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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Schulgeschichten vom Schu



~ 1 und 2 ~
Wie alles begann


~3~
Traditionen

~4~
Visionen

~5~
Halluzinationen


~ 6 bis 8 ~
Der Erste Schultag (2)


~ 9 bis 12 ~
Der Konzertabend


~ 13 bis ... ~
wird fortgesetzt...




Traditionen

Morgens halb acht am Frühstückstisch der Familie Takatori. Obwohl heute der erste Schultag war, war die Stimmung gut.

Ouka wollte gerade in ihr Nutella-Brötchen beißen, als Omi ihr die andere Hälfte, die sie schon liebevoll mit Marmelade bestrichen hatte, vom Teller klaute.
Auf diesen dreisten Diebstahl reagierte sie mit lautstarkem Protest, den ihr großer Bruder aber nur mit einem unschuldigen Grinsen beantwortete.

Shuichi sah kurz von seinen Papieren auf.
"Mamoru, du sollst doch deine Schwester nicht ärgern!" tadelte er seinen Sohn.
"'Tschuldigung." nuschelte Omi wenig überzeugend durch den Bissen Marmeladenbrötchen in seinem Mund.

Tja, das Brötchen war verloren... Also griff sich Ouka ein Neues. Während sie die Marmelade möglichst gleichmäßig verteilte, erzählte sie fröhlich von dem Ferienlager, in dem sie bis gestern gewesen war.

Ran saß still auf seinem Stuhl und beobachtete die Szene. /Eine große, glückliche Familie.../ schoss es ihm ein wenig schwermütig durch den Kopf.

Aya gehörte auch schon voll dazu. Sie unterhielt sich gerade munter mit Kikuno. Es ging wohl um ein Buch, das sie beide gelesen hatten...
Na ja, er hörte nur mit einem halben Ohr zu.

Gedankenverloren nippte er an seinem Kaffee.
"Ran, willst du?" Ouka hielt ihm strahlend eine Brötchenhälfte vor die Nase.
"Hn... Danke." /Honig... so schön... süß.../ Irgendwie hatte Ran keinen Hunger.
Aber Ouka hatte es extra für ihn geschmiert, also biss er hinein und ignorierte das klebrige Zeug, das an seiner Hand herunterlief.

"Warum kriegt Ran ein Brötchen und ich nicht?" motze Omi mit gespieltem Ernst.
Ouka wurde rot, streckte dann aber ihren Bruder die Zunge raus. "Weil er nicht klaut."

Shuichi trank noch schnell seinen Kaffee aus.
"Ich muss jetzt zur Lehrerbesprechung, wir sehen uns dann zur Begrüßung um zehn."
Der Direktor der Kyoko-Tsuchiya-Oberschule erhob sich und wühlte noch kurz in seiner Aktentasche. Nacheinander holte er vier Zettel heraus.

"Ich habe hier schon mal eure Stundenpläne. Einmal Zehnte, zweimal Elfte, einmal Zwölfte."
Damit reichte er Ouka, Omi, Aya und Ran je einen Zettel, gab seiner Frau noch schnell einen Kuss und verschwand dann aus der Küche.

Wenige Augenblicke später kam Ken hinein. "Morgen! Der Direx hat mich reingelassen."
"Morgen!" erwiderte Omi gut gelaunt und wandte sich dann an Ran.

"Das ist Ken Hidaka. Er geht auch in die Zwölfte."
"Du musst Ran Fujimiya sein." Ken beugte ich über den Tisch zu Ran und wollte ihm die Hand reichen, dieser hob aber nur entschuldigend die klebrigen Hände.
Den Kampf mit dem Honigbrötchen hatte er verloren. "Hm, bin ich. Guten Morgen."

Ken grinste ein wenig schadenfroh. "Seid ihr fertig? Können wir los?"
"Ja gleich." Omi trank noch den letzten Schluck Milch aus, dann stand er auf. Auch die Anderen standen jetzt auf und verabschiedeten sich von Kikuno.
Ouka gab ihrer Mutter noch einen Kuss, Ran wusch sich die Hände, dann schnappten sie sich ihre Taschen und machten sich auf den Weg.

"Wo gehen wir eigentlich hin? Ich dachte, die Schule fängt heute erst um zehn an."
"Wir gehen ins "Sweet Little Kitten". Das ist ein ganz tolles Eiscafé." antwortete Aya, die ihren Bruder an der Hand gepackt hatte und hinter sich her zog.
"Wir sind da noch mit ein paar Freunden verabredet."

