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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Schulgeschichten vom Schu



~ 1 und 2 ~
Wie alles begann


~ 3 bis 5 ~
Der Erste Schultag (1)


~ 6 bis 8 ~
Der Erste Schultag (2)


~9~
Die Kleiderfrage

~10~
Red, Hot and Sexy

~11~
List und Tücke

~12~
Der Morgen danach


~ 13 bis ... ~
wird fortgesetzt...



Die Kleiderfrage

"Okay, ich werde das jetzt nicht auf Englisch sagen, damit es auch jeder versteht, also hören Sie her." Es war Freitag und Crawford hatte gerade mit einer unglaublich miesen Laune die erste Stunde begonnen, als Schuldig, mal wieder zu spät, diesmal allerdings sogar mit Ausrüstung, sprich: Rucksack, in den Klassenraum stürmte.

"Ich will gar nicht wissen, warum du zu spät bist."
Schuldig lag schon eine Erwiderung auf den Lippen, allerdings sah Crawford an diesem Morgen so aus, als würde er den nächsten, der ihm quer kam in der Luft zerfetzen. Also sagte er lieber nichts und setzte sich. /Na dann eben ein andermal./

Crawford nahm währenddessen seine kleine Rede wieder auf. Heute war mal wieder einer dieser Tage, an denen er sich ernsthaft fragte, warum zum Kuckuck er ausgerechnet Lehrer geworden war. Es gab so viel schönere Berufe mit weniger Stress und besserer Bezahlung. Auftragskiller zum Beispiel...

"Ich unterrichte jetzt seit knapp fünf Jahren Englisch und ich habe jedes Jahr mit mehreren Klassen, die sich alle gleich inkompetent und infantil verhielten, dieses Buch durchgenommen."
Mit den Fingerspitzen hielt er ein Exemplar der englischen Ausgabe von 'Romeo und Julia' hoch.

"Man mag diesem Stück einige positive Seiten abgewinnen, aber ich..." Es kam eine perfekt bemessene rhetorische Pause, in der der Teil der Schüler, deren Gedanken schon wieder abgeschweift waren, ihm wieder ihre Aufmerksamkeit widmeten. "...ich habe dieses Stück in all diesen Jahren hassen gelernt. Und damit meine ich nicht etwa Abneigung, nein, ich hasse dieses Werk wirklich aus tiefster Seele!"

Er atmete einmal tief durch und fuhr dann fast betrübt fort.
"Trotz meiner alljährlichen Bemühungen, es durch ein anderes Werk zu ersetzen, steht es auch dieses Jahr wieder auf dem Lehrplan. Was ich Ihnen mit dieser Rede klar zu machen versuche, ist nun Folgendes:
Egal, wie sehr Sie es verabscheuen und wie oft Sie sich fragen werden, warum wir nichts anderes machen, beschweren Sie sich nicht bei mir. Ich hasse dieses Buch mehr, als Sie alle zusammen es hassen werden und habe mir diese Frage selbst schon unzählige Male erfolglos gestellt."

/Na das nenn ich doch mal Motivation!/ dachte sich Schuldig. /Aber irgendwie tut er mir schon leid. Als Lehrer hat er total den Beruf verfehlt. Ich könnte ihn mir zum Beispiel super als Auftragskiller vorstellen./
>Ja klar. Oder als Bodyguard.<

/Möh, warum klingst du schon wieder so sarkastisch?/
>Du denkst manchmal so einen Schwachsinn!<
/Gar nicht wahr!/
>Stimmt. Eigentlich immer.<
/Du musst so was echt nicht sagen, ich bin so schon deprimiert genug./
>Warum denn nun schon wieder?<

/Ran geht mir aus dem Weg! T___T/
>Würd' ich auch, wenn ich könnte.<
/Na Danke, das muntert einen echt auf./
>Hey, stell sofort den Totenmarsch wieder ab. Du könntest zum Beispiel mit Aya reden, vielleicht hilft sie dir ja.<

Na ja, nicht unbedingt das gelbe vom Ei, besonders wenn man bedachte, dass es im Grunde nur in einer Katastrophe enden konnte, wenn man Aya Gelegenheit gab, sich in das Liebesleben Anderer einzumischen. Aber nach Schuldigs Meinung konnte es sowieso nicht mehr schlimmer werden und so beschloss er, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.

Aber erstaunlicherweise war Aya nicht wirklich begeistert, als Schuldig sie in der Pause abfing und sie um Hilfe bat.
"Mensch Schuldig, kannst du das nicht jemand anderem erzählen? Ich hab echt viel zu tun. Nächsten Monat sollen die Proben für das Stück anfangen und ich muss es bis dahin nicht nur fertig schreiben, sondern auch noch Statisten finden. Das ist gar nicht so einfach mit einem nur halbfertigen Skript."

/Mit dem fertigen wirst du die Schüler auch nicht dafür begeistern können./ dachte Schuldig gerade und wollte das auch gleich sagen, wurde aber durch ein heroisches Eingreifen seiner vielleicht doch nicht so bösen Stimme davon abgehalten.
>Denk noch mal ganz scharf nach! Läuft es deinen Interessen nicht ein bisschen zuwider, wenn Aya sauer ist?<
/Ups. Stimmt./

"Aya, bitte!!!"
"Was soll ich denn machen? Ich glaube ja, er mag dich, aber wenn du mir das nicht glaubst..."
"Aber er redet nicht mit mir und rennt weg, wenn er mich sieht."
Aya zuckte nur mit den Schultern. "Wenigstens hat er dich noch nicht niedergeschlagen."

"Hä?"
"Na ich meine Hirofumis gebrochenes Nasenbein."
Schuldig klappte der Kiefer runter. "Wie, das war er?"
"Ja, ich bin mir ziemlich sicher."

Schuldig konnte es ja nicht fassen. Sein Engel hatte Hirofumi K.O. gehauen!
Okay, zugegeben, nicht besonders engelhaft. Aber jetzt liebte er ihn gleich noch mehr!
>Mein Gott! Du bist so ein trauriger Loser!<
/Warum denn nun schon wieder?/
>Ach, nur so...<

"Schuldig! Hallo! Ich rede mit dir!"
Wie? Schuldig sah Aya verwirrt an.
"Ich wollte wissen, ob du ihn gefragt hast, ob er heut Abend zum Auftritt mitkommen will."
"Hm. Er meinte, er überlegt's sich."
"Na gut, ich werd da mal ein bisschen nachhelfen. Ich muss jetzt weg, ich hab noch zu tun. Also bis dann!"

~*~

Ran arbeitete an seinem Schreibtisch, als Aya in sein Zimmer kam. Neugierig sah sie ihm über die Schulter und seufzte dann enttäuscht auf. "Mein Gott, Ran! Du machst an einem Freitag Nachmittag Hausaufgaben? Es wird echt immer schlimmer mit dir..."

"Ich arbeite am Wochenende." brummte ihr Bruder ohne aufzusehen.
"Ach so? Wo denn?"
"Im "Sweet Little Kitten"."
Einen Moment war es still, dann prustete Aya los. "Die haben da doch diese gelben Schürzen mit nem Kätzchen drauf... Musst du die auch tragen?"

Jetzt sah Ran doch mit finsterem Blick auf. "Kann sein. Wieso?"
Ayas Lachen wurde noch eine Spur lauter. "Ich stell mir das nur gerade vor... Egal, was die dir zahlen, es ist nicht genug."

Ran wandte sich wieder seinen Hausaufgaben zu. "Was wolltest du eigentlich?"
"Ach ja... du kommst doch heute Abend mit, oder?"
"Eigentlich-"
Aber er wurde von einer superlieb guckenden Aya unterbrochen.

"Raaaan! Bitteeee! Du musst!
Du kannst doch an einem Freitag Abend nicht einfach zu Hause bleiben! Du musst deine Jugend genießen. Außerdem hast du schon Hausaufgaben gemacht und allein um das wieder gutzumachen musst du mit."

An dieser Stelle holte sie kurz Luft und schaltete dann auf emotionale Erpressung um.
"Außerdem kannst du mich armes wehrloses Mädchen doch nicht einfach allein in einen Club gehen lassen. Was bist du nur für ein großer Bruder? Du musst mich doch beschützen."

Ran sah sie mit wachsender Verzweiflung an. Was sollte er denn dazu sagen?
Aber diese Entscheidung wurde ihm ja sowieso abgenommen, als Aya ihm überglücklich um den Hals fiel und ihm dankte, dass er jetzt doch mitkam.
Wann bitte sollte er eigentlich zugesagt haben?

Er seufzte ergeben auf, sah seine Schwester dann aber misstrauisch an. "Du steckst nicht zufällig mit einem gewissen Deutschen unter einer Decke?"
"Gott, nein! Wie kommst du denn darauf?" Aya versuchte nicht einmal, überzeugend zu wirken.

"Okay, ich such dir dann schon mal was zum Anziehen raus..."
Ran schüttelte nur den Kopf und wandte sich wieder seiner Arbeit zu, während Aya in seinem Schrank wühlte.
Stop! Moment! Was hatte sie da gerade gesagt? Hatte er das richtig verstanden?

Hastig drehte er sich zu ihr um.
Ayas Kopf tauchte wieder aus seinem Kleiderschrank auf. "Hm? Ist was?" Sie versuchte, möglichst beiläufig zu klingen, aber das unheilschwangere Glitzern in ihren Augen ließ Ran innerlich zurückschrecken.

"Ich kann mich selbst anziehen."
"Ran, man zieht nicht Jeans und T-Shirt an, wenn man in einen Club geht!" rief Aya fast verzweifelt.

/Ach, ich finde, wenn man nur seine Schwester begleitet und auch noch dazu gezwungen wird, geht das schon mal./ Aber das klang ziemlich albern, also sagte er lieber gar nichts und brummte nur ein "Hn."
Das Mädchen strahlte. "Also darf ich dir jetzt doch was raussuchen!?"
"Nein!" Und im nächsten Augenblick fand sich Aya auf dem Flur vor dem Zimmer wieder.

