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Lange bevor die Deutschen "Siegfried von Xanten" und die letzte Schlacht der Burgunder in Etzelburg für sich entdeckten, war für sie "Hermann der Cherusker" alias "Arminius" und die letzte Schlacht des Varus im "Teutoburger Wald" ein Mythos von nationaler Tragweite gewesen, der sie freilich nicht zu einem entsprechenden Epos inspiriert hat. (Deshalb reicht es ja auch nur zu diesem kurzen Anhang, nicht zu einem eigenen Kapitel im Rahmen der Sammlung "Reisen, die Geschichte[n] machten" :-) Aber ebenso eifrig, wie man die "Etzelburg" gesucht hat, suchte man den Ort jener Schlacht - und manche suchen ihn noch heute. Dabei ist er längst gefunden - es scheint bloß noch niemand so richtig gemerkt zu haben.
Dabei war man sich zunächst ziemlich sicher gewesen: Schon Otto von Freising hatte Mitte des 12. Jahrhunderts festgestellt, daß sie in der Nähe von Augsburg stattgefunden haben mußte. Offenbar hatte er eine Quelle zur Verfügung, die uns leider nicht überliefert ist; aber Dikigoros geht jede Wette ein, daß dort auf Lateinisch "Asciburgium" stand und daß der gute Otto Gustaf mit Gasthof verwechselte. Es lag ja auch nahe: Ein "Aschburg" gab es weit und breit nicht, ein Augsburg aber sehr wohl; und man wußte ja, daß das ein großes Römerlager gewesen war. Außerdem lag dort das Lechfeld, auf dem rund 200 Jahre zuvor sein Namensvetter Otto der Große die Ungarn geschlagen hatte - da war ja wohl schon früher Platz für eine größere Schlacht. (Dikigoros geht mal zu seinen Gunsten davon aus, daß er noch wußte, wo das Lechfeld lag, nämlich nicht südlich von Augsburg wie die Müllhalde, die heute so heißt, sondern westlich :-)

Ferner wußte man, daß es sich bei der Armee des Varus um eine ziemlich große Streitmacht handelte: 3 Legionen, dazu ein paar Kohorten Reiter nebst HiWis ("Auxiliares"), insgesamt wohl 10-15.000 Mann - je nachdem, wie viele nach dem Feldzug gegen die "Bructeri" noch übrig waren. Sie zogen in die Winterquartiere, da mußte es schon ein ordentlich großes Lager sein, nicht irgendein Pisselzeltplatz im kalten Norden. Da war Augsburg ideal, auch wenn es schlappe 500 km Luftlinie vom Kriegsschauplatz entfernt war. (Die Brukterer lebten irgendwo zwischen Lippe und Ems, vielleicht beim heutigen Haltern, aber bestimmt nicht dort, wohin sie die moderne Karte unten verlegen will, nämlich knapp 100 km weiter nordöstlich, am "Kalkriesen" :-) Damals waren die Soldaten ja - anders als die Angehörigen der heutigen
Regenbogenarmeen
- gut zu Fuß und lange Märsche gewohnt.
Dann - im frühen 16. Jahrhundert - tauchte die "Germania" des Tacitus wieder auf. (Manche halten sie heute für eine Fälschung - was sie im juristischen Sinne wohl auch ist -; aber Dikigoros geht mit der herrschenden Meinung von einer - hoffentlich korrekten - Abschrift aus.) Danach lag der Ort des Geschehens in der Nähe des "Teutoburger Vorsprungs". Nun kann man "saltus" auch mit "Wald" übersetzen. (Das meinte man jedenfalls damals: Von "saltus" zu "waltus" und "wald[us]" ist ja kein großer Sprung. Das ist zwar, mit Verlaub, gequirlte Scheiße, aber die "Humanisten" haben noch viel schlimmeres verbrochen, wie wir gleich sehen werden :-) Und so wurde daraus eine "Schlacht im Teutoburger Wald", und alle Keksperten sprangen sogleich mit auf den Zug. So weit, so schlecht gut.
Doch nun erhob sich die Frage, wo denn jener famose "Wald" zu suchen sei. Der größte - und zugleich einflußreichste - Volltrottel des 16. Jahrhunderts zwischen Maas und Memel, ein gewisser Schwarzerd, der sich auf Küchenlateinischgriechisch "Melanchthon" nannte (er konnte weder Lateinisch noch Griechisch, wurde aber Professor für beides in Tübingen, Wittenberg und Marburg; ihm verdanken wir, daß heute praktisch alle griechischen Fremdwörter im Deutschen falsch ausgesprochen werden, und zwar nicht nur ein bißchen, sondern so falsch, daß sie kein Grieche verstehen würde :-), hatte eine Idee: Es mußte der Osning sein! Denn warum sollten die Legionen bei ihrem Rückmarsch vom Land der Brukterer heim ins Reich gen Westen ziehen? Im Gegenteil: Sie zogen gen Osten und fanden dort ihr trauriges Ende!