"Ist es nicht ein bisschen zu früh für Eis?"
Die Vier sahen den Rothaarigen an, als ob er nicht mehr ganz bei Verstand wäre.
"Für Eis ist es nie zu früh! Das kann man doch immer essen!" entgegneten alle im Chor.

Und tatsächlich. Ran konnte nur über die gigantischen Eisbecher staunen, mit denen Omi, Ouka und Ken heut offenbar ihr Frühstück komplettierten.

Das Café wurde von Momoe, einer netten alten Frau, geleitet. Es war sehr gemütlich und wimmelte nur so von Schülern in der dunkelblauen und weißen Uniform ihrer Schule, die munter schwatzend und Eis essend in großen Gruppen zusammen saßen.

Kurz nachdem Ran ungläubig beobachtet hatte, wie Omi, Ouka und Ken sich auf je einen doppelten Rieseneisbecher stürzten, stießen Yohji und Asuka zu ihnen.
"Hi, Leute." Noch schnell zwei kleineren Schülern die Stühle geklaut und schon saßen sie bei ihren Freunden am Tisch.

"Du musst Ayas Bruder sein. Yohji Kudou. Und meine bezaubernde Begleitung heißt Asuka Murase." stellte Yohji sich und Asuka vor, wobei er die Proteste der jetzt stehenden Unterstufler geflissentlich ignorierte.

"Ran Fujimiya." erwiderte der Rotschopf knapp.
Yohji sah Ken verwundert an. "Die Fujimiyas haben ja gar kein Eis!"
"Wollten keins." meinte der Angesprochene schulterzuckend.

"Danach geht's hier nicht. Das Eis am ersten Schultag ist Tradition. Egal wie schlecht einem danach ist, das muss sein!"
Omi nickte zustimmend und versuchte, möglichst ernst auszusehen.

"Ja, Traditionen müssen gewahrt werden." deklamierte er im schönsten Lehrertonfall. "Wo kämen wir denn hin, wenn nicht der Hälfte der Schüler am ersten Schultag schlecht wäre?"

Aya lachte. "Na wenn das so ist, nehm' ich ein paar Kugeln Schokoeis. Aber bitte nicht so einen Monsterbecher." Damit bedachte sie Omis Eis mit einem furchtsamen Blick.

"Und du, Ran?"
"Danke, ich will wirklich kein Eis."
"Och, Ran! Du musst!" Omi sah ihn mit seinem patentierten, staatlich geprüften, weil waffenscheinpflichtigen Bettelblick an.
"Nein!"

Aber Aya lachte nur fröhlich. "Er nimmt eine Kugel Erdbeere."
Als Strafe für diesen Verrat traf sie der berüchtigte und ebenfalls waffenscheinpflichtige Deathglare ihres Bruders, der jedoch völlig wirkungslos an ihrem Lächeln abprallte.

"Na gut..." gab Ran sich geschlagen.
Er sollte wirklich mal lernen, sich gegen seine Schwester durchzusetzen...
Aber sie arbeitete mit unfairen Mitteln, nutzte seinen Beschützerinstinkt schamlos aus!
Und so kam es, dass Momoe an diesem Morgen noch vier weitere Eis verkaufen konnte.

An dem Gespräch, das sich am Tisch entspann, nahm Ran wenig Anteil.
Man spekulierte, welche Lehrer man bekommen würde, Yohji, Asuka und Omi redeten über die Band und Ken versuchte ständig, das Gespräch auf Fußball zu bringen, was die Anderen jedoch routiniert übergingen.

Dann erzählte Aya von ihrer Idee, eine Theater-AG zu gründen. Ouka war sofort begeistert. "Au ja! Aber wenn du das als Schulprojekt machen willst, brauchst du einen Lehrer, der das betreut."

Aya nickte. "Ich weiß. Ich hatte da an Birman gedacht, die ist doch für so was immer zu haben."
Ran sah seine Schwester fragend an. "Birman?"
"Fräulein Kyoko Takaoka, Musik- und Japanischlehrerin." erklärte Yohji knapp.

Omi sah Aya ein wenig zweifelnd an. "Na ja, aber sie hat ja auch schon den Kritiker und außerdem betreut sie unsere Band."
Yohji zuckte mit den Schultern. "Das ist doch kein Full-time-job. Und so wie ich das sehe, schmeißt Schuldig die Schülerzeitung auch so gut wie allein."

