleid |
Cornell University, N.Y. |
| 1875 |
Tournüre |
V&A Museum, London |
| 1875 |
Tournüre |
V&A Museum, London |
| c1875 |
Kleid |
McCord Museum, Quebec |
| 1876 |
Abend-Ensemble |
V&A Museum, London |
| 1877 |
Abendkleid |
Metropolitan Museum, N.Y. |
| 1878 |
Tageskleid |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1878 |
Kleid |
V&A Museum, London |
| 1879 |
Ensemble |
V&A Museum, London |
| 1879 |
Abendkleid |
V&A Museum, London |
| 1880 |
Kleid, Detail |
Museum of Fine Arts, Boston |
| 1880 |
Tageskleid |
Kyoto Costume Institute |
| 1880 |
Korsett |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1880 |
Reitkostüm |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1880 |
Abendkleid |
Cornell University, N.Y. |
| c1880 |
Kleid |
State Hermitage Museum, St.Petersburg |
| c1880 |
Kleid |
State Hermitage Museum, St.Petersburg |
| c1880 |
Kleid |
V&A Museum, London |
| c1880 |
Abendrobe |
State Hermitage Museum, St.Petersburg |
| 1882 |
Brautkleid |
Kyoto Costume Institute |
| 1882 |
Kleid |
McCord Museum, Quebec |
| 1882 |
Tageskleid |
Metropolitan Museum, N.Y. |
| 1882 |
Tageskleid |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1883 |
Tageskleid |
Metropolitan Museum, N.Y. |
| 1883 |
Kleid |
Kyoto Costume Institute |
| 1883 |
Kostüm |
Cornell University, N.Y. |
| 1883 |
Korsett, Detail |
V&A Museum, London |
| 1884 |
Promenadenkleid |
Kyoto Costume Institute |
| 1884 |
Brautkleid |
McCord Museum, Quebec |
<td>1884
| Abendkleid |
Metropolitan Museum, N.Y. |
| 1884 |
Tournüre |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1885 |
Korsett |
Museum of Fine Arts, Boston |
| c1885 |
Kleid |
V&A Museum, London |
| 1885 |
Ensemble |
V&A Museum, London |
| 1885 |
Tageskleid |
Kyoto Costume Institute |
| 1885 |
Abendkleid |
McCord Museum, Quebec |
| 1887 |
Abendkleid |
Metropolitan Museum, N.Y. |
| 1887 |
Brautkleid |
Metropolitan Museum, N.Y. |
| 1888 |
Kleid |
McCord Museum, Quebec |
| 1888 |
Kleid |
Kyoto Costume Institute |
| 1888 |
Ballrobe |
Kyoto Costume Institute |
| c1888 |
Korsett |
Kyoto Costume Institute |
Modische Accessoires
| Jahr |
Accesoire |
Quelle |
| c1870 |
Kapotthütchen |
Museum of Fine Arts, Boston |
| 1870 |
Fächer |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1870 |
Federfächer |
Museum of Fine Arts, Boston |
| 1870 |
Schirm |
Museum of Fine Arts, Boston |
| 1870 |
Stiefelette |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1870 |
Stiefelette |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1875 |
Kapott-Hütchen |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| c1880 |
Kapotthütchen |
Museum of Fine Arts, Boston |
| c1880 |
Fächer |
State Hermitage Museum, St.Petersburg |
| 1880 |
Hütchen |
McCord Museum, Quebec |
| 1880 |
Fächer |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1880 |
Stiefelette |
Manchester Art Gallery, Manchester |
| 1887 |
Fächer |
Museum of Fine Arts, Boston |
|