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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Schulgeschichten vom Schu



~ 1 und 2 ~
Wie alles begann


~ 3 bis 5 ~
Der Erste Schultag (1)


~6~
Nahrungsbeschaffung

~7~
K-Office

~8~
Sexuelle Belästigung


~ 9 bis 12 ~
Der Konzertabend


~ 13 bis ... ~
wird fortgesetzt...



Nahrungsbeschaffung

Der Hof leerte sich schnell. Fröhlich schwatzend strömten die Schüler in die Gebäude.
Nur Schuldig saß immer noch leicht abwesend auf seiner Bank.

>Was sitzt du hier noch rum? Mach dich lieber auf den Weg zum Unterricht!<
Ach ja! Die Schule! Unterricht! Hatte er doch gleich gewusst, dass er irgendwas vergessen hatte.

Er warf einen Blick auf seinen Stundenplan, den ihm Ken noch schnell in die Hand gedrückt hatte.
/Großer Gott! Womit hab ich das heute verdient?/

Wie war das gerade noch? Gott meinte es gut mit ihm?
Da hatte sich der alte Sack ja einen schönen Ausgleich einfallen lassen.

Zu Crawfords Unterricht zu spät zu kommen, konnte tatsächlich göttliche Strafen nach sich ziehen. Strafen, gegen die Heuschrecken, die ganze Ernten vernichteten und Sterne, die vom Himmel fielen - kurz: das Armageddon - noch wirkten wie Fernsehverbot am Mittwochabend.
>Ich sag dazu jetzt mal _gar_ nichts!<

Na wie auch immer. Bradley Crawford hasste Unpünktlichkeit. Fast so sehr wie Respektlosigkeit.
/Gut, vielleicht hat es doch seine Gründe, warum der Typ mich nicht leiden kann./
(>Ach ne!<)

Seufzend erhob er sich. Okay, Zeit, es mit ein wenig Optimismus zu versuchen. Zumindest war er in Englisch schon mal nicht so eine Niete wie in Mathe. Tja, es hatte schon seine Vorteile, wenn man dreisprachig aufwuchs...

Gut, er hatte vielleicht in letzter Zeit Probleme damit, sich auf seine unmittelbare Umgebung zu konzentrieren, aber mit ein wenig Willenskraft würde er den Unterricht schon durchstehen.

>Wer's glaubt...<
/Ein bisschen mehr Unterstützung von deiner Seite wäre vielleicht ganz hilfreich./ giftete Schu zurück. Mist! Er hatte sich doch vorgenommen, nicht mehr zu antworten.
Stimmen zu hören war schon seltsam genug, aber Dialoge mit ihnen zu führen - irgendwo musste man da auch Grenzen ziehen!

Inzwischen war er im Englischraum angekommen, holte noch mal tief Luft und trat ein.
/Fuck! Klopfen wäre auch eine gute Idee gewesen./
Dementsprechend vernichtend fiel auch Crawfords Blick aus.

"Oh, Mister Schuldig, nice to see you here. We already abandoned hope. What's the reason for being this late?"

Ach, wenn's weiter nichts war. Das konnte Schuldig auch.
"Well Honey, I missed you, too. I'm late because I just met the love of my life."
"And what's the problem? Did you have to go to the restroom? Or why did it last so long?"
"Nice idea, I'd rather do so. But now I'm here, so don't be jealous, Darling."

"Screwball!" Brad wandte sich genervt ab. "Sit down, please." [1]
Wie gut standen eigentlich seine Chancen, wenn er diesen Schüler wegen sexueller Belästigung verklagte?

Schlecht wahrscheinlich... als Lehrer hatte er ja keine Chance. Und wenn er von den wahnsinnig intelligenten Gesichtsausdrücken der Schüler ausging, hatte wohl auch keiner von ihnen dieses nette Gespräch verstanden.

Warum musste man als Lehrer auch mit so vielen inkompetenten Leuten zusammenarbeiten? (Und die Schüler waren auch nicht besser...) Resigniert seufzte er auf und wandte sich wieder dem Unterricht zu.

Schuldig sah sich kurz im Klassenraum um.
Toll! Da war nur noch ganz vorne ein Platz frei...
Aber immerhin neben dem Fenster. Wenn es zu langweilig wurde, konnte er wenigstes rausgucken.