"Ich werd' sie einfach fragen." meinte Aya zuversichtlich.
Ken sah von seinem, nun leeren, Eisbecher auf. "Apropos Schuldig. Wollte der nicht auch kommen?"
Asuka zuckte mit den Schultern. "Jetzt wohl nicht mehr. Es ist schon dreiviertel zehn." sagte sie mit einem Blick auf die Uhr. "Wir sollten wohl auch mal los."

Yohji hatte sein Handy gezückt. "Mal sehen, wo der steckt...
Morgen Schuldig! - ... -
Zehn vor zehn." Yohji grinste übers ganze Gesicht, als er das Tuten in der Leitung hörte.

Er steckte sein Handy wieder weg und sah die Anderen an.
"Er ist jetzt wach. Ich sage, er schafft's nicht rechtzeitig. Wer hält dagegen?"



Visionen

Schrilles Handyklingeln riss Schuldig aus dem Schlaf. Und das, wo er gerade so schön geträumt hatte! Von violetten Augen, die ihn liebevoll ansahen und tiefroten Haaren, die sanft über seine Haut strichen... Das war so ungerecht!

Der Lautstärke des Klingelns nach zu urteilen musste das Höllending ganz in der Nähe liegen.
Ein Arm quälte sich über den Bettrand und tastete fahrig über den Boden. Ja! Da war es.

"Gnnn..." meldete sich Schuldig.
"Morgen, Schuldig!" schalmeite es ihm entgegen.
Shit! Warum rief Yohji ihn mitten in der Nacht an?
/Hat der Typ nix Besseres zu tun?/ Er öffnete ein Auge.

Iiih! War das hell! Und das mitten in der Nacht... - Moment!
"Wie spät issis?" artikulierte Schuldig mehr oder eher weniger klar.
Man konnte das Grinsen des Anderen praktisch durchs Telefon hören. "Zehn vor zehn."

Schlagartig war er wach. Das Handy landete schon mal im Rucksack, der noch am selben Platz stand, wo er vor sechs Wochen hingeworfen worden war.
Die Dusche konnte wegen des heißen Wetters nicht ausfallen, wurde aber extrem abgekürzt.

Und das Zähneputzen konnte man ja im Notfall auch problemlos mit dem Frühstück kombinieren.
Aus Zeitmangel gab's sowieso nur Orangensaft.

Ja zugegeben, die Zusammenstellstellung mit der Zahnpaste war nicht wirklich ideal - eher ein geeignetes Brechmittel - aber wer würde denn wählerisch sein?
Die Zahnbürste noch schnell ins leere Saftglas geworfen und es konnte losgehen.

Irgendwo zwischen Küche und Wohnungstür fiel dem Deutschen glücklicherweise noch ein, dass es vielleicht gar nicht schlecht wäre, sich etwas anzuziehen.
Also ein Sprint zurück ins Schlafzimmer - und schon hatte er sich den Zeh gegen die Türschwelle gerammt.

/Scheiße! Wenn man's schon mal eilig hat.../
Fluchend humpelte er zum Kleiderschrank und zog seine Schuluniform heraus.
Bis auf seine Haare, die immer noch nass waren, war er inzwischen luftgetrocknet.

Hastig zog er sich die dunkelblaue Stoffhose und das weiße Hemd an und warf dann einen Blick in den Spiegel.
Er konnte diese Schuluniform nicht leiden.
Dieses Blau biss sich schrecklich mit seinen Haaren.

Ach ja, die Haare... Suchend sah er sich im Zimmer um. Es war nicht wirklich aufgeräumt und so blitzte der Teppich nur an wenigen Stellen zwischen seinen bunt verstreut liegenden Klamotten hervor.

Aber nirgendwo ein Fitzelchen Gelb. Und Zeit zum Suchen hatte er jetzt auch nicht.
Sein Blick fiel auf die rote Krawatte der Schuluniform, die fertig gebunden auf einem Bügel hing.

/Wer hätte gedacht, dass das Ding irgendwann noch mal zu irgendwas gut ist?/
Schnell hatte er sie sich so um den Kopf gelegt, dass sie die Haare zurückhielt. Die Enden hingen an seiner Schläfe hinunter.

Na dann konnte es ja jetzt endlich losgehen!
>Du bist eh schon viel zu spät!< meldete sich die böse Stimme zum ersten Mal an diesem Morgen.

