Bekenner-Literatur ehemaliger Sozialisten

von Wolfgang Strauss (Staatsbriefe 9/1998, p. 35-46)

Vor 62 Jahren sprach Altbolschewik Jewdokimow sein Schlußwort. "Es ist wahr, es ist wahr! Wir sind Banditen, Mörder, Faschisten, Gestapo-Agenten! Mein großer Schmerz wird versüßt durch die Tatsache, daß ich in vollem Bewußtsein meine Verbrechen gestanden habe und daß das Schicksal der Arbeiterklasse in den Händen Stalins ist, unseres genialen und heißgeliebten Führers. Wir danken dem Ankläger, daß er gegen uns alle die einzig mögliche Strafe beantragt hat..." Worauf Generalstaatsanwalt Wyschinski erwiderte: "Ich beantrage, daß diese tollwütigen Hunde ohne Ausnahme erschossen werden!" Mit 16 Todesurteilen endete am 20. August 1936 der Prozeß gegen das "trotzkistisch-sinowjewistische Terroristenzentrum". Lenins Freund und Mitstreiter G.J. Jewdokimow (1884-1936) war natürlich kein "Gestapo-Agent". Einer der Führer der "Oktoberrevolution", im Bürgerkrieg verantwortlicher Parteiorganisator auf dem Sektor Armee, Gewerkschaft, Geheimpolizei, 1925 Sekretär des Parteikomitees Leningrad, Mitglied des ZK unter Lenin und Stalin - das war der wirkliche Jewdokimow.

"Am 23.Januar 1937 begann ein neuer Prozeß: gegen das antisowjetisch-trotzkistische Zentrum. Unter den 17 Angeklagten befanden sich Persönlichkeiten von hohem Rang, wie Pjatakow, Radek, der mit Rathenau den Vertrag von Rapallo ausgehandelt hatte, Sokolonikow, Serebrjakow, Muralow, Drobnis und Bugoslawski. Das Zeremoniell der stalinistischen Justiz war den Riten einer Teufelsbeschwörung näher als irgendeiner gegenteiligen Prozedur. Zwanzigmal, beim Aufruf ihres Namens, bekannten sich die Angeklagten als Spione, Abtrünnige und Saboteure. Zwanzigmal überboten sie sich in der Bezichtigung, ein unreines Gesindel zu sein, und verlangten den Tod. Und der Ankläger beschwor, um diese gestrauchelten Würdenträger zu kennzeichnen, Bilder von abscheulichen Bestien, gesehen mit den Augen eines Hieronymus Bosch. Ja, es sind schlüpfrige Vipern, ja, sie verdienen das Schicksal verseuchter Ratten... Der Gerichtsschreiber notiert, der Ankläger nickt mit dem Kopf. Ohne Ausnahme stürzen sich die Angeklagten selbst in die Hölle, unter den Augen eines Zuschauers, dessen Anwesenheit in einer Loge ein schlechtgeführter Schweinwerfer für einen Augenblick enthüllt: Stalin, oberster Richter."

Verfasser dieser Schilderung ist Jacques Benoist-Méchin, der berühmte französische Militärhistoriker. Dienst im Stabe der französischen Besatzungsarmee nach dem Ersten Weltkrieg, Zeuge der Kämpfe in Oberschlesien und an der Ruhr, als Chefredakteur der Pariser Zeitschrift Europe nouvelle ein Anhänger des Kreises um Briand. 1935 begann Benoist-Méchin mit seiner großangelegten "Histoire de l'Armée allemande". Schon vor dem Krieg veröffentlichte Benoist-Méchin hier Fakten vom bolschewistischen Holocaust und grauenvolle Szenen aus den Prozessen der Großen Säuberung, wobei er sich auf André Falks Dossiert "Le Mystère des procès de Moscou" in "Les Années décisives" berief. Die eingangs zitierten Passagen liest man auf den Seiten 227 und 228 in Band IV, ins Deutsche übersetzt 1966 vom StallingVerlag (Oldenburg und Hamburg), betitelt "Wetterleuchten in der Weltpolitik 1937").

Das war seit 60 Jahren der französischen, seit 32 Jahren der deutschen Öffentlichkeit bekannt.

Das frühe Schwarzbuch von Benoist-Méchin ist zugleich ein Lehrstück für die Macht und die Ohnmacht der Geschichtsschreibung; man erfuhr die Wahrheit, aber akzeptierte sie nicht.

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Eine Hindenburg-Biographie und der Roman "Endloser Haß" waren für mich als Neunjährigen die ersten Bücher in deutscher Sprache. Vater war Angestellter der lettischen Staatsbahn, also mußte sein Sohn eine lettische Grundschule besuchen. Im Selbstunterricht drang ich in deutschsprachige Literatur ein. Den Revolutionsroman des Russen Pjotr Krasnow las ich zweimal. Eine Ausgabe von 1938, erschienen im Vier Falken Verlag Berlin. "Auf ihren Lippen spürte sie den Geschmack frisch geräucherten Pökelfleisches. Den Geschmack ward sie nicht wieder los. Wurst aus Menschenfleisch! Aus dem Fleisch von Uljana Iwanowna." Die Sätze brannten sich mir ein, ich habe sie bis heute nicht vergessen. Krasnow schildert die Hungersnot in den Dörfern der Donkosaken im Jahre 1933.

Bei der Umsiedlung im Februar 1941 mußten wir unsere Bibliothek zurücklassen. Im Jahr der Reichszertrümmerung begegnete ich noch einmal dem Roman. Mai fünfundvierzig. Am Zippendorfer Strand wurden die Villen der Parteigrößen geplündert. Ihre Besitzer waren kurz zuvor in den Schweringer See gegangen. An Büchern bestand kein Interesse bei den Marodeuren. Sie wanderten auf den Scheiterhaufen. Dann angezündet. Zufällig entdeckte ich den angekohlten Umschlag, er zeigte eine brennende russische Kirche. Ja es war Krasnows "Endloser Haß". 600 Seiten glühten im Feuer. Die Bücherverbrenner waren keine Sowjetarmisten. Sie sprachen deutsch und trugen blau-weiß gestreifte Häftlingskittel. (Russen verbrennen nicht Bücher, sie rauben, verschleppen Bücher, aber sie vernichten nicht Bücher.) Bücher brennen schnell. Bei Fahrenheit 451 gehen sie in Flammen auf. François Truffaut drehte darüber einen Science-fiction-Film, 1966.

Die Zukunft hat die Gegenwart längst eingeholt, die Utopie die Wirklichkeit. Daß man Bücher vernichtet, indem man sie verbietet, man weiß es aus der Praxis der Gedankenpolizisten hierzulande. Inquisitionstribunale in Gestalt von Verfassungsschutzämtern. Ob dem Schwarzbuch, das der Franzose Stéphane Courtois jetzt über den Bolschewismus veröffentlichte, dieses Schicksal blüht, weiß der Feuerteufel.

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Worin besteht die Tabuverletzung des Franzosen, wessen macht er sich schuldig? In der Sowjetunion und in den übrigen kommunistischen Regimen wurden rund hundert Millionen Menschen ermordet. Die Opfer Hitlers belaufen sich auf 25 Millionen. Die kommunistischen Regime haben das Massenverbrechen zu einem Regierungssystem gemacht, um ihre Macht zu begründen.

Der Terror hat schon mit Lenin begonnen. Im Gouvernement Tambow wurden die aufständischen Bauern verschleppt, erschossen, in den Wäldern vergast. Die von Lenin erprobten, von Stalin systematisierten Methoden nahmen die Methoden Hitlers voraus. Der Klassen-Genozid ging dem Rassen-Genozid vorweg. Stalin war im Vergleich zu Hitler der größere Verbrecher. Die Verantwortung Stalins für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges wird immer noch unterschätzt.

So neu sind diese Thesen nicht. "Alle Verluste, die unser Volk im Verlauf der hier betrachteten dreihundert Jahre seit der Zeit der Wirren im 17. Jahrhundert erlitten hat, lassen sich auch nicht im entferntesten mit den Verlusten und dem Niedergang während der kommunistischen siebzig Jahre vergleichen", bemerkt Alexander Solschenizyn in seinem Essay "Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts", erschienen 1994 in Nowij mir, Heft 7. "An erster Stelle steht die physische Vernichtung von Menschen. Nach indirekten Berechnungen verschiedener Statistiker hat die Bevölkerung der UdSSR durch den ständigen inneren Krieg, den die Sowjetregierung gegen ihr eigenes Volk führte, nicht weniger als 4550 Millionen Menschen verloren. Prof. I. A. Kurganow kam auf eine Zahl von 66 Millionen. Die Geschichte der siebzigjährigen kommunistischen Herrschaft in der UdSSR, die von so vielen Barden, freiwilligen und gekauften, besungen worden ist, einer Herrschaft, die den organischen Lebenslauf des Volkes zerstörte, ist heute bereits - endlich - für viele in ihrer Scheußlichkeit und Widerlichkeit offenbar. Entsprechend der Öffnung der Archive (so sie denn geöffnet werden, viele hat man bereits ganz schnell vernichtet) werden über diese siebzig Jahre zahllose Bände geschrieben werden."

Stéphane Courtois und seine Mitautoren schrieben einen Sammelband von 850 Seiten Umfang. In ihrer Schlagzeile zum Revolutionsgedanken am 7. November 1997 spricht die liberale Istwestija fast gleichzeitig von 110 Millionen Getöteten - nur in der UdSSR. Das Ergebnis: Die vom Leninismuß/Stalinismus getriebenen Genozidvollstrecker haben viermal mehr Menschen getötet. Darf man nun erwarten, daß die Bonner Bundeszentrale für politische Bildung in Kürze ein Sonderheft "Kommunistischer Holocaust" herausbringt? In Millionenauflage, bestimmt zu Unterrichtszwecken in Schulen, Universitäten, Kasernen, Parteistiftungen. Wer hat Angst vor Stalin?

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Schadenfreude empfand die Opposition in der Pariser Nationalversammlung, als Abgeordnete der rechtsliberalen UDF die aktuelle Stunde nutzten, um den Ministerpräsidenten über die 100 Millionen Opfer des Kommunismus zu befragen. Der Abgeordnete Michel Voisin hielt das Schwarzbuch in die Höhe und rief: "Was halten Sie von diesem Buch, Monsieur Jospin? Wird die entsetzliche Verbrechensbilanz des Kommunismus in aller Welt von ihrer Regierung als solche erkannt und anerkannt? Was wollen Sie tun, um diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die solche Verbrechen unterstützt haben?"