Neben ihm saß ein Mädchen, das er vom Sehen her kannte.
"Kannst du mir bitte ein Blatt leihen? Und einen Stift, vielleicht?"
Na ja, sein Rucksack stand noch immer am selben Platz wie heut morgen, nämlich in der dunkelsten Ecke seines Schlafzimmers, wo er ihn vor sechs Wochen hingeworfen hatte.

>Idiot!<
/Möh, ich hatt' es eben eilig!/
>Du bist doch wirklich der einzige Trottel, der es schafft, innerhalb von einer Stunde gleich zweimal zu spät zu kommen!<
/Ach halt doch die Klappe!/

Und verblüffenderweise schwieg die böse Stimme tatsächlich.
Aber mal ehrlich: Wie spannend könne unregelmäßige Verben im Extremfall sein?
/Do... did... done... - Weiß ich schon.../

...

/Hmhmhmhm... to a healthy hart beat... Haemoglobin is the key... Haemoglobin is the key... now my feet don't touch the ground../ [2]
Ups, Crawford guckte ja so säuerlich! Hatte er das etwa laut gesummt?

...

/Laaaaang-weiiii-liiiig!!!/

...

Und nicht mal die fiese Stimme wollte mit ihm sprechen...
/Okay, das reicht! Ich hab mich jetzt eindeutig lang genug konzentriert. Wenn hier niemand was zu meiner Unterhaltung beitragen will, dann muss ich das eben selber tun./

Jetzt wo er endlich mal wieder Ruhe hatte, konnte er ja auch ganz nüchtern über die neuesten, viel versprechenden Erkenntnisse nachdenken.

Die da wären: Der schönste Mann auf Erden, Gottes erhabenste Schöpfung existierte nicht nur, nein, er ging auch noch an diese Schule und er hatte sogar einen Namen!
Ran Fujimiya!

Außerdem sah er in der Schuluniform wahnsinnig gut aus und die Farbe seiner Augen war noch viel schöner, als er sie in Erinnerung hatte!

Irgendwo an dieser Stelle verloren sich Schuldigs Gedanken und den Rest der Doppelstunde verbrachte er damit, mit verklärtem Blick zu beobachten, was für schöne Muster das Sonnenlicht in die Blätter eines nahen Baumes zeichnete.

Ein lautes Knurren riss ihn aus seinen Träumereien.
Kein Geräusch, das man in einem Klassenraum erwarten sollte.
Für einen Sekundenbruchteil durchzuckte Schuldig eine Vision von Crawford, wie er seine wahre Gestalt angenommen hatte und nun einen ahnungslosen und verzweifelten Schüler mit gefletschten, weiß blitzenden Reißzähnen bedrohte.

Nein, doch nicht...
Crawford stand vorne, in menschlicher Gestalt, wie eh und je.
Und er sah zu Schuldig hinüber. Mit demselben missbilligenden Blick, den er wahrscheinlich extra für ihn erfunden, eingeübt und reserviert hatte.

Was hatte der denn jetzt schon wieder für ein Problem?
RRRRIMRRRR!
Da war das Geräusch wieder. Es war ganz nah.

Öhm. Aha. Gut, das erklärte die Blicke.
Sein Magen klärte ihn gerade darüber auf, dass Orangensaft und Zahnpasta als ausgewogenes Frühstück offenbar inakzeptabel waren.

Schon klar, aber was sollte er jetzt dagegen tun? Selbst wenn er etwas zu essen gehabt hätte, wer es wagte, in Crawfords Unterricht zu essen, lief Gefahr, selbst als Frühstück zu enden.
Aber glücklicherweise erklang just in diesem Augenblick die Klingel und erlöste ihn.

Schuldig mobilisierte heroisch seine letzten Kraftreserven und sprintete in Rekordzeit zur schuleigenen Cafeteria. Dass dabei einige unvorsichtige Quietschtiere über den Haufen gerannt wurden... Wen störte das schon?
Sollten die Zwerge doch aufpassen, dass sie nicht im Weg standen.

