John Steinbeck
(1902 - 1968)

[John Steinbeck]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
ES STEHT GESCHRIEBEN
Große Schriftsteller des 20. Jahrhunderts


"Der freie, forschende Geist
des einzelnen Menschen
ist das wertvollste Gut
auf der Welt." (J.S.)

Auf der Ausgangsseite dieser "Reise durch die Vergangenheit" hat Euch Dikigoros einen Aufsatz verlinkt, in dem von einem "doppelten Ernst" die Rede ist und dazu angemerkt, daß man eigentlich von einem "dreifachen Ernst" sprechen müßte. Aber selbst das ist noch nicht die ganze Wahrheit; denn zur "Generation 1902" gehörte - neben Ernst von Salomon, Ernst Jünger und Ernst Glaeser - streng genommen noch ein vierter Ernst, wenngleich Ihr den auf fast allen englischsprachigen Webseiten vergeblich suchen werdet. Aber schaut Euch oben seine Unterschrift an, dann werdet Ihr feststellen, daß auch John Steinbeck diesen Namen trug - wenngleich er ihn als Angehöriger jener Generation von Deutsch-Amerikanern, die Opfer der Pogrome von 1917 waren, bis kurz vor seinem Tode nicht mal als "middle initial" zu gebrauchen wagte. (Dikigoros darf doch hier das russische Wort für Judenverfolgungen gebrauchen, nicht wahr? Ein Großteil der Betroffenen waren jüdischer Abstammung - auch Steinbeck, denn sein Vater, Johann Ernst Steinbeck sen., war ein aus Preußen eingewanderter Jude; allerdings war seine Mutter eine katholische Irin, so daß er nach jüdisch-orthodoxem Recht - das nur die matrilineare Abstammung anerkennt, weil es davon ausgeht, daß "Schicksen" ihre jüdischen Ehemänner grundsätzlich mit Nichtjuden betrügen - ein "Goj" war.) In den USA werdet Ihr bis heute nur frühere Signaturen von ihm finden, in denen "Ernst" fehlt. (Gewiß, die sehen ja auch viel besser aus als die späteren - im Alter baut man halt ab; das werdet auch Ihr, liebe jüngere Leser, irgendwann einmal feststellen -, es gibt also ein prima AusredeBegründung dafür.)