Noch ein kurzer Stopp im Flur, wo er in seine quietschgrünen Turnschuh schlüpfte und sich die obligatorische Sonnenbrille und seine Schlüssel griff, und schon hatte er fluchtartig die Wohnung verlassen.

Zwei Stockwerke und einen Beinahe-Treppensturz später rannte Schuldig aus dem Haus, zu seiner dunkelroten Chopper Rex.
Er saß schon auf dem Moped, als ihm aufging, dass er den Helm oben vergessen hatte.

Er zögerte kurz, dann setzte er die Sonnenbrille auf, startete die Maschine und fuhr los.
Er hatte jetzt keine Zeit. Das Risiko konnte er schon eingehen, so sehr hing er derzeit auch wieder nicht an seinen Leben.
Und außerdem würden so seine Haare schneller trocknen...

Als Schuldig auf dem Schulhof ankam, war kein Mensch zu sehen.
Er parkte seine Chopper zwischen den Fahrrädern und ging gemächlich zum Seiteneingang der Aula.
/Zu spät bin ich ja sowieso, da brauch' ich jetzt auch nicht mehr zu hetzen./

Er rüttelte vorsichtig an der kleinen Tür des Notausgangs.
"Mist! Verschlossen!"
"Tisk, tisk, tisk... Schon am ersten Schultag zu spät... Das ist sogar für dich neuer Rekord." schreckte ihn eine tiefe Stimme auf.

Hastig drehte er sich um, entspannte sich aber wieder, als er Jei, den Hausmeister der KTO erkannte. Der weißhaarige Ire sah ihn tadelnd an, aber in seinem Auge blitzte es spöttisch.

Schuldig warf einen zweifelnden Blick auf die riesige Kettensäge, die Jei auf seiner rechten Schulter trug.
"Und du? Erschreckst du wieder die Quietschtiere?"

Schuldig erinnerte sich noch gut an die Zeit, als er neu an diese Schule gekommen war.
Genau wie alle Anderen hatte er eine Heidenangst vor dem leicht exzentrischen Hausmeister gehabt. Es hatte lange gedauert, bis er bemerkt hatte, dass der Ire eigentlich ganz harmlos war...

... Es sei denn, man ließ sich einfallen, Müll auf den Boden zu werfen oder - noch schlimmer - Schuleigentum zu beschädigen. Dann konnte man froh sein, wenn man mit ein paar kleineren Fleischwunden davonkam...
Die Schule war immer sehr sauber...

Der Einäugige nickte zufrieden. Er liebte diese ersten Wochen, wenn die neuen Schüler noch richtig Angst vor ihm hatten.
"Es hat auch richtig gut geklappt!" Er grinste genießerisch und sah dabei ziemlich wahnsinnig aus.

Liebevoll tätschelte er die Kettensäge.
"Du hättest sehn solln, wie sie mein Baby angeguckt haben..."

"Jaaah... Schade, dass ich nicht dabei war... Ähm... Schön, dass du so gute Laune hast. Könntest du mir vielleicht aufschließen? Wenn ich durch den Haupteingang reingehe, merkt jeder, dass ich zu spät bin..."

Jei nickte nur und kramte nach seinem Schlüsselbund, was wegen der unhandlichen Kettensäge sehr langsam und umständlich vonstatten ging.
Schuldig hätte ihm das Ding ja gerne abgenommen, aber er mutmaßte, dass der Hausmeister ihm sein 'Baby' wohl kaum anvertrauen würde.

Endlich waren die Schlüssel gefunden und Schuldig konnte die Aula betreten.
"Danke, Jei!"
Der Ire brummte nur etwas Unverständliches und schloss hinter ihm wieder ab.

Schnell setzte sich Schuldig auf den nächsten freien Platz. Er hatte zwar seine Uhr vergessen, aber viel zu spät konnte er noch nicht sein.
Tatsächlich hatte er auch nichts Wichtiges verpasst.

Es lief immer noch die Eröffnungsrede des Direktors... Inhalt: Willkommen zurück und seid dankbar, dass ihr dieses großartige pädagogische Institut besuchen dürft!

Schuldig verdrehte die Augen und schaltete auf Durchzug.
Das musste er sich ja nicht unbedingt anhören. War eh jedes Jahr das Gleiche.

Die KTO war zwar relativ klein und hatte daher vergleichsweise wenig Schüler, aber hier saß man trotzdem dicht an dicht.
Die Klimaanlage lag in den letzten Zügen, schaffte es aber heroisch, die Temperatur auf lauschige 28°C herunterzukühlen.
Die Luft war zum Schneiden.

/Wie lange will der eigentlich noch labern? Bis auch der letzte Atemluftverweigerer die Hufe hochreißt?/
Missmutig ließ Schuldig seinen Blick durch den Raum schweifen.

Ach ja! Da vorne in der ersten Reihe saßen seine Freunde. Von links nach rechts: Ouka, Omi, Ken, Yohji, Asuka, Aya und...
Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Nein, nicht raumklimabedingt!

Dieser rote Haarschopf neben Aya... War das möglich?
Konnte es zwei Menschen mit so wunderbaren, überirdisch schönen, roten Haaren geben oder war sein lang vermisster Engel (>Ne Woche!!!<) tatsächlich, entgegen allen Wahrscheinlichkeiten, zu ihm herabgestiegen?

War es Einbildung? Das durchs Fenster einfallende, helle Spätsommerlicht schien wie ein Spotlight direkt auf die göttliche Gestalt zu fallen und sich um ihn herum zu verdichten, sodass ein sanftes Leuchten von ihm auszugehen schien.

>Junge, du solltest dich dringend mal untersuchen lassen...<
Schuldig ignorierte den dreisten Einwurf der bösen Stimme.

Da! In diesem Moment sprach Aya das lichtumflorte Wesen an und es wandte sich ihr tatsächlich zu und antwortete.
Jetzt konnte Schuldig den Rotschopf im Profil sehen.
Diese reine, weiße Haut! Diese fein geschnittenen Gesichtszüge! Kein Zweifel! Es war wirklich sein Engel! Und er war wirklich hier!

Und er würde nicht sofort wieder verschwinden! (>Spekulation!<)
Es gab einen Gott! Und zur Abwechslung meinte er es mal gut mit Schu!

/Moment mal! Was redet _mein_ Engel da mit Aya? Warum lächelt er sie an? Das ist _mein_ Lächeln!/ Nein! Schuldig war nicht eifersüchtig! Er doch nicht!
/Aber warum, zum Teufel, redet er mit ihr und nicht mit mir?!/

>Weil du am anderen Ende der Aula sitzt?<
Warum musste diese ätzende Stimme eigentlich immer so rumfiesen?
Und warum hatte sie dann auch noch recht?
/Halt die Klappe!/ schnauzte Schuldig sie an und verbrachte die nächsten Minuten damit, das erhabene Geschöpf aus der Ferne zu betrachten.

Irgendwann hat jedes Leiden ein Ende und so auch Direktor Takatoris Rede.
Nicht, dass Schuldig den Schluss mitbekommen hätte, aber als sich die Schüler um ihn herum erhoben, sprang auch er auf und drängelte sich, rücksichtslos seine Ellbogen benutzend durch die Menge.

Dabei verlor er den Rotschopf nicht aus den Augen. Entsetzt sah er, wie dieser mit einer eleganten Bewegung aufstand und den Anderen zum Ausgang folgte.

Er musste hinterher! Er musste... -
Irgendetwas, nein, Irgendjemand schob sich in sein Blickfeld.
Wer wagte es, sich zwischen ihn und seinen Engel zu stellen?!
Wer war so unverschämt, so lebensmüde, so grausam?!

Wütend sah er dem Störenfried ins Gesicht.
Natürlich! Chizuru Aoi, die Schülersprecherin.
Wer konnte auch sonst so nerven? (außer ihm selbst)

"Lass mich vorbei, Hell! Ich hab jetzt keine Zeit für dich!"
"Nein, keine Chance." erwiderte diese ungerührt und reagierte weder auf ihren verhassten Spitznamen noch auf Schuldigs Fluchtversuche.

"Wann kommt der nächste Kritiker' raus?"
"Keine Ahnung. In zwei Wochen?"
"Noch diese Woche!"
"Keine Chance! Ich hab keine Mitarbeiter mehr seit die Horrorbrüder letztes Jahr ihren Standpunkt zum Thema Pressefreiheit klargemacht haben."
"Masafumi und Hirofumi sind mir egal. Ich habe ein paar wichtige Infos zum neuen Schuljahr und die müssen so bald wie möglich unters Volk.
Ich hab auch schon ein Aufruf für den Kritiker' ans schwarze Brett gehängt. Vielleicht finden sich ja ein paar Dumme, die mit dir zusammenarbeiten können..."

"Ja, ich liebe dich auch. Besonders deinen Charakter. Kannst du deine dämlichen Infos nicht auch ans schwarze Brett hängen anstatt mich damit zu nerven?"
"Ich mach das doch nur, um dich zu quälen." lächelte sie zuckersüß.

"Ich hab keine Zeit für so nen Scheiß."
Und schon hatte Schuldig sich an der Möchtegernpolitikerin vorbeigeschoben und rannte auf den Ausgang zu.

"Noch diese Woche!" hörte er die schrille Stimme hinter sich, bevor er auf den Hof hinausstürmte und hektisch nach den roten Haaren seiner großen Liebe Ausschau hielt.



Halluzinationen

Aber das Einzige, was er entdecken konnte, war ein blöd grinsender Yohji. Nirgendwo auch nur ein Fitzelchen dieses anbetungswürdigen, warmen Rotes.
Ebenso schnell, wie es ihn hierher gebracht hatte, hatte ihm das garstige Schicksal seinen Engel auch wieder genommen.

Oder war das eben in der Aula nur eine Halluzination gewesen?
Und die Begegnung vorm Pantherkäfig?
Er musste zugeben, dass ihm in beiden Fällen alles seltsam unwirklich und realitätsfremd vorgekommen war...

War sein rothaariger Engel vielleicht nur der Mann seiner Träume, im wahrsten - im grausamsten - Sinne des Wortes?

Was blieb war Schuldig.
Einsam. Desillusioniert. In einer kalten, grauen Welt.
Und ein idiotischer verhinderter Möchtegern-Playboy, der jetzt mit besorgtem Blick auf ihn zukam.

"Hey Schuldig, bist du krank? Fühlst du dich nicht wohl?"
"Wieso? Seh' ich so aus?"
"Ja, du siehst aus, als ob dir schlecht ist und du jeden Augenblick aus den Latschen kippst. Und außerdem starrst du seit du rausgekommen bist so gedankenverloren in der Gegend rum..."

"Mir geht's gut. War wohl nur die schlechte Luft da drin. Es geht schon wieder, lass mich in Ruhe!"
Aber Yohji sah immer noch besorgt aus, manövrierte Schuldig zu einer Bank im Schatten und zwang ihn, trotz Protests, sich hinzusetzen.

"Seit wann machst du hier die Mutterhenne?"
"Seit du dich aufführst wie ein Kleinkind." Er wechselte schnell das Thema. "War das Chizuru, die da eben mit dir gesprochen hat?"

Schuldig sah ihn gequält an. "Wie konnte so ein Mensch nur Schülersprecher werden? Diese Nervenklatsche gibt mir den Rest. Ich sag dir, die hat's auf mich abgesehn."
"Tja, sie liebt dich halt."
/Meint der das jetzt ernst oder will der mich nur ärgern?/

"Sag doch so was nicht! Die Frau ist mein Sargnagel!"
"Nicht dein Typ?" Der Blonde hatte sich jetzt neben ihn gesetzt und beobachtete mit halb geschlossenen Augen das Treiben auf dem Schulhof.

"Ha. Ha. Was ist los mit dir? Hast du heute auf der Witzekiste geschlafen?"
Der Playboy sah ihn genervt an. "Und du? Warum hast du so miese Laune? Du bist schon seit Tagen unausstehlich."
"Hmpf!" Ein unangenehmes Schweigen machte sich zwischen ihnen breit.

/Wahrscheinlich war ich in letzter Zeit wirklich schrecklich.../ dachte Schuldig niedergeschlagen.
Dabei waren ihm seine Freunde doch so wichtig.

Yohji und Ken kannte er schon seit seinem ersten Schultag in Japan. Er war zehn gewesen, als seine Eltern mit ihm von Deutschland hierher gezogen waren.
Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie einsam er sich damals in dem fremden Land und der fremden Schule gefühlt hatte und wie froh er über Yohjis und Kens Freundschaft gewesen war.

Und daran hatte sich auch nichts geändert. Schließlich waren die beiden der Hauptgrund, warum er seine Eltern letztes Jahr nicht zurück nach Deutschland begleitet hatte.

"'Tschuldigung." meinte er kleinlaut.
Yohji sah ihn überrascht an und schüttelte den Kopf. "Mann, du bist ja echt total daneben. Sicher, dass du nicht krank bist?"
"Nein, gar nicht, ich fühl mich furchtbar."