Wer das glaubt, muß mit dem Klammerbeutel gepudert sein - aber das Pudern kam damals gerade groß in Mode; und seit dem 17. Jahrhundert nannte man den Osning nur noch "Teutoburger Wald". Evreká, pardon, das sag[t]en ja nur die dummen Griechen, auf Melanchthonesisch hieß und heißt es bis heute "hójreka"!
Ach so, noch etwas, das Dikigoros beinahe übersehen hätte. Nein, der Wahrheit die Ehre, er hatte es tatsächlich übersehen. Wer ihn darauf brachte? Der Heimatforscher Günther Elbin. Der erwähnt in einem seiner Werke einen gewissen Johann Tybius, der anno 1579 eine dünnbändige Chronik der Stadt Duisburg verfaßte, wonach dieses früher Teutoburg hieß und die Varus-Schlacht dortselbst statt fand. Leider war Elbin kein Ritter-Schaumburg, deshalb überging er diese Chronik, nachdem er festgestellt hatte, daß alles andere darin äußerst akkurat und zuverlässig sei, mit dem flapsigen Hinweis, daß der erste Absatz wohl eine nicht ganz ernst zu nehmende "Kuriosität" sei - das soll vorkommen.
Nun, anno 9 n.C. gab es wohl noch gar kein Duisburg - jedenfalls ist dieser Name in römischen Quellen nicht überliefert -, man hatte dort auch keine größeren Mengen von Leichenknochen und/oder Material gefunden, und überhaupt: dorthin zu ziehen hätte doch nur Sinn gemacht, wenn es zweierlei gegeben hätte: 1. eine feste Brücke, auf der 10-15.000 Mann mal eben den Rhein überschreiten konnten, und 2. ein festes Lager am anderen Ufer, in dem sie überwintern konnten. Vergessen wir also diese abwegige Tybius-Theorie erstmal.
Dikigoros verzichtet darauf, die ebenso abwegigen Theorien zu referieren, die heuer unter dem Stichwort "Kalkriese" schon fast zur herrschenden Meinung unter Archäologen und Historikern geworden sind, denn auch dorthin dürften allenfalls mit dem Klammerbeutel Gepuderte gezogen sein - und den gab es anno 9 n.C. noch nicht.

(Nachtrag: Ja, Dikigoros kennt die Argumente der Professorenzunft: Dort wurden Waffenreste gefunden, die offenbar in den Werkstätten jener drei Legionen gefertigt wurden, also muß die Schlacht... Pardon, aber gar nichts muß sie. Was glaubt Ihr denn, was nach der Schlacht mit den Waffen der getöteten Römer geschah? Daß die doofen Germanen sie einfach dort liegen und verrotten ließen? Nein, die nahmen sie selbstverständlich als Beute mit nach Hause. Und wo war das? Nun, die Cherusker saßen im "Osnabrücker Land", wie man heute sagt, und so sind ihre Überreste denn auch weit über dasselbe verstreut; neben dem "Kalkriesen" gibt es noch mindestens zwei weitere Fundorte. An welchem davon soll denn bittschön die Schlacht statt gefunden haben? Dieses Argument kann nur von ungedienten Zivilunken ausgeheckt worden sein; es ist völlig wertlos!)
Aber Dikigoros will noch einmal auf das o.g. Asciburgium zurück kommen. Das war ein Römerlager auf der westrheinischen Heerstraße, etwa auf halbem Weg zwischen Neuß und Xanten gelegen und fast ebenso groß. Aber das muß spätestens während der Germanischen Völkerwanderung untergegangen sein, denn schon im Mittelalter, zur Zeit eines Otto von Freising, kannte man es nicht mehr, und ein "Aschburg" o.ä. gab es wie gesagt nicht.

1971 fand man bei Bauarbeiten in Moers (falls das jemand nicht kennen sollte: es liegt gegenüber Duisburg auf der anderen Rheinseite) die Überreste eines großen Römerlagers, genauer gesagt im Stadtteil Asberg. (Auf einer Karte der Grafschaft "Murs" aus dem Jahre 1591 - also etwa der Zeit von Tybius - heißt der heute eingemeindete Ort übrigens noch "Asburg, und das heutige Duisburg schrieb sich noch "Duysburgh".) Zufälle gibt's...

Jahre später stattete Dikigoros anläßlich eines Besuchs in Duisburg - über den er vielleicht mal an anderer Stelle schreiben wird - dem "Stadthistorischen Museum" dortselbst einen Besuch ab. Dabei fiel ihm der - offenbar römische - Grabstein einer gewissen "Polla" ins Auge, und in der Vitrine daneben einiger anderer Klimbim, der auch nicht sehr germanisch wirkte.