Ja, geschafft! Da war die Cafeteria! Der Hungertod würde ihm erspart bleiben. Und er war der Erste und musste nicht ewig anstehen.
"Aaalso. Ich hätte gern ein Wustbrötchen, ein Käsesandwich, ein Salat, ein Muffin und ne Cola."

Die Bedienung sah ihn verzweifelt an. "Wie bitte?"
/Gut, fünf Sachen auf einmal... Is wohl wirklich ein bisschen viel verlangt. Nicht, dass sich die arme Frau hier noch überarbeitet./ >Hey, wer ist hier fies?<

Er wiederholte das ganze noch ein paar mal. Langsam.
Und tatsächlich, nach und nach erschien dann alles auf dem Tresen.
An diesem Punkt stockte Nahrungsbeschaffungsplan A (Kaufen), da Schuldigs Portemonnaie wohl irgendwo in unmittelbarer Nähe seines Rucksacks herumlag.

"Kann ich das vielleicht morgen bezahlen? Ich hab mein Geld vergessen."
"Nein!"
Wow! Die Reaktion kam unerwartet schnell. Wenn das hier nur immer so zügig laufen würde... Dann wäre die Schlange hier nur halb so lang und man würde das Gekaufte noch innerhalb der Pause essen können...

"Och bitte!" Schuldig setzte sein Sonntagsgrinsen auf. "Sie kennen mich doch!"
"Eben."
/Höh? Was war denn das jetzt? Muss ich mich jetzt echt vom langsamsten Menschen der Weltgeschichte vollpöbeln lassen, nur um nicht zu verhungern?/
>Scheint so. *fg*<

/Lass mich in Ruhe! ... Da wäre immerhin noch der Nahrungsbeschaffungsplan B (Schnorren)/
>Und bei wem bitte schön?<

"Soll ich für dich zahlen?" Wow, das lief ja heute wie von selbst!
Halt! Stop! Diese Stimme kannte er doch! Sie gehörte...
"Ran!" Das Sonntagsgrinsen wurde noch breiter.

Ran war hier!
Sein Engel war gekommen, um ihn vorm qualvollen Hungertod zu erretten!
Und sein warmes Leuchten erfüllte die düstere Ödnis der Schulcafeteria!

Schuldig hatte sich umgedreht und sah ihn glückselig an.
"Was ist jetzt? Oder hast du keinen Hunger mehr?"
Hunger... Nein, nicht mehr... oder doch? ...schwer zu sagen. Irgendetwas lenkte ihn gewaltig ab.

"Na?" Nein, sein Engel klang doch nicht etwa genervt?! Das konnte doch -
>Antworte endlich, du Trottel! Sonst verhungern wir noch.<
Sein Verstand hatte es doch tatsächlich geschafft, sich unter den Bergen von rosa Blütenblättern hervorzuwühlen.

/Hä?/
>Ist ja gut, ich helfe dir, bevor du dir noch irgendwas antust... Also. Konzentrier dich!<
"Ähm... Doch, ich hab Hunger." Irre, ein ganzer Satz!

Die böse Stimme hatte recht. Er musste sich langsam zusammenreißen...
>Pöh, wahrscheinlich hält er dich eh schon für einen unzurechnungsfähigen Junkie.<
/T___T Das war jetzt echt fies! Wenn du so weitermachst, ignorier ich dich wieder./

Ran hatte inzwischen bezahlt.
"Danke!" Schuldig schnappte sich seine Beute, balancierte damit zu einem der Tische und fing an zu essen.

Der Rotschopf setzte sich ihm gegenüber.
"Willst du das alles alleine essen?"
"Na ja, ich hab heut noch nichts gegessen." meinte Schuldig kauend. "Aber es ist deins, also bedien dich!"

Ran warf einen Blick auf die Schlange vorm Verkauf, die inzwischen schon gewaltige Ausmaße angenommen hatte.
"Ist schon gut, ich hab gleich ne Freistunde, dann kauf ich mir was."

Ach ja, auf seinen Stundenplan könnte er ja auch mal gucken. So lang war die Pause auch wieder nicht. Er zog den knittrigen Papierfetzen aus der Tasche.

Yeah! Frei! Konnte das Leben noch schöner sein?
Er und seine große Liebe hatten Montags eine gemeinsame Freistunde!
Die Entdeckung - Ach! Offenbarung - verdiente es, gefeiert zu werden!