"Hm..." Na ja, stärkere Mitleidsbekundungen konnte Schuldig wohl kaum erwarten.
>Reiß dich zusammen! Das ist ja erbärmlich.<
So sehr er es hasste, manchmal hatte die böse Stimme recht.
/Also... Ablenkung!/ Na ja, er konnte sich ja jetzt mit Yohji unterhalten.

"Wo sind eigentlich die Anderen?"
"Ken findet unsere Stundenpläne raus und die Anderen führn den Neuen rum."
"Ayas Bruder?"
"Hm."
"Und wie ist er so?"
"Komisch... Der reinste Eisblock. Total verschlossen, ziemlich humorlos und wenn du mich fragst, hat er nen argen Schwesterkomplex."

Sie hatten Ken gar nicht bemerkt, der sich jetzt auf die Lehne der Bank setzte und über Yohjis Beschreibung lachte. "Mach mal Ran nicht so runter, der ist schon in Ordnung. Du bist ja nur neidisch, weil er dir die Show stiehlt."

Yohji grinste schief. "Pff, hab ich gar nicht nötig, mit meinem Ego ist alles in Butter."
Schuldig verstand nur Bahnhof. "Hä? Was hast du nicht nötig?"

"Einen Fanclub." prustete Ken los. "Sakura Tomoe aus der Elften hat allen Ernstes einen Ran-Fujimiya-Fanclub gegründet und Ouka war ganz begeistert von der Idee und ist gleich beigetreten."

"Die spinnen." meinte Yohji nur schulternzuckend. "... Schuldig? Kann ich es wagen, dich noch mal auf den WeißKreuz-Report anzusprechen oder bist du immer noch in diesem ominösen Schaffenstief?"

"Eigentlich schon. Aber mir wurde gesagt, dass ich die neueste Ausgabe schon diese Woche fertig haben soll. Ich muss nehmen, was ich kriegen kann."
"Ich fass das jetzt mal als Kompliment auf..." meinte Yohji säuerlich.
Schuldig grinste. "War es nicht."

"Hm. Wann solln wir zum Interview kommen?"
"Keine Ahnung. Wann ist denn Schluss?"
"Das wurde doch eben erst angesagt. Ich dachte, du warst da."
"Nur körperlich..."

Yohji seufzte resigniert. "Heut ist für alle nach der Sechsten Schluss. Danach ist Lehrersause."
"Hatten die nicht schon heute morgen eine Versammlung?"
"Ist doch egal, dann haben sie eben zwei. Hauptsache, ich hab Ausfall."

"Also, dann kommt nach der Sechsten ins K-Office'."
"Hä?"
"... Ins Kritiker'-Büro."
"Was? Meinst du etwa diese Abstellkammer, in der du und deine Zeitung dahinvegetieren?"

Schuldig sah ihn beleidigt an. "Du willst doch jetzt kein Ja hören?"
"Nö, schon gut, alles klar." winkte Yohji ab. "Kann aber ein bisschen später werden."

"Hey Schuldig, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht." mischte sich Ken ein, der sich gerade ihre Stundenpläne durchlas.
"Bitte nur die gute, was andres verkrafte ich heute nicht."

"Du hast Crawford dieses Jahr nicht in Mathe."
Schuldig seufzte befreit auf. "Wahnsinn! Ich dachte schon, ich werde den großen Crawfordo nie los!"
"Wirst du auch nicht. Du hast ihn jetzt in Englisch."

"Hmpf."
"Was denn, ist das alles?" Ken sah ihn überrascht an.
"Ich will jetzt gar nicht darüber nachdenken. Ich hab' dir doch gesagt, dass ich zu deprimiert für so was bin."
"... Aha."

"Kann ich dich auch für den Kritiker' einspannen?"
Ken sah ihn zweifelnd an. "Dir ist aber klar, dass ich nicht besonders gut schreiben kann?"
"Ach, das schaffst du. Ich brauch' einen Ausblick auf die sportlichen Events des kommenden Schuljahrs. Gib ruhig deinen Senf dazu, weck ein bisschen Interesse bei den Leuten, aber beschränk dich nicht allzu sehr auf Fußball."

"Hä? Da gibt's noch was anderes außer Fußball?" grinste Ken.
Schuldig wandte sich mit gespieltem Entsetzen ab. "Okay Ken, vergiss das mit dem Artikel."
"Reicht's bis Donnerstag?"

"Ja..." Er stockte mitten im Satz und starrte auf die Drei, die gerade um die Ecke gebogen kamen.
Ken folgte seinem Blick. "Wie's aussieht, ist Omi mit seiner Führung fertig."
Dieser hatte sie schon gesehen und steuerte nun auf sie zu, dicht gefolgt von Aya und Ran.