Wie fies! Aber na ja, im Grunde machte das nichts, dann würde sie halt noch mal einkaufen gehen. In Rans Schrank war ja eh nichts vernünftiges zu finden und Zeit war auch noch reichlich.
Sie drehte sich um und verließ das Haus. Als sie mit Schuldig gesprochen hatte, hatte sie ziemlich schlechte Laune gehabt, aber jetzt fand sie es eigentlich ganz lustig, sich um Ran zu kümmern.

Ran lehnte sich an seine verschlossene Tür und konnte in Anbetracht solcher... solcher... Wie sollte er nur Worte finden für Aya-chans Verhalten?
Egal... er schüttelte kurz den Kopf.

Wenn er das jetzt nicht völlig falsch verstanden hatte, hatte Aya es sich in ihren Dickschädel gesetzt, ihn mit Schuldig zu verkuppeln. Aber warum um alles in der Welt? Hatte die denn keine eigenen Probleme?

Ran zuckte mit den Schultern. Sie meinte es ja nur gut... hoffte er.
Und eigentlich konnte er sich Schlimmeres vorstellen.
Allerdings nicht vieles.
Oder?

Er stieß sich von der Tür ab und setzte sich an seinen Schreibtisch. Die Eingangstür schlug zu. Aya hatte das Haus verlassen. Ran glaubte nicht einen Moment daran, dass sie vielleicht wegen dem Rauswurf beleidigt sein könnte. Er fragte sich vielmehr, was sie jetzt schon wieder im Schilde führte. Aber egal, was sie vorhatte, aufgegeben hatte sie jedenfalls nicht.
Eher würde die Hölle zufrieren.

Er versuchte, wieder Hausaufgaben zu machen, konnte sich aber nicht so richtig konzentrieren.
Er lehnte sich zurück, sah aus dem Fenster und musste sich eingestehen, dass eventuell die entfernte, nein sehr entfernte, unwahrscheinliche Möglichkeit bestehen könnte, dass er sich vielleicht ein klitzekleines Bisschen, aber wirklich nicht mehr, auf heute Abend freute.

~*~

Ran saß im Wohnzimmer auf der Couch und ließ sich von einem total begeisterten Omi ein neues Computerspiel erklären, als Aya mit einem fröhlichen "Hallo Leute! Bin wieder da-haaa!" hereingeschneit kam.

Während Omi sie ebenso fröhlich begrüßte, erschien auf Rans Gesicht ein leichtes Lächeln. Dann aber bemerkte er all die Tüten und Schachteln, die Aya mitschleppte. Irgendwie machte ihn das misstrauisch. Außerdem verwunderte ihn, wie so ein kleiner Mensch so eine ungeheure Menge tragen konnte.

Und wie konnte eine einzelne Person so viel kaufen? Oder besser: Wozu? Wenn er sich neue Klamotten kaufte, dauerte das selten länger als eine halbe Stunde, in der er den Laden betrat, drei Hosen anprobierte und die beste kaufte. Dazu noch zwei schwarze T-Shirts und schon war man komplett neu eingekleidet. Mehr Zeit brauchte man doch in so etwas unwichtiges nun wirklich nicht zu investieren...

Er half Aya noch schnell, das ganze Zeug hoch zu tragen, dann gingen sie wieder runter, um noch Abendbrot zu essen, bevor sie zum WeißKreuz-Auftritt gingen.
"Ach Ran, ich hab's mir übrigens anders überlegt. Du darfst anziehen, was du willst."
"Aha. Und da soll ich jetzt dankbar sein?" fragte er vorsichtig, denn das plötzlich Nachgeben seiner Schwester wollte ihm gar nicht gefallen. Außerdem grinste sie so selbstzufrieden.
Da war doch was faul...

Sein Misstrauen steigerte sich noch, als Aya gleich nach dem Essen aufsprang und meinte, sie hätte noch was zu erledigen. Doch er versäumte es, etwas zu unternehmen und so stand er als er sich für den Club umziehen wollte vor einem leeren Kleiderschrank. Leer bis auf -

"Aya!!!"
Diese sah ganz unschuldig auf, als Ran in ihr Zimmer stürmte, lehnte sich aber verdächtig gegen ihren Schrank, der jeden Moment aus allen Nähten zu platzen schien und sah Ran mit ihrem liebsten Blick an, der in diesem Augenblick ziemlich aufgebracht und, zumindest für Ran, ziemlich ungewöhnlich gekleidet war.

"Was hast du getan? Was soll das? Wo-"
Aber Aya schien wenig beeindruckt von seinem Geschrei und strahlte ihn nur total happy an.
"Boa, Ran, ich wusste ja, dass dir die Sachen gut stehen würden, aber du siehst ja einfach toll aus!"

Ran wurde ein wenig rot, stellte aber sofort wieder seinen Standpunkt klar.
"Das. Zieh. Ich. Nicht. An."
Obwohl diese Aussage doch etwas gewagt war, denn immerhin trug er die Sachen ja schon, sah Aya-chan ihn an, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.

"A-aber warum denn nicht? ...sniff... D-die hab ich extra für dich gekauft!"
Ran stand völlig verzweifelt daneben, wollte aber nicht so leicht kapitulieren. "Aber sie sind rot!"
"Na ja, das Shirt schon, aber die Hose ist immerhin fast schwarz."

Ran musste schon einen Moment stutzen. Wie schaffte sie es nur so völlig unverfroren, diesen kläglichen Fetzen Stoff allen Ernstes als Shirt zu bezeichnen? Und die Hose war tatsächlich sehr dunkel rot, aber eben immer noch rot.

"Was hast du eigentlich gegen rot? Das steht dir ganz besonders gut. Außerdem musst du wissen, dass dieses Outfit nur einen Kompromiss zwischen meinen ursprünglichen Vorstellungen und deiner vermutlichen Schmerzgrenze darstellt."

Ran sah sie nun völlig perplex an, während er sich davon abzubringen versuchte, sich vorzustellen, wie diese ursprünglichen Vorstellungen' wohl ausgesehen hatten.
Er schaffte es nicht.
"Du bist doch krank! Was wolltest du mir denn ursprünglich anziehen?"
Ein unheimliches Grinsen. "Das willst du gar nicht wissen..."

Aus heiterem Himmel schaltete Aya wieder in den Bettelmodus.
"Komm schon. Jetzt hast du es doch sowieso schon an, also kannst du auch so gehen."
"Bestechende Logik." knurrte Ran. "Und was soll bitteschön der Aufdruck?"
"Hm? Was für'n Aufdruck?"
"Na der, der in sieben Zentimeter großen, schwarzen Lettern auf diesem sogenannten Shirt' absolut nicht zu übersehen ist: RED, HOT & SEXY"

"Wie? Was? Ähm... Ach der. Der muss mir glatt entgangen sein."
"Warum glaub ich dir das jetzt nur nicht?"
"Ra-an! Sei doch nicht so!"

Ran begann sich inzwischen schon mit seinem Schicksal abzufinden. Er seufzte resigniert.
"Hättest du die Hose nicht wenigstens eine Nummer größer kaufen können?"
"Ey Ran, die passt doch wirklich perfekt!"

Natürlich hatte Ran von Anfang an keine reelle Chance gegen Aya-chan gehabt.
Und so kam es wie es kommen musste. Ran ging in rot zum Konzert.



Red, Hot and Sexy

RUMMS !!!
Ein lautes Knallen war zu hören, als eine der Boxen umfiel und gleich noch eines der Mikrophone niederstreckte. Nur Sekundenbruchteile später kommentierte ein "Autsch!" Schuldigs Sturz.

Fluchend rappelte er sich auf und versuchte, seine Füße aus den Kabeln zu heddern. Was hatten die hier zu suchen? Warum stellten sie ihm Beine? Das war doch ungerecht!
Er sah auf und sein Blick traf auf drei Augenpaare, die ihn böse anstarrten. Yohji hatte schon angefangen Mikro und Lautsprecher wieder aufzustellen. "Schuldig! RAUS !!!"

"Hey, was soll ich denn draußen machen? Mir is langweilig. Ich will euch lieber noch zuhören."
"Du störst aber. Du rennst jetzt schon ne halbe Stunde im Kreis und jetzt demolierst du auch noch die Technik!"
"Was kann ich denn dafür, wenn die Kabel im Weg liegen? Außerdem kann man bei dem Schrott sowieso nix mehr kaputt machen."
"Was soll denn das heißen?"

"Ähm... nichts. Kann ich bleiben?"
"Setz' dich da hinten hin. Weit weg von den Boxen."
Murrend verzog sich Schuldig an die Bar und sah zu, wie WeißKreuz ihr Zeug auf die Bühne schafften.
Aus unerfindlichen Gründen hatten sie seine Hilfe abgelehnt - mit entsetzten Gesichtern. Versteh' einer die...

Der Laden war noch fast leer. Außer den Vieren waren nur noch Nagi und Tot da. Das Mädchen mit den türkisen Haaren war die Tochter des Besitzers und was dieser kleine Computerfreak hier wollte... keine Ahnung. Interessierte ihn auch nicht.
Ihm war zwar langweilig, aber mit den Bälgern wollte er sich bestimmt nicht rumschlagen.

Na toll! Da kam er extra, um seinen Freunden beim Aufbau zu helfen und dann schoben die ihn ab und wurden fast panisch, wenn er in die Nähe von einem der Geräte kam.
Und was sollte er jetzt machen? Bis der Club öffnete würde es noch fast eine Stunde dauern.
Viel zu lange! Wie sollte er bis dahin die Zeit totschlagen?

>Kann es sein, dass du nervös bist?<
Schuldig und nervös?
/Nein, wie kommst du darauf? Das ist nur ganz normale Langeweile!/

"... Du, Omi? Wann wollte denn Aya kommen?"
Omi sah nur kurz von seinem Keyboard auf, das er gerade verkabelte. "Weiß nich... so halb neun?"
"Bringt sie Ran mit?"
"Keine Ahnung. Ich glaub' schon."

"Was weißt du überhaupt? Wohnt ihr nicht in einem Haus?"
"Neidisch?" Yohji hörte kurz auf, an seinen Becken rumzufriemeln und grinste Schuldig an.
"Lasst mich doch alle in Ruhe!"