Was uns gleich zu der Frage führt: Wie kommt es, daß ein Jude, der Kommunist und persönlicher Freund von Franklin Delano Roosevelt war - oder zumindest als solcher galt -, im Weltkrieg brav gegen die bösen Nazi-Deutschen gehetzt und dafür den Nobelpreis bekommen hatte, heute so gut wie vergessen, ja fast schon verfemt ist? Den ersten Teil der Frage hatte Dikigoros schon beantwortet: Steinbeck galt und gilt den Juden nicht als Jude. Kommunist war er gar nicht - nicht jeder, der soziale Mißstände seiner Zeit kritisch schildert, ist ein Linker, liebe Leser, auch wenn man Euch das heute einzureden versucht. (Ja, Steinbeck besuchte auch Stalins Arbeiter- und Bauern-Paradies, zweimal sogar, einmal vor und einmal nach dem Krieg; aber was besagt das schon? Das taten auch andere Leute, die Dikigoros Euch auf seinen "Reisen durch die Vergangenheit" vorstellt; und noch jeder, der zwei Augen im Kopf und ein halbwegs funktionierendes Gehirn zwischen den Ohren hatte, kehrte geheilt zurück - wenn sie denn lebend zurück kehrten; die einen sprachen und schrieben deutlicher über das, was sie dort gesehen und gehört hatten, andere weniger deutlich; aber darauf kommen wir noch zurück.) Und ein "persönlicher Freund" von Roosevelt war Steinbeck auch nicht unbedingt. Erstens hat das Wort "friend" im Amerikanischen eine ganz andere Bedeutung als das Wort "Freund" im Deutschen (auch wenn das den Verfassern von Wörterbüchern nur schwer zu vermitteln ist :-), und zweitens... Wie schrieb einmal der deutsche Boxer Max Schmeling in einem seiner vielen Memoirenbücher auf den Vorwurf, er habe sich von Hitler empfangen lassen: "Na und? Hitler war halt Staatsoberhaupt. Wäre ich Amerikaner gewesen, wäre ich wahrscheinlich von Roosevelt empfangen worden. Das war doch überall auf der Welt so - außer bei Hindenburg, bei dem mußte man von Adel sein; der einzige Sportler, den der jemals empfangen hat, war der Baron v. Cramm." Und Steinbeck wurde halt zweimal von Roosevelt empfangen, denn als braver Staatsbürger ("right or wrong, my country") stellte er sich in den Dienst des Vaterlandes; und dazu gehörte halt auch, daß man im Krieg gegen den Feind anschrieb, wenn man schon nicht aktiv mitkämpfte. (Habt Ihr irgendwo gelesen, daß Steinbeck sich um die Aufnahme in die Armee als Aktiver bewarb und abgelehnt wurde, weil er bei der C.I.A. im Verdacht stand, Kommunist zu sein? Vergeßt diesen Unfug: Damals wäre man allenfalls abgelehnt worden, wenn man im Verdacht gestanden hätte, Anti-Kommunist zu sein, denn die USA waren mit der Wodka- Rum- Ruhm-reichen Sowjet-Union verbündet; und für ihren Präsidenten Roosevelt war deren Führer, der brave Onkel Joe Stalin, ein Abgott. Außerdem entschied über die Aufnahme in die Armee noch immer die Armee, und nicht die C.I.A., und die Überlegung, daß ein fast 40-jähriger Schriftsteller der "guten Sache" mit dem Kugelschreiber besser dienen konnte als mit dem Schießgewehr, war ja nicht ganz abwegig, also wurde Steinbeck "nur" Kriegsberichterstatter. Und der Nobelpreis? Den bekam er 1962, also zu einem Zeitpunkt, als es für dessen Verleihung noch nicht ausreichte, Jude und/oder Kommunist zu sein oder daß die Quote in den Londoner Wettbüros so hoch war, daß die korrupten Mitglieder des Preiskomités sich daran persönlich massiv bereichern konnten. (Aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle.) Warum konnte und kann man dann nicht auch Steinbecks spätes Engagement für den Vietnamkrieg - und damit hat Euch Dikigoros den Grund für seine posthume Demontage schon genannt - einfach als mehr oder weniger gedankenlosen Patriotismus eines braven Staatsbürgers abtun? Weil es das nicht war! Im Zweiten Weltkrieg beteiligte er sich pflichtgemäß am staatlichen Propagandapool, in den man ihn berufen hatte wie viele andere auch; aber seine Stellungnahmen für den Vietnamkrieg schrieb er aus eigenem Antrieb und mit Herzblut - daß er dafür von Präsident Johnson eingeladen wurde (und die Einladung auch annahm), steht auf einem anderen Blatt; er tat es nicht deshalb.

Aber warum tat er es dann? Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, den der brave Präsident Roosevelt angezettelt hatte, um endlich die Wirtschaftskrise zu überwinden (was ihm ja damit auch gelang - anders als zuvor mit dem sozialistischen Experiment des "New Deal", der nicht nur völlig gescheitert war, sondern die Depression sogar noch verschlimmert hatte), und der ja nur drei Reiche des Bösen (Nazi-Deutschland, Tenno-Japan und das fascistische Italien - pardon, das war ja gar kein Reich und am Ende sogar ein Verbündeter der USA - und das imperialistische Groß-Britannien) zerstörte (daß dafür drei andere Großreiche zu Konkurrenten der USA aufstiegen, nämlich Stalins Sowjetunion, Maos Volksrepublik China und Nehrus Republik Indien, sah man damals noch nicht oder wollte es nicht sehen - außerdem waren die ja links, also gut :-) und nur ca. 50 Millionen Tote (und weitere 50 Millionen Nachkriegstote) kostete, war der Vietnamkrieg doch eine ganz böse Sache, denn erstens richtete sich der gegen einen sozialistischen, also guten Staat - dessen Gründer, der gute Onkel Ho Chi Minh, zu einer Ikone der linken Gutmenschen wurde, zweitens kostete er viele tausend Tote, und drittens hatte ihn zwar ein demokratischer Präsident (der brave Kennedy) angefangen - wie fast alle Kriege der USA -, aber ein Republikaner (der böse Nixon) hatte ihn beendet - und verloren, und das macht sich nunmal schlechter als ein gewonnener Krieg. Wie Dikigoros bereits an anderer Stelle schrieb, sind die Befürworter und Unterstützer gewonnener Krieger später Patrioten und Helden, die verlorener Kriege Kriegsverbrecher; so einfach ist das, da machen auch die USA keine Ausnahme, und so wurde aus dem einst braven Patrioten und Gutmenschen Steinbeck später der böse, reaktionäre Kriegstreiber und Unmensch Steinbeck.