Schuldig konnte es kaum glauben.
Sein Engel existierte also doch!
Er war keine Einbildung!
Die Welt war wieder schön! (So voller rosa Blütenblätter.) Und sein Leben auch!

Gebannt beobachtete er wie der Rothaarige auf ihn zukam.
Alles um sie herum verschwamm. Sie waren allein. Selbst der Lärm, der von dem Schulhof in den blauen Sommerhimmel aufstieg, ebbte ab, bis es schließlich ganz still war.

Schuldig konnte nur auf der Bank sitzen bleiben und den Rotschopf, der sich ihm mit seinen geschmeidigen Bewegungen näherte, wie hypnotisiert anstarren.
Erst, als dessen Knie schon die Sitzfläche der Bank berührten und er zwischen Schuldigs Beinen stand, hielt er inne.

Er beugte sich ganz leicht herunter und sah dem Anderen tief in die Augen. Der Deutsche versank fast in dem geheimnisvollen Glanz der funkelnden Amethyste, nahm nur am Rande seines Bewusstseins war, wie der Rotschopf zögernd die Hand hob.

Dann spürte er kühle Finger, die sich sanft auf seinen Hals legten. Langsam und leicht wie eine Feder strich der Daumen seines Engels über seine Schläfe, die Wange entlang und blieb auf seinen Lippen liegen.

Ein Lächeln huschte über das blasse, schöne Gesicht und die kühlen, violetten Augen nahmen einen sanften, fast zärtlichen Ausdruck an.
Ganz sachte schoben die schlanken Finger sein Kinn ein wenig nach oben.

Langsam, unendlich langsam beugte Ran sich weiter herunter. Eine Strähne blutroten Haares strich über Schuldigs Gesicht. Auf seiner Haut fühlte er den warmen Atem des Anderen, dessen Lippen sich den seinen immer weiter näherten...~


"Was ist mit ihm?" Aya deutete besorgt auf Schuldig, der reglos und bis aufs Äußerste angespannt auf der Bank saß und mit leerem Blick in die Ferne starrte.

Ran, der neben seiner Schwester vor der Bank stand, wedelte kurz mit der Hand vor Schuldigs Augen herum. Als aber keine Reaktion kam, ließ er sie mit einem Schulterzucken wieder sinken.

"Nimmt er Drogen?"
"Keine Ahnung. Er ist sonst nicht so..."
"Vielleicht hat er einen Sonnenstich?" vermutete Omi.

Ken dachte nicht lange darüber nach, sondern löste das Problem auf praktische Weise, nämlich indem er Schuldig an der Schulter rüttelte.
Nach einigen Augenblicken hatte er damit auch Erfolg, denn dieser blickte ihn verwirrt an.

/Wie jetzt? Ken?/ Er blitzte den Braunhaarigen wütend an. /Was will der denn hier? Der hat hier nichts zu suchen! Da war doch eben noch.../
>Nein, du Spinner, das hast du dir nur eingebildet!<
/Hab ich nicht!/
>Hast du doch!<
/Nein./
>Doch.<

Misstrauisch sah sich Schuldig um. Der Hof war voller Menschen... Sein Rotschopf stand mindestens einen Meter entfernt... Seine Freunde sahen ihn besorgt/befremdet an...
/T____T/
Die böse Stimme kicherte hämisch.

"Ähm... Ich muss kurz... eingenickt sein."
O.ô Zweifelnde Blicke.
"... Ich hab in den letzten Tagen kaum geschlafen."
O.ô Schweigen.
"Wie lange wollt ihr mich denn noch angucken wie ein zweiköpfiges Kalb?"

Ran räusperte sich und trat einen Schritt vor.
"Du musst Schuldig sein." brach er das unangenehme Schweigen. "Ich bin Ran Fujimiya."

Es klingelte. "Hat jetzt einer von euch..." Der Rothaarige blickte auf seinen Zettel. "Erdkunde bei Frau Kitada?"
"Ja ich. Komm mit!" Ken stand auf und die beiden verschwanden in einem der Nebengebäude.

"Na dann, bis nach der Sechsten!" verabschiedete sich Yohji und ging mit Omi und Aya aufs Hauptgebäude zu.

Schuldig blieb glückselig lächelnd auf de Bank sitzen.
/Ran Fujimiya... ^__________^/



Erster Schultag (2)



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