"Hallo!"
"Hallo, Ken."
"Hi. Sag mal, kannst du ihn" Asuka warf einen entnervten Blick auf Schuldig, "mal für einen Augenblick ablenken? Er demoliert sonst noch unsere ganze Ausrüstung."

Ken sah sie kurz fragend an, zuckte dann aber mit den Schultern und ging hinüber.
"Hi, Schuldig. Was machst du denn jetzt schon hier?"
"Und du? Ich dachte, du könntest heut nicht kommen. War da nicht irgendwas mit deiner Oma?"
"Ich wollte ja auch nur mal vorbeischauen und Glück wünschen. In 'ner halben Stunde muss ich zum Geburtstag."
"Warum gehst du da hin?"
"Sie wird 70."
"Hm."
"... ja."

"Ich dachte, die wäre letztes Jahr gestorben."
Ken sah ihn böse an. "Ist sie nicht!"
"Okay, wenn du's sagst... aber wer ist dann gestorben?"
"Was geht nur in deinem Kopf vor?"
"..."

"Bist du mit dem Kritiker' fertig geworden?"
"Fast. Montag kommt er raus."
"Sollte er nicht schon heute fertig werden?"
"Hat halt nicht geklappt... Muss Hell sich mit abfinden, Journalismus ist ein hartes Gewerbe."
"Quatsch, du bist nur faul."
"Stimmt nicht. Ich musste heut den ganzen Tag durch die Schule hetzen, um Artikel einzutreiben. Niemand gibt die freiwillig ab."
"Och komm, ich hab dir meinen schon am Mittwoch gegeben."
"Ähm, ja... danke. Echt guter Artikel... ich musste ihn nur ein wenig kürzen."
Mehr sagte er dazu nicht.

Ken hatte ihm fünf eng beschriebene Blätter abgegeben. Irgendwie bewundernswert... zum Thema Sport wären Schu nicht mal fünf Zeilen eingefallen. Aber das war natürlich viel zu viel. Und die Orthographie war auch sehr... kreativ gewesen. Das Ding hatte ihm ganz schön Arbeit gemacht.

Schuldig war unvorsichtig, sodass er sich noch zwanzig Minuten lang mit Ken über Fußball unterhalten musste. Nicht, dass er irgendeine Meinung zu dem Thema gehabt hätte, aber das schien Ken gar nicht zu stören.
Kurz bevor Schuldigs Desinteresse seinen Höhepunkt erreicht hatte, verabschiedete sich der Braunhaarige, wünschte den Dreien auf der Bühne viel Erfolg und verschwand.
Die hatten inzwischen angefangen, sich warm zu spielen, hörten dann aber auf, als die ersten Besucher reinkamen.

Es waren viele Schüler der KTO dabei. Die meisten kamen wohl tatsächlich, um die Band zu hören.
/Na ja, warum auch sonst? So toll is der Laden hier ja nicht. Schon der Name... squared & flowered'... wer hat sich den bloß ausgedacht?/
Den Schuppen konnte man sich echt nur schöntrinken.

Scheiße, dass die einem Achzehnjährigen hier keinen Alkohol geben wollten... da wünschte man sich doch nach Deutschland.

Aber zwei Sekunden später war Deutschland vergessen. Wer wollte da schon hin? Hier war es doch toll! Da konnte der Laden so schäbig sein, wie er wollte.

Ran war da. Sein Engel war tatsächlich gekommen!
Obwohl er gar nicht aussah wie ein Engel. Nein, er sah mehr als scharf aus! Schu hätte gar nicht gedacht, dass sein Rotschopf solche Klamotten hatte.

Die enge dunkle Lederhose saß tief auf den Hüften und ließ noch jede Menge Platz bis zu dem knappen, roten Tanktop, das auch nicht zu viel von dem perfekten Oberkörper verdeckte.
Was stand da? RED, HOT & SEXY? Ooh ja! Das konnte man laut sagen. Wahnsinn!

Schuldig beobachtete, wie Ran seiner Schwester zur Bühne folgte, wo sie erst mal Asuka, Omi und Yohji begrüßten. Dann kamen die Beiden auch schon auf ihn zu. Aya schob Ran auf den Hocker neben Schuldig.

"Oh, Hallo Schu! Ich lass dir mal Ran hier. Ich muss auch schon wieder los." sprudelte sie hervor.
Schuldig kam gar nicht dazu zu antworten.
"Wo willst du denn hin?" fragte Ran misstrauisch.
"Ähm... tja... weg. Aber Schu wird dir ja Gesellschaft leisten."

Und schon war sie zu einem der weiter entfernten Tische verschwunden, wo sie ein paar Mädchen aus ihrer Klasse entdeckt hatte.
"Hn." Ran starrte ihr böse hinterher, machte aber keine Anstalten, wegzugehen.
Als Aya ihn weiter ignorierte, wandte er sich an Schuldig, der immer noch völlig hin und weg war, dass sein Engel jetzt neben ihm saß.

"Ähm... Hi, Schuldig." Warum sah der Typ ihn schon wieder so komisch an?
Er räusperte sich und tippte dem Deutschen auf die Schulter. Und tatsächlich verschwand der abwesende Blick nach einer Weile und machte einem strahlenden Grinsen Platz. "Hallo Ran! Schön, dass du da bist!"

"Hm... ja." Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.
"Und? Wie gefällt dir das squared & flowered'?"
"Ich frag mich, wie diese Kneipe mit integrierter Dorfdisco dazu kommt, sich Club zu nennen."
Schuldigs Grinsen wurde noch ein bisschen breiter. "Da bist du nicht der Erste."

Die Radiomusik wurde ausgeschaltet und WeißKreuz fing an zu spielen.
Die ersten drei Songs hörten sie sich an, ohne etwas zu sagen. Ran musste sich auf dem Barhocker umdrehen, um die Bühne sehen zu können, und Schu war damit beschäftigt, Rans Rücken anzustarren.

"Du siehst echt toll aus." brach er dann nach einer Weile das Schweigen.
Ran drehte sich um und sah ihn an. "Hn, danke. Du auch." murmelte er, sprach dann aber hastig weiter. "Aya hat das Zeug gekauft."

Schuldig grinste wieder übers ganze Gesicht. "Dann muss ich mich bei ihr bedanken. Dein Hintern sieht echt scharf aus in dieser Hose."
Ran sah ihn einen Moment verduzt an und drehte sich dann wieder ruckartig zur Bühne.
"Das hab ich jetzt nicht gehört."
"Wieso denn nicht? Das war ein Kompliment!"
"Rührend."

Ran schien sich jetzt wieder auf WeißKreuz zu konzentrieren und Schuldig bewunderte betrübt die weiße Haut in Rans Nacken, und die roten Haare, die so einen schönen Kontrast dazu bildeten.
Was hatte er denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Warum war Ran so schwierig?

Während er weiter über die Ungerechtigkeit des Lebens und der Welt im Ganzen grübelte, spielte Weißkreuz noch acht oder neun eigene Lieder, bevor sie anfingen, bekannte Songs nachzuspielen. Die Stimmung war ziemlich gut und immer mehr Leute gingen auch auf die Tanzfläche.

Ran drehte sich wieder zur Bar um und bestellte ein Caipirinha.
Der Barkeeper sah ihn prüfend an. "Biste zu jung für."
"Hn... dann ein..." Ran warf einen Blick auf die Karte mit den alkoholfreien Getränken, "... ein Caribian Sunrise'."

Ein bedauerndes Kopfschütteln. "Ham wa nich mehr."
"Und dieses Strawberry-irgendwas?"
"Nee, ham wa auch nich mehr."
Rans Augenbraue zuckte kurz. "Was haben Sie denn?"

Der Typ hinter dem Tresen schien einen Augenblick angestrengt nachzudenken.
"Hm... ick glob, wir ham noch Kirschsaft."
Ran nickte entnervt. "Okay, dann Kirschsaft."

Der Barkeeper machte sich also auf die Suche nach Kirschsaft und Schuldig grinste Ran wieder an.
"Wenn du auch so ausgefallene Wünsche hast..."
Ran musste jetzt doch lächeln. Schuldig jubelte innerlich auf. An diesem Lächln konnte er sich einfach nicht satt sehen.

"Ähm... wir haben doch keinen Kirschsaft mehr." meldete sich der Barkeeper, der plötzlich wieder vor ihnen auftauchte, zurück. "Aber Orangensaft wäre noch da."
"Ja, Gott im Himmel, dann bringen Sie eben Orangensaft!" Ran schien echt genervt zu sein, aber Schuldig konnte sich jetzt vor Lachen kaum noch auf seinem Hocker halten.

Ein Glas Saft wurde ängstlich vor Ran abgestellt, dann machte der glücklose Barkeeper sich schnell aus dem Staub. Schuldig lachte jetzt nicht mehr, grinste aber so breit, dass die Ohren Besuch bekamen. "Krieg ich was ab?"
"Vergiss es. Das ist schwer erkämpft worden."
"Ja, aber inzwischen ist bestimmt auch der O-Saft alle und ich verdurste, eh sie was finden."

Wieder erschien ein Lächeln auf Rans Gesicht. "Dein Problem."
"Aber Ran! Du kannst mich doch nicht so einfach sterben lassen!"
" ...doch." In den violetten Augen blitzte es, als Ran genüsslich einen Schluck trank.
"Du bist so grausam!"
"Ja."

"Willst du tanzen?"
Ran sah ihn zweifelnd an. "Ich tanze nicht."
"Ach was, jeder kann tanzen."
"Ich hab auch nicht behauptet, dass ich es nicht kann. Ich tue es einfach nicht."
"Warum denn nicht?"

Ran wollte grade zu einer Antwort ansetzen, als Aya neben ihnen auftauchte.
"Hi, ihr zwei! Ihr scheint euch ja toll zu verstehen. Wow, Ran, wie hast du es geschafft, hier einen Saft zu kriegen? Hast du den Barkeeper bedroht? Krieg ich auch was ab?"
Sie hatte sich den schwer erbeuteten Saft schon genommen und trank ein paar Schluck, bevor sie ihn an Schuldig weiterreichte.

"Willst du auch was?" Schuldig warf Ran einen prüfenden Blick zu. Das bedrohliche Funkeln in den schönen Amethysten gefiel ihm gar nicht.
"Ach, da darfst du gar nicht drauf achten." meinte Aya mit einem fröhlichen Blick auf ihren Bruder. "Die Antwort wird immer 'Nein' sein, aber er meint das nicht so."
"Ach ja?" kam es von Ran.

"Ja. - Du~uu, Brüderchen, willst du nicht vielleicht tanzen? Dein Fanclub ist da und würde sich sehr freuen."
Der Blick des Rotschopfes vereiste. "Nein."
Dann verzogen sich seine Lippen zu einem wahrhaft furchteinflößenden Lächeln. "Aber du kannst ja Schuldig mitnehmen. Der ist ganz scharf darauf."

"Nein-nein. Ich will ihn dir ja nicht wegnehmen."
"Ach, das macht mir gar nichts. Und Schuldig will doch so gerne tanzen. NICHT WAHR, SCHU?" fragte Ran bedrohlich.
"Öh... ähm... na klar. Komm Aya. Weg hier." Schuldig sprang auf und zog Aya hinter sich her.
"Feigling!" zischte sie.

Ran drehte sich wieder zur Bar. Er lächelte leicht. Eigentlich war es schade, dass Schuldig jetzt weg war... Ach Blödsinn! Was dachte er da?
Jetzt hatte er seine Ruhe.
... und Schuldig würde sicher schon bald wieder auftauchen. Er war ja ziemlich hartnäckig...
Vielleicht sollte er ihm den Barhocker frei halten? Ach Quatsch!

Er drehte sich um und warf einen Blick auf die Tanzfläche. Schuldigs lange Haare fielen ihm beim Tanzen ins Gesicht und glänzten wie Kupfer. Er tanzte mit irgend einem Mädchen und es schien ihm Spaß zu machen...

Irgendwie gefiel Ran das nicht. Wo war denn Aya geblieben? Müsste die nicht eigentlich schon an der nächsten Aktion arbeiten, mit der sie ihm Schu wieder aufhalsen konnte?

"Hey du! Bist du Ran Fujimiya?"
Ran riss seinen Blick von der Tanzfläche, oder genauer gesagt: von Schuldig, los und richtete ihn auf die Person, die da jetzt vor ihm stand.
"Ja. Wer bist du?" Irgendwie kam der Typ ihm bekannt vor...

"Ich bin Masafumi."
" ...sollte ich dich kennen?"
"Ich bin Hirofumis Bruder."
Aha. Noch einer von der Sorte... Na das konnte ja heiter werden. Na ja, erst mal dumm stellen...
"Und dieser Hirofumi war... wer?"

Masafumi schien auch tatsächlich kurz zu zweifeln, ob er mit dem Richtigen redete.
"Na hast du ihm nicht die Nase gebrochen?"
"Die Nase?"
"Ja."
"Schade. Ich dachte, es wär' der Kiefer gewesen..." Ran drehte sich desinteressiert weg.

Masafumi stand da und hatte offensichtlich keine Ahnung, wie er jetzt reagieren sollte.
Mit Rans Verhalten konnte er nichts anfangen. Er war sehr wütend und sehr verwirrt. Warum fühlte der Typ sich nicht bedroht?
"Was machst du noch hier? Bin ich ein Arschlochmagnet? Hau gefälligst ab!"
Und tatsächlich schien dieser Masafumi so geplättet zu sein, dass er einfach abschob.

"Ach Ran, man ärgert doch nicht den Schulpsychopathen..." ertönte Schuldigs Stimme hinter ihm.
"So, ist er das? Ich dachte, das wäre euer Hausmeister." Ran sah aus den Augenwinkeln, wie Schu sich wieder auf seinen Hocker setzte.
"Nein, Jei ist harmlos... ähm, na ja, fast... aber mit den Horrorbrüdern solltest du dich nicht anlegen."

"Takatori... Sind die mit Omi verwand?"
Schuldig verzog das Gesicht. "Ja, Cousins. Aber sprich ihn besser nicht darauf an."
"Aha."

"Sag mal, hast du Hirofumi wirklich niedergeschlagen?"
"Ja. Ich konnte mich nicht davon abhalten."
"Und warum?"
"Er wollte mit mir essen gehen."

"Aha... und ich hab' dich geküsst. Muss ich da auch mit Rache rechnen?"
"Nein, das ist was anderes..." nuschelte Ran und starrte konzentriert in seinen Orangensaft.
"Da bin ich ja beruhigt." grinste Schu. "Obwohl... Eigentlich wollte ich dich ja auch mal zum Essen einladen. Ich schulde dir nämlich noch eins."

Ran sah von seinem Glas auf und lächelte ihn an. "Und? Traust du dich jetzt noch?"
"Nein, ich glaub' ich bleibe lieber auf der sicheren Seite."
Damit beugte Schuldig sich zu dem Rotschopf herüber und küsste ihn. Rans Lippen schmeckten nach Orangen, als er mit der Zunge darüber strich.
Für einen kurzen Moment schien es ihm, als würde sein Engel den Kuss erwidern, aber dann drückten dessen Hände ihn weg.
"Doch nicht hier."

/Ja, das sollte ich wörtlich nehmen!/ freute sich Schuldig und zerrte Ran hinter sich her zum Ausgang. Auf dem Weg nach draußen trafen sie noch auf Aya, die ihnen fröhlich zuwinkte und ein "Schönen Abend noch!" hinterher rief.



List und Tücke

"Was soll das?"
Draußen angelangt blieb Ran stehen und riss sich von Schuldig los.
"Wir gehen zu meiner Wohnung." verkündete Schuldig enthusiastisch.
Ran sah ihn nur verständnislos an. "Ach so?"

"Ja klar. Ich meine, wir könnten auch zu dir gehen, aber ich wohne viel näher und außerdem sind wir bei mir ungestört."
"Hä?" formulierte Ran wahnsinnig eloquent.

"Na du sagtest 'Nicht hier'. Find ich okay, also können wir jetzt gehen? Ich wohn' da hinten, in dem gelben Haus mit den blauen Fenstern."
Der Rotschopf war verblüfft. "Du übersetzt 'nicht hier' tatsächlich mit 'lass uns zu dir gehen'?"
"Yepp."

"Sehr optimistisch... Schönen Abend noch." Ran wandte sich ab und wollte gehen, blieb dann aber stehen, als er ein dumpfes Geräusch hinter sich hörte. Er drehte sich um und sah, dass Schuldig jetzt zusammengekrümmt auf dem Gehweg lag.

Was hatte der denn? War dem nichts zu peinlich?
Er hockte sich neben den röchelnden Spinner und sah ihn leicht gelangweilt an. "Hey du Simulant, was soll das werden? So schön, dass du ihn aus der Nähe sehen musst, ist der Bürgersteig hier auch wieder nicht."

"Ran, du musst mir helfen! Bitte!" flüsterte der Deutsche gequält.
Dieser erhob sich aber nur kopfschüttelnd und machte sich auf den Heimweg.
"Was soll das sein? Eine Herzattacke? Echt, du bist nicht sehr überzeugend."

"Bitte! Lass mich nicht allein!" keuchte Schuldig entsetzt und blieb dann entmutigt liegen, als er nur noch den Rücken seines Engels sah.

Das war doch fies! Da zog man sämtliche Register schauspielerischer Genialität und es wurde einfach so ignoriert? Warum war dieses überirdisch schöne Lichtwesen nur so kaltherzig?
Der würde ihn hier wahrscheinlich einfach verrecken lassen.

Halt nein, er ließ ihn hier wirklich einfach verrecken. Woher sollte er denn wissen, dass Schuldig wirklich nichts hatte? Er konnte doch diese virtuose Darbietung nicht einfach durchschaut haben! Das war unmöglich.

>Trottel! Ich hab dir gleich gesagt, dass das nicht funktioniert und du dich nur zum Idioten machst! Nicht, dass das bei dir noch was ausmachen würde, aber...<
/Ach halt doch die Klappe! Mein Schatz lässt mich hier einfach krepieren und du machst mir noch Vorwürfe!/


Rans Entschluss, sich nicht von Schu verarschen zu lassen, kam aber schon an der nächsten Ecke ins Wanken. Was, wenn er gar nicht simulierte und wirklich irgendwas hatte.
Gut, total unwahrscheinlich... Aber möglich!

Nein, Blödsinn! Er musste doch weg. Aus unerfindlichen Gründen ließ ihn seine Selbstbeherrschung in Schus Gegenwart öfters mal im Stich...
Und man hatte ja gesehen, was dabei herauskam: hemmungsloses Rumgeknutsche. Arg, peinlich...
Wenn Aya nicht gekommen wäre...

Ran unterbrach den Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart.
Er konnte Schu doch nicht einfach so liegen lassen...
Das versuchte ihm zumindest sein Gewissen einzureden. Oder was auch immer das war, was einen immer nervte, wenn man gutaussehende Typen einfach so auf der Straße rumliegen ließ.

Ran musste unwillkürlich lächeln. Eigentlich war der Versuch ja ganz... süß?!
Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Nein. Nicht süß. Eher krank.
Obwohl... ein bisschen süß...
/Aaah, hör' auf, so einen Mist zu denken!/

Ran drehte sich noch mal um.
/Scheiße! Ich wollte doch nicht zurück gucken!/
Hä? Was denn jetzt? Schu lag ja immer noch da! Warum war der nicht schon wieder aufgestanden?
Jeder normale Mensch würde doch jetzt einsehen, dass dieses Theater nichts brachte, und damit aufhören.

Die Zweifel wuchsen wieder an. War vielleicht wirklich was nicht in Ordnung?
Nachher war er noch schuld, wenn...
Tja, woran eigentlich? Kippten öfters mal Menschen ohne ersichtlichen Grund um?
Und wenn ja, was passierte dann mit ihnen?

Sicherheitshalber ging er zurück und beugte sich über Schuldig, um ihm ins Gesicht zu sehen.
Der hatte die Augen geschlossen und sein Gesicht schmerzhaft verzogen. Die orangen Strähnen hingen ihm wirr ins Gesicht und... sah er nicht auch sehr blass aus? Gut, das konnte auch an dem Neonlicht von der Leuchtreklame liegen, aber langsam machte Ran sich echt Sorgen. "Schu?"


Schuldig war total fertig. Sein Engel ließ ihn einfach hier liegen. War er ihm so egal?
Das war so gemein!

Er bemerkte, wie sich jemand über ihn beugte. Ach, das war ja erfrischend!
Wildfremde Menschen machten sich Sorgen, wenn hier jemand rumlag, aber seinem Ran war das Schnuppe.
Die sollten ihn in Ruhe lassen. Er wollte jetzt einfach nur sterben! Schade, dass ihm nicht wirklich was fehlte...

"Schu?"
Hey, Wahnsinn! War das Rans Stimme? War er zurück gekommen, um ihn zu retten? Dann würde sein Plan ja vielleicht doch noch aufgehen!
/Hach, die Welt ist schön!/

Mit größter Willensanstrengung wandelte er das Grinsen, das sich auf sein Gesicht schleichen wollte, noch schnell in ein schmerzvolles Lächeln á la 'Schön, dass ich dich vor meinem Tode noch mal sehen darf...' um und rundete das Ganze mit einem qualvoll geröchelten "Ran..." ab.

/Wow, was für ein Theater!/ Ran schüttelte lächelnd den Kopf. /Bringt der diese ganze peinliche Aktion tatsächlich nur wegen mir?/ Das war... irgendwie liebenswert.
Er betrachtete einen Moment gedankenverloren das Gesicht des Deutschen und dachte nach.
Eigentlich... mochte er ihn...

Wieder vergingen einige Augenblicke, dann seufzte er leicht auf und zog Schuldig dann auf die Füße.
/Gut. Dann also mit zu Schu.../
Er legte sich dessen Arm über die Schulter und hielt ihn an der Hüfte fest. Ein paar Schritte später musste er feststellen, dass sie so nicht weiterkommen würden.

Schuldig war ganz und gar nicht kooperativ und schien sich noch extra schwer zu machen.
Außerdem ließ er den Arm, der sich an Rans Hals festhalten sollte immer nach unten rutschen. [^__^ Jaja, der Schu... no comment]

/Will der etwa, dass ich ihn trage? Das kann er vergessen./
Auf Rans Gesicht breitete sich ein schadenfrohes Lächeln aus.
Wenn Schu Spielchen spielen wollte, konnte er das haben.

"Ach Schu, soll ich nicht vielleicht einen Krankenwagen rufen?"
"Nein... es *röchel* *hust* es geht... schon. Bring mich... bitte nur... nach Hause. *keuch*"
"Sicher? Ich mach' mir echt Sorgen, du kannst dich ja kaum noch aufrecht halten..."

"Nein, nein... schon gut." Schu richtete sich ein wenig auf und stützte sich nicht mehr mit seinem ganzen Gewicht auf Ran. Dieser konnte nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken.

/Eigentlich könnte ich ja mit dem Blödsinn aufhören... oder lieber noch nicht./
Irgendwie machte das Spaß. Und wenn er ehrlich war, war er doch zu gespannt darauf, wie Schu nachher seine wundersame Heilung inszenieren wollte...

Das Haus war zwar vom Club aus zu sehen, aber es war trotzdem ziemlich weit entfernt.
Gut, zu Fuß hätte man im Normalfall gerade mal fünf Minuten gebraucht, aber wenn man einen Schuldig hinter sich herschleifen musste, brauchte man schon mal eine Viertelstunde.

Irgendwann standen sie trotzdem davor und Ran stellte erschrocken fest, dass 'Schuldig' auf einem der obersten Klingelknöpfe stand. Vier Stockwerke. Das konnte Schu vergessen. Wehe, hier gab's keinen Fahrstuhl! Er würde ihn nicht jede Treppenstufe einzeln raufhieven.

Na ja, erst mal rein...
"Schu, gibst du mir mal den Schlüssel?"
Aber der Angesprochene war offenbar zu schwach, um diesen selbst rauszuholen.
"Rechte Hosentasche..."

Ran hob eine Augenbraue. So was hatte er sich schon gedacht. Er stellte sich hinter Schu und drückte ihn ein bisschen näher an sich, als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Dann legte er das Kinn leicht auf seine Schulter, sodass sein Atem Schuldigs Nacken streifte.

So weit, so gut. Nun zum Schlüssel. Langsam bahnte sich seine rechte Hand einen Weg hinunter zur Hosentasche, streifte dabei die Seite und den Bauch. Und wenn man jemanden festhalten musste, war die Öffnung so einer Tasche auch gar nicht so leicht zu finden... Da konnte es schon mal passieren, dass man ganz andere Regionen berührte. Irgendwann zog Ran schließlich doch den Schlüssel aus der Tasche.

Schu gab ein protestierendes Stöhnen von sich, als der Andere ihn neben der Tür an die Wand lehnte, um aufschließen zu können. Ran konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen. Stattdessen setzte er eine besonders besorgte Mine auf. "Tut dir irgendwas weh? Soll ich nicht doch lieber einen Arzt rufen?"

"Nein." Schuldig fragte sich langsam, wer hier wen verarschte. Ja klar, er hatte sowas ja provoziert, aber es hatte doch ein bisschen zu gut geklappt.
Ahnte sein Engel etwa was?

Misstrauisch sah er ihm zu, wie er die Tür aufschloss, konnte aber in seinem Gesicht nichts Verdächtiges entdecken. Er schien einfach nur besorgt zu sein. Und wenn er etwas gemerkt hätte, hätte er das doch bestimmt gesagt...


Zum Glück gab es tatsächlich einen Fahrstuhl. Der war zwar atemberaubend langsam und brauchte für die vier Stockwerke geschlagene neunzig Sekunden, aber Schu so hoch zu schleppen hätte sicher noch viel länger gedauert.

Zu guter letzt kamen sie dann endlich in Schus Wohnung an und Ran bugsierte den Todkranken erst mal aufs Bett. Dann lehnte er sich daneben gegen die Wand und wartete ab.
/Jetzt bin ich aber gespannt.../


Schuldig hatte absolut keine Ahnung, was er jetzt tun sollte. Da war er mit seinem Rotschopf allein in seiner Wohnung und er konnte nichts machen, ohne dass der merkte, dass ihm gar nichts fehlte. Und dann würde er sicher sauer werden, schließlich hatte er sich Sorgen gemacht.

/Warum hab ich da nicht vorher dran gedacht?/
>Weil du ein Idiot bist.<
In diesem Moment war Schuldig sogar geneigt, seiner bösen Stimme Recht zu geben.
Es war doch zum Verrücktwerden!

Da machte er sich die ganze Mühe [o.O sich tragen zu lassen?] und jetzt wusste er nicht weiter...
/Vielleicht sollte ich ihn einfach aufs Bett zerren?/
>Genialer Plan...<
/Wenn dir was besseres einfällt, sag's ruhig!/


Nach einer Weile wurde es Ran zu langweilig. Vielleicht konnte er es auch nur nicht ertragen, das Chaos, das in diesem Zimmer herrschte, noch länger anzusehen. Jedenfalls wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Gestalt auf dem Bett zu.
Dass Schu jetzt gar nichts machte, war seltsam. Hatte er sich vielleicht geirrt und es ging ihm wirklich schlecht? Er stieß sich von der Wand ab. /Ausprobieren!/

Zögernd beugte er sich übers Bett und sah sich den Deutschen an. Nein, in normalem Licht sah er ziemlich gesund aus...

"Sag mal... ich kann doch jetzt nach Hause gehen, oder?"
Die grünen Augen öffneten sich und sahen ihn leidend an. "Nein, bleib bei mir!"
Ran heuchelte Erstaunen. "Brauchst du denn noch irgendwas?"

"Ja. KÜSS MICH!"
Schus Hände schossen vor und zogen Ran nach unten. Der verlor das Gleichgewicht und fiel auf Schuldig, der jetzt offenbar wieder kerngesund war und den überrumpelten Rotschopf küsste.

Der überlegte kurz, ob er sich das gefallen lassen sollte, ließ die bittende Zunge des Anderen aber schließlich ein. Er umspielte sie mit seiner Eigenen, drängte sie mal zurück oder ließ sie weiter vordringen.
Der Geschmack war anders als am Montag. Kein Schokomuffin, eher ein Hauch Orangensaft, aber überlagert von Schuldigs eigenem Geschmack, den er vom letzten mal noch gut im Gedächtnis hatte.
Er spürte Schuldig unter sich, seine Hand die sich an seiner Seite entlang unter das Oberteil schob...

Fast widerwillig löste er den Kuss und richtete sich soweit auf, dass er über Schuldig kniete.

"Was ist denn das für eine Krankheit?" Er schaffte es irgendwie nicht, vorwurfsvoll zu klingen. Stattdessen grinste er und strich Schuldig eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Es ist ein Wunder! Du hast mich geheilt!"
"Kaum zu glauben." meinte Ran trocken. "Weißt du, nachdem ich dich bis hierher geschleppt habe, hatte ich eigentlich ein Bisschen mehr erwartet als Es ist ein Wunder'... Deine Performance ist echt armselig."

Schuldig blitzte ihn beleidigt an. "Du wusstest es?"
Ran musste lachen. "Wie gesagt, armselige Performance... Was ist?"
Schuldig war ja auf einmal so ernst.
"Ich hab dich noch nie lachen gesehen..."

Der Rotschopf sah ihn kurz verwundert an. Dann beugte er sich herunter und küsste Schuldig sanft auf die Lippen.
Der zog ihn näher zu sich heran und begann seinen Hals zu küssen, während seine Hände den Rücken hinab strichen.
"Dir gefiel also meine kleine Showeinlage nicht?" fragte er leise zwischen den Küssen.
"Hmm..." Ran fuhr dem Anderen mit einer Hand durch das Haar, während er sich mit der anderen abstützte. "... doch... eigentlich schon."

Er spürte Schuldigs Grinsen an seinem Hals und wie die Lippen über sein Kinn wieder nach oben wanderten, bis sie die seinen trafen. Darauf hatte er schon gewartet. Er leckte über die Lippen des Deutschen, knabberte leicht an der Unterlippe und ließ seine Zunge dann in dessen Mund gleiten, wo sie von der des Anderen begrüßt wurde. Trotzdem erkundete er erst mal in aller Ruhe den Mund, streifte den Gaumen und die Zähne.