Und da sollte es noch Leute geben, die nicht an die göttliche Fügung glaubten!
Das war doch eindeutig Schicksal! Das war einfach nur wunderbar, das war -
>Schuldig!<

/Ähm... Wo war ich grad?/ "Ich hab jetzt auch frei."
Ran nickte nur kurz und nahm sich dann das Sandwich. Fasziniert beobachtete Schuldig, wie die schlanken Finger bedächtig die Cellophanfolie abwickelten und das belegte Brot dann zum Mund führte.

Der Mund...
Die Lippen waren blass, aber vielleicht war das nur eine Täuschung. Vielleicht sahen sie nur gegen das blutrote, glänzende Haar so hell aus.
Aber sie wirkten hart, das konnte Schuldig mit Sicherheit sagen.

Ob sie sich auch so anfühlten? Wenn er sie küssen würde?
Nein, bestimmt wären sie weich und warm. Nicht so kalt wie die Blässe vermuten ließ.
Die Lippen seines Engels wären sicher genau so warm und sanft wie sein Lächeln.
Dieses wunderschöne Lächeln, das er seit über einer Woche so schmerzhaft vermisste...

"Du starrst mich an." Es klang nicht wütend oder ärgerlich, lediglich wie eine Feststellung.
Trotzdem wandte Schuldig schnell den Blick ab und aß etwas von seinem Salat.
/Moment mal, was mach ich hier? Seit wann verhalt ich mich so bescheuert? Fehlt ja nur noch, dass ich rot werde!/

Er grinste selbstsicher und sah seinem Gegenüber direkt in die Augen.
"Stimmt. Tu ich." Zufrieden registrierte er die Überraschung, die in den dunklen Amethysten aufblitzte und wandte sich wieder seinem Salat zu.

"Hn." machte Ran und biss noch mal von seinem Sandwich ab. Er ließ seinen Blick unruhig durch die Cafeteria schweifen, als plötzlich leises Kreischen von draußen zu vernehmen war. "Schuldig... Ich muss hier weg."


[1] Ich weiß ja nicht, wie's euren Englischkenntnissen so geht...
"Oh, Herr Schuldig! Schön, Sie hier zu sehen. Wir haben die Hoffnung schon aufgegeben... Was ist der Grund für Ihr Zuspätkommen?"
"Tja Honey, ich hab dich auch vermisst. Ich bin zu spät, weil ich eben meine große Liebe getroffen habe."
"Und wo ist das Problem? Mussten Sie danach noch die Toiletten aufsuchen, oder warum hat das so lange gedauert?"
"Nette Idee, das wäre mir auch lieber. Aber jetzt bin ich ja hier, also sei nicht eifersüchtig, Darling."
"Spinner! ... Setzten Sie sich."
Dat is jetzt auch eher frei übersetzt...

[2] "Haemoglobin" von Placebo




K-Office

"Hä? Was? Du willst weg?" Schu konnte es nicht glauben.
Ran wollte ihn verlassen, wollte, wie so oft, einfach verschwinden und ihn in Einsamkeit und Verzweiflung allein lassen!

"Warum?"
"Wegen denen da." Ein hastiger Blick aus den Amethysten schoss zur Tür, durch die jetzt eine Gruppe kichernder und tuschelnder Mädchen kam, die auf Ran zuhielten.

Dieser ging jetzt hastig Richtung Ausgang, gefolgt von Schuldig.
"Wer sind die?"
Ran machte ein Gesicht, als hätte er gerade saure Milch getrunken. "Mein Fanclub."

"Was denn, hast du Angst vor kleinen Mädchen?" Schu konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Der Rotschopf blitzte ihn böse an. "Nein, aber sie nerven. Die haben mich heut schon den ganzen Morgen verfolgt."

"Und wie bist du sie losgeworden?"
"Gar nicht. Da war son Irrer mit ner Kettensäge, der hat sie verjagt."
"Na komm, ich helf dir, sie abzuhängen." Schuldig nahm Ran am Arm und zog ihn hinter sich her. Prinzipiell hatte er ja nichts gegen Groupies, aber wenn sie es auf seinen Ran abgesehen hatten, dann bedeutete das Krieg!

