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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Schulgeschichten vom Schu



~ 1 und 2 ~
Wie alles begann


~ 3 bis 5 ~
Der Erste Schultag (1)


~ 6 bis 8 ~
Der Erste Schultag (2)


~ 9 bis 12 ~
Der Konzertabend


~13~
5.1

~14~
5.2



5.1

"Abyssinian, warte!"
Erschrocken fuhr er herum. "Was willst du, Schwarz?"
"Ach nichts. Nur ein bisschen... reden..."
"... Ich höre."
Langsam kam er näher. "Ich denke, du weißt gar nicht, wie ähnlich wir uns sind. Wie sehr wir uns gleichen."
Ein vorsichtiges Zurückweichen, das Schwert erhoben. "Das ist nicht war. Wir sind nicht wie ihr."
"Ach ja?" Er lächelte leicht, maliziös. "Tötet ihr nicht genau wie wir?"
"Nein, wir machen einen Unterschied zwischen Gut und Böse."
"Ach, und ihr könnt also entscheiden, was gut ist und was böse?" Weitere Schritte in dessen Richtung ließen sein Gegenüber wieder zurückgehen, schließlich mit dem Rücken gegen eine Wand stoßen. "Das glaubst du doch selbst nicht. Ich und du, wir wissen ganz genau, wie es in Wahrheit ist." Er näherte sich weiter, war nun nur noch Zentimeter vom anderen entfernt.
"Du..." Seine Stimme verstummte, seine Lippen näherten sich denen des anderen...

"Aya! Soll er das wirklich so spielen?" Ran hatte seinen Kopf zur Seite gedreht und sah seine Schwester jetzt von der Bühne herab an, eine Augenbraue fragend gehoben.
Diese blickte nun völlig entgeistert zurück. "Aber natürlich soll er das so spielen. Ist doch fantastisch.", schwärmte sie überschwänglich.

Auch Schuldig machte einen etwas enttäuschten Eindruck. "Also Ran! Da schreit sie einmal nicht 'Cut!' und nervt mit Instruktionen und dann musst du unterbrechen."
>Es ist doch immer wieder unglaublich, was du manchmal für ein Heuchler bist. Dir geht es natürlich nur ums Stück, ne?<

Ran lächelte leicht. "Na meinetwegen. Dann eben das nächste mal. Am besten machen wir jetzt weiter mit der Szene, wo-"
"Ja aber können wir nicht die Szene erst noch mal zu Ende spielen?"
"Ähm..." Aya machte von Rand der Bühne aus wieder auf sich aufmerksam. "Meinetwegen könnt ihr ja noch soviel proben, wie ihr wollt..." Ein flüchtiges Grinsen. "...aber ich muss noch mit ein paar Leuten sprechen." Sie kramte ihr Drehbuch in ihren Rucksack und verschwand.

Schuldig wandte sich wieder Ran zu, der nun auch seine Sachen zusammensuchte. "Arbeitest du wieder?"
"Ja."
"Warte, ich komm mit."
"Hast du eigentlich nie was zu tun?"
"Nö, bin ein Kind reicher Eltern."
"Und deswegen hängst du fast jeden Nachmittag in der Eisdiele rum?"
"Nein. Das ist nur wegen dir. Früher war ich fast jeden Nachmittag bei den WeißKreuz-Proben."

Sie verließen die Aula zusammen.
Schuldig sah Ran vorwurfsvoll an. "Wenn man dich so hört, könnte man meinen, du wolltest mich loswerden."
Ran sah einen Augenblick lang nachdenklich aus, dann schüttelte er leicht den Kopf.
"Nein, eigentlich nicht." Es klang fast ein wenig erstaunt. "Ich dache nur, du hättest vielleicht wirklich irgendwas anderes zu tun. Ich meine, es gibt Leute, die haben ein Hobby oder... na ja, ich kann mir nicht vorstellen, was so spannend daran ist, mir stundenlang beim Kellnern zuzusehen."

"Du hast ja auch nicht meine Fantasie...", murmelte Schuldig mit einem Grinsen.
"Du weißt aber, dass du das jetzt laut gesagt hast, oder?"
Schuldig sah ihn verwirrt an, zuckte dann mit den Schultern.
>So was passiert dir in letzter Zeit öfter. Findest du das nicht langsam peinlich?<
/Hä? Nö. Wieso?/
>...Ach, vergiss' es.<

"Du könntest zum Beispiel die Schülerzeitung rausbringen."
"Hab ich das nicht schon?"
"Na ja, schon. Ich dachte ja nur. Weil du es selbst als ein 'Kind der Not' bezeichnet hast."
"War doch ein ganz tolles Interview mit der Band drin."
"Das war's dann aber auch schon."
"Ich hab doch auch in einem Artikel das Schulessen kritisiert."
"Sehr sozialkritisch."
Schuldig grinste. "Ich fürchte fast, mir fehlt dieser tiefe, innere Wunsch, etwas nützliches zu tun."

Sie hatten das Schulgelände fast verlassen, als sie einige Meter entfernt Aya ausmachen konnten, die lebhaft auf eine Person einredete. Das Opfer entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ziemlich genervter Crawford. Schuldig betrachtete die beiden verwundert.
"Dass ich noch mal erlebe, dass ein Schüler freiwillig mit Brad spricht..."
Ran zuckte nur die Schultern und zog Schuldig weiter in die entgegengesetzte Richtung. "Das meinte sie, als sie sagte, sie müsse noch mit ein paar Leuten sprechen. Sie ist auf Statistenjagd."

Schuldig schauderte. "Und ich dachte schon, sie fängt sie mit 'nem Lasso. Aber Verbalattacken sind ja noch viel fieser..."
Ran hatte Schuldigs Arm wieder losgelassen, als die wesentliche Information bei diesem durchsickerte. "Moooment! Sie will, dass Bradley Ihr-könnt-mir-mit-diesem-ganzen-Kram-von-wegen-moderner-Lehrmethoden-und-schulischem-Engagement-gestohlen-bleiben Crawford bei diesem Stück mitmacht?!"



Bei Crawford zuckte inzwischen schon ein Muskel knapp unterhalb der linken Augenbraue gefährlich. "Also. Ein letztes Mal, damit auch Sie es verstehen. Ich. Werde. Nicht. Bei diesem Stück mitmachen. Es ist mir egal, worum es geht. Ich werde nicht auf einer Bühne stehen, denn das würde bedeuten, dass ich mehr Zeit als unbedingt nötig mit einem Haufen pubertierender Lebewesen der Gattung Homo Sapiens verbringen müsste, als ohnehin schon. Also wären Sie so freundlich, sich jetzt einfach umzudrehen und-"
"Aber Sie wären wirklich perfekt für die Rolle als eiskalt berechnender, gefühlloser Anführer einer anarchistischen Killertruppe." Aya klang keineswegs entmutigt.