Aber das beantwortet unsere Frage nach dem "Warum" noch nicht. Ein gewisser Parini schrieb 1996 in einer Steinbeck-Biografie, es sei aus persönlicher "Freundschaft" zu Präsident Johnson geschehen. Vergeßt auch diesen Unfug: Steinbeck war mit Johnson etwa so befreundet wie mit Roosevelt. Schaut Euch doch nochmal das Bild oben an: Der Blick, den Steinbeck "seinem" Präsidenten widmet, ist - selbst in Gegenwart der Hof-Fotografen - mehr als skeptisch, um nicht zu sagen kritisch. Nein, seine Überzeugungen gewinnt man schwerlich auf Empfängen bei Staatspräsidenten o.ä. Honoratioren. Woher dann? Nun, in erster Linie natürlich aus eigener Anschauung; und Steinbecks frühe Bücher - auf die wir gleich zu sprechen kommen - beruhten sicher auf eigenen Erfahrungen. (Das unterscheidet ihn von heutigen ideologischen Schreiberlingen, die sich ihre vermeintlichen Weisheiten in der Regel auf der Universität geholt haben; Steinbeck hat das Studium geschmissen und statt dessen selber auf den Feldern gearbeitet, die er beschrieb, und die Mißstände dort hautnahm mit erlebt.) Aber niemand ist allgegenwärtig; und wenn man denn seine persönlichen Erlebnisse in einen größeren, auch zeitlichen Zusammenhang - sprich: mit der Vergangenheit - bringen will, ist man auf die Schilderungen anderer angewiesen. Aber wem kann man da glauben? Als Soldat hat Dikigoros mit so vielen amerikanischen Vietnam-Veteranen gesprochen und dabei so viele verschiedene Ansichten gehört, daß es ihm sehr schwer fiel, sich daraus eine eigene Meinung zu bilden. Keinen dieser Berufskollegen (nein, er schreibt hier bewußt nicht "Kameraden", denn das waren sie für ihn nicht - er teilte weder seine Kammer mit ihnen, noch kämpfe er an ihrer Seite) kannte er so gut, daß er nun ausgerechnet seiner Darstellung vertraut hätte. In Bezug auf die Zeit vor 1945 glaubt Dikigoros - neben den Autoren, die er auf dieser "Reise durch die Vergangenheit" vorstellt - in erster Linie seinen Eltern (die keinen Grund hatten, die falsch darzustellen, weder pauschal beschönigend noch pauschal verteufelnd; sie schilderten sie als durchwachsen - und das war sie wohl auch, wie alle Zeiten). Aber es geht auch umgekehrt - man kann auch von seinen Kindern lernen; und wenn Ihr Euch das Foto vom Empfang bei Johnson jetzt noch ein drittes Mal anschaut, dann wißt Ihr schon bescheid: Steinbecks Sohn Thomas - im Bild links - war Berufssoldat, und er kämpfte in Vietnam mit (John, der andere Sohn, auch, aber nur als Wehrpflichtiger; und der sah es genau umgekehrt, überwarf sich mit seinem Vater und wurde "Pazifist", sprich Vietnamkriegsgegner); Steinbeck sah diesen Krieg hauptsächlich durch Thomas' Brille (obwohl er auch selber 1967, kurz vor seinem Tode, einmal hin reiste, als Kriegsberichterstatter für Newsday), und so sah er nur das Böse bei den Feinden, jenen feigen, grausamen Mörderbanden, welche die Freiheit mit Füßen traten, um ganz Asien dem Kommunismus zu unterwerfen, und nur das Gute bei den US-Amerikanern, die ihr Leben - und ihr Geld - einsetzten, um dortselbst Frieden und Demokratie zu verbreiten (fast wie 40 Jahre später im Irāq und in Afģānistān :-).