Das war gegen die KPF und die drei kommunistischen Minister gemünzt. Jospin zog sich aus der Schlinge, indem er den GULag verurteilte, gleichzeitig aber das Stalin-Imperium als "unseren Verbündeten gegen Deutschland" lobte und, unter höhnischem Gelächter der Opposition, pathetisch versicherte, er sei stolz darauf, daß es in seinem Kabinett Kommunisten gibt. Die Opfer des Stalinismus erwähnte der Sozialist Jospin mit keinem Wort. Daß die Kommunisten den Stalin/Hitler-Pakt unterstützt, gegen de Gaulle gehetzt, mit der deutschen Besatzungsmacht bis zum 22. Juni 1941 propagandistisch kollaboriert hatten, überging er.

Das geschah am 12. Dezember. Die UDF-Abgeordneten verließen unter Protest den Saal, die Gaullisten blieben, aus Scham schweigend; sie hatten in der ersten Nachkriegsregierung mit den Kommunisten zusammengearbeitet.

Wäre eine solche Szene im Bundestag denkbar? Welcher Parlamentarier der "staatstragenden" Parteien fände den Mut, folgende Frage an Kohl, Süssmuth oder Lafontaine zu richten, frei nach Voisin: "Was werden Sie tun, damit diejenigen, die in Deutschland jahrzehntelang die kommunistischen Greuel unterstützt haben, öffentlich zur Verantwortung gezogen werden?" Denn auch im Bonner Parlament gibt es Kommunisten, von christdemokratischen Antifaschisten ganz abgesehen. In ihrem Parteiprogramm von 1993 feiert die PDS das "welthistorische Ereignis der sozialistischen Oktoberrevolution von 1917", dem "die Menschheit grundlegende günstige Entwicklungen im 20. Jahrhundert" verdanke.

Überhaupt die Franzosen in deutschen Gazetten. Im ZEIT-Dossier "Der rote Holocaust" (21. November) bescheinigt Jacqueline Henard der Kommunistischen Partei Frankreichs und ihren Führern, 75 Jahre in der Gefangenschaft eines Irrtums existiert zu haben. Dienst am Irrtum, weil man ihm hörig war. "Der Reflex des Antifaschismus funktioniert immer noch", notiert Lucas Delattre. (Ernst Nolte spricht von einem "philosozialistischen Antifaschismus".)

Stalin allein sei schuld, nicht der Kommunismus, schon gar nicht der französische: seziert Thierry Chervel das falsche Geschichtsbewußtsein der französischen Antifaschisten (SZ-Feuilleton, 28. November). Höhnisch äußert sich Chenel über die Wiedervereinigungseuphorie von PCF und Jaspin-Sozialisten. Es sei an der Zeit, so diese, die "Klammer" zu schließen. Chervel: "Aber werden da nicht nebenbei 70 Jahre Einverständnis mit 65 bis 100 Millionen Morden in die Klammer gesetzt?" Die von Antifaschisten angewandte umgekehrte Vergleichsthese verurteilt Chervel mit dem Argument: "Sie führt nämlich sehr leicht zu einer Hierarchisierung der Opfer; entweder wird der Holocaust zu einer 'schauderhaften Besonderheit', oder die Opfer des Kommunismus werden geringer veranschlagt, weil deren Ermordung nicht so 'einzigartig' war." Schließlich das Gerede vom "humanen Rest" im Stalinismus; dazu Thierry Chervel: "Auch dieses Argument ist alt. Damit rechtfertigen westliche Intellektuelle jahrzehntelang ihre absichtliche Blindheit. Es erinnert an das kommunistische Sprichwort, daß man kein Omelett machen kann, ohne Eier zu zerschlagen. Courtois zitiert die Replik eines Dissidenten: 'Die zerschlagenen Eier habe ich gesehen. Aber wo ist das Omelett?'"

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Die Geistesgeschichte des praktizierenden Bolschewismus und die Geschichte einer unabsehbaren Kette von Klassen- und Völkermorden nach 1917 sind Thema des exilrussischen Schrifttums (Historiker, Litaraten, Philosophen). Dem Zivilisationsbruch von 1917 und seinen Folgen widmeten die Staatsbriefe von Anfang an Deutungen, Faktenberichte, Reportagen, Analysen, einschließlich der Übersetzungen russischer und ukrainischer Revisionismuswerke. Auf die von Kurganow ermittelte, von Solschenizyn erwähnte Zahl von 66 Millionen haben die Staatsbriefe mehrmals hingewiesen. Daß Stalin der "größte Schlächter der Menschheitsgeschichte" gewesen ist und daß die "Massenvernichtung" bereits unter Lenin begonnen hat, schrieben die Staatsbriefe zuletzt in 10/1997.

Nein, eigentlich neu sind die Enthüllungen von Courtis nicht. Daß in Paris "Le livre noir du communisme. Crimes, Terreur, Répression" ("Schwarzbuch des Kommunismus. Verbrechen, Terror, Unterdrückung") dennoch wie eine Bombe einschlug und eine bis heute andauernde Kettenreaktion auslöste, hat andere Gründe. Der 850 Seiten starke Sammelband erschien Anfang November im Verlag Editions Robert Laffont. Courtois zeichnet als verantwortlicher Herausgeber, er schrieb auch das brisante Vorwort. Eine deutsche Übersetzung soll im Herbst 1998 bei Piper erscheinen, wobei zu hoffen bleibt, daß die niederschmetternde Bilanz der französischen Historiker - in der Tat Revisionisten! - keine Verniedlichung oder Abschwächung durch deutsche "Sowjetologen" wie Rudolf Walther (früher Süddeutsche Zeitung, nun ZEIT) erfährt.

Stéphane Courtois, Jahrgang 1947, gilt in Frankreich als herausragender Kenner der Sowjetunion und der KPdSU. Er kommt von links. Nach dem 68er-Mai war er am Maoismus ausgerichtet. Vier Jahre Mitglied der Organisation "Vive la Révolution". Nach seiner Rückkehr zur Universitätslehre wurde er Assistent von Annie Kriegel, einer tschechischen Jüdin, die sich von einer stalinistischen Apologetin zu einer antikommunistischen Geschichtsforscherin gemausert hatte. Seit ihrem Tode gilt Courtois als führender Kommunismus Experte. Er lehrt an der Universität Parais-10, ist Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche scientifique und Herausgeber der Zeitschrift Communisme. Aus sowjetischen Archiven hat er spektakuläre Funde nach Hause gebracht, unter anderem den Beweis, daß Stalin in seiner geheimen Politbürorede vom 19. August 1939 den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt als Initialzündung zum deutschpolnischen Krieg und damit zu einem gesamteuropäischen Krieg einkalkuliert hatte. (Über Stalins Geheimrede und die Recherchen eines Courtois haben die Staatsbriefe ausführlich berichtet.)

In einem Interview mit Peter Fischer, publiziert im Ostpreußenblatt vom 28. September 1996, erklärte Stéphane Courtois: "Was ich bei Reisen nach Rußland und bei Einsicht in die Archive des Politbüros der KPdSU in Erfahrung bringen konnte, überzeugt mich jetzt schon zu 99 Prozent. Ich sage, diese Rede ist echt. (...) Seit dem Fiasko von 1923 war er (Stalin) überzeugt davon, daß nur ein weiterer Weltkrieg den Sieg der Revolution in Europa bringen würde... Dies erwiesen die Funde in den heute zugänglichen Archiven, aus denen hervorgeht, daß der Aufbau des 'Sozialismus in einem Lande' und die Fünfjahrespläne nichts anderes bedeuteten als die Schaffung des militärischen Werkzeuges... Nach 1933 baute Stalin seine Strategie des doppelten Spieles weiter aus. Einerseits schürte er die sogenannte 'Antifaschistische Bewegung' in Westeuropa und unterstützte die 'Front Populaire' in Frankreich sowie die spanische Republik; andererseits kam er insgeheim Hitler entgegen, um wirtschaftliche Vorteile zu erringen... Nach dem 15. März 1938 war Hitler immer nur der Antragsteller und Stalin der Schiedsrichter. Es besteht jetzt keinerlei Zweifel mehr, daß Stalin 1939 auf den Krieg gesetzt hat."

Das Besondere, eben Sensationelle am "Schwarzbuch des Kommunismus" äußert sich in folgenden Fakten.

  1. Der Historikerstreit weitet sich aus. Er entwickelt sich aufgrund der Eigendynamik zu einem europäischen Dauerbrenner. "Historikerstreit" ist zu einem Schlüsselwort des Jahrhunderts geworden.

  2. Sieben Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion stehen Öffnung und Durchforstung der Archive des Ancien régime erst am Anfang. Solange die Masse der Archive nicht vollständig zugänglich ist, läßt sich das wahre Ausmaß eines singulären Genozidregimes nur annnähernd abschätzen, wenn auch die bisher ermittelten Zahlen das Maß des Vorstellbaren sprengen. Die Geschichte des Bolschewismus ist noch nicht geschrieben.

  3. Bestätigt wird erneut Noltes Kernthese vom vorausgehenden und vom nachfolgenden Schrecken. Der GULag ist älter als Auschwitz. Und: wie substantiell waren bolschewistischer Antifaschismus und nationalsozialistischer Antibolschewismus?

  4. Das Psychogramm des Bolschewismus bleibt in der Menschheitsgeschichte unvergleichlich. Stalins Ausrottungsopfer wurde die eigene Bevölkerung, und das in Friedenszeiten; Hitler tat es nicht, nicht gegenüber dem deutschen Volk, nicht vor 1939.

  5. 74 Jahre Boschewismus waren, so bilanzieren Courtois und die Mitautoren, eine düstere, nach Maß gebaute Hölle für Menschen, die so lange Auge um Auge zahlten, bis alle Erblindeten wieder sehend wurden; am 22.Juni 1941 war Stalins Völkergefängnis reif für eine Revolution. Bestand, aus historischer und moralischer Sicht, eine Rechtfertigung für das Aufsprengen des Gefängnisses? Wenn ja, auch durch einen Krieg gegen die UdSSR? Überfall, Gegenangriff, Präventivschlag - die Thesen sind hinlänglich bekannt. Das französische "Schwarzbuch des Kommunismus" aktualisiert die Frage.

  6. Es gibt Bilder, die aus dem Schreckensstrom als Zeichen herausragen. Das ist Lenin. Mit der Entlarvung Lenins und seiner Herrschaft ist nicht nur der französische KP die allerletzte ideologische Existenzberechtigung entzogen. Der Große Terror hat mit Lenin begonnen. In der Zarenzeit zwischen 1825 und 1906 gab es 6321 politische Todesurteile. Die am 20. Dezember 1917 gegründete Tscheka hat innerhalb weniger Wochen mehr als doppelt so viele Exekutionen vorgenommen, bis zum Herbst 1918 zählte man 15 000 politische Hinrichtungen. Unter Lenin wächst das KZ-Kontingent auf 120 000 Menschen. Lenin läßt 8000 Priester erschießen und das Bürgertum auf der Krim (50 000 in sechs Wochen). Lenin ist verantwortlich für die Hungersnot von 1921/22. Fünf Millionen Leichen. Verantwortlich für die Niedermetzelung der Kronstädter Matrosen, der Donkosaken, der Tambower Bauern. So um die hunderttausend. Oder mehr. Menschenvernichtung kaltblütig. Drive-by-shooting ist ein amerikanischer Begriff. Morden aus Laune. Bei Lenin hat Morden noch einen ideologischen Akzent.