Crawford hob eine Augenbraue. Um das Zucken optisch auszugleichen, die rechte. "Welch zweifelhaftes Kompliment."
"Och, kommen Sie schon! Wie wissen doch beide, dass Sie in Wirklichkeit gar nicht so sind."
"Oh doch. Ich bin genau so. Mit jeder Faser dieses letzten bisschen Seele, dass ich über Jahre der abstumpfenden Lehrtätigkeit retten konnte." Crawford ging einfach weiter und wollte Aya stehen lassen, aber die ließ sich so leicht nicht abschütteln.
"Meinetwegen, aber Sie müssten wirklich nicht viel tun. Eigentlich müssten Sie meist nur dastehen und arrogant, souverän und autoritär wirken. Das tun Sie doch im Unterricht ständig."

"Sag mal Mädchen, hattest du irgendwann mal den Eindruck, ich gehöre zu diesen netten, verständnisvollen Lehrern?"
Aya sah ihn begeistert an. "Ja, ganz genau das meine ich. Diese leicht bedrohliche Ausstrahlung! Großartig!"
Crawford schwieg und beschleunigte seine Schritte. Wie konnte man dieses grauenvolle Mädchen nur loswerden?
Ein äußerst gemeines Lächeln auf ihrem Gesicht ließ ihn Schlimmes ahnen. "Wenn Sie nicht zustimmen, werde ich die folgenden Monate bis zur Aufführung jeden Tag versuchen, Sie zu überreden. Und ich werde mir Schuldig als Verstärkung holen."

Crawford blieb abrupt stehen. "Und ich muss tatsächlich nur rumstehen?"
Aya nickte.
Ein unterdrücktes Seufzen, dann: "Ich werde nicht zu den Proben kommen und ich werde das Drehbuch nicht lesen. Nichts, was mit diesem Stück zu tun hat interessiert mich auch nur peripher. Und wenn Sie es noch einmal wagen, mich darauf anzusprechen, steig ich sofort wieder aus."



Inzwischen hatten Schuldig und Ran das "Sweet Little Kitten" erreicht. Während Schuldig nur langsam seinen Lachanfall über Crawfords voraussichtliche Teilnahme an der Aufführung beendete, blieb Ran wie erstarrt stehen. Durch die Schaufenster des Eiscafés konnte er auf zwei der drei Tische verteilt seinen Fanclub ausmachen.

Wer hatte denen erzählt, dass er hier arbeitete? Wahrscheinlich hatte Ouka davon erfahren und es gleich rumerzählt. Wie sollte er denn jetzt arbeiten? Die würden ihm doch keine ruhige Minute lassen.
Dabei war es so angenehm gewesen, in einer Eisdiele zu kellnern, viel besser als die Nächte in einer verrauchten Spelunke zu verbringen.

Schuldig hatte Rans Stehenbleiben bemerkt und folgte nun dessen Blick, der immer noch unglücklich auf das Innere des Cafés gerichtet war. "Nicht die schon wieder."
Ran nickte nur.
"Was wolln die denn noch?"
Ran zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich Fotos machen. Die sind schlimmer als Paparazzi, aber ich hab eigentlich gehofft, dass sie mich irgendwann in Ruhe lassen."

"Dann sag doch Ouka, sie sollen damit aufhören"
Ran sah Schuldig mit ehrlicher Verzweiflung an. "Hab ich schon, aber sie meinte nur, sie hätte mit dem Fanclub nichts mehr zu tun und ich solle sie bloß nicht mit den blöden Gänsen nerven."
"Also hat sich die ganze Sache verselbstständigt." Schuldig dachte kurz nach, grinste dann breit.
"Da gibt es nur eine Lösung."
"Und die wäre?" Ran hatte eine Augenbraue fragend gehoben.

"Du bittest Aya um Hilfe."
Ran sah skeptisch aus. "Wieso sollte sie mir da helfen können?"
"Na ja, sie hat die nötige Skrupellosigkeit und Macht."
"Du redest hier von meiner kleinen Schwester."
Schuldig nickte nur. "Eben. Ich meine, es liegt doch auf der Hand: Du wirst mit ihnen nicht fertig, weil sie überhaupt nicht auf dich hören und ich kann dir da auch nicht helfen. Ich meine, ich würde ja fast alles für dich tun, aber ich leg mich nicht mit einer Horde durchgeknallter, weiblicher Teenager an, ich bin ja nicht wahnsinnig."

Ran guckte zweifelnd, ging aber nicht weiter auf Schuldigs Worte ein. "Aya hat im Moment ziemlich viel zu tun..."
"Hm... Tja, dann hilft nur noch ein Coming-out." Auf Schuldigs Gesicht erschien wieder das Grinsen.
Ran verzog das Gesicht. "Um Gottes Willen, nein. Erstens würde das rein gar nichts bringen. Denen ist das doch völlig egal. Und zweitens: Hast du Todessehnsucht? Die killen dich, wenn sie auch nur den geringsten Verdacht haben, dass du... also ich meine, dass wir... Ach, du weißt schon."

Schuldig starrte Ran an. Hatte er gerade wirklich gesagt, was Schuldig glaubte, dass er es gesagt hatte und, noch wesentlich wichtiger, hatte er damit gemeint, was Schuldig hoffte, dass er es gemeint hatte?
>Man mag es kaum glauben, aber es sieht so aus.<

Schuldig hatte den Verdacht, dass er im Moment unwahrscheinlich dämlich aussehen musste, aber das war ja egal. Wenn sogar die böse Stimme es so verstanden hatte und nicht rumpöbelte... Ach war das schön. Irgendwie lief schon wieder Musik im Hintergrund, alles hatte durch die spätnachmittägliche Sonne einen leicht goldenen Schimmer und im Grunde war das jetzt überhaupt die perfekte Stelle, um sich in die Arme zu fallen und dann eine heftige Knutscherei anzufangen.
Mindestens.

Dann eine Kamerafahrt über die Gipfel der mickrigen Alleebäumchen und das "and they lived happily ever after"-Thema...
>Dir ist aber schon klar, dass dein Leben kein Film ist?<
Na ja, er sollte möglicherweise doch ganz aufhören fernzusehen. Hatte ja schlimme Auswirkungen so was. Das fand ja jetzt sogar er zu kitschig.
Also das mit den goldenen Bäumen natürlich, nicht das mit dem Knutschen und so weiter. Vor allem das und-so-weiter.