"Wo willst du hin?" fragte Ran genervt. Er wollte doch nur seine Ruhe!
Womit hatte er es verdient, jetzt hier durch die Schulflure geschleift zu werden, verfolgt von seinem durchgeknallten Fanclub?!
Und wenn er schon bei dem Gedanken war: Womit hatte er diesen dümmlichen Fanclub verdient? Konnten sich diese albernen Gören denn niemand anderes suchen?

"Hier rein!" Schuldig war vor einer Tür stehen geblieben, die er jetzt aufschloss.
Dann schob er Ran hinein und folgte selbst, nachdem er noch mal hinausgespäht hatte.
"Ich glaube, sie haben nicht gesehen, wie du hier reingegangen bist..."

Der Rotschopf nickte nur und sah sich in dem Zimmer um. Es war ziemlich klein. Rechts von der Tür drängelten sich ein Schreibtisch mit Computer und ein kleines Regal. Links stand ein durchgesessenes, braunes Sofa und die paar Quadratmeter dazwischen teilten sich ein Bürostuhl, ein winziger Tisch und ein abgewetzter Sessel, passend zum Sofa. Gegenüber der Tür, vor dem Fenster stand eine qualvoll verreckte Zimmerpflanze.
Was genau das mal gewesen war, ließ sich anhand der mumifizierten Überreste nicht mehr feststellen.

"Was ist das hier?"
"Mein Büro."
Ran sah den Deutschen fragend an.
"... na ja, das vom Kritiker'."

"Ach ja, Omi hat's mir erzählt. Wie kommt ein Chaot wie du dazu, die Schülerzeitung zu machen?"
"Chaot?!" fragte Schuldig empört. "Wie kommst du darauf?"

Ran ließ einen vielsagenden Blick über den Schreibtisch wandern, auf dem schichtweise die verschiedensten Dinge, von Zeitschriften bis zu Kaffeebechern lagerten.
"Keine Ahnung... vielleicht ist es deine Frisur." meinte er lächelnd. "Oder die Krawatte."

Ja! Eben hatte sein Engel gelächelt! Zwar nur flüchtig, aber genau so atemberaubend schön wie damals. Für so ein Lächeln konnte man diese komische Bemerkung über seine perfekten Haare glatt übergehen...

"Hm... Beim Kritiker' einzusteigen war so ne Anwandlung, die mich in der 9. überkommen hat. Und weil ich jetzt der Letzte bin, kann ich nicht aussteigen."
Der Rotschopf sah ihn nachdenklich an, dann schüttelte er den Kopf. "Nein. Dir macht das hier Spaß, sonst würdest du's nicht tun."

Schuldig musste grinsen. "Stimmt. Die Macht der Presse... Ich kann andere beeinflussen. Außerdem gibt's das Zimmer hier und den Computer mit gratis Internet dazu."
"Hm. Kann ich die Freistunde über hier bleiben?"
/Uaah! Er bleibt bei mir!/ "Klar." strahlte Schuldig.

Der Andere nickte nur, zog ein Buch aus seiner Tasche und setzte sich lesend auf die Couch.
/Und was mache ich jetzt?/
>Du könntest zum Beispiel den Leitartikel schreiben, sonst wird die Zeitung nie fertig!<
/Blödsinn! Ich kann mich doch jetzt sowieso nicht konzentrieren./

Also setzte sich Schuldig auf die Couch und vertrieb sich die Zeit damit, Ran beim Lesen zu beobachten. Es schien so, als würde sich der Rotschopf dabei völlig aus der Realität ausklinken, denn auf das sonst so unbewegte Gesicht stahl sich ab und an ein Lächeln oder er runzelte die Stirn.

Schuldigs Blick fiel auf die leuchtend roten Haarsträhnen, die seinem Engel ins Gesicht fielen. /Das muss ihn doch stören.../
Ohne weiter darüber nachzudenken, rutschte er ein Stück näher und strich sie zurück, fuhr dabei durch das seidig weiche Haar des Anderen.

>Und du meinst, dass das nicht beim Lesen stört?!<
/Arg - doch.../
Schuldig hielt mitten in der Bewegung inne und sah in diese einzigartig violetten Augen, die ihn verwirrt anblickten.