[Exkurs. Na klar, so kann man das sehen; und was in Indochina nach Beendigung des Vietnam-Krieges 1975 geschehen ist, gibt ihm ja im Rückblick Recht. Aber nun versucht Euch auch mal in die Lage der Vietnamesen zu versetzen: Ihr führt gerade einen schönen kleinen Bürgerkrieg auf Sparflamme, da kommt eine ausländische Armee mit technisch hoch überlegenen Waffen in Euer Land und will Euch mit Gewalt das politische System ihres Staates aufzwingen. Wenn Ihr Euch an deren Spielregeln haltet - Haager Landkriegsordnung, Genfer Konvention, beide von Euch nie unterschrieben - könnt Ihr sicher sein, daß Ihr diesen Krieg über kurz oder lang verlieren werdet. Was bleibt Euch also übrig, als mit primitivsten Mitteln - Überfällen aus dem Hinterhalt, Booby-traps, vergifteten Pfeilen und Speeren - zu operieren? Und wenn es keine Munition mehr gibt, einen Feind auch mal mit bloßen Händen umzubringen? (Gewiß, es ist ja soviel klinisch-sauberer und ehrenhafter, einen Feind, dem man nicht aus der Nähe ins Gesicht zu schauen braucht, aus der Distanz zu töten, etwa indem man aus vielen Kilometern Höhe Bomben aus einem Flugzeug abwirft, am besten Napalm-Bomben, die vernebeln so schön, daß man hinterher die Toten nicht mehr sieht.) Und wenn man, um selber zu überleben, militärische Informationen benötigt, die ein Gefangener nicht freiwillig ausspuckt, ihn foltert - notfalls auch zu Tode? Ist das nicht Notwehr? Im Krieg wird nun mal getötet, und ohne Schmerzen geht das Sterben nur selten ab. Und wenn man selber kaum Nahrungsmittel und Medikamente hat - warum sollte man sie mit feindlichen Gefangenen teilen? Wie viele gefangene US-Amerikaner haben die Nordvietnamesen verhungern oder sonstwie verrecken lassen? Viele Hunderte oder gar Tausende? Ja, das war schlimm. Die USA hingegen haben nur ein paar Millionen deutsche Kriegsgefangene verrecken lassen - wohlgemerkt noch nach dem Krieg, und obwohl man gar nicht wußte, wohin mit den Lebensmittel-Überschüssen -; aber das waren ja nur Nazis, also war das weniger schlimm. Es kommt nur auf den Standpunkt an. (Auf Hinweis von Frau Dikigoros, die in jungen Jahren ein großer Steinbeck-fan war und meint, daß nicht jeder Leser diese Anspielung so ohne weiteres versteht: Der letzte Satz ist ein Zitat aus "Die Straße der Ölsardinen".) Exkurs Ende.]

[The John Steinbeck map of America]

Aber beginnen wir von vorne. Als Steinbeck zur Welt kam, war Kalifornien noch keine Hightec-Schmiede, sondern überwiegend Agrarland, wie heute noch Teile des benachbarten Oregon.

(...)

(...)

Irgendwie hat es Von Mäusen und Menschen geschafft, Steinbecks berühmtestes Werk zu werden. (Jedenfalls wurden alle folgenden mit dem Hinweis beworben, daß sie der Autor von "Of Mice and Men" geschrieben hatte - während man ihn auf dem Titelblatt der 1. Auflage noch als Autor von "Tortilla Flat" heraus stellte :-) Böse Zungen könnten meinen, das habe vor allem an seinem geringen Umfang gelegen, den auch der lesefaulste Amerikaner sich irgendwann mal antun konnte. Andere meinen, es habe an der "fortschrittlichen" Psychologie gelegen: So ein armer Irrer wie Lennie, der zum Mörder wird - erst an Mäusen, dann an einem Hündchen und schließlich an einer Frau -, kann doch eigentlich gar nichts dafür. Aber wer das Buch nur so sieht, der hat Steinbecks bösartige Schlußpointe nicht verstanden. Wie hättet Ihr die Geschichte enden lassen, liebe Leser? Wenn Ihr jüngere, "moderne" Schriftsteller seid, dann wahrscheinlich mit dem letzten Punkt des 5. Kapitels, den Rest der Fantasie des Publikums anheim stellend. Wenn Steinbeck wirklich "sozialkritisch" wäre, hätte er den Mob den alten Nigger Crooks (den einzigen seiner Art weit und breit; er fühlt sich ganz isoliert - das waren noch Zeiten :-) zu Unrecht verdächtigen und lynchen lassen - bei dem hatte sich die ermordete Schlampe schließlich dauernd herum getrieben. Und nach einigen Seiten des 6. Kapitels dachte Dikigoros tatsächlich, daß Lennie sich selber richten würde, daß er sich das plötzliche Auftauchen seines Freundes George in seinem kranken Geist ebenso einbilden würde wie das sprechende Kaninchen. Aber dann ist George doch sehr real - und was tut er? Er ermordet Lennie kaltblütig, indem er ihn in Sicherheit wiegt, ihm etwas von der schönen Zukunft erzählt und dann heimtückisch von hinten eine Kugel ins Genick jagt, mit einer geklauten Pistole. Gut so, klarer Fall von Notwehr, meinen alle, und Steinbeck läßt das so stehen. Dikigoros auch - mag sich jeder seine eigene Meinung bilden, ob das ein befriedigendes Ende ist.