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Die Kommunisten in Frankreich haben den Zusammenbruch des Leninschen Modellstaates wie durch ein Wunder überlebt. Im Räderwerk der Leninismusgeschichte zerbrachen Völker und Klassen und hundert Millionen Menschenleben, in der KPF huldigt man immer noch dem Grand Siècle de Lenin. In Lenins Heimat verschwanden die Kommunisten von den einst heiligen Hebeln der Macht, in Paris kehren sie mit drei Ministern in die Regierung zurück. Der Sozialist Lionel Jospin ebnete ihnen den Weg, denn auch er ist ein Lenin-Bewunderer. Am Anfang des Leninismus habe eine gute Idee gestanden, eine menschliche, erklärte Jospin in der Nationalversammlung; der Nationalsozialismus jedoch sei von Anfang an eine "zutiefst perverse" Ideologie gewesen. Darum komme für ihn eine Gleichsetzung niemals in Frage. Die systemimmanenten Perversitäten des sowjetischen Kommunismus erwähnte der Sozialist Jospin mit keinem Wort (Paris-Korrespondent Thankmar von Münchhausen in der FAZ vom 14. November 1937).

Jospin will 1956 mit dem Kommunismus gebrochen haben, unter dem Eindruck des ungarischen Volksaufstandes; Marchais aber sah sich bestätigt: "Jawohl, es sind Leute festgenommen und eingesperrt worden. Na und? Ich sage dir: Wenn man härter und wachsamer gewesen wäre, dann stünden wir heute anders da!" Noch 1979 beurteilte Marchais den Kommunismus in der UdSSR als "global positiv", nicht zuletzt wegen der Errungenschaften in Kultur, Sport, Landwirtschaft... Diesem Mann entbot Jospin am 16. November die letzte Ehre.

Auf ein naheliegendes Motiv für die "merkwürdige Übereinstimmung" zwischen Kommunisten und Sozialisten, Noch- oder Ex-Stalinisten macht Courtois aufmerksam: Angst vor den Enthüllungen im Zuge des Geschichtsrevisionismus. "Viele von ihnen sind vom Inhalt dieser Archive (in der ehemligen Sowjetunion) selber betroffen. Ihre Akten befinden sich in Moskau, in der ehemaligen DDR, in Rumänien und andernorts. Lenins 'Waisenkinder' sind mit ihrer Trauerarbeit noch nicht zu Ende." (FAZ, 14. 11. 97).

Jospin erklärte, vielen Franzosen wäre Stalins Verbrechen bis 1945 unbekannt gewesen. Da kennt der Gymnasiallehrer die französische bzw. französischsprachige Bekennerliteratur, geschrieben von ehemaligen Sozialisten, schlecht. Die Dokumentarromane eines Victor Serge - erste authentische Berichte über die Große Säuberung - erschienen in Frankreich noch vor dem Kriege, ebenso George Orwells "Hommage to Catalonia"(1938) und die Zeugnisse eines Mitbegründers der KPI, Ignazio Silone. Das wohl berühmteste Anklagewerk aus der Legion der "gefallenen Engel", Arthur Koestlers "Darkness at noon "(dt. "Sonnenfinstemis"), wurde 1940 gedruckt; 1945 folgte "The Yogi and the Commissar" Koestler war von 1931 bis 1937 eingeschriebener Kommunist. Der Amerikaner Whittacker Chambers, mit 25 Jahren der kleinen kommunistischen Partei der USA beigetreten, vollzog seinen Bruch mit dem Bolschewismus 1938, dokumentarisch gegründet in Reportagen und Büchern. Der bekannteste Franzose aus der Reihe linker Enthüller, linker Ankläger wider den real existierenden Kommunismus, erhielt 1947 den Literaturnobelpreis. André Gide. Sein "Retour de l'URSS" (1936) führte fast zu einer Spaltung in der Partei eines Maurice Thorez. Einige Werke des genialen Ketzers setzte der Vatikan auf den Index; huldigt auch der Protestant Lionel Jospin einem Index?

Unübersehbar sind auch die Zeugnisreihe russischer Historiker, Romanciers, Lyriker, Dramatiker, Philosophen, verschlagen nach 1918 in die Emigration. Berlin, Paris, Prag. Pjotr Krasnows "Vom Zarenadler zur roten Fahne" erschien 1922, erlebte drei Auflagen, übersetzt in zwölf Sprachen. Auch ins Französische. Marina Zwetajewa übersiedelte 1925 nach Paris; hier entstand ihre Verserzählung "Perekop" (1 92829), eine slawische Iliade von der Krim-Verteidigung durch die Weißgardisten Wrangels. Nina Berberowa ließ sich 1925 in Paris nieder, den Krieg überstand sie im deutsch besetzten Teil Frankreichs. Konstantin Balmont, neben Block die zentrale Gestalt des Frühsymbolismus, starb 1942 in Noisy-le-Grand bei Paris. Iwan Bunin, Nobelpreis 1933, lebte von 1920 bis 1953 in Paris. Die meisten historischen Romane des Nietzscheaners Dmitrij Mereschkowskij erschienen zuerst in Paris, wo er 1941 starb. "In der Überzeugung, daß der Bolschewismus das absolute metaphysische Böse sei, wurde er publizistisch gegen die Sowjetmacht aktiv. Er schrieb 1921: 'Unser russisches Unglück ist nur ein Teil eines weltumspannenden Unglücks. Wir sind die ersten, doch nicht die letzten.'" (Wolfgang Kasack)

Diese Werke russischer, in Frankreich pulizierter Enthüllungsliteratur scheinen für Jospin nicht zu existieren. Zumindest: er hat keine Lehren daraus gezogen.

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Am "Livre noir du communisme" haben mehrere Verfasser mitgewirkt. Widersprüche, Gegensätze fallen ins Auge. So behauptetJean Louis Margolin, in der Sowjetunion habe es keine Vernichtungslager gegeben. Dem widersprechen nicht nur Solschenizyns "Archipel GULag" und Dantschik Baldajews "GULag-Zeichnungen" (Staatsbriefe 9/1997). Von Margolins These distanziert sich Herausgeber Courtois durch ein erschütterndes Bild: "Der Tod eines ukrainischen Kulakenkindes, das vom stalinistischen Regime vorsätzlich dem Hunger überlassen wurde, gilt soviel wie der Hungertod eines Kindes im Warschauer Getto." Mitautor Jean-François Forges erinnert an Margarete Buber-Neumann: "Für sie war der GULag schlimmer als das Lager in Ravensbrück."

Der im Juli verstorbene Historiker François Furet - ursprünglich sollte er das Vorwort schreiben - hat sich von Noltes Zentralthese nur formal distanziert, nicht grundlegend. "Die Tatsache, daß die Techniken der Massengewaltausübung von den Kommunisten eingeführt wurden und die Nazis sich von ihnen inspirieren ließen, bedeutet keineswegs, daß man eine direkte kausale Beziehung zwischen der Machtergreifung der Bolschewiken und dem Aufstieg des Nazismus herstellen kann." (FAZ 13.11.97) Aber was bedeutet schon "kausal"? Ein dialektischer Terminus, eine Fußnote der Korrektur, denn natürlich kennt die Geschichte keinen Automatismus. Sie vollzieht sich in Schüben, die konfliktuelle Verbundenheit zwischen Ursprung und Folge wird dadurch nicht aufgehoben. Nach einem Augenaufschlag der Geschichte gebar die ursprüngliche Wende eine Wende als Gegenschlag, der wiederum als Ursprung neuer Abläufe, Konstellationen, Konfrontationen wirkte. Furet hat Nolte nicht widerlegt, weil er es wollte. Die nüchternen Fakten sind dieselben; die Differenzen in den Deutungen der Fakten bilden die Faszination von Geschichtsschreibung.

Die Fußkranken der Weltrevolution Lenins in der KPF ebenso wie in der Partei eines Jospin konzentrieren ihre Haßtiraden auf den Ex-Trotzkisten Courtois. Ihm wird ein geradezu perverses Bemühen vorgeworfen, Stalin im Vergleich zu Hitler als den größeren Verbrecher darzustellen.

Furets Briefwechsel mit Ernst Nolte erschien in der Herbstnummer der Pariser Literaturzeitschrift Commentaire, Nr. 79, gewidmet dem Thema "Über den Faschismus, den Kommunismus und die Geschichte des 20. Jahrhunderts". Von François Furet stammen die Beiträge: "Sur l'interprétation du fascisme par Ernst Nolte", "Un sujet tabou", "Le rapport dialectique fascisme-communisme". Die Briefe Ernst Noltes in französischer Übersetzung: "Au-delà des impasses ideologiques", "Du Goulag à Auschwitz".

In dem neu entbrannten französischen Historikerstreit befinden sich Revisionisten in der Offensive. Der GULag sei in Frankreich immer vom Nebel umhüllt gewesen, meint Alain Besançon; beschäftigt habe man sich nur mit den Skeletten in den Schränken der Deutschen. Expräsident Valéry Giscard d'Estaing entblättert den Mythos von der sich selbst befreiten Stadt Paris im August 1944, ohne das Eintreffen der US-Panzer wären die Deutschen Herr der Stadt geblieben. Maurice Druon, Romancier, Kulturminister und altgedienter Sekretär der Académie française, erinnert an das Doppelgesicht Frankreichs während der Besatzung: ein Volk mehr der "collabos" als der "resistants", mit dem verspäteten Sozialisten Mitterrand in seiner Mitte, den 35 Millionen Franzosen zweimal gewählt haben, obgleich ihn Pétain mit der Francisque, dem höchsten Vichy-Orden, ausgezeichnet hatte. Henry Amouroux, Autor der "Großen Geschichte der Franzosen unter der Okkupation", behauptet gar, bis 1942 hätten die Franzosen von der Judenverfolgung überhaupt nichts gewußt; weder die Amerikaner noch die Sowjets, noch die Kommunisten, noch General de Gaulle hätten auf die Lager im Osten hingewiesen. Im übrigen hätten unter dem Schutz von Pétain mehr Juden als in jedem anderen besetzten Land den Krieg überlebt. Ein anderer Experte der Vichy-Geschichte, der Amerikaner Robert Paxton, sagte im Papon-Prozeß aus, weder die Nationale Revolution Pétains noch die antijüdischen Gesetze von 1940 seien von den Deutschen verlangt worden; diese hätten im Jahre 1940 noch nicht an die "Endlösung" gedacht. Enttabuisiert wird der Beitrag der Kommunisten zur "Befreiung". Sie seien 1939 gemäß dem Stalin-Hitler-Pakt Verbündete des Feindes Frankreichs gewesen, schreibt Bernard Debré. "Erst als der Pakt 1941 zerbrach, entdeckten die Kommunisten die Resistance." Die "Partei der 75.000 Erschossenen" sei eine kommunistische Legende, urteilt der Historiker Michel Winock ("eine reine Phantasiezahl").