Schuldig löste den Kuss, holte leicht keuchend Luft und sah in das gerötete Gesicht seines Engels.
Was hier passierte, war eigentlich nicht zu glauben. Wahrscheinlich war er doch krank und vor circa einer halben Stunde vorm squared & flowered' zusammengebrochen, sodass er jetzt phantasierte.
Wahlweise auch tot und im Himmel...

Er beschloss jedenfalls, daran keinen Gedanken mehr zu verschwenden. Es gab ja auch wirklich wichtigere Dinge, auf die er sich konzentrieren musste. Wie gebannt beobachtete er, wie Ran mit einer einzigen eleganten Bewegung...
... AUFSTAND UND EINEN SCHRITT IN RICHTUNG TÜR GING ??!!

Nein, nein, NEIN !!! Ganz falsch! Was war denn jetzt kaputt?
Schuldig setzte sich auf und sah Ran ungläubig an. Dieser erwiderte den Blick eine Weile lang mit undurchdringlicher Miene, dann räusperte er sich etwas verlegen.
"Ich... wir sollten..." ein entschuldigendes Lächeln huschte über sein Gesicht. "Könnten wir es etwas langsamer angehen lassen?"

Schuldig brach sich fast das Genick bei dem Versuch, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln.
"Ähm... Wieviel langsamer?"
Ran zuckte etwas hilflos mit den Schultern, schien aber ansonsten seine gewöhnliche Selbstsicherheit zurückgewonnen zu haben. "Nicht sehr viel."

Falls das Schuldig aufmuntern sollte, verfehlte es knapp seine Wirkung, weil ihm seine böse Stimme fast augenblicklich klar machte, dass sich Rans Vorstellung von 'nicht sehr viel langsamer' wahrscheinlich ziemlich stark von seiner eigenen unterschied.
Er seufzte resigniert, nickte dann aber.

Was konnte er da schon machen? Nur zusehen, wie seine schönen, nicht jugendfreien Pläne in die Zukunft entschwanden und hoffen, dass sie nicht allzu weit kamen...
/Und was genau meint er eigentlich mit langsamer'/
>Dass ihm zwei Pseudo-Dates, die in wilden Knutschereien enden nicht reichen?<
Hm... die Theorie war eine zweite Überlegung wert...


Ran lächelte erleichtert, als er das Nicken sah und stand dann noch kurz unschlüssig rum.
Schuldig wirkte wieder mal irgendwie abwesend, so als wäre er mit seinen Gedanken ganz wo anders. Irritierend...
"... Na ja...", er grinste leicht, "Nachdem ich dich jetzt geheilt habe, kann ich ja nach Haus gehen, oder?"
Als er keine Antwort erhielt zuckte er mit den Schultern. "Wie auch immer... wir sehen uns ja Montag. Gute Nacht."


Gute Nacht? Schuldig riss sich mühsam von seinen Überlegungen zu einer alternativen (und ganz und gar nicht jugendfreien, aber Schuldig-freundlichen) Realität los und sah gerade noch, wie sein Traum in Rot das Schlafzimmer verließ.

Das wirklich eklige an der bösen Stimme war, dass sie meistens Recht hatte...
Dann also Plan B: Die Traditionelle Reihenfolge. Da hatte er auch schon eine gute Idee.
Er sprang auf und fing an, zwischen den Klamotten, die auf dem Boden verstreut lagen, hektisch nach einem Stift zu suchen. Bis Montag wollte er damit auf keinen Fall warten.



Der Morgen danach

Ran hatte sich noch keine fünf Schritte von der Schlafzimmertür entfernt, als von dort laute Geräusche zu hören waren. Ein erstickter Schrei fast gleichzeitig mit einem dumpfen Knall, auf den halblaute Flüche folgten, die sich, soweit Ran das erkennen konnte nicht nur aufs Japanische beschränkten. Irgendetwas relativ Schweres fiel um und die Flüche wurden lauter.

Besorgt wandte er sich um und wollte zurück ins Zimmer. Er gab der Tür einen nicht eben sanften Stoß, sie schwang einige Zentimeter weit auf und knallte dann mit Wucht gegen irgendein Hindernis.

Diesmal war kein Fluchen zu hören. Schuldig lag benommen auf dem Boden direkt vor der Tür.
"'Tschuldigung..." Ran hastete zu ihm hinüber und versuchte, ihm aufzuhelfen. "Schuldig? Bist du in Ordnung?"

"Aua" kam es etwas verspätet von dem Deutschen. Mit Rans Hilfe stand er auf und ließ sich ins Wohnzimmer und auf die Couch bugsieren.
"Womit hab ich das verdient? Ich hab dich doch gar nicht zum Essen eingeladen."
"Witzig." Ran warf ihm noch einen besorgten Blick zu, ehe er sich auf die Suche nach dem Bad machte und von dort mit einem nassen Handtuch wiederkam.

Er legte es Schuldig auf die Stirn, auf der inzwischen dicht nebeneinander zwei große Beulen prangten.
Moment mal. Zwei?
"Ähm... Schu?" In dem Moment erinnerte sich Ran an die Geräusche, die ihn dazu gebracht hatten, zurück zu gehen und Schuldig eine Tür an den Kopf zu schlagen, und den umgestürzten Nachttisch, dem er vorhin nicht viel Beachtung geschenkt hatte.

"Was?" kam es dumpf unter dem Handtuch hervor. Schuldig hatte den Kopf nach hinten auf die Lehne sinken lassen, das nasse Ding verdeckte einen Großteil seines Gesichtes und tropfte in unregelmäßigen Abständen die Couch voll.
"Ach nichts..." Die Entstehungsgeschichte der zweiten oder vielleicht eher der ersten Beule konnte er sich auch so zusammenreimen. Sie zu erzählen hätte Schu bestimmt nicht allzu sehr aufgemuntert.

Ran hatte sich neben ihn auf die Couch gesetzt und überlegte gerade, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, sich zweimal innerhalb von zehn Sekunden den Kopf zu stoßen, und ob das allgemein jedem passieren konnte oder nur bestimmten Menschen, als ihm ein Zettel auffiel, der jetzt direkt in seinem Blickfeld schwebte. Genaugenommen schwebte der Zettel nicht, sondern er wurde ihm von Schuldig vors Gesicht gehalten.

"Was ist das?"
"Lesen. Ich hab mich extra beeilt, damit du ihn heute noch bekommst..."
Mäßig neugierig nahm Ran den Zettel in die Hand. Er war offenbar hastig aus einem Notizblock gerissen worden denn eine Seite war eingerissen und die Schrift war auch nicht gerade ordentlich.


ICH LIEBE DICH.
WILLST DU MIT MIR GEHEN?
O JA
O NEIN
O VIELLEICHT


Ran starrte den Zettel kurz ungläubig an. "Was soll das?"
"Du musst eins davon ankreuzen." kam die geduldige Erklärung unter dem Handtuch hervor.
"Das meine ich nicht." Der vernichtende Blick aus den violetten Augen prallte völlig wirkungslos am Handtuch ab. "Du machst dich doch über mich lustig!"

Schuldig hob seine Deathglare-Barriere ein Stück weit an und grinste. "Ja schon." Er grinste noch breiter, schien davon aber Kopfschmerzen zu kriegen und ließ den Kopf stöhnend wieder nach hinten fallen. "Aber der erste Teil ist ernst gemeint."

Ran sah in skeptisch an. "Du liebst mich?"
Ein Nicken war unter dem Handtuch zu erahnen. "Ja."
"Du kennst mich kaum."
"Nie was von 'Liebe auf den ersten Blick' gehört?"
"Ich glaub nicht daran."
"Ich schon."

"Hn." Was sollte man dazu auch sagen?
"Mach dir keine Sorgen. Du bist ja schon dabei, dich in mich zu verlieben..."
"Deine Kopfverletzungen müssen schlimmer sein, als ich dachte."

Schuldig ignorierte den Zusammenhang, in dem Ran das gesagt hatte und nickte ernst. "Falls ich eine Gehirnerschütterung habe, wäre es gefährlich, wenn ich einschlafe."
Ran hatte keine Ahnung, ob das stimmte. Er erinnerte sich dunkel, auch mal so was gehört zu haben, zuckte dann aber nur mit den Schultern. "Ich kenne mich mit Gehirnerschütterungen nicht aus. Wenn du meinst... dann bleib eben noch ein paar Stunden wach."

"Du musst mich wach halten."
Ran konnte sich das anzügliche Grinsen unter dem Handtuch bildhaft vorstellen.
"Vergiss es."
"Warum?"
"Zehn Minuten später haben nichts mit 'langsamer angehen' zu tun." Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. "Außerdem bist du Invalide."

Schuldig schnaubte unwillig. "Und wer ist schuld daran?"
"Na ja... ich nehme an, ich und der Nachttisch."
"Und was sagt dir das?"
Ran zuckte die Schultern. "Dass du genau so gut den Nachttisch nerven könntest?"
"Du bist ziemlich fies."
"Hn."
"Nein wirklich. Du könntest ruhig etwas netter zu mir sein."
/Noch netter?/ dachte Ran, hielt es dann aber für sinnlos, sich mit Schuldig darüber zu streiten.

Stattdessen überlegte er, wie er jetzt am besten nach Hause kommen sollte. Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihm, dass es inzwischen schon fast drei war.
Omis Vater hatte sie zum Club gefahren und gesagt, dass er sie um zwei abholen würde.
Prima. Zu Fuß bräuchte er wahrscheinlich eine knappe Stunde...

Schuldig war aufgestanden und in der Küche verschwunden, aus der jetzt das Geräusch zuschlagender Schubladen drang. Die Verletzungen waren offenbar nicht lebensbedrohlich.
"Hey Ran, hast du auch Hunger? Ich mach mir ne Suppe."

/Hä? Suppe? Jetzt?... Egal./ "Ähm... könntest du mich bitte nach Hause fahren?"
"Nach Hause?" Schuldig erschien grinsend in der Küchentür und öffnete seelenruhig ein Bier.
Nachdem er einen Schluck getrunken hatte, wurde sein Grinsen noch breiter. "Geht nicht, hab leider schon was getrunken."
Ran funkelte ihn wütend an. "Das ist so billig!"
Er ging auf den feixenden Deutschen zu und wollte ihm die Flasche aus der Hand reißen, dieser wich aber erstaunlich geschickt aus und nahm noch einen Schluck.
"Ja vielleicht, aber es funktioniert."

Ran machte nicht unbedingt den Eindruck, als hätte er sich mit der Situation abgefunden. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und startete gerade wieder einen Versuch, Schuldig tot zu starren - mit mäßigem Erfolg.
"Du kannst aber gerne hier bleiben."
"Bist du immer so berechenbar?"
Schuldig überlegte. "Berechenbar? Das hat mir noch keiner gesagt..."

Ran seufzte. So stur, wie Schuldig war, konnte eine Diskussion bis morgen früh dauern, und dazu war er jetzt doch eindeutig zu müde. "Na schön. Es ist sowieso schon spät."
"Wie?" Schuldig schien von diesem schnellen Nachgeben ziemlich überrumpelt. Die Information wollte gerade in sein Gehirn sickern und dort Begeisterung auslösen, als ihn das Zischen aus der Küche herumfahren ließ. "Die Suppe!"

Es war nicht allzu viel übergekocht. Schuldig nahm den Topf vom Herd ohne noch einen Gedanken an die Restsuppe auf der Herdplatte zu verschwenden. Wenn man den Dreck ignorierte, konnte man eigentlich wunderbar darin leben...
Nachdem er den Küchentisch notdürftig geleert hatte, konnten er und Ran sich auch hinsetzen und die Suppe genießen.

Das heißt, genau genommen konzentrierte sich Schuldig eher auf Ran als aufs Essen. Es war doch einfach wunderbar, dass er bleiben würde. Gut, er war furchtbar verwirrend.
Er küsste ihn - er redete tagelang kein Wort mit ihm. Er machte diesen ganzen Zirkus mit und sich somit über ihn lustig, dann küsste er ihn wieder - und ließ ihn eiskalt abblitzen...
Na ja, nicht ganz eiskalt und auch nicht direkt abblitzen. Schuldig grinste. So schlecht standen seine Chancen doch gar nicht...

"Schmeckt's?"
Ran lächelte schief. "Wie nasse Ratte."
"Oh, danke auch. Das ist Fertigsuppe, die muss so schmecken."

~*~

Als Ran am nächsten Morgen aufwachte, schien die Sonne schon ins Wohnzimmer. Gott, es war definitiv zu warm. Er stand auf und warf der Couch im Weggehen noch einen bösen Blick zu. Sein Rücken tat weh und daran war nur dieses dumme Polstermöbel schuld.

Schuldig hatte ihn ja noch gewarnt und ihm angeboten, auch im Bett zu schlafen, er würde schon nicht über ihn herfallen... Ran lächelte und warf im Vorbeigehen einen Blick in Schuldigs Schlafzimmer.

Der Schlafzimmerbesitzer schlief noch... na ja, Ran nahm das mal an. Eigentlich war nur ein Wust oranger Haare zu sehen. Rans Lächeln wurde noch breiter.
Oh nein, es passierte schon wieder: Da war es, dieses Gefühl... na ja, an sich war das ja nicht schlimm, aber Ran mochte nun mal Ruhe, ein gewisses Maß an Ordnung und er hatte gern die Kontrolle. Und irgendetwas sagte ihm, dass er das vergessen konnte, wenn er Schuldig in sein Leben ließ.

Aber auf der anderen Seite standen die Tatsachen, dass Schuldig schon längst da war und auch nicht mehr gehen würde und dass Ran sich nicht mal sicher war, ob er das überhaupt wollte. War ja klar, es fing schon an. Ade, Kontrolle...

Ran schob diese Gedanken resolut beiseite und sah sich im Zimmer um. Also gut, was war zu tun?
Zu aller erst wohl mal die Fenster öffnen. Ran setzte das sofort in die Tat um, wurde aber von etwas Wüstenwindartigem erfasst, was ihn das Fenster umgehend wieder schließen ließ.
Tatsächlich schien es draußen noch wesentlich wärmer zu sein, als im Haus...

Dann eben duschen. Einige Zeit später war auch das erledigt und Ran fragte sich, was er jetzt tun sollte. Gehen? Aber man verschwindet doch nicht einfach so... Er müsste sich zumindest verabschieden. Schuldig wecken? Er fand sich plötzlich an der Tür zum Schlafzimmer wieder, in dem noch immer Schuldig schlief, von dem immer noch nicht mehr zu sehen war, als die Haare. Wie hielt der das bei der Hitze nur aus?

Ein flaues Gefühl im Magen lenkte ihn von dieser Frage ab. Es hatte natürlich gar nichts mit dem schlafenden Schuldig zu tun. Ran hatte eben Hunger. Keine Frage. Und um dieser Erklärung auch das nötige Gewicht zu geben, beschloss er, Frühstück zu machen.

In der Küche angekommen, wurde Ran schlagartig klar, dass ein so einfaches Vorhaben wie Frühstück hier eine ernstzunehmende Herausforderung war. Nicht, dass die Küche unordentlich war oder schmutzig. Nein, sie wirkte eher, als befände sie sich in einem Stadium atomarer Zersetzung und machte auf einen unbeteiligten Beobachter, wie Ran es nun einmal war, den Eindruck einer bizarren, exotischen Lebensform.

Zwischen Herd und Spüle befand sich eine Ansammlung nicht näher definierbarer Materie.
Ran trennte erst mal alles, was auch nur entfernt an Porzellan oder Metall erinnerte vom Rest der Masse und sammelte es in der bis dahin noch erstaunlich sauberen Spüle. Nachdem er eine Weile Wasser hatte rüberlaufen lassen, waren einzelne Geschirrbestandteile erkennbar und er konnte sie in die Spülmaschine räumen.

Mit dem Rest der Materie wollte er sich dann nicht mehr auseinandersetzen und beförderte alles einfach in den Mülleimer. Und - Oh Wunder! - die Arbeitsfläche war freigelegt. Gut, der Herd war als solcher immer noch kaum erkennbar, aber Ran würde den Teufel tun und hier anfangen zu putzen. Also zurück zum ursprünglichen Plan: Frühstück.

Entgegen Rans Erwartungen war der Kühlschrank gefüllt und so hatte er eine knappe halbe Stunde später den Tisch fertig gedeckt. Mit erstaunlich gutem Timing tauchte auch gerade in diesem Moment Schuldig aus dem Schlafzimmer auf. Das Gesicht war durch die vielen Haare hindurch nur schwer auszumachen und was man davon sah, wirkte ausgesprochen verschlafen.

Schuldig war zwar schon einige Minuten zuvor durch die seltsamen Geräusche aus der Küche wach geworden, hatte aber mit sich gerungen, ob er dem nachgehen sollte. Bis ihm eingefallen war, wer da Krach machte. Das hatte ihn dann überzeugt, doch aufzustehen. So ganz unter den Lebenden schien er Ran allerdings noch nicht zu sein.

Das zerwuschelte Schuschu nuschelte irgendwas, was vage an 'Gud'n Mong' erinnerte und ließ sich auf den erstbesten Stuhl fallen. Verwirrt bis geschockt starrte er auf den Küchentisch direkt vor seiner Nase, schien aber Probleme mit dem fokussieren zu haben.

Sein Blick hob sich und er sah Ran an. "Was machst du hier? Was ist das?", fragte er verstört und sah wieder auf das Essen.
"Ähm... Frühstück?" Ran senkte den Blick nun ebenfalls und betrachtete interessiert den Tisch.
Er musste zugeben, dass er diese Reaktion nicht so ganz nachvollziehen konnte.
"Mein Gott, so was hab ich ja seit Jahren nicht mehr gesehen..."

Bevor Ran die Gelegenheit hatte, dieses schockierende Geständnis in irgendeiner Weise zu kommentieren, klingelte es. Da Schuldig nicht fähig schien, sich mit angemessener Geschwindigkeit zu bewegen, um als Türöffner in Frage zu kommen, wollte Ran schon gehen, aber Schuldig konnte sich dann doch noch aufraffen.

Er öffnete die Tür, ohne vorher durch den Spion zu sehen, was vielleicht ein Fehler war, denn -
"Guten Morgen, Schu!" Ayas fröhliche Stimme schallmeite ihm entgegen. Es sollte wohl so etwas ähnliches wie eine Melodie sein. Nun, es war zwar nicht schön, dafür aber laut und durchdringend. Wie konnte man nur am frühen Morgen schon so gut gelaunt sein?

Und als ob das nicht schon genug wäre, drängte sie sich nun auch noch an ihm vorbei in die Wohnung und stellte ihm irgendwelche Fragen. So viel Stress zu dieser frühen Stunde hielt ja kein Mensch aus! Schuldig blieb nichts anderes übrig, als endlich ganz wach zu werden und einzugreifen. Er holte noch einmal tief Luft und sprach dann seinen ersten akustisch einwandfrei verständlichen Satz an diesem Tag.

"Stop! Noch mal ganz von vorn. Was willst du?" Es klang genervt und verzweifelt genug, dass Aya ihre Frage wiederholte.
"Ist Ran hier?" Ganz langsam und deutlich. Aya war ja nicht klar gewesen, wie verpennt Schuldig noch war. Sie war einfach davon ausgegangen, dass jemand, der gehen und eine Tür öffnen konnte auch schon zu Kommunikation fähig war. Aber jetzt schien sie ihn ja geweckt zu haben...

"Ran?" Ihm war so gewesen, aber das könnte ja auch so eine fiese Sinnestäuschung gewesen sein.
Oder er hatte das nur geträumt. Obwohl... dass er in Zusammenhang mit Ran von Frühstück träumte, war schon eher unwahrscheinlich. Dazu war 'Frühstück' etwas viel zu fiktives, abgehobenes. Er würde es wohl einfach mal auf eine Antwort ankommen lassen.
"Ja..."

Aya hatte das lange Zögern offensichtlich etwas verunsichert. "Ne, echt jetzt?" Schuldig zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ging in Richtung Küche, ließ Aya einfach im Flur stehen.