Aber der Wert dieser Geschichte - wie der meisten Geschichten Steinbecks - liegt entgegen weit verbreiteter Meinung nicht in der Psychologie der Einzelschicksale, sondern in dem, was man ganz nebenbei über das allgemeine Leben drumherum in den 1930er Jahren erfährt, und dafür sind Lennie & Co. eigentlich nur Beiwerk. Was haben wir denn da? Bettelarme Landarbeiter, deren größter Lebenstraum ist... nein, nicht in die Stadt zu ziehen und dort einem bequemen Bürojob nachzugehen, sondern weiterhin auf dem Land zu arbeiten, aber auf eigene Rechnung, d.h. auf einem eigenen kleinen Bauernhof, "vom Fett der Erde zu leben", mit einer Kuh, Schweinen, Hühnern und Kaninchen - auf die sich Lennie ganz besonders freut. Könnt Ihr das nachvollziehen, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts? Nein? Ist ja auch nur blöde, überflüssige Plackerei. Rind- und Schweinefleisch kommen doch viel bequemer aus der Tiefkühltruhe, Eier aus der Legebatterie, und mit den Kaninchen ist das wie mit dem anderen Viehzeug - und den Kriegsgegnern: Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht naß, servier mir einen Braten, aber bring die guten Tierchen nicht um. Wer würde heute schon noch eigenhändig ein Kaninchen - oder auch nur ein Huhn oder einen Fisch - umbringen? (Dikigoros' Großmutter hat es noch getan - es war jedesmal ein Drama, zumal wenn sich das blöde Federvieh nicht ohne Gegenwehr den Hals umdrehen lassen wollte. Und dann war es meist auch noch in der Suppe zäh, denn Oma schlachtete die Biester erst, wenn sie uralt waren und partout keine Eier mehr legen wollten.) Und inzwischen ist es ja mit dem Gemüse nicht viel anders: Welcher westliche Stadtmensch hat schon noch selber Kartoffeln gesät, geerntet und am Lagerfeuer gebraten? Schließlich gibt es doch Pommes und Rösti aus der Tiefkühltruhe, Kartoffelpuffer mikrowellenfertig aus der Pappschachtel, und Kartoffelbrei und -knödel aus dem Kochbeutel; und wenn die "Hausfrau" von heute wirklich mal selber Kartoffeln zubereitet, dann nur als "Salzkartoffeln", die sie zuvor so dick schält, daß garantiert alle Vitamine futsch sind - und die Schalen verfüttert sie dann nicht etwa an die Schweine, wie das früher üblich war, sondern wirft sie in den Müll. In Von Menschen und Mäusen dagegen wird derjenige schief angesehen (er ist zum Glück der einzige Lebensmittel-Verschwender weit und breit, so wie Crooks der einzige Neger weit und breit ist), der die gesottenen Kartoffeln vor dem Verzehr schält und sogar noch die paar dunklen Stellen heraus schneidet! Tja, diese Zeiten liegen so unvorstellbar weit zurück; aber Dikigoros erinnert sich an seine Kindheit, als man Äpfel, Birnen und Pflaumen noch ungeschält essen konnte, ohne Angst vor einer chemischen Vergiftung haben zu müssen, Erbsenschoten sowieso, und bis vor wenigen Jahren wagte er sich sogar noch an rohe Tomaten, Paprika und Pfefferschoten. Alles vorbei - heute beschränkt man sich besser auf gut geschälte Zwiebeln und Bananen - die haben ein dickes Fell, da kommt so schnell kein Insektizid durch. Irgendwie kann er sich des Eindrucks nicht erwehren, daß unser vermeintlich so reiches Leben ärmer geworden als das der armen Landarbeiter von damals. Aber damit steht er wahrscheinlich ziemlich alleine da. Den Menschen von heute ist es doch im Zweifel wichtiger, ein Auto und erschwingliches Benzin zu haben als ordentliche Nahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen, mit denen man sich so gesund ernähren kann, daß man zur Not auch auf zwei Beinen laufen kann. Welche Maßnahmen ergriffen die Politiker der meisten westlichen Staaten in der Weltwirtschaftskrise von 2008 zuerst? Solche zur Sicherung der "Versorgungskette" - die zusammen zu brechen drohte, weil die meisten Rohstoffe infolge der Globalisierung importiert, d.h. um die halbe Welt geschippert werden mußten und nun in den Häfen festlagen, weil niemand mehr die Akkreditive der Pleitebanken akzeptieren wollte? Aber nein - vordringlich waren vielmehr Maßnahmen zur Stützung der maroden Automobil-Industrie!