Die bizarrsten Reaktionen auf das französische Schwarzbuch stammen von Deutschen. Westlicher Katholizismus und die orthodoxe Ostkirche hätten vor der ideologischen Gewalt des "Faschismus und Kommunismus" versagt, behauptet völlig geschichtswidrig der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen (als wäre der Vormarsch der Bolschewiki nicht über Leichenberge von Priestern, Bischöfen, Mönchen Nonnen, Laien gerollt). Die kulturellen, religiösen, moralischen "Kodierungen" des Christentums wären hinweggespült worden. Wirklich? Wie erklärt sich Ulrich Raulff die Wiedergeburt eines christlichen Russentums in den Achtzigern und Neunzigern, nach den Bartholomäusnächten der Bolschewiki? Eine Annäherung an Nolte bedeutet Raulffs Eingeständnis, es sei durchaus legitim, die Taten Hitlers mit denen Stalins "zu vergleichen" (13. 11. 97). Also existiert nicht mehr das "Unvergleichliche"?

DIE ZEIT widmet dem "roten Holocaust" einen dreiseitigen bebilderten Dossier, Carlos Widmann thematisiert die "100 Millionen Toten" auf sechs Spiegel-Seiten (48/1997), seinen Bericht in der Welt titelte Hans-E. Lex mit "Wiederauflage des Historikerstreits" (27. November). Planüberfüllung meldet die Frankfurter Allgemeine: Jürg Altwegg am 13. November ("Hundert Millionen"), Thankmar von Münchhausen am 14. November, schließlich Courtois selbst in derAusgabe vom 26. November ("Hundert Millionen Tote").

Ohne Lenin und sein Genozidregime, ohne den Bolschewismus kein Hitlerscher Konterfeldzug - kein Auschwitz (wie immer Auschwitz ausgesehen haben mag). War Stalin also doch der eingefleischte Judenhasser, hatte Goebbels recht, war der Gulagismus die wirkliche Hölle? Fragt Fritz J. Raddatz beim Lesen des revisionistischen Werkes "Orden für einen Mord. Die Judenverfolgung unter Stalin", verfaßt vom Juden Alexander Borschtschagowski (Berlin 1997). Raddatz voller Entsetzen in der ZEIT vom 17. Oktober 1997: "Manchmal dachte ich, ich könne dieses Buch nicht weiterlesen. Es weckte ein Chaos von Erinnerungen, löste einen Wirbel von Gefühlen aus. Schrecklichster Gedanke: Dann hat Goebbels nicht nur gelogen? Ich erinnere mich an eine Nazipropagandaschau im Berlin der vierziger Jahre, in der GPU-Folterkeller, Vernehmungsscheinwerfer, nachgestellte Kommissar-Szenen zu besichtigen waren; wir sahen das als reine antisowjetische Lügeninszenierungen, so angewidert wie ängstlich, uns das anmerken zu lassen. Doch all das gab es also, die Gefrierkabinen, die Wasserkeller, die Prügelverschläge. Es ist ein schlaflos machendes Buch - auch für den, der von Gulag, Hungerlagern und Zwangsarbeit nicht zum ersten Mal hört."

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Augsteins SPIEGEL disqualifiziert Goldhagens Holocaust-Spektakel als "leeres Ritual". Der Schriftsteller Hartmut Lange, ein Ex-DDRler, sagt von Brecht, dieser habe sich kategorisch auf Marx berufen, ohne sich von den Stalinschen Leichenbergen zu lösen. (Raddatz klassifiziert die "jüdischen Kommunisten" Anna Seghers, Ernst Bloch, Georg Lukacs, Stephan Hermlin als "Wegschauer".) Nach dem Urteil Hartmut Langes ist das Werk Brechts am Ende des 20.Jahrhundert so tot wie der Marxismus. Tot jener wissenschaftliche Sozialismus, der die Massen nicht emanzipiert, sondern sie einer nie gekannten Vernichtungswut ausgeliefert habe ("Marx hat die Schweinerei eingerührt, Brecht hat sie gegessen"). WELT-Korrespondent Peter Jacobs, der Langes Auftritt bei der 8. Versammlung der "Deutschen Diskurse. Schriftsteller über Schriftsteller" verfolgt hat, resümiert: "Nicht Marx habe recht behalten, sondern Nietzsches Übermensch sei gekommen." (13.11.97)

Der junge Historiker Rainer Schröder, Herausgeber des Sammelbandes "8. Mai 1945 - Befreiung oder Kapitulation?" (Berlin 1997), schlußfolgert: Es ging den Feinden Deutschlands nicht um Menschenrechte, Frieden, Demokratie, Antifaschismus und dergleichen, sondern nur um die Zerschlagung des Reiches als Großmacht. Die Kernaussage des Werkes entlarvt die sogenannte Befreiung in Mitteldeutschland als Gewaltherrschaft der Besatzungsmacht. Westerweiterung des GULag-Systems. Im Westen ließen Eisenhowers Proklamation Nr. 1 "Wir kommen als Eroberer" ("We come as conquerors") und die Direktive vom 4. April 1945 ("Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als besiegter Feinstaat") lassen keinen Zweifel am Antigermanismus der kapitalistischen Feindmächte. Und im Potsdamer Abkommen hieß es: "Das deutsche Volk fängt an, die furchtbaren Verbrechen zu büßen." Thilo Ramm schreibt in seiner Rezension: "Deutschland zählte nicht zu den befreiten Völkern, und es sollte auch gar nicht befreit werden." (FAZ, 14. November 1997)

Einen Schritt weiter geht Heinrich August Winkler, Ordinarius für Neueste Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität. Thesen revisionistischer Tendenz formuliert er in der FAZ vom 7. November 1997: 1. Die Revolution der Bolschewiki war Gegenrevolution gegen die Ideen von 1789, auf radikal andere Weise als die faschistischen Revolutionen. 2. Kommunismus und Faschismus gemeinsam war der Kampf gegen den Liberalismus, die kapitalistische Gesellschaft, den Parlamentarismus. Insofern kann der "Antifaschismus" zur nachträglichen Legitimation der Leninschen Revolution nicht herangezogen werden. 3. Aus Lenins Revolution ging die erste totalitäre Diktatur des 20. Jahrhunderts hervor, und aus der Entstehungsgeschichte der Revolution Hitlers ist der Oktober 1917 nicht wegzudenken. - Nolte redivivus?

Frank Schirrmacher widmet dem "Schwarzbuch" sogar einen Leitartikel. Es sei eine endlich gefundene, lange Zeit verschollen gewesene Flaschenpost aus der Vergangenheit, um eine verspätete Generalinventur (FAZ, 29. November). Von "Prozeßverschleppung" spricht Schirrmacher, vom Götzen "Antifaschismus", den er als wohl raffiniertesten "Bilanzfälschungstrick" der kommunistischen Bewußtseinsindustrie bezeichnet. Die von Stalin kreierte Doktrin der moralischen Überlegenheit des Gulagismus über den Nationalsozialismus habe bis zuletzt der UdSSR einen unerschöpflichen Kredit bei westlichen "Antifaschisten" verschafft. Schirrmacher verschweigt allerdings, daß auf den kommunistischen "Bilanzfälschungstrick" oft auch die Frankfurter Allgemeine hereingefallen ist, insbesondere im Feuilleton, wo zu den Themen "Wehrmacht", "Unternehmen Barbarossa", "Vernichtungskrieg im Osten" Horrorstories "antifaschistischer" Tendenz ausgebreitet worden sind.

Jetzt treibt diese Flaschenpost von Frankreich nach Deutschland", schreibt er. "Nichts berechtigt zu der Hoffnung, sie würde von denen, die sie erreichen sollte, an Land geholt." Womit der zur Selbstkritik Unfähige wohl recht behält, herrscht doch hierzulande immer noch eine Nomenklatura jener "willigen Helfer", die sich achtzig Jahre lang freiwillig blind und taub machten und die heute noch zwischen "stalinistischer Abweichung" und kommunistischem Ideal unterscheiden. Ein aktuelles Beispiel: Mechthild Küppers Lobeshymne auf die Symbiose von Antifaschismus und Kommunismus, Süddeutsche Zeitung vom 26. November.

Schirrmacher ist es auch, der auf den ideen- wie personalgeschichtlichen Hintergrund verweist, gekennzeichnet mit dem Begriff "Historikerstreit" und dem Namen "Nolte". Zu Nolte bemerkt Courtois, dieser werfe legitime Fragen auf, wobei eines zu bedenken sei: "Als Nolte seine Arbeiten geschrieben hat, waren die sowjetischen Archive noch gar nicht geöffnet."

Zum Erstaunen vieler ZEIT-Leser schwang sich dann zur Verteidigung Noltes ein Historiker auf, den sie bislang im Lager der Gegenrevisionisten vermuteten: Heinrich August Winkler. Er konstatiert: "Die Autoren des französischen Schwarzbuches berührten sich mit Nolte darin, daß sie die weltgeschichtliche Verbrechensbilanz des Kommunismus ernst nehmen, ernster, als das manche von Noltes deutschen Kritikern taten und tun. Anders als Nolte, einer der wenigen deutschen Rechtsintellektuellen, kommen Stéphane Courtois und die anderen Autoren des Pariser Sammelbandes von links, ja meist ursprünglich von linksaußen." (DIE ZEIT, 21. November 1997).

Es gehe um die geschichtliche Deutung des Holocaust, meint Winkler. Heute, elf Jahre nach dem deutschen Historikerstreit, würden die französischen Revisionisten Ähnliches unternehmen: "Den nationalsozialistischen Judenmord vom Sockel der negativen Singularität zu stoßen." Nolte habe in der Vernichtung der europäischen Juden die verzerrte Kopie des Stalinschen GULag gesehen, schreibt Winkler. "Folgt man Nolte, dann war Hitlers 'asiatische Tat' aus einem Gefühl existentieller Bedrohung erwachsen - ein Fall von Putativnotwehr also."

Erinnern wir uns: Kern des mit dem Namen Nolte verbundenen Historikerstreits ist, ob zwischen dem Bolschewismus und dem revolutionären Anti-Bolschewismus der faschistischen bzw. nationalsozialistischen Bewegungen ein Verhältnis von Aktion und Re-Aktion, von Herausforderung und Antwort, von Original und Kopie bestanden hat, also ein "kausaler Nexus", um ein Schlüsselwort Noltes zu gebrauchen.

1986 bejahte Nolte die Frage. Elf Jahre später verteidigt Nolte seine originäre These anhand von geschichtlichen Fakten: Aus dem Ersten Weltkrieg geboren, war die bolschewistische Revolution das folgenreichste Ereignis des Jahrhunderts. Sie gab zahllosen Menschen eine große Hoffnung und erweckte in zahlreichen anderen einen bis dahin unbekannten Haß. So wurde der Weg für eine revolutionäre Gegenbewegung gebahnt, die sich auf die noch ungebrochene Kraft des Nationalismus stützen konnte. So wurde die Epoche 1917-45 nicht zum Triumph der proletarischen Weltrevolution, sondern zur Epoche des Faschismus und des europäischen Bürgerkrieges zwischen dem Nationalsozialismus Deutschlands und dem Imperialbolschewismus der Sowjetunion.

Wörtlich: "In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hatten das Gefühl der Bedrohung und auch die Nachrichten über den Roten Terror in Rußland wesentlich dazu beigetragen, daß in Italien und dann in Deutschland Parteien eines neuartigen Typus zur Macht kamen, die dem Kommunismus auf intensivere Weise feindlich waren als die bisher existierenden Parteien . . ." (in seiner" Schlußbetrachtung" der 5. Auflage des Werkes "Der Europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus", München 1997, S. 491).

Winkler identifiziert sich mit dieser Deutung. Deutschen und amerikanischen Holocaust-"Spezialisten" wirft er, wenn auch in kaschierter Form, Tabuisierung und Geschichtsklitterung vor. Darum stünden sie jetzt, nach dem Erscheinen des französischen "Schwarzbuches" als Verlierer da. Winkler stellt die entscheidende Frage, und diese unterscheidet sich wenig von der Fragestellung Noltes: "Welche Rolle spielt die Angst vor dem Bürgerkrieg und der Vernichtung der Bourgeoisie, eine von Lenin und seinen Anhängern bewußt erzeugte Angst, beim Aufstieg der extrem antikommunistischen Bewegungen Mussolinis und Hitlers ? Daß es Nolte war, der diese Jahrhundertfrage stellte, reichte aus, sie in Deutschland nachhaltig zu diskreditieren. Die Folge des Frageverzichts ist, daß es heute einen Erkenntnisrückstand (sic!) der deutschen Geschichtswissenschaft gegenüber der französischen gibt."

Die zeitgeschichtliche Pionierarbeit der Staatsbriefe scheint Heinrich August Winkler vergessen zu haben; das Establishment liest die Staatsbriefe, doch es negiert die Forschungsresultate der Staatsbriefe. Auch daraus resultiert Winklers "Erkenntnisrückstand".

*

Das französische "Schwarzbuch über den Kommunismus" bedeutet die größte Niederlage professioneller" Antifaschisten" nach dem 9. November 1989, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Bevor das "Schwarzbuch" in Frankreich zu einem medialen Selbstläufer wurde, präzisierte Courtois in einem ZEIT-Interview vier seiner Kardinalthesen. Ihre stichwortartige Wiedergabe:

  1. Lenin hat 1917 die Macht ergriffen, Hitler 1933. Es ist heute einwandfrei dokumentiert, daß Lenin und Trotzkij das System der Konzentrationslager erfunden haben. Ab 1920/21 wurden politische Gegnerin dieser Lager geschickt mit dem Ziel, sie dort durch Zwangsarbeit zu vernichten.

  2. Der Kommunismus Lenischer Prägung ist keine Befreiungsideologie. Der Kommunismus von Lenin, Trotzkij und Stalin ist eine Unterdrückungsideologie. Sie schloß bestimmte Bevölkerungsgruppen, die sie als "bourgeois" oder "konterrevolutionär" brandmarkte, von der Menschheit aus.

  3. Kommunistische Regime haben alle Arten von Verbrechen begangen, und die schlimmsten darunter entsprechen der Definition "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Die Art etwa, wie die Bolschewiken ab 1920 die Kosaken behandelt haben, entspricht der Logik des Völkermordes. Die Männer wurden getötet, die Frauen, Kinder und Alten wurden deportiert, ihre Dörfer zerstört. Die Kosakenbevölkerung wurde ausgelöscht. Das gleiche gilt für die Kaukasusvölker ab 1943 oder die Wolgadeutschen 1941. In all diesen Fällen wurde eine Ethnie verfolgt für das, was sie ist, und nicht für das, was sie getan hat.

  4. Was bedeutet Einzigartigkeit? Wenn man damit Einzigartigkeit des Ereignisses meint, ist das eine Banalität. Ist mit Auschwitz eine moralische Einzigartigkeit gemeint? Die Kommunisten haben die gleichen Schreckenstaten vollbracht. Es gibt keine Spezifität der Judenverfolgung unter Hitler. Andere haben Völkermorde begangen. Einzigartig an Auschwitz ist allein die industrielle Tötungsmethode. (Nr. 48/1997).

Hundert Millionen Tote hat der Kommunismus auf dem Gewissen, viermal mehr als der Nationalsozialismus: bilanziert Courtois. Diese Zahlen bezieht er auf alle Länder mit kommunistischen Regierungen, u. a. China, Vietnam, Nordkorea, Kambodscha, Afghanistan, die UdSSR. Im erwähnten ZEIT-Interview betont Courtois: "Die Zahlen spiegeln die Realität wider." Doch gerade dieses Interview hinterläßt eine Reihe von Fragen, und auch sein Vorwort, auszugsweise abgedruckt in der FAZ vom 26. November, enthält vom historisch-wissenschaftlichen Standpunkt mehrere Ungereimtheiten, Ungenauigkeiten, gravierende Widersprüche.

Courtois schätzt die Zahl der Opfer in der Sowjetunion auf 20 Millionen Tote. Entspricht das der Wahrheit?

In seinem Essay "Die russische Frage am Ende des 20.Jahrhunderts" erwähnt Solschenizyn den Zeitgeschichtler Prof. I. A. Kurganow, der die Opfer des "ständigen inneren Krieges der Sowjetregierung gegen das eigene Volk" (Solschenizyn) auf 66 Millionen berechnet hat, bezogen auf die Epoche zwischen 1917 und 1947 (zitiert auf S.115 der deutschen Übersetzung bei Piper, München 1994, ursprünglich erschienen 1994 in Nowij mir, Moskau, Heft 7.)

Auf Kurganows Aufschlüsselung der Opfer-Zahlen haben die Staatsbriefe mehrmals hingewiesen. Zur Erinnerung: 3 Millionen im Bürgerkrieg 1917-1921, 2,55 Millionen im Roten Terror 1917-1923, 2 Millionen während der zweiten Terrorwelle 1923-1930, 6 Millionen während der ersten Aushungerung 1921/22, 7 Millionen im zweiten Hungermord 1930-1933, 1,6 Millionen in der dritten Terrorwelle 1933-1937, 1,005 Millionen in der Jeschow-Zeit 1937/38, 20 Millionen KZ-Häftlinge, Opfer von Zwangsarbeit, Exekution, Folter, Seuchen, Hunger, Kälte, Kannibalismus.

Kurganows Aufschlüsselung besteht aus 21 Rubriken, darunter auch der Hinweis: "20 Millionen im Zweiten Weltkrieg." Diese Angabe irritiert etwas. Handelt es sich dabei um Kriegsverluste in der Zivilbevölkerung (Hunger, Seuchen, Bombardierungen, Verschleppungen, Flucht), um gefallene Rotarmisten an der Front, erschossene Deserteure, Verschollene, an ihren Verletzungen gestorbene Soldaten, sind darin auch die Kriegsgefangenen, umgekommen in deutschen Lagern, eingeschlossen? Auf wen konkret beziehen sich Kurganows "20 Millionen im Zweiten Weltkrieg"? Kurganows Opferzählungsmethode ist wohl eher moralisch zu werten. Die Art, wie Stalin im Krieg die eigenen Soldaten die eigenen Zivilisten behandeln und die eigenen Armeen ins Feuer schicken ließ, gnadenlos und menschenverachtend, deutet der Historiker Kurganow als ein Verbrechen des Kommunismus, wobei er sich auf das Urteil Solschenizyns berufen kann. "Anders als eine physische Vernichtung des eigenen Volkes kann man auch die rücksichtslose, umbarmherzige und unbedachte Art nicht nennen, mit der die Straßen des Sieges in Stalins sowjetisch-deutschem Krieg mit den Leichen der Rotarmisten übersät wurden", schreibt der Literaturnobelpreisträgerin dem schon erwähnten Essay aus dem Jahre 1994. "Die 'Minenräumaktionen' mit den Füßen der vorwärts getriebenen Infanterie sind nicht einmal das krasseste Beispiel." (S.116) Solschenizyn beziffert die Kriegsverluste sogar auf einunddreißig Millionen ("ein Fünftel der Bevölkerung").

Kurganows Opfer-Bilanz erschien u. a. in der Petersburger Zeitschrift Nasche Otetschestwo, Nr.63, 1996. Dies sei die blutigste Periode der russischen Geschichte gewesen, kommentierte damals der Historiker W. W. Isajew die Zahlen. "Getötet wurden von der Sowjetmacht 66818000 Menschen, mehr als 40 Prozent der Bevölkerung... Vernichtet die intellektuelle, geistig schöpferische Basis einer Nation, liquidiert die Fleißigsten ihrer Arbeiter und Bauern."

In der Publizistik des nachsowjetischen Rußland ist bis heute kein Widerspruch gegen die Kurganowschen Zahlen erhoben worden. Courtois erwähnt diesen russischen Kriegsforscher nicht ein einziges Mal. An der Integrität und Seriosität Kurganows kann nicht gezweifelt werden - Solschenizyn hätte ihn sonst nicht als Zeugen benannt.

Aber vielleicht hat Kurganow seine Opferbilanz noch zu gering angegeben? Fünf Jahre nach dem Aufflammen des deutschen Historikerstreits und sechs Jahre vor dem Erscheinen des französischen "Schwarzbuches" publizierte das amerikanische Nachrichtenmagazin TIME nach eigenen Recherchen die Zahl von 12,8 Millionen Opfern für den Zeitraum 1917 bis 1922 (Bürgerkrieg, Roter Terror, Hungerepidemien, Seuchen). Wörtlich: "The fighting had claimed the lives of roughly 800 000 soldiers. Hunger and disease had taken a total of 7 million, and in 1921 and 1922 famines would kill 5 million more." ("Apocalypse Then and Now?", verfaßt von TIME-Korrespondent Kevin C. Fedarka, 15. April 1991).

20 Millionen, 66 Millionen, oder gar noch mehr? In seiner "Schlußbetrachtung" von 1997 zitiert Ernst Nolte aus Antonow-Owssejenkos Werk "Stalin. Porträt einer Tyrannei" (New York 1980). Der Vater des Verfassers ist als "Erstürmer des Winterpalasts" in die Geschichte eingegangen. "... er erzählt viel über den Mord an Kirow, und die Einzelheiten könnten kaum abstoßender sein, denn nach der Tat wurden nicht nur alle, die etwas wußten oder ahnten, ermordet, sondern auch deren Frauen und Verwandten", schreibt Nolte. "So ist es nicht verwunderlich, daß Stalin zu Anfang der dreißiger Jahre Millionen von Kulaken und darüber hinaus auch 'Unterkulaken' oder 'Kulakenfreunde' um Uringen ließ... "Jedem Leser des Buches müsse sich die Frage aufdrängen: "Was war denn das für eine Partei, die es zuließ, 'daß sich im Kreml ein schmutziger Krimineller festsetzen konnte', was war das für ein Regime, in dem ein einzelner 'Menschenfresser' viele Millionen von Menschen in ständiger Angst zu halten vermochte, ein Massenmörder..., der...im Vergleich mit dem deutschen Diktator als die 'asiatische' und also schlimmere Erscheinungsform gelten muß?!" (S. 497)

Selbst in den Augen des jüdischen Kriegsromanciers Wassilij Grossmann ("Leben und Schicksal", 1960) erscheint Stalin als ein Massenmörder und Völkerunterjocher. Der Sieg von Stalingrad bleibe für Grossmann eine weltgeschichtliche Tat, notiert Nolte, "obwohl er von einem Mann geplant war, der in Friedenszeiten Millionen von Mitmenschen hatte umbringen lassen, und von Männern ins Werk gesetzt wurde, die diesem Despoten bei der Unterdrückung eines ganzen Volkes geholfen hatten". (S. 498)

Courtois versichert, er wolle mit seiner Gegenüberstellung "hundert Millionen zu fünfundzwanzig Millionen" keinen arithmetischen Vergleich aufstellen ("eine Art doppelte Buchführung, eine Hierarchie der Grausamkeit"), und schon gar nicht würde er die "Einzigartigkeit von Auschwitz" in Frage stellen, die seiner Ansicht nach in der "Ingangsetzung eines regelrechten industriellen Prozesses" bestand. Das Schlüsselwort heißt bei ihm "industriell". Was aber war die leninistisch-stalinistische Vernichtungsmaschinerie anderes als ein industrieller Zwangsprozeß zum Aufbau von Industrien? Wobei Sklavenarbeit und Hunger als Tötungsmechanismen funktionierten.

Es gab nach 1928 in der UdSSR keine Industrieerschließung ohne industrielle Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Nickel, Eisen, Kupfer, Erdöl, Holz, Kohle, Gold, Uran, Kanäle, Wasserkraftwerke, Straßen- und Eisenbahnbau - die Basis der Stalinschen Schwerindustrie schufen Todeskandidaten auf Abruf. Die Industrie verschlang ihre Erbauer, erbarmungslos. Physische Vernichtung durch Sklavenarbeit. Unter jeder Schwelle der strategischen Bahnstrecke Petschora-Workuta lag eine Leiche, und es waren Millionen Schwellen. Was also bleibt übrig vom Dogma "Einzigartigkeit"? Dies nur: ihre geographische Fixierung - GULag UdSSR.

Courtois behauptet, zur Frage der kommunistischen Verbrechen gebe es keine Arbeiten. Nimmt der Franzose Solschenizyns Trilogie "Archipel GULag" nicht zur Kenntnis?

Courtois behauptet, das Charakteristische für den Bolschewismus sei der "Klassen-Genozid" gewesen. Und der Psychozid? Der Kultur-Genozid, die Auslöschung des Russentums als Idee, Verhaltensweise, Wertesystem? "Dahin jenes Rußland, / Dahin jenes Ich", klagte Marina Zwetajewa 1932 in Paris. Der "neue Mensch" hatte mit den Menschen Puschkins, Turgenjews, Dostojewsijs nichts gemein. Im Pariser Exil notierte die Lyrikerin Nina Berberowa, daß "die Vernichtung der kulturellen Oberschicht" von Generationen nicht aufzuholen sei. Mit dem Genozid der Klassen ging einher der Genozid der Barmherzigkeit, des Religiösen und Spirituellen, und es entstand der Kult des Häßlichen, Geistfeindlichen. Nihilismus, an dem das nachkommunistische Rußland bis heute krankt.

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Courtois bezweifelt, daß das Aufkommen des Nationalsozialismus als Reaktion auf den Bolschewismus begriffen werden kann. Ist Courtois der Brief Ernst Noltes vom 9. Mai 1996 nicht bekannt? Gerichtet an François Furet, abgedruckt in Nr. 79 der Pariser Literaturzeitschrift Commentaire unter der Überschrift "Du Goulag à Auschwitz". Das Argument, der Antisemitismus Hitlers stamme aus der Vorkriegsepoche und würde daher als Reaktion auf die bolschewistische Revolution nicht in Frage kommen, entkräftigt Nolte mit dem Gegenargument "1792". Nolte erinnert an die Vorgeschichte der Französischen Revolution. Illuminaten und Aufklärer hatten lange vor dem Sturz der Monarchie das Königtum attackiert, ohne den Kopf des Königs zu verlangen. Die Inthronisierung der Guillotine, das war die Sache der jakobinischen Revolution. Nolte verteidigt seine These, daß ein kausaler Nexus "entre de Goulag et Auschwitz" besteht, wenn auch nur in der Form eines "nexus plus subtil". Das Ziel der Bolschewiki, Beseitigung der Klassen (abolition), sei ein Grund für die nationalsozialistische Reaktion gewesen, behauptet Nolte. Ein anderes Motiv habe sich aus dem "Antijudaismus" der Nationalsozialisten gespeist, was der "réaction contre le bolschevisme" einen "übertriebenen" Charakter verliehen habe (réaction excessive). Daß in der Entwicklungsgeschichte von Sozialismus und Kommunismus die Rolle der sich zur Tradition des Universalismus und Messianismus ("peuple de Dieu") Bekennenden einer "origine juive" eine sehr große gewesen sei, dürfe, so Nolte in seinem Brief an Furet, bei der Beurteilung des nationalsozialistischen "Antijudaismus" nicht unberücksichtigt bleiben. (Der Briefwechsel François Furet - Ernst Nolte erscheint unter dem Titel "Feindliche Nähe. Kommunismus und Faschismus im 20. Jahrhundert" im Frühjahr 1998 bei Herbig).

In seinen Anmerkungen in der 5. überarbeiteten und erweiterten Auflage von "Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945" (München 1997) betont Nolte auf Seite 508, nicht er habe als erster von dem "kausalen Nexus" zwischen Gulag und Auschwitz gesprochen. "Im Jahre 1982 schrieb Andrzej Kaminski, selbst ehemaliger Häftling in deutschen Konzentrationslagern, in einem seiner Bücher folgendes: 'Daß die deutsche Wissenschaft dieser Frage bisher aus dem Wege gegangen ist, dürfte vielleicht verständlich sein. Jeder Hinweis eines deutschen Forschers darauf, daß die NS-KZs den sowjetischen nachgebildet waren, hätte von sowjetischer und prosowjetischer Seite einen der bekannten Stürme der Entrüstung hervorrufen müssen, auch wenn der betreffende Forscher jeden Anschein vermieden hätte und sich dagegen verwahrt hätte, daß die sowjetischen Verbrechen als eine Entschuldigung für die nationalsozialistischen angesehen würden.'" Nolte zitiert aus Kaminskis Werk "Konzentrationslager von 1896 bis heute", Stuttgart 1982, S. 88 f.

Courtois spricht expressis verbis von einem "Sieg über den Nationalsozialismus". Bestand darin das Kriegsziel des kapitalistischen Westens und des Imperialismus Stalins? Ging es nicht vielmehr um die Vernichtung der deutschen Staatlichkeit, der deutschen Großmacht, des Reiches? Wurde der Krieg der Anti-Hitler-Koalition nicht nur gegen Hitler, sondern auch und vor allem gegen Deutschland geführt? Churchill und Stalin haben das beantwortet. Darauf näher einzugehen, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, nur soviel: "Als die besiegte Macht wurde zwar häufig 'der Faschismus' genannt, aber die Parteizugehörigkeiten spielten kaum noch eine Rolle: Die Bevölkerung der deutschen Gebiete östlich der Oder und Neiße wurde als solche und im ganzen vertrieben, und eine Unterscheidung zwischen 'Nazis' und 'Nichtnazis' wurde nicht vorgenommen; das gleiche galt mit leichter Abwandlung für die Sudentengebiete." Ernst Nolte in seiner "Schlußbetrachtung" auf S. 488.

Courtois beschreibt den Stalinschen Kommunismus als ein Schreckensregime. Ein System des geplanten Genozids. Gehaßt von den unterdrückten Ethnien, Klassen, Rassen, Konfessionen, Kirchen. Liegt darin der Grund, daß deutsche Soldaten im Sommer und Herbst 1941 von den Unterdrückten als Befreier angesehen wurden? Soldaten einer fremden Armee, Eroberer. Auf diesen Aspekt des sowjetisch-deutschen Krieges geht Courtois nicht ein. Die Rolle der Wehrmacht als potentieller antikommunistischer Umsturzfaktor in den ersten Monaten des Krieges - kein Thema für Courtois. Die entscheidende Frage bleibt bei ihm ohne Antwort: War eine militärische Beseitigung der herrschenden politischen Beseitiger 1941 legitim? Subjektiv wie objektiv. Besaß am 22. Juni der GULag-Kommunismus überhaupt noch eine Existenzberechtigung? War die Zerschlagung des genozidalen Systems moralisch nicht gerechtfertigt?

Courtois attackiert die "Antifaschisten" des Westens, den "Antifaschismus" an sich, den er als "definitive Etikettierung des Kommunismus" bezeichnet, und seine Kritiker ortet er in einer "vorwiegend linken Mannschaft". Aber solche hat er in seiner eigenen Redaktionsmannschaft. Einer der Mitautoren, Nicolas Werth, versteigt sich zu der Behauptung, Ausrottungslager hätten in der Ukraine nie existiert. Was war die Ukraine im Massenhungerjahr dreiunddreißig anderes als ein gigantisches Ausrottungslager, mit Bergen von 6 oder 7 Millionen Leichen! Ein anderer "Schwarzbuch"-Autor, Jean-Louis Margolin, gibt zwar die Vernichtung von "Klassenfeinden" zu, leugnet jedoch die Auslöschung von ethnischen, religiösen, gesellschaftlichen Minderheiten.

Stephane Courtois wird noch vieles klären, vieles erklären - und vieles korrigieren müssen. Das Jahrhundertwerk über den Gulagismus in Aktion haben er und seine Kollegen nicht geschrieben. Das Kapitel "Bolschewismus" hat sich mit Blut in die Geschichte eingetragen. Der "rote Holocaust" (DIE ZEIT) ist und bleibt ein trauriges Forschungsprivileg der Landsleute Solschenizyns. Und Solschenizyn schweigt noch zum "Schwarzbuch". Vielleicht wird man morgen mit einem russischen "Rotbuch" konfrontiert.

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Courtois stiftet überdies Verwirrung, wenn er 100 Millionen Kommunismus-Tote "25 Millionen Opfern des Nationalsozialismus" gegenüberstellt und beide Systeme "ähnlich" oder "vergleichbar" nennt. Präzise Angaben zu den "25 Millionen" fehlen. Auf welche Statistiken - wenn überhaupt welche - stützt sich Courtois? Auf eine Aufschlüsselung dieser ominösen Opferzahl verzichtet er. Stalin nannte "sieben Millionen Verluste" auf sowjetischer Seite im Zweiten Weltkrieg, Chruschtschow steigerte sie auf "zwanzig Millionen". Beruft sich Courtois auf Stalin oder auf Chruschtschow? Oder auf wen sonst noch?

Den "25 Millionen" haftet Propagandistisches an. Daß Stalins Art, den Krieg zu führen, einer "physischen Vernichtung des eigenen Volkes" (Solschenizyn) gleichkam, wurde von mir bereits erwähnt. Und Auschwitz? Merkwürdigerweise erwähnt Courtois keine Zahlen. Auschwitz sei "nicht charakteristisch" für den Judenmord gewesen, behauptet er im ZEIT-Interview vom 21. November, um hinzuzufügen: "Noch ehe Auschwitz eröffnet wurde, sind bereits zwei Millionen Juden durch Erschießung, Verhungernlassen und auf andere Weise von den Nazis ermordet worden - also nach den gleichen Methoden, nach denen Stalin etwa die Kulaken getötet hat." Auch in diesem Fall ("zwei Millionen") fehlen exakte Hinweise, seriöse Quellen. Und wie steht es mit den Kriegsopfern des deutschen Volkes, sind diese in den "25 Millionen" enthalten? Man darf raten, gelangt aber zu keinem überzeugenden Ergebnis.

Mit der Gleichsetzung Bolschewismus-Nationalsozialismus auf der Ebene der schieren Untaten und nackten Opferzahlen bekommt Courtois das Phänomen des zweckrational durchgeführten bolschewistischen Menschheitsverbrechens eines Klassen- und Völkermords nicht in den Griff. Er liefert als Historiker dafür keine Erklärung. Er verfehlt die Spezifik und Singularität des Bolschewismus. Das Vergleichen ist zwar eine grundlegende wissenschaftliche Pflicht, und wenn auch die Zahl der Opfer ein wichtiges Kriterium bildet, das Entscheidende ist es nicht. Für Courtois reduziert sich die Geschichte des Bolschewismus auf die "Methoden", die denen des Nationalsozialismus "stark ähnelten". Erhellender als alle Ähnlichkeiten sind aber die fundamentalen Unterschiede, über die Courtois in seiner Vergleichsarithmetik kein Wort verliert.

Der kommunistische Terror war von Anfang an nach innen gerichtet und ließ keine Klasse oder Ethnie aus. Warum Kommunismus und Nationalsozialismus doch nicht über einen Kamm zu scheren sind, begründet Gerd Koenen in einem interessanten Geschichtsessay im FAZ-Feuilleton vom 10. Dezember. Koenen stellt fest: "Buchstäblich jeder konnte im Frieden wie im Krieg ein 'Feind des Volkes' werden. Jede soziale Schicht, jede Berufsgruppe, jede Nationalität, jede religiöse oder sonstige Gemeinschaft, jede einzelne Familie wurden gespalten, atomisiert und radikal umgemodelt oder 'liquidiert'. Der stalinistische Totalitarismus... erfaßte die gesamte Gesellschaft und ließ keine Struktur unberührt. Die 'richtige Linie' der Partei war sowenig wie irgend etwas anderes geeignet, klare Trennungslinien zwischen dem Volk und den 'Volksfeinden' zu ziehen. Auch soziale Kriterien waren im Grunde ohne Belang. 'Burschui', 'Kulak', 'Intelligenz', 'Spekulant' und so weiter waren populäre Schablonen, deren soziale Bedeutung beliebig ausgedeutet werden konnte. (...) Worum es sich handelte, war die Produktion einer neuen, 'höheren' Gattung von Sowjetmenschen, auch 'Stalinsche Menschen' genannt, aus dem Rohmaterial der Jugend."

Mit einem Wort: Bolschewismus war permanenter Vernichtungskrieg nach innen, wobei die konventionellen Grenzen zwischen Krieg und Frieden aufgehoben waren. Einzigartig in der Menschheitsgeschichte, so Koenen ",weil er (der Bolschewismus) noch das Böseste und Gemeinste, Verrat und Denunziation, zur revolutionären Tugend erhob und die offensichtliche Lüge zur unbestreitbaren Wahrheit, weil er das Gedächtnis der ihm unterworfenen Menschen auslöschte, ihre Geschichte neu erfand, sie von der übrigen Welt isolierte und auf dieser Grundlage schließlich die Realität selbst durch die Fiktion ersetzte".

Anders, aus der Sicht Koenens, das Psychogramm des Nationalsozialismus. "Das bolschewistische Projekt unterschied sich von dem der Nazis grundlegend", schreibt Koenen. "Die nationalsozialistische Idee ... ging von der prinzipiellen Gesundheit und Einheitlichkeit des Volkskörpers aus - von dem lediglich die 'artfremden', 'degenerierten', und 'kranken' Elemente abgestoßen oder abgetrennt werden müßten. (...) Gegenüber den engeren Volksgenossen überstieg der Naziterror kaum das Maß einer brutalen Diktatur konventionellen Zuschnitts. 1937/38 saßen in den Konzentrationslagern und Gefängnissen Deutschlands einige zehntausend politische, 'sozial schädliche' und rassische Häftlinge. Die Zahl der Ermordeten rechnete nach Hunderten eher als nach Tausenden. Die entsprechenden sowjetischen Ziffern gingen zur selben Zeit in die Hunderttausende und Millionen - Ausdruck eines organisierten sozialen und politischen Massenterrors, noch mitten im Frieden, der nach jedem Maßstab, den man anlegen könnte, beispiellos war."

Ein Beispiel auch dafür, wie kontrovers der neu entbrannte Historikerstreit in der Frankfurter Hellerhofstraße ausgetragen wird. Zum Entsetzen aller Antifa-Kampagne-Brigadiere resümiert Gerd Koenen: "Was besagt das über den Nationalsozialismus? Eben nur, daß er es nicht nötig hatte, das deutsche Volk in seiner Mehrheit terroristisch zu unterdrücken ... Er wurde wahrscheinlich von einer Mehrheit begeistert oder loyal getragen, zumal er auch ökonomisch äußerst erfolgreich schien."

Stalin habe weitaus mehr Russen und Ukrainer und Juden töten lassen, "als Hitler Deutschen oder nach dem September 1939 sogar Juden und Polen das Leben genommen hatte", konstatiert Ernst Nolte ("Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945/Nationalsozialismus und Bolschewismus", 5. Auflage, München 1997, S. 434). Was also bleibt von der "Ähnlichkeits"-These eines Courtois?

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Massenvertreibung, Massenmorde, Masseninhaftierung, Massenvergewaltigung, Massenenteignung gehörten zum Besatzungsterror im Osten, der antideutsche Terror im Westen begann allerdings schon früher. Mit der Taktik des Flächenbombardements auf engstem Raum führte sich das Mutterland des Parlamentarismus im Frühjahr 1942 gleich mit drei Paukenschlägen ein: Lübeck, Rostock, Köln. Nach diesen Terrorflügen gegen die Zivilbevölkerung erhielt der Chef der britischen Bomberflotte von seinen eigenen Fliegern den Beinamen "Schlächter" ("butcher"). Seit der Casablanca-Direktive vom 21. Januar 1943 waren die "letzten moralischen Hemmungen gefallen", die einem Bombenterrorismus hoch im Wege standen, wie sich Sir Arthur Harris auszudrücken beliebte. Die "Schlacht um die Ruhr" - 5. März 1943 bis 29.Juni 1943 - brachte den Alliierten strategisch nichts ein, sieht man von Massentötung und Verwüstungen in den deutschen Städten einmal ab. Weder die Moral der Zivilbevölkerung noch die Kriegsproduktion nahmen ernsthaften Schaden.

Das Großbombardement vom 24. Juli bis 3. August 1943 auf Hamburg - "Unternehmen Gomorrha" - kann man ruhig als Ausrottungsstrategie bezeichnen. Die hohe Zahl der Todesopfer (30.482) rechtfertigen die Etikettierung "Genozid". In der Luftschlacht um Berlin, die vom 18. November 1943 bis zum 24. März 1944 tobte, erlitt der "butcher" nach 16 Großangriffen eine strategische Niederlage. Seine Prognose, daß der Masseneinsatz viermotoriger Bomber Berlin "von einem bis zum anderen Ende zerstören werde" bzw. "Deutschland bis zum 1. April 1944 den Krieg kosten werde", erfüllte sich nicht. Harris rächte sich mit dem strategisch völlig sinnlosen Terrorangriff auf Dresden im Februar 1945, als der Krieg längst entschieden war und in der mit Flüchtlingen vollgestopften Stadt ca. 300 000 Menschen in einem unvorstellbaren Feuerorkan den Tod fanden.

Fahrenheit 451, da brennen nicht nur Bücher. Auch Menschen. Big Brother war schrecklich, aber erst die kapitalistischen Alliierten vollendeten das Geschichtskapitel des absolut Bösen. Deutschland 1945: Bilder von Goya, die denselben Schrecken enthalten. Der gulagistische Terror fand seine Entsprechung im Bombenterror der "conquerors" und "supressors". Die Konfrontation mit dem "Schwarzbuch" trägt in der Hamburger ZEIT vom 21. November die Überschrift "Der rote Holocaust". Die Aufdeckung des "demokratischen Holocaust" bedarf des Mutes eines anderen Courtois.

post scriptum 1

Als mit der Niederschrift des Artikels begonnen wurde, Mitte November, konnte der Verfasser den Fall Roeder nicht voraussehen, diesen denunziatorischen Krimi-Schmonzes, aufgeblasen von der Hygienepolizei in linksliberalen Medien. Der Fall geistert nun als Gespenst durch die Republik, quasi ein Perpetuum mobile. Das absurde Theater in der Regie antifaschistischer Meinungskommissare war nach der Veröffentlichung des französischen "Schwarzbuches aber die Verbrechen des Kommunismus" eigentlich zu erwarten. Eine Retourkutsche also? "Der rote Holocaust": schon die Überschrift des Courtois-Dossiers in ZEIT Nr. 48 mußte wie ein rotes Tuch wirken.

Der philokommunistische Antifaschismus kann und will seine Niederlagen von 1989, 1990, 1991 - Untergang der Sowjetunion, Deutschlands Teilwiedervereinigung, Triumph der Nationalstaatsidee - nicht akzeptieren. Dreißig Jahre vor dem Erscheinen des Schwarzbuches schrieben Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrem Standardwerk "Die Unfähigkeit zu trauern" den folgenden Satz: "Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß sich im Laufe der kommenden Jahrzehnte die außerordentlichen Opfer der russischen Revolution so etwas wie bezahlt machen" (S. 333). Das war 1967, ein gewisser Solschenizyn sammelte damals für das antibolschewistische Jahrhundertwerk "Der Archipel GULag". Was wohl heute Margarete Mitscherlich zu den "100.000.000" im "roten Holocaust" zu sagen hätte - bezahlt gemacht?

Permanent auf der Suche nach Rechtfertigungsgründen für die millionenfachen Morde Lenins und Stalins, entdecken die Verlierer der welthistorischen Revision das Phantomthema "braune Bundeswehr". Ein Nebenkriegsschauplatz, geht es doch in Wirklichkeit um ein Übertönen der zaghaft begonnenen Aussprache über die "hundert Millionen", ja um ein Ersticken der "Schwarzbuch"-Debatte generell. Am liebsten würde man das "Schwarzbuch" und seine bevorstehende deutsche Übersetzung auf den Index setzen und den Druck der Hundert-Millionen-These als Volksverhetzung verbieten.

Nicht verwunderlich ist in diesem Zusammenhang die ultimative Forderung Heribert Prantls, alle Wehrmachtsdeserteure zu alimentieren, die als Kommunisten für den Sieg Stalins Fahnenflucht begangen, ihre Kameraden im Stich gelassen haben (Süddeutsche Zeitung vom 11. Dezember). Und Prantl ist kein Einzelfall, auch wenn berücksichtigt werden muß, daß die Haupttriebfeder des Chefs der SZ-Innenpolitik ein pathologischer Deutschenhaß ist, der vor keiner politischen Leichenfledderei, keinem Rufmord, keiner Geschichtsklitterung zurückschreckt, wofür die Süddeutsche Zeitung fast täglich Beispiele liefert.

Einer aus der Prantl-Schule, der 68er-Politologe Wolfgang Gessenharter von der Hamburger Bundeswehr-Uni, verhaftet dem gleichen krankhaften Deutschlandhaß, formuliert in einem ZEIT-Interview vom 12. Dezember die neue Verteidigungslosung: Gegen "das Vordringen neurechten Gedankenguts". Gessenharter sieht einen "Vormarsch der Neuen Rechten in Politik und Medien" (ohne die Staatsbriefe zu nennen, was nicht gerade von Wahrheitsliebe und Zivilcourage dieses Politologen zeugt), und er denunziert Patrioten, Nationalisten, Nationalkonservative als "Brücke" zu den Brandbomben-Skinheads. Neurechte Leute, "die national und machtpolitisch denken", gebe es im Offizierskorps zu Hauf, enthüllt dieser Offizierslehrer, mindestens "zwanzig Prozent". In Teilen der Armee existiere ein Resonanzboden für neurechte Ideen. "Wie hätte sonst der bekennende Neonazi Michael Kühnen die Offiziersprüfung ablegen und an die Bundeswehruniversität kommen können?"

Die Vernichtungsrichtung der Prantl & Gessenharter ist klar erkennbar. Im politischen Genickschußvisier haben ideologische Berufsdenunzianten nicht nur reichische und soziale Denker, russische und deutsche Revisionisten, einen Stephane Courtois und einen Ernst Nolte, sondern generell alle, die im bolschewistischen Klassen- und Völkermord ein singuläres Menschheitsverbrechen sehen.

Das ist eine Verhöhnung, Beleidigung des osteuropäischen Völkerfrühlings von 1989-91. Der Antislawismus Hitlers hat seine Nachfolger gefunden, so sehr sie sich auch als Antifaschisten aufführen.

post scriptum 2

Was ist ein Detail der Geschichte? Gewiß kein moralisches Kriterium. Eine Einzelerscheinung im Ablauf einer historischen Epoche, eine Fußnote im Geschichtsbuch oder, poetisch ausgedrückt, ein Tropfen im Ozean, nichts Signifikantes für ein Jahrzehnte umfassendes, vielschichtiges Kapitel. Darüber können Sprachforscher streiten.

Über die Semantik stolperte kürzlich Le Pen. Semantik hatte sich plötzlich in Ideologie verwandelt, und die ist bekanntlich ein Minenfeld. Verurteilt wurde Le Pen vom Landgericht in Nanterre zu einer Geldstrafe von 300.000 Franc, ca. 90.000 Mark. Warum? Am 5. Dezember hatte er auf einer Pressekonferenz in München u. a. erklärt: "Ich habe es gesagt, und ich sage es wieder, auf die Gefahr hin, ein Sakrileg zu begehen, daß die Gaskammern eine Einzelheit (detail) der Geschichte des Zweiten Weltkrieges sind ... Wenn Sie ein Buch von tausend Seiten über den Zweiten Weltkrieg nehmen, bei dem es fünfzig Millionen Tote gegeben hat, dann nehmen die Konzentrationslager zwei Seiten ein und die Gaskammern zehn bis fünfzehn Zeilen."

Jeder russische Kriegshistoriker, die Tragödie seines Volkes vor Augen, würde dem beipflichten. Ganz zu schweigen von einem ukrainischen, lettischen, estnischen oder krimtatarischen Geschichtsforscher. Nicht so aber die Richter von Nanterre.

Die physische Ausrottung des Bauerntums, 6, 7 oder 10 Millionen Hungertodopfer bei der bolschewistischen Bauernlegung 1932/33, für den Ukrainer kein Detail, verlor doch damals die ukrainische Nation ein Viertel ihrer Substanz.

Zur gleichen Zeit, da Le Pen wegen eines "falschen" Details verurteilt wurde, behauptete der französische Schriftsteller Gilles Perrault - kein Kommunist! -, die Aushungerung der Bauern wäre eine Folge der Umstände ("circonstances") gewesen. Einen historisch singulären, planvoll durchgeführten Vernichtungskrieg gegen die ostslawische Bauernschaft als "Umstand" zu bezeichnen, ist wirklich neu, hat mit der Tabuverletzung "Relativierung" nichts gemein. Laut bürgerlichem Gesetzbuch handelt es sich hier um Rufmord, Leichenschändung. Perrault geht sogar einen kaum vorstellbaren Schritt weiter. Er widerspricht Courtois' Gleichsetzung des Hungertodes eines jüdischen und eines ukrainischen Bauernkindes mit dem Argument: Wenn der kleine Ukrainer die Hungersnot überlebte, hatte er ein Leben vor sich, das jüdische Kind im Warschauer Getto als Zukunft nur die Gaskammern von Treblinka. Abgesehen von den "Gaskammern in Treblinka", hatte das Mädchen aus Poltawa wirklich ein Leben vor sich, nach dem Krepieren oder der Deportierung seiner Eltern? Spätestens im NKWD-Waisenhaus oder im Kinder-KZ oder in der mittelasiatischen Wüste wäre dieses Kind zum Tode verurteilt gewesen. Was für ein Leben "danach".

Ein anderer französischer Schriftsteller, Bernard-Henri Levy, schreibt in Le Point vom 13. November, weder die Zahl der Opfer noch die Methoden des Holocaust würden ihre Singularität ausmachen, allein die "metaphysische", sprich religiöse Dimension sei wirklich einmalig. Mit anderen Worten: Ein Vergleich der slawischen Hungermordopfer im Bolschewismus mit den Holocaustopfern des "isbrannij narod" (wissenschaftlicher russischer Standardausdruck für das "auserwählte Volk") ist ethisch nicht statthaft. Schon für Hitler gab es solche und solche Völker, solche und solche Menschen.

Was ist ein Detail? Kein Detail ist, was François Furet in einem Brief an Ernst Nolte feststellt: "Es stimmt ..., daß die Existenz zahlreicher Juden in den verschiedenen Führungsstäben des Kommunismus - an erster Stelle der russischen Partei - eine erwiesene Tatsache ist." Datiert vom 3. April 1996, abgedruckt auf Seite 552 des Nolte-Werkes "Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945" München 1997.

Das Kleine Volk und die Große Historie ... Für den in Moskau lebenden jüdischen Stalinismusforscher Alexander Borschtschagowski ist Furets "erwiesene Tatsache" nicht einmal eine Fußnote wert. In seinem 472-Seiten-Opus "Orden für einen Mord. Die Judenverfolgung unter Stalin" (Berlin 1997) wird Genrich Jagoda nur ein einziges Mal ganz nebenbei erwähnt, ohne den terroristischen Hintergrund des GULag-Schöpfers, während der Chefmörder vom Weißmeerkanal, Naftali Frenkel, überhaupt nicht auftaucht, nicht einmal im Personenverzeichnis. Und kein Hinweis auf die russisch-jüdische Historikerin Sonja Margolina, die in ihren Geschichtsanalysen Furets These detailliert untermauert - keineswegs als Detail in der Geschichte der ethnischen Herkunft bolschewistischer Hauptfunktionäre.

Zu diesen gehörte Laser Mojsejewitsch Kaganowitsch, den man auch "Schlächter der Ukraine" nennt. Er zeichnete sich durch eisernen Willen und ein völliges Fehlen menschlicher Gesichtspunkte aus. Dieser Bolschewik, der sich persönlich an der Aufstellung von Liquidationslisten beteiligte, war ohne Erbarmen. Nach 1991 wollte man ihn in der Ukraine vor ein Volkstribunal stellen, doch Moskau verweigerte seine Auslieferung. Kaganowitsch starb vor zwei Jahren. Die Geschichte bestrafte ihn, indem sie ihn den Untergang des Bolschewismus erleben ließ.


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