"Ähm... Schuldig? Hallo?" Ran sah den anderen etwas ratlos an, zuckte leicht mit den Schultern. "Also ich geh jetzt einfach rein und rede mit ihnen, okay? Vielleicht hilft das ja..."
Schuldig schüttelte etwas verwirrt den Kopf, gab sich wirklich Mühe, gedanklich nicht wieder so abzudriften. "Reden?! Du kannst nicht mit ihnen reden! Die reden nicht! Du wirst von ihnen einfach überrannt. Die machen dich fertig.", versuchte er Ran von seinem Vorhaben abzubringen.

Dieser war jetzt allerdings fest entschlossen und ging weiter in Richtung Eisdiele. Er musste mit den Weibern fertig werden. Und zwar allein, ohne Aya. Man konnte sich doch nicht von seiner kleinen Schwester vor kleinen Mädchen retten lassen. Mal davon abgesehen, dass er sich von niemandem gerne helfen ließ, wäre das absolut undenkbar.
Also öffnete er nur Augenblicke später die gläserne Schwingtür, ignorierte das aufkommende Gemurmel und Stühlerücken und band sich hinter dem Tresen die berüchtigte Schürze um, nachdem er seine Kollegen begrüßt und seine Tasche irgendwo untergebracht hatte.

Schuldig blieb im vollbesetzten Raum stehen und machte sich schon innerlich bereit, Ran zu schnappen und zu fliehen, als dieser mit gezücktem Block nähertrat.
Die Anspannung wuchs. Nur eine falsche Bewegung und sie würden von ihren Stühlen aufspringen und kreischend auf ihn zurennen. Dann wäre alles aus. Na gut, das war dann vielleicht doch etwas übertrieben, aber bei seiner letzten Begegnung mit seinem Fanclub war ihm jemand mit Pfennigabsätzen auf den Fuß getreten, also war die Gefahr nicht zu unterschätzen.

Ran holte noch einmal tief Luft, dann warf er prophylaktisch einen bösen Blick auf die Mädchen und sagte in das gespannte Schweigen hinein: "Keine Fotos und keine Autogramme. Und wer nichts kauft, raus!"
Plötzlich gingen an den Tischen sämtliche Hände hoch und ein mehrstimmiges Quietschen ließ sich als "Bestellung, bitte!" identifizieren.

Ran staunte nicht schlecht. War ja gar nicht so schwer gewesen. Er hatte sie wohl einfach überschätzt. Waren eben doch nur kleine Mädchen und dementsprechend leicht einzuschüchtern. Irgendwie tat es ihm jetzt fast schon leid, dass er so unhöflich gewesen war.
Aber eben nur fast.

Schuldig grinste Ran triumphierend zu, der aber gar nicht mehr hinsah, sondern Bestellungen aufnahm. Hm. Schuldig sah sich etwas ratlos um. Gar kein Platz mehr frei. Blöde Weiber. Aber egal, dann hatte er wenigstens eine gute Ausrede, Ran zu verfolgen.
Der war so beschäftigt, dass er davon eine ganze Zeit lang nichts mitbekam. Ihm kam das Gekicher der Mädchen zwar schon komisch vor, aber andererseits kicherten die so oft und aus so absolut unverständlichen Gründen, dass er sich darum so gar keine Gedanken machte.

Schuldig versuchte inzwischen, möglichst nah hinter Ran her zu gehen, ohne mit irgendetwas zusammenzustoßen, was bei den eng stehenden Tischen gar nicht so einfach war. Vor allem, da Ran sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit hindurchschlängelte. Sehr elegant übrigens. Und mit einem umwerfenden Hüftschwung, wie Schuldig fand. Er hätte ihn am Freitag wirklich gern tanzen sehen. Er würde ihn unbedingt noch mal fragen müssen, warum er nicht tanzen wollte. War doch Verschwendung.

Und dann kam es auch schon wie es kommen musste. Ran machte einen Schritt zu wenig, weil er sehr beschäftigt war, Schuldig einen zu viel, weil er sehr abgelenkt war und schon gab es einen eher schmerzhaften Zusammenstoß, bei dem Schuldig Rans Ellbogen in den Bauch bekam, kurz bevor dieser leicht zurücktaumelte, dabei über eine herumliegende Handtasche stolperte, das Gleichgewicht verlor und zu Boden ging.

Schuldig hatte sich inzwischen von seinen Schmerzen erholt und sah nun auf Ran hinunter, der ihn mit verwirrtem Gesichtsausdruck und blitzenden Augen ansah. Oh oh...
Ran rappelte sich auf und im Raum begann ein aufgeregtes Getuschel.
>Na das hast du ja wieder ganz toll hingekriegt! Bestimmt ist er jetzt sauer. Glaub bloß nicht, dass ich dir da raushelfe. Das hast du dir ganz allein eingebrockt. Was musst du auch immer so unkonzentriert sein? Wäre es nicht vielleicht gut, wenn du irgendwann mal anfängst, deine Außenwelt bewusst wahrzunehmen?< Die böse Stimme kam ja heute aus dem Meckern gar nicht mehr raus.

Schuldig merkte plötzlich, wie er am Handgelenk gepackt und durch den Raum gezogen wurde.
Allerdings nicht sehr weit, dann drehte Ran sich zu ihm um. "Was sollte das?"
>Na jetzt bin aber gespannt auf eine Antwort.<
"Ähm... Es war kein Platz frei."
Ran besah über Schuldigs Schulter hinweg die Tische. Stimmte. Das war zwar absolut kein Grund, ihn umzurennen, aber er hatte jetzt wirklich keine Zeit für so was und außerdem hatten sie mit der Slapstickeinlage schon genug Aufmerksamkeit erregt.

Schuldig wurde weitergezogen, diesmal zum nächsten Tisch. Er war von vier Mädchen so um die vierzehn besetzt, die Ran und ihn mit tellergroßen Augen anstarrten und kicherten.
Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie hier gerade Alleinunterhalter waren.
"So, du hast dein Eis schon gegessen, du kannst gehen." Rans Stimme klang zwingend und das angesprochene Mädchen hörte augenblicklich auf zu kichern, zögerte noch einen Sekundenbruchteil, gab dann aber auf und ging murrend.
Ran setzte Schuldig auf den Platz. "So."

Schuldig sagte lieber nichts und blieb einfach nur auf seinem Stuhl sitzen, während für Ran jetzt alles in bester Ordnung war. Er wollte sich gerade umdrehen und wieder an die Arbeit gehen als die am Tisch zurückgebliebenen Mädchen anfingen zu mosern, wohl um ihre verbannte Freundin zu rächen. "Er hat aber gar nichts bestellt!"
Ran zuckte mit den Schultern. "Na und?"
"Das ist ungerecht...", wagte eine sich zu beschweren.
"Er will auch nicht ständig Fotos machen."
"Och, eigentlich hätte ich ganz gerne ein Foto von dir.", mischte sich Schuldig inzwischen wieder grinsend ein.

Ran warf ihm einen flüchtigen Blick zu, bevor er Block und Stift zückte und konzentriert draufsah. "Na gut, was darf's sein?"
"Ran mit Sahne... Ich meine natürlich Erdbeereis mit Sahne."
Ran sah von seinem Block auf und wurde tatsächlich ein bisschen rot, bevor er ging.
>Was sollte das denn jetzt?<
/Ich schwöre, ich kann nichts dafür. Das war ein Freudscher Versprecher./
>Na klar. Wer's glaubt...<

Schuldig beobachtete jetzt wahlweise Ran und die Mädchen an seinem Tisch, die ihm immer wieder undeutbare, aber irgendwie bedrohliche Blicke zuwarfen. Eigentlich doch sehr viel mehr Ran. Der war gerade damit beschäftigt, Eisbecher zurechtzumachen. Schuldig bewunderte seine Art, die Eiskugeln nicht einfach in das Glas reinzuhauen, sondern sie ruhig, fast vorsichtig zu stapeln und das ganze Obstzeugs so perfekt drum herumzudrapieren, dass es irgendwie kunstvoll aussah.

Ran sah allerdings immer wieder nervös in seine Richtung und brachte den Eisbecher schnell zu seiner neuen Besitzerin, bevor er auch schon wieder vor Schuldigs Tisch stand und ihn von seinem Platz zog.
Der wusste gar nicht, wie ihm geschah und setzte zu einer dementsprechenden Frage an, wurde jedoch durch einen warnenden Blick von Ran davon abgehalten. Ach ja richtig! Die anderen Menschen.
>Will halt nicht jeder immer um jeden Preis im Mittelpunkt stehen...<
/Hä? Was meinst du denn jetzt damit?/
>Nichts, du Idiot!<

Er hörte die Tür aufgehen und stand plötzlich draußen, wo Ran ihn weiter, außer Sichtweite der großen Fenster zog. "Du musst gehen."
Schuldig sah Ran völlig verstört an. "Wie? Was? Warum?"
"Ich kann mich nicht konzentrieren. Du lenkst mich ab."
"Aber ich hab doch gar nichts gemacht."
"Nein, aber du starrst mich die ganze Zeit an."
"Bisher hat dich das auch nicht gestört."
"Bisher hab ich das auch noch nicht so mitbekommen."
"Oh. Ach so..." Schuldig wirkte irgendwie geknickt. "Darf ich dich dann wenigstens nachher abholen?"

Ran fühlte sich nun ziemlich schlecht. Dabei wollte er doch nur in Ruhe arbeiten!
Das war ja auch alles überhaupt kein Problem und um Schuldig musste er sich nun wirklich keine Sorgen machen, nur weil der mal ein paar Stunden allein rumlaufen musste. Das tat er doch eigentlich ständig.
Gut, außer in der Schule und danach bis zum Abend. Ach ja, früh morgens tauchte Schuldig auch schon mal auf, immer vorrausgesetzt, er wachte aus irgendeinem Grund auf.

Aber zumindest nachts und während der Unterrichtsstunden kam er allein klar. Und er hatte ja wohl auch einige Zeit gelebt, bevor er angefangen hatte, Ran hinterher zu rennen.
Also gab es gar keinen Grund, irgendwie ein schlechtes Gewissen zu habe, weil er Schuldig jetzt rausschmiss. Davon versuchte ihn zumindest seine Vernunft zu überzeugen. Mit mittelmäßigem Erfolg.

Schuldig beobachtete sein Gegenüber aufmerksam. Also, dass es Leuten leid tat, ihn wegzuschicken, hatte er auch noch nicht so oft erlebt. So in seine Gedanken versunken, wurde er erst durch Rans Lippen auf seinen eigenen aus den Grübeleien gerissen. Doch bevor er reagieren konnte, waren sie auch schon wieder weg. "Ich hab um fünf Schluss."



5.2

Nachdem Schuldig noch etwa fünf Minuten Löcher in die Luft gestarrt hatte, überlegte er, ob er jetzt nicht einfach die paar Stunden warten sollte oder doch lieber irgendwas sinnvolles tun. Nicht, dass ihm da so auf Anhieb eine Menge einfiel...
Allerdings hatte er so das unbestimmte Gefühl, dass Ran nicht damit einverstanden wäre, wenn er hier so lange stehen bleiben würde. Warum eigentlich nicht?
Er kam nicht umhin, sich ein ganz kleines bisschen verstoßen zu fühlen.

>Wirst du darüber hinwegkommen? Wie alt bist du?<
Schuldig hasste es, wenn seine böse Stimme recht hatte, aber noch mehr hasste er es, wenn sie dabei so verächtlich klang, wenn er sich eh schon scheiße fühlte. Verlassen, einsam...
>Das ist unglaublich! Wenn du weiterhin so melodramatisch bist, verzieh ich mich. Dann bist du wirklich von allen guten Geistern verlassen.<
/Ist mir scheiß egal, du bist sowieso nie da, wenn ich dich brauche./
>Bitte? Ohne mich hättest du es nicht mal geschafft, mit ihm zu reden. Geschweige denn...<

Schuldig beschloss, dass es nicht gut für seine geistige Gesundheit war, hier weiter Selbstgespräche zu führen und so stand er wenig später vor Omis Garage, aus der wie so oft Musik drang. Sie klang laut und wütend.
Yohji, Asuka und Omi waren da und probten, Aya saß auf dem ausrangierten Sofa, das in der Ecke neben der Tür stand, und sah fasziniert zu. Was so interessant war, konnte Schuldig nicht auf den ersten Blick erkennen. Aber den Song kannte er noch nicht.

~ comedy called world is about.

No, no, no! Really,
There's no one to blame.
Neither he, nor me -
But again -
I hope he is well in hell!


So wie Asuka Yohji beim Singen anfunkelte, hatte Schuldig irgendwie den Eindruck, dass sie jedes Wort, das sie ihm entgegenschrie ernst meinte.
Who am I to pretend being deaf and blind? Not seeing betrayal, not hearing the lie, Living in a fucking fluffy fairytale ~

"Nein, nein, nein, Yohji. Konzentrier dich! Der Einsatz kommt auf drei und nicht auf eins.", brach Omi ab, als die Rhythmus- und Melodiestimmen plötzlich auseinander drifteten.
"Konzentrieren?! Wie denn bitte? Wenn Blicke töten könnten, würde hier schon Blut fließen!"
"Und das wundert dich?!" fauchte Asuka.
Yohji sprang auf und funkelte sie wütend an. "Ja, Gott im Himmel! Ich habe verdammt noch mal keine Ahnung, was du schon wieder für ein Problem hast!"