Und tatsächlich! Im Türrahmen, für Aya im Flur unsichtbar, lehnte Ran und fand das ganze bisherige Gespräch (sofern man das so nennen konnte) anscheinend sehr unterhaltsam.
Schuldig setzte sein typisches Grinsen auf und ging wieder in den Flur zu Aya.

"Also, er ist definitiv da."
Aya zog die Augenbrauen hoch und wollte grad etwas erwidern, als Schuldig auch schon weitersprach, obwohl es immer noch etwas ungläubig klang. "Er hat Frühstück gemacht. Willst du auch mitessen?"

Natürlich wollte sie das und so fanden sie sich wenig später am Frühstückstisch wieder.
Aya sah sich staunend um. "Wow! Da ist ja eine Arbeitsfläche. Die hab ich ja noch nie gesehen."
Schuldig warf einen kurzen Blick auf das Wunder und zuckte mit den Schultern. "Tja, ich bin auch überrascht."

"Ran", von einem auf den anderen Moment klang sie vorwurfsvoll. "Du kannst dich doch nicht einfach so in Luft auflösen und dann die ganze Nacht nichts von dir hören lassen."
Ran sah sie nur ziemlich ausdruckslos an. "Wenn du dir wirklich Sorgen gemacht hättest, wärst du hier schon früher aufgetaucht..." Gut, war eine ziemlich lahme Rechtfertigung, aber Aya schien damit zufrieden zu sein. Zumindest war sie schon wieder mit etwas ganz Anderem beschäftigt.

Sie sah von Ran zu Schuldig und von Schuldig zu Ran. Dann wieder zurück und fing an ganz grauenvoll zu lächeln. Da lief es einem ja eiskalt den Rücken runter.
Ran räusperte sich. "Also ich weiß ja nicht, was dein krankes Hirn jetzt wieder ausbrütet..."
Aya wollte antworten, aber Ran unterbrach sie ängstlich. "Nein, nein, nein! Ich will es auch gar nicht wissen. Lass uns einfach essen."

Eine Weile aßen sie schweigend. Schuldig grinste breit und sah Ran an, Aya grinste breit und sah immer wieder von Ran zu Schuldig und Ran aß einfach nur und tat so, als bekäme er davon rein gar nichts mit.

Dann unterbrach Aya die Stille. "Ich hab übrigens mein Theaterstück fertig geschrieben." Der Stolz, der in ihrer Stimme mitschwang war nicht zu überhören und sogar Schuldig konnte sich von Rans Anblick losreißen und sie ansehen.
"Ähm... schön. Und was bedeutet das für uns?"

"Was wohl? Leid und Verderbnis.", murmelte Ran mit Grabesstimme.
Schuldig und Aya sahen ihn erstaunt an. "Ach, du weiß schon, dass du mitspielst?", fragte Aya.
"Schuldig, hast du es ihm gesagt?"
Schuldig schüttelte nur den Kopf. "Kein Wort."

Ran hatte es sich ja schon gedacht. War ja klar, dass seine Schwester ihn wieder in eine ihrer verrückten Ideen einspannen würde. Nicht, dass er wirklich Lust dazu hatte, aber Aya war nun mal eine wahre Meisterin der emotionalen Erpressung. Und wenn das nicht zog, nervte sie solange, bis er mitmachte.

Er konnte sich noch erinnern, dass sie ihn einmal einen ganzen Tag lang überallhin verfolgt hatte, um ihn davon zu überzeugen, dass es eine ganz tolle Idee wäre, ihn auf eine Cosplay-Convention zu schleppen. Natürlich verkleidet. An das Kostüm wollte er gar nicht mehr denken.
Und er ahnte ja, dass jetzt wieder so was auf ihn zukam.

Und mal davon abgesehen, dass Aya sehr überzeugend sein konnte, hatte er sie nun mal gern. Dass er sich also mal wieder würde breitschlagen lassen, stand außer Frage, aber vielleicht war dies ein guter Zeitpunkt, um Bedingungen zu stellen.

"Okay, ich mach mit." Aya quietsche glücklich. "Aber nur unter einer Bedingung..." Ran holte tief Luft. "Keine Kleider. Ich spiele einen Mann, ja? Ist das klar?"
"Ja ja, schon gut, ich bin ja nicht taub. So was hab ich mir schon gedacht..." Sie klang echt traurig, grinste dann aber wieder. Sie stellte sich in Pose für ihre große Ankündigung.

"Deshalb bin ich ja auch von meiner ursprünglichen Planung einer eher klassischen Romeo-und-Julia-Inszenierung abgekommen und habe mich an einer radikalen Neuinterpretation des Stoffes versucht. Dabei herausgekommen ist ein mehr zeitgenössisches Drama. Mit leichten homoerotischen Anklängen." Den letzen Satz hatte sie etwas leiser hinzugesetzt und strahlte die beiden jetzt um Beifall heischend an.

Schuldig und Ran saßen nur ziemlich geplättet auf ihren Stühlen rum.
"Armer Shakespeare...", murmelte Ran. Schuldig war immer noch nicht so richtig über die Sache mit Ran und den Kleidern hinweg.

Aya sah ihren Bruder wütend an. "Nun sei mal nicht so fies! Ein bisschen positiver, bitte.
Immerhin arbeitest du jetzt auch an diesem, wie ich mal bescheiden sagen will, großartigen Projekt mit und wenn ihr beide nicht mit Begeisterung dabei seid, wird das nichts." Sie sah die zwei mit Hundeblick an. "Ihr seid doch meine Hauptdarsteller!"

Ran gab den Widerstand fürs Erste auf. "Okay, wo hast du die Texte und worum geht es?"
Aya wuselte zu ihrer Tasche, die sie bei der Garderobe liegen gelassen hatte und tauchte nur Sekunden später mit stapelweise Papier wieder auf. "Ich wusste doch, dass ich mich auf deine Unterstützung verlassen kann.", strahlte sie Ran an.

"Dein Vertrauen rührt mich. Und jetzt erzähl!"
Aya nickte und begann eine kurze Zusammenfassung zu geben, während sie je ein Skript Ran und Schuldig vor die Nase hielt, bis sie es nahmen.

"Die Unterwelt von Tokyo. Drogen, Schmuggel, Menschenhandel. In dieser Kulisse der kalten, unmenschlichen Welt der Großstadt, stehen sich zwei bis aufs Blut verfeindete Killergruppen gegenüber. Weiß kämpf für den Erhalt der Ordnung, gegen Verbrechen und Korruption. Schwarz kämpft für das Ende der alten Ordnung. Mit Anarchie und Chaos hoffen sie eine neue Welt erschaffen zu können.

In dieser Fehde begegnen sich zwei ihrer Mitglieder und verlieben sich unsterblich ineinander.
Doch kann Liebe in diesem Umfeld voller Hass und Verachtung überleben?
Werden die beiden den Netzen des Schicksals entkommen können oder werden sie in einem tödlichen Sog aus Gewalt und Betrug untergehen?"

Aya endete mit einem Grinsen und sah Ran und Schuldig wieder erwartungsvoll an.
"Die hat das geübt, oder?"
"Hm, ja, ich glaub schon."
"Sie ist gut."
"Na ja, darüber kann man sich streiten..."

Ran sah seine Schwester an. "Klingt für mich wie totaler Schwachsinn. Ist das nicht ziemlich unrealistisch?"
"Na und? Was hat denn ein gutes Theaterstück bitte mit Realismus zu tun? Schuldig, sag doch auch mal was dazu!"
Schuldig sah ein bisschen hilflos von Ran zu Aya. "Also... Nur weil du deutsche Namen verwendet hast, werden die nicht unbedingt kreativer, aber alles in allem..." Er grinste vom einen Ohr zum anderen. "...gefällt mir das ganz gut."

"Danke!", kreischte eine kleine Aya, die aufgesprungen war und Schuldig um den Hals hing.
"Ran, deine Schwester ist sehr lebhaft.", keuchte Schuldig, der jetzt fast am Ersticken war.
Ran nickte nur. "Na so kann man das auch nennen..." Er schaute sich das Ganze noch einen Moment an, bevor er beschloss, Schuldig zu retten. "Aya, lass ihn los, du machst ihn tot."

Aya blickte auf und grinste hinterhältig, ließ aber ihr armes Opfer los. "Eifersüchtig?"
"Nicht doch, aber er ist dein Hauptdarsteller."
"Das ist fies!", mischte sich Schuldig ein, der jetzt noch zerzauster aussah als vorher. "Du könntest ruhig ein bisschen um mich kämpfen."
"Ich hab dir doch das Leben gerettet. Was willst du?"

Schuldig sagte dazu nichts und Aya setzte sich wieder an den Tisch und fing mit Schuldig eine Unterhaltung über die Cosplay-Convention vor zwei Jahren und Rans phantastisches Kostüm an.
Ran ignorierte das Thema so gut es ging. Er war mit Essen fertig und blätterte das Stück durch. An einer Stelle hielt er inne und sah Aya ungläubig an.

"Das kannst du vergessen, Aya!"
"Was kann ich vergessen?"
"Das." Ran hielt ihr das Heft vor die Nase und deutete auf die Seite. Gemeint war ein ziemlich langer Abschnitt mit sehr wenig Text, dafür aber sehr detaillierten Regieanweisungen.

Auch Schuldig überflog jetzt den Text und grinste. "Tja, Aya, ich fürchte, das werden sie nicht erlauben. Im Publikum sind ja vor allem Minderjährige und..."
"Ja ja, ich weiß.", unterbrach ihn Aya mit traurigem Blick. "Ich hatte ja auch nicht vor, diesen Teil aufzuführen, aber er gehört einfach dazu. Du weißt schon..." Sie schien wirklich den Tränen nahe. Ihr eigenes Exemplar des Dramas hielt sie liebevoll in den Armen.

"Ist ja gut, Aya-chan! Mir gefällt dein Stück immer besser.", versuchte Schuldig sie aufzumuntern.
"Meinst du wirklich?"
"Ja klar, es ist grandios. Es wird auch so garantiert einen Skandal auslösen."
Jetzt lächelte Aya schon wieder. "Lieb, dass du das sagst."
Ran lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah sie resigniert an. "Ich denke ja, ihr spinnt. Beide."



weiter...



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