Und damit sind wir beim Thema - von dem viele Menschen im Westen schon glaubten, daß es nie wieder auf die Tagesordnung kommen würde. Nicht wahr, die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre war doch nur ein einmaliger Ausraster; und die nachfolgende "Große Depression" könnte es heutzutage gar nicht mehr geben. Daß "Lebensmittel" vernichtet wurden, um die Preise zu stützen, war halb so wild, denn eigentlich handelte es sich doch - wie z.B. beim Kaffee in Brasilien - nur um mehr oder weniger überflüssige Luxusgüter, auf die man getrost verzichten konnte; eine echte Hungersnot wie in den 1930er Jahren wird es nie wieder geben, allenfalls in der "Dritten Welt" - aber was geht die uns, die Kinder der westlichen Zivilisation an? In diesem Bewußtsein ist Dikigoros jedenfalls groß geworden, umgeben von Milchseen und Butterbergen und anderen Auswüchsen der Überproduktion. Erst als zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Weltbevölkerung auf 6 Milliarden Menschen anstieg war - von denen immer mehr etwas vom Kuchen abhaben wollten, auch die von der südlichen Erdhalbkugel, die sich zur Invasion der nördlichen Inseln des Wohlstand anschickten - kehrte das Gespenst zurück, das Steinbeck in seinem dicksten und besten Buch geschildert hatte, das er einen "Roman" nannte, das aber keiner war, sondern eine Schilderung der Realität - als die es auch jeder sofort verstand, als es 1939 auf den Markt kam und deshalb eine Woge der Empörung auslöste: "Früchte des Zorns".

(...)

* * * * *

Statt dessen veröffentlichte Steinbeck 1952 nochmal einen langen Roman - seinen längsten nach "Früchte des Zorns" - über die jüngste Geschichte der USA: "Jenseits von Eden". Der überraschende Erfolg kam aber weniger mit diesem Buch - über das man eigentlich nur Schlechtes sagen kann. (Lest nur mal seine einleitenden Bemerkungen über "die" Indianer - Dikigoros hat nichts gegen "Rassismus", wenn er denn fundiert ist; aber was Steinbeck da schreibt, zeugt einfach nur von Unkenntnis -, und achtet mal darauf, liebe Leserinnen, welch schlechtes Licht er da auf die Frauen im allgemeinen und auf die Mutter von Kain und Abel, pardon Caleb und Aaron im besonderen wirft, die er zwar "Cathy" nennt, die jedoch für Eva steht, die Frau schlechthin; schließlich spielt die Geschichte im übertragenen Sinne im Garten Eden! Findet Ihr Euch da wieder?) Den großen Familiensagas eines Knut Hamsun, eines Trygve Gulbranssen oder eines Hans Renhing kann "Jenseits von Eden" nicht das Wasser reichen. Der Ruhm kam vielmehr mit dessen Verfilmung - obwohl die eher noch schlechter war; aber weil die Hauptrolle der beliebte Schauspieler James Dean spielte, der kurz darauf zu Tode kam, wurde er völlig unverdient zum Mythos. (Inzwischen sind auch alle anderen Bücher Steinbecks verfilmt worden, viele sogar mehrfach, und fast alle besser als "Jenseits von Eden"; aber keine Verfilmung hatte auch nur annähernd den gleichen Erfolg - der Geschmack des Kino-Publikums ist schon manchmal unergründlich :-)

(Fortsetzungen folgen)

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