"Dann denk mal ganz scharf nach!", zischte Asuka die verhängnisvollen Worte.
Schuldig sicherte sich schnell einen Logenplatz neben Aya-chan. "Was hab ich verpasst? Worum geht's diesmal?" flüsterte er hastig.
"Keine Ahnung, bin auch erst vor 'ner Minute gekommen. Das Übliche wahrscheinlich. Wenn Yohji schlau wäre, würde er jetzt einsehen, dass er keine Chance hat und alles gestehen und bereuen, völlig egal, was es ist.", fasste Aya eilig zusammen.
"Ist er nicht.", konnte Schuldig noch kopfschüttelnd einwerfen, als Yohji auch schon anfing, sich sein eigenes Grab zu schaufeln.

"Nein, ich hab keinen blassen Schimmer, was du krankes Weib schon wieder glaubst!"
"Was? Wir sind schon bei Beleidigungen?", zischte Schuldig.
Aya zuckte etwas hilflos die Schultern. "Offensichtlich..."
"Ich krankes Weib, ja?" schrie Asuka, die inzwischen kurz davor schien, mit ihrer Gitarre nach Yohji zu werfen "Was ist denn zum Beispiel mit diesem anderen kranken Weib, mit dem ich dich vorhin im Park gesehen habe?"

"Uh, das gibt mindestens Verletzte." murmelte Aya-chan.
Yohji wirkte zwar ernsthaft verwirrt, aber auch wütend, was sich ziemlich negativ auf seine Glaubwürdigkeit niederschlug - zumindest nach Asukas Logik. "Bitte? Welches Weib, in welchem Park denn?", fragte er ärgerlich.
Schuldig zog scharf Luft ein. "Eieiei, böser Fehler..."
Aya-chan kam nicht dazu zu fragen, warum.
"Du gibst also gleich zu, dass es da mehrere gab?! Wie viele warn's denn, wenn ich mal fragen darf? Oder geht mich das etwa nichts an? Nachdem wir fast ein Jahr lang zusammen sind?!"

Inzwischen war Yohji so genervt, dass ihm sowieso alles egal war. "Weißt du was? Es geht mich wirklich nichts an, wenn du Halluzinationen hast! Ich hab verdammt noch mal keinen Schimmer, wovon zum Teufel du sprichst!"
"Halluzinationen, ja? Wie war das denn mit dieser Bedienung im Café neulich, oder mit diesen Schlampen im Zoo?!" rief Asuka.
Yohji sah sie verstört an und versuchte erfolglos, ab und an etwas einzuwerfen, als sie die Aufzählung fortsetzte. Aya und Schuldig hörten fasziniert zu.

"Schu, würdest du Popcorn machen?", fragte Aya, ohne den Blick von Asuka und Yohji zu nehmen.
"Spinnst du? Dann verpass' ich das Beste!"
"... und vorgestern im Supermarkt, als du dieser Blondine vor uns in der Schlange auf den Hintern gestarrt hast? Glaubst du, das hätte ich nicht bemerkt?"
"Ah, böse Falle", merkte Aya an, ignorierte aber Schuldigs fragenden Blick, um Yohjis Reaktion nicht zu verpassen.
Dieser antwortete nämlich in diesem Augenblick. "Nein..."
"Wie? Du denkst wohl, ich bin dumm, dass ich so was nicht bemerke, oder was?", schrie sie ihn an und es machte irgendwie den Eindruck als ob sich Yohji hinter sein Schlagzeug duckte.

"Nein, nein, nein, ich meinte natürlich, dass ich nicht glaube, dass du es nicht bemerkt hast, aber...", versuchte Yohji die Situation zu retten - und ging prompt in die Falle.
"Du bist so dreist!", biestete Asuka sofort, "Tu starrst also vor meinen Augen einer anderen auf den Hintern und dir ist völlig egal, wie es mir dabei geht?! Ich verschwende doch nur meine Zeit mit dir. Liebst du mich überhaupt, oder bin ich dir total egal?"
"Wenn er jetzt nicht in einem ganzen Satz antwortet, ist er geliefert.", flüsterte Aya. Yohji wirkte aber nach Asukas Wortschwall schon zu verzweifelt. "Ja! ... - ich meine, nein! Wie war noch mal die Frage?"

"Du hörst mir nicht zu!", fuhr Asuka jetzt die wirklich schweren Geschütze auf. Sie schien es diesmal wirklich ernst zu meinen und stand offenbar kurz davor, Yohji verbal zu zerlegen.
>Du musst ihm helfen, er gehört zu deinen ältesten Freunden!< verdarb die Stimme Schuldig den ganzen Spaß an dieser Szene. >Es ist nicht richtig, so schadenfroh zu sein.<
/Nein! Das Weib bringt mich um!/ dachte er panisch. /Man mischt sich nicht in so was ein, das gibt nur Undank./
Aber da fing er auch schon den 'Schu-los-mach-schon,-du-bist-Yohjis-letzte-Hoffnung'-Blick von Omi auf, der sich listig in den Hintergrund verkrümelt hatte. Feigling! Immerhin waren das zwei Drittel seiner Band, die sich hier grad gegenseitig zerfleischten - beziehungsweise das eine Drittel, das vom anderen Drittel zerfleischt wurde.

Nein, nein, nein. Das war nicht Schuldigs Problem!
Solange Yohji nicht direkt... - Fuck, da war er schon, Yohjis 'Wenn-dir-unsere-Freundschaft-je-irgendetwas-bedeutet-hat,-hilfst-du-mir-jetzt'-Blick.
Nein!!! Warum immer er? Nur weil er gut die Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte? Unfair!
Gemein! Grausam! Er war doch noch jung, er wollte nicht sterben.
Wäre er doch nur Popcorn machen gegangen!

Und dann finde mal so schnell irgendetwas wirkungsvolles, womit man Asuka ablenken kann. Mit
"Da kommt doch morgen dieser tolle Film in die Kinos, wollen wir da nicht alle zusammen hingehen?" ist es ja bei der nicht getan. Dann schon eher etwas in die Richtung "Hilfe, ich blute aus den Augen, fahrt mich bitte ganz, ganz schnell zum Krankenhaus!". Dumm nur, dass das nicht wirklich überzeugend war.

Sein Selbstvertrauen hinsichtlich seiner Fähigkeiten, den eigenen Tod überzeugend zu simulieren, war seit dem Konzertabend und Rans gnadenloser Entlarvung sowieso völlig angeschlagen. Also fiel auch der gefakete Schlaganfall aus...

"... interessiert dich ja gar nicht, was ich mache. Ich kann ja daneben stehen und zugucken, wie du die Blondinen anstarrst.", drehten sich Asukas Anklagen inzwischen im Kreis, "Ich will gar nicht wissen, was du machst, wenn ich nicht...-"
"Leute, ich muss euch was wichtiges sagen." warf Schuldig todesmutig ein, weil die 'Schu,-verdammt-mach-jetzt-irgendwas'-Blicke von Omi und Yohji geradezu auf seiner Haut brannten.
"Was denn?!", fauchte Asuka, während Omi und vor allem Yohji ihn wahnsinnig dankbar ansahen.

/Ähm... ja, was denn?... gute Frage.../ dachte Schuldig panisch und beneidete Yohji um seinen Schlagzeugwall. Wenn er doch nur auch so ein tolles Versteck hätte...
>Am besten, du sagst irgendwas, das wichtig genug ist, dass Asuka dich für diese Unterbrechung nicht umbringt.<
/Guter Rat. Danke!/ zischte Schuldig in Gedanken.
>Gern geschehen.< biestete die Stimme zurück. >Mach lieber, sonst ignoriert sie dich einfach!<

"Ähm... also..." Schuldig überlegte panisch. Es wäre schön, wenn er Ran noch mal wiedersehen könnte, bevor er starb. "Es ist so..." Ob er wenigstens ein kleines Bisschen traurig über seinen, Schuldigs, Tod wäre? "Also... tja..." Was sie wohl auf seiner Beerdigung für Musik spielen würden? Hoffentlich nicht so was schnulziges... außer vielleicht, wenn Ran es aussuchen würde... Ob es regnen würde? Das würde dem Ganzen den nötigen tragisch-dramatischen Rahmen verleihen... Ran würde sicher eine Rede halten - ... oder na ja, es war Ran... Aber vielleicht würde er zwei, drei Worte sagen. Oder vielleicht auch vier. So was wie: "Ich werde ihn vermissen." Oder, wenn er ganz außer sich vor Trauer wäre, noch ein "schrecklich" dazwischen...
Dann könnte er doch zufrieden sein, oder?

Allerdings, wenn er jetzt starb, würde er niemals mit Ran...

Nein! Nein, nein, nein! So ging das nicht! Das war einfach zu ungerecht. Wenn sogar Kate Winslet und Leonardo DiCaprio miteinander schlafen durften, bevor die verdammte Titanic unterging, dann hatte er doch wohl auch ein Recht darauf! Wo er hier doch nicht mal sinnlos untergluckerte, sondern sich für einen Freund opferte!
Nein, er würde weiterleben! Koste es was es wolle.

>Sehr heroisch! Ich bewundere deine hehren Motive... Sag jetzt irgendwas!< unterbrach ihn seine innere Stimme dabei, sich wieder Mut zu machen.
Asuka hatte sich inzwischen wieder ihrem ursprünglichen Opfer, Yohji, zugewandt. "Nein, ich will ehrlich nicht wissen, was du machst, wenn ich nicht da bin! Wahrscheinlich..."
"Ich... also..."
"... und steigst allen möglichen Weibern hinterher und..."
>Irgendwas! So schwer kann das doch nicht sein!<
"...aähm... ich..."
"... wohl in der Küche stehen und..."
>Los jetzt! Völlig egal, was!<
"Ich bin schwul."

Oookay, Stille. Etwa zwei Zehntelsekunden lang. Wenig Überraschung bei Omi, noch weniger bis gar keine bei Yohji, ein immer noch wütender, aber keinesfalls verblüffter Blick bei Asuka.
"Nein, ehrlich jetzt?", versuchte Omi das Ablenkungsmanöver zu unterstützen. Schuldig fand, dass sein Erstaunen ruhig ein wenig echter hätte klingen können.
Asuka blinzelte kurz. Sie war aus dem Konzept gebracht, aber sie sah immer noch aus, als würde sie innerlich kochen. - Shit!

"Was soll das? Wen interessiert das jetzt? Ehrlich, das könnte mir im Augenblick kaum egaler sein!", fauchte Asuka. Sie warf Schuldig einen wahrhaft vernichtenden Blick zu und er hatte so langsam das Gefühl, dass er heute nicht hätte herkommen dürfen.
"Es sei denn..." Asuka ließ ihren flammenden Blick zu Yohji hinüberschweifen. "Hast du mir etwas zu sagen, Yohji?"

>Okay, du hast absolut, total und unwiderruflich versagt.< sagte die böse Stimme und ähnliches stand auch in Omis Blick geschrieben.
"Wie jetzt... was denn?", versuchte es Yohji, aber er schien irgendwie schon vor fünf oder sechs Anschuldigungen den Faden verloren zu haben.
Aya-chan fiel vor Lachen fast vom Stuhl und prustete zwischen dem verzweifelten Luftschnappen etwas, das nach "An deiner Stelle würde ich mir das ernsthaft überlegen." klang.

Schuldig fühlte sich übergangen. Konnte es sein, dass ihn hier einfach kein Mensch ernst nahm?! "Halloooo?! Ich habe mich gerade geoutet, können wir das jetzt bitte mal festhalten? Und das ist ja wohl bei weitem wichtiger als eure blöden Eifersuchtsorgien! Wenn ihr das für eure Beziehung braucht, bitte! Aber diese ständigen Streitereien nerven einfach nur." Okay, eigentlich waren sie sehr amüsant, aber darum ging es jetzt nicht. "Yohji ist eben notorisch, aber dafür bist du paranoid. Gott, ich glaube, ich an Yohjis Stelle hätte inzwischen Angst, mich einer Frau auch nur auf weniger als drei Meter zu nähern!"

"Was dich ja nicht stören würde!", biestete Asuka, die es sehr schlecht aufnahm, dass sie ein drittes Mal unterbrochen wurde.
"Schön, dass wir das geklärt haben! Dann könntet ihr ja euer Vorspiel auf heute Abend verschieben und aufhören, uns damit zu nerven!"
Asuka zerlöcherte ihn noch eine Sekunden lang mit ihrem Blick, dann schüttelte sie nur den Kopf und verließ mit einem "Spinner!" die Garage.

Die Tür knallte zu und es war still - bis auf Aya, die immer noch kicherte. "Schu...", sie unterbrach sich, um ihn angemessen bewundernd anzusehen, was man ihr aber irgendwie nicht ganz abnahm. "Das war... heroisch."
"Das war blöd. Jetzt sind die Proben im Eimer, und das, wo sie heute so gut drauf war - vom Gesang her jetzt." beschwerte sich Omi halbherzig, womit er sich irritierte Blicke von Yohji, Schuldig und Aya einfing. "... ich meine ja nur..."

Schweigen... Aya fragte sich, ob das jetzt der richtige Moment wäre, um Omi und Yohji auf ihr Theaterstück anzusprechen. Yohji fragte sich, wie wütend Asuka jetzt auf ihn war - so auf einer Skala von eins bis zehn. Omi fragte sich, wie lange es dauern würde, bis wieder ordentliche Proben stattfinden könnten.
"Hey, ich finde das gut, dass ihr das so gelassen aufnehmt.", unterbrach Schuldig die Gedanken der anderen.
"Was?"

Wie 'Was?'! Es war doch gar nicht so, dass Schuldig immer im Mittelpunkt stehen wollte. Er konnte nur nicht damit leben, hier ständig übergangen zu werden. Was war denn das hier bitte? "Oh, danke auch fürs Interesse! Und so was nennt man dann Freunde. Dafür hatte ich mir extra für euch einen Plan B überlegt, falls ihr nicht damit klar kommt."
"Nee, echt jetzt?"
"Ja natürlich." Schuldig grinste. "Ich hätte mir das Ganze aus dem Kopf geschlagen, mir die Haare schneiden lassen und als Anzugträger ein Jura-Studium angefangen, woraufhin ich dann Buchhalter geworden wäre."

"Das ist doch Blödsinn," sagte Aya mit einem Stirnrunzeln, "seit wann wird man denn mit einem Jura-Studium Buchhalter?"
"Bitte? Ist das dein einziges Problem?"
"Äjm... Schu, versteh uns nicht falsch," baute Omi vor, "aber das kommt jetzt nicht so wahnsinnig überraschend... Also das mit dem Haareschneiden schon - dass ich so was mal von dir höre... unglaublich - aber, na ja... du rennst Ran jetzt schon seit über zwei Wochen hinterher."

"Und da denkt ihr sofort, dass ich schwul bin?" Schuldig war leicht verwirrt.
"Das nicht, aber wenn Ran da ist, verhältst du dich so... ähm... du..." Omi suchte offenbar nach einem Beispiel.
"Du starrst ihn an." stellte Yohji fest.
"Wann?"
"Die Frage ist wohl eher, wann du ihn mal nicht anstarrst." sagte Yohji mit vielsagendem Blick.

"Und du bist in den letzten Wochen viermal zum Frühstück hier aufgetaucht." gab Omi zu bedenken.
"Und dass, wo du sonst nicht mal pünktlich zur Schule kommst.", fügte Yohji hinzu.
"Vielleicht bin ich einfach früher aufgewacht?" schlug Schuldig vor.
"Ja klar, und dann hast du dir gedacht, du machst einfach den kleinen Umweg zu mir nach Haus, um mal wieder mit deinen Freunden zusammen zur Schule zu gehen - was du in acht Jahren nicht ein einziges Mal gemacht hast. Übrigens verständlich, weil dieser 'kleine Umweg' ungefähr fünf Kilometer ausmacht, nicht?"

"Okay, ich hab's kapiert." Schuldig lehnte sich auf der Couch zurück und betrachtete das Thema als beendet. "... Was wollt ihr jetzt mit dem angebrochenen Nachmittag anfangen?"



"... das musst du dir mal klarmachen, gibt mir eine fünf. Aber mal ehrlich, was stört mich dieser Physiktest? Ich hab doch meinen Modellvertrag schon so gut wie in der Tasche."
Ran unterdrückte einen langen, leidenden Seufzer und sah sich im Café nach neuen Kunden um. Aber nein, alle bedient, alle zufrieden. Keine Ausrede, um dieser Nervensäge zu entkommen.

Karen Kitaura, seine Kollegin. Lange blonde Haare, perfekt frisiert, perfektes Make-up auf einem perfekten Gesicht, geschmackvoll, wenn auch recht offenherzig gekleidet, das war Karen. Nun ja, ihre guten Eigenschaften - wenn man denn Wert darauf legte. Im übrigen war sie schwerer zu ertragen als all die schmachtenden, eisessenden Schulmädchen auf der anderen Seite des Tresens zusammen.
Er hätte lieber allein gearbeitet.

"Trotzdem: eine Fünf! Was soll das? Ich meine, ich hab mich extra ganz vorn hingesetzt und mein Ausschnitt ging nie höher als bis hier! Und dann eine Fünf?! Mal ehrlich, hab ich das verdient?"
Ran konnte schwer so tun, als würde er sie nicht hören, also zuckte er die Schultern und lenkte sich damit ab, den Tresen abzuwischen.
Karen sah ihn einen Moment abwartend an und als die erwünschte Reaktion offenbar nicht kam, fügte sie zuckersüß hinzu: "Du hättest mir keine Fünf gegeben, stimmt's?"

Ran warf ihr einen undeutbaren Blick zu. Ihm war nicht so ganz klar, was er mit ihrer Physikzensur zu tun hatte.
Ihm war auch nicht klar, warum Karen ihn seit zwei Minuten mit der Geschichte ihres misslungenen Physiktests beglückte, aber er hatte in den letzten Tagen gelernt, dass diese Frau einfach stundenlang über sich selbst reden konnte.
Da sie immer noch neben ihm stand und offenbar darauf wartete, dass er sich an diesem doch recht einseitigen Gespräch beteiligte, machte er "Hn." und drängelte sich dann an ihr vorbei, um die Bestellung an einem eben besetzten Tisch aufzunehmen.

Noch so ein Haufen kleiner Mädchen. Achtklässlerinnen vielleicht.
Er nahm stoisch und das Kichern ignorierend die Bestellungen auf und ging wieder an den Tresen, wo Karen immer noch stand. "Hach, ist das nicht nervtötend, diese ständigen Bewunderer?", fragte Karen mitfühlend. Ran stellte nur finster schweigend die Eisbecher zusammen, während er sich fragte, womit er das verdient hatte - diesen Arbeitsplatz zwischen Scylla und Charybdis.

Er musste wohl geseufzt haben, denn Karen nickte mitfühlend. "Ja, ich kenne das. Bei mir ist das ja nicht anders. Man hat es schon schwer, wenn man so umwerfend aussieht, wie... wir. Dabei ist es doch ganz klar, dass man sich bei solch einem Aussehen, nicht mit diesen mittelmäßigen Kindern abgeben kann." Karen schüttelte über diese Vorstellung den Kopf. "Wenn man eine gewisse Klasse hat, muss man doch unter sich bleiben, nicht wahr?", schnappte die Scylla mit einem Zahnpastawerbungslächeln.
Ran war mit dem Eis fertig und flüchtete sich in die Charybdis. Mit den verrückten, liebeskranken Mädchen konnte er noch fertig werden, aber diese Irre hier war ganz klar jenseits von Gut und Böse. Was laberte die da?

Er brachte die Eisbecher an den Tisch und ging dann weiter an einen der anderen, um abzukassieren. Trinkgeld gab es erwartungsgemäß nicht, dafür aber allein an diesem Tisch schon wieder zwei sorgfältig zusammengefaltete Liebesbriefe, die er etwas genervt zu den anderen in seine Schürzentasche steckte.
Die Dinger häuften sich langsam an, aber er hatte einfach keinen Schimmer, was er damit machen sollte. Lesen wollte er sie nicht, und wegschmeißen kam ihm irgendwie herzlos vor. Na ja, eigentlich konnte es ihm egal sein, war ja nicht so, als ob er danach gefragt hätte.

Er stellte sich an eine freie Stelle neben einem der großen Fenster und genoss einem Moment Ruhe, während Karen damit beschäftigt war, zwei Jungen und eine ältere Dame mit Eis in der Waffel zu versorgen. Seine Schicht war zum Glück bald zuende. Himmel, wer hätte gedacht, dass die Arbeit in einer Eisdiele so stressig sein könnte...

"Ich denke, morgen Abend um acht wäre gut. Du kannst mich zum Essen einladen und dann Kino. Man muss es ja beim ersten Date nicht gleich so übertreiben... warte, ich schreib dir schnell meine Adresse auf, dann kannst du mich abholen."
Ran drehte sich mit einem überraschten Laut um. Momoe hatte sie offenbar hinter dem Tresen abgelöst und Karen stand jetzt neben ihm und schrieb irgendwas auf eine Serviette. Er sah sie an als wäre er sich nicht sicher, welches Insektenspray er benutzen sollte. "Nein."

Sie sah leicht verwirrt auf. "Nein?" Ein Lächeln. "Passt dir die Uhrzeit nicht? Wir können's auch ne Stunde verschieben. Aber ein anderer Tag geht leider nicht, diese Woche ist ziemlich voll und du hast Glück, dass ich morgen Abend frei machen konnte."
Wieder unterdrückte Ran ein Seufzen und versuchte den Rest seiner guten Manieren zusammen zu kratzen. "Nein... danke.", zwang er sich ab. "Ich möchte kein Date." Er ließ sogar das 'mit dir' weg, weil es sich bei ihm wahrscheinlich viel zu unfreundlich anhören würde.

Karen sah ihn einen Moment lang verwirrt an, dann zog sie die Augenbrauen hoch und erneuerte ihr Lächeln. "Du magst es nicht, wenn Frauen größer sind als du, richtig? Aber das sind nur die Schuhe, mit flachen bin ich bestimmt... na ja, vier Zentimeter kleiner."
/Gott, warum verstehen die hier kein 'Nein'?/, fragte sich Ran genervt.
Karen interpretierte den mörderischen Blick wohl falsch und lächelte entschuldigend. "Na ja, du musst zugeben, der Größte bist du nicht gerade... Aber ich trag morgen andere Schuhe, die hier sind ja wirklich sehr hoch."

Ran warf einen Blick nach unten. Tatsächlich irritierten ihn die Schuhe. Er konnte sich noch recht gut daran erinnern, wie sich seine Füße nach einer gewissen Cosplay-Convention, an der er nicht ganz freiwillig teilgenommen hatte, angefühlt hatten - und seine Schuhe damals waren nicht halb so - ah, nein, er wollte gar nicht daran denken. Jedenfalls war ihm bei dem Anblick von Zwölf-Zentimeter-Absätzen mehr als unwohl.

"Ich möchte kein Date mit dir.", wiederholte er und unterbrach damit ihr Lamentieren über die Schwierigkeiten Outfits zu flachen Schuhen zu finden.
Sie sah ihn ungläubig an. "Du willst kein Date mit m i r ?"
Ihm wurde das hier zu blöd. Irgendwie hatten an dieser Schule doch alle einen totalen Schaden. Er nickte also nur und ging zum Tresen rüber, um sich von Momoe zu verabschieden und seine Tasche zu holen.

Sie kam ihm nach. "Was soll das heißen, du willst kein Date mit mir?!", zischte sie, um nicht die Aufmerksamkeit sämtlicher Gäste auf sich zu ziehen. Ran hatte nicht vor, überhaupt zu antworten, aber diese Aufgabe wurde ihm auch unerwartet abgenommen.
"Ist doch nicht so schwer zu verstehen, Schön. Drücken wir es so aus: Du bist nicht gerade der Hauptgewinn, eher ein Wanderpokal."

Karen war so schnell bei Schuldig, dass es Ran angesichts ihrer Schuhe erstaunte. "Was willst du hier, Ziegenpeter?", fauchte sie, "Gibt es irgendwo Sauerkraut umsonst oder was?"
Schuldig grinste nur. "Und du? Werfen die Pornofilme jetzt schon so wenig ab, dass du noch 'nen Nebenjob brauchst?"
Sie schnaubte. "Keine Ahnung, was du meinst, aber es kann ja nicht jeder von Papis Geld leben."
"Autsch. Sag mal, wie lange dauert's eigentlich noch, bis du die da", er warf einen Blick auf ihre Brüste, "abbezahlt hast?"
"Du wirst es kaum glauben, aber manche Leute sind von Natur aus schön."
"Ja wirklich, kaum zu glauben."
"Und wie ich sehe bist du mal wieder beim Frisör gewesen und nicht dran gekommen..."
"Gzs, Frisör... haben meine Haare gar nicht nötig!"
"Ach, immer noch diesem tragischen Irrtum verfallen."

Ran hatte sich das ganze einen Moment schweigend angesehen und war dann kopfschüttelnd gegangen. Nur Irre.
Nachdem er eine knappe Minute lang draußen gewartet hatte, kam Schuldig grinsend heraus.
"Was war das da drinnen?"
Schuldig zuckte die Schultern. "Ja komisch. Ich muss sagen, seit der neunten Klasse hat sich unser Verhältnis sehr gebessert..."
"Bitte?"

Schuldig runzelte die Stirn, während er neben Ran herging. "Irgendwie krieg ich alle Frauen dazu, mich zu hassen. Chizuru, Karen, meine Mutter... Außer Asuka, die verachtet mich nur. Ach ja, und deine Schwester mag mich. Mein Sieg über die weibliche Psyche."
"Was redest du da eigentlich für Schwachsinn?"
"Weiß nicht... wie war die Arbeit?"
"Hn."
"So schlimm? Dabei siehst du so niedlich aus in dieser Schürze!" Schuldig handelte sich einen finsteren Blick von Ran ein. "Was natürlich alles viel besser macht."



...stagniert, aber nicht vergessen...



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© 2005 by Elster

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