Er fragte den Museumsmenschen, und der meinte: "Bis ins 19. Jahrhundert gab es hier einen Wald, der zehnmal größer war als der heutige Stadtwald; und dort gab es wiederum ein riesiges Gräberfeld, so groß wie die heutigen Stadtteile Neudorf und Wedau und alles, was dazwischen liegt, zusammen. Etwas von dem, was man dort ausgebuddelt hat, bevor es überbaut wurde, wird hier im Museum aufbewahrt. Wir haben doch schon 1988 unser zweitausendjähriges Jubiläum gefeiert - haben Sie das denn nicht mitbekommen?" (Mit "wir" meinte er offenbar den Großraum Duisburg-Moers :-)

Nein, das war Dikigoros entgangen - Schande über sein Haupt! Aber nun zählte er 1+1 zusammen - doch auch das genügte ihm noch nicht; 2+2 wäre ihm lieber gewesen. Also zog er weitere Erkundigungen ein und erfuhr, daß die Römer um den heutigen Burgplatz herum schon zu Beginn des 1. Jahrhunderts n.C. eine feste Siedlung angelegt hatten. Aber sicher nicht groß genug, um als Winterquartier für mehrere Legionen zu dienen. Und überhaupt: Wie sollte man von dort über den Rhein nach Moers gelangen? Das war zwar nur ein Katzensprung, aber der Rhein liegt doch Kilometer weit weg, und wenn, dann hätten die Germanen die Römer doch im idealen Zeitpunkt überfallen, als die sich anschickten, den Rhein zu überqueren und sich der Zug vor der Brücke staute?!?
Wohl wahr. Aber wie Dikigoros weiter erfuhr, verlief der Rhein früher ein paar Kilometer weiter westlich - in Sichtweite der alten Heerstraße. Und dort, genauer gesagt auf dem Vorsprung der Landzunge, die heute zu Duisburg-Ruhrort gehört, fand man bei einer der vielen Hafenerweiterungen auch die Überreste einer alten Römerbrücke. Es paßt also alles zusammen; es hat bloß bisher noch niemand 2+2 zusammen gezählt. Aber im Ernst: Alle, die den Ort der Varus-Schlacht in Kenntnis dieser Fakten im Osning oder sonstwo suchen, sollte man nochmal in die 1. Klasse der Hilfsschule schicken, um rechnen zu lernen - oder sie gleich dem "Kalkriesen" zum Fraß vorwerfen!
![[Jarilo, der ukrainische Kalkriese]](kalkriesejarilo.jpg)
Nachbemerkung: Ist schon mal jemandem aufgefallen, wie viele Völker nicht wissen, wo ihre berühmtesten Schlachten statt fanden?
- Die Engländer wissen nicht, wo Bosworth field lag (womöglich ist jenes Feld - manche halten es auch für einen "Wald" - bloß eine Erfindung von
Willi Schüttelspeer?!?)
- Die Franzosen wissen nicht, wo Roncesvalles lag (aber das trägt Dikigoros vielleicht mal
an anderer Stelle nach)
- Die Griechen wußten lange nicht mehr, wo Troia lag - bis
Heinrich Schliemann es wieder ausgrub)
- Die Inder wissen nicht, wo Kuru-kshetr lag. (Darüber - und über ein paar andere Schlachten, von denen man durchaus weiß, wo sie statt fanden - schreibt Dikigoros
an anderer Stelle.)
- Die Italiener wissen nicht, wo Zama lag (irgendwo in Nordafrika, vielleicht im heutigen Tunesien, aber wo genau?)
- Die Japaner glauben zwar zu wissen, wo die Schlacht von Nãgashino - die jüngste in dieser Aufzählung - statt fand; aber für die genaue Lokalisierung würde Dikigoros seine Hand nicht ins Feuer der Arkebusen legen, die sie entschieden haben sollen. (Den Kult-Film
"Kãgemusha"
aus dem Jahre 1980, der sie zum Gegenstand hat, hält er schlicht für eine Mischung aus Fantasie und Fantadu :-)
- Die Portugiesen wissen nicht, wo Ourique lag. (Heute tragen ein halbes Dutzend Orte diesen Namen - sie haben ihn sich zugelegt, um Touristen anzulocken :-)
- Die Russen wissen nicht, wo das Schnepfenfeld lag (irgendwo am Don - sonst hätte Fürst Dmitrij, der dort kämpfte, ja nicht den Beinamen "Donskoj" getragen -, aber der ist schlappe 2.000 km lang).
- Die Schweizer wissen nicht, wo der Morgarten lag (nur, daß er nicht in der heutigen Stadt Morgarten lag :-)
- Die Türken wissen nicht, wo Mantzikert lag (irgendwo am Van-See, aber der ist groß).
Und fast alle fanden sie Jahrhunderte nach der Varus-Schlacht statt, als es längst historische Aufzeichnungen gab. Die Deutschen befinden sich also in guter Gesellschaft; und überhaupt haben ihre Geschichts- und Märchenbuchschreiber ja in Sachen "Alleinschuld" - gerade in jüngster Zeit - weit schlimmeres verbrochen als die falsche Verortung jener Schlacht im "Teutoburger Wald".
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