/Ja! Verwirrt, nicht wütend oder angewidert! Nur verwirrt!/ jubelte der Deutsche innerlich.
>Bilde dir da nur nichts ein.< Warum versuchte diese kleine Stimme eigentlich immer, jeglichen Optimismus und Selbstvertrauen im Keim zu ersticken?
Am besten, man ignorierte das einfach...

Schuldig saß inzwischen seitlich auf der Couch und beugte sich über Ran, der ihn immer noch mit undeutbarem Gesichtsausdruck ansah und sich offenbar nicht entscheiden konnte, wie er reagieren sollte.

"Ran..." Es war nur ein Flüstern. Seine Stimmer klang in seinen eigenen Ohren merkwürdig fremd. Heiser und irgendwie... unsicher. "... Darf ich dich küssen?"

Schuldig schob seine Hand, die immer noch in den roten Haaren des Anderen lag, über den Kopf in dessen Nacken und streichelte dort sanft über die weiche, warme Haut.
Jetzt huschte ein irritiertes Lächeln über Rans Gesicht.

"Bist du immer so... direkt?" fragte er amüsiert, machte aber auch jetzt keine Anstalten, Schu wegzustoßen.
Dieser entschloss sich jedenfalls, dass man diese Antwort gut und gerne als Ja' werten konnte und näherte sich langsam dem ersehnten Mund.

"Nein. Normalerweise bin ich noch viel direkter... " flüsterte er, jetzt ebenfalls lächelnd.
"... geradezu distanzlos... so schüchtern bin ich nur bei dir..." Das letzte Wort hatte er nur noch auf Rans Lippen gehaucht.

Dann küsste er ihn endlich. Es fühlte sich genauso sanft und warm an, wie er es sich vorgestellt hatte. Nein, sogar noch viel besser!
Weich und fest gleichzeitig, und viel wärmer - na ja, ihm war jetzt sowieso heiß, ganz unabhängig von der Außentemperatur...
Aber die Lippen seines Engels waren einfach wunderbar. Und sie schmeckten auch wunderbar.

Sachte strich er mit der Zunge über die Oberlippe des Anderen. Dass das Buch auf den Boden fiel, hörte Schu nur wie durch einen dichten Nebel, nahm aber dafür die Hände, die sich auf seinen Kopf und an seine Halsbeuge legten, umso deutlicher wahr.

Ran zog ihn weiter hinunter, öffnete den Mund leicht und gewährte der bittenden Zunge Einlass. Und Schuldig folgte der Einladung nur zu gern, strich über Zähne, Gaumen und Zunge des Anderen, erforschte in aller Ruhe das fremde Reich. Dann wurde die andere Zunge aktiv, indem sie über die seine leckte, sie aber auch mit sanfter Gewalt zurückschob und in seinen Mund eindrang.

Einige Augenblicke später, ihm schien es wie eine Ewigkeit, löste sich Schuldig von dem Rotschopf.
"Passiert das hier wirklich?" keuchte er.
Matt glänzende Amethyste sahen ihn verwundert an. "Ich denke, schon..."
Auch Ran war außer Atem. "Warte, ich find's heraus..."
Der Anflug eines Grinsens lag auf seinem leicht geröteten Gesicht, als er sichSchuldig wieder näherte und ihm leicht in die Unterlippe biss. "Na, überzeugt?"

"Hm... noch nicht so ganz. Lass' es mich noch mal..." Er küsste Ran noch mal, aber leidenschaftlicher als zuvor. Er zog ihn näher zu sich heran. Seine Hände wanderten unter das Hemd, zogen Kreise auf der glatten, weichen Haut, streichelten über die Seiten, den Rücken, den Bauch...
Rans linke Hand war immer noch in Schuldigs Haaren und zog seinen Kopf weiter herunter, die Rechte hatte angefangen mit fahrigen Bewegungen sein Hemd auf zu knöpfen.

"Ächäm!" Zwei erschrockene Augenpaare richteten sich auf die Tür, in der Aya stand.
In ihrem Gesicht stand ein Grinsen, das sie sich nur von Schuldig höchstpersönlich abgeschaut haben konnte. "Stör' ich?"

Ran wurde tomatenrot und stieß Schuldig hastig von sich herunter. "Nein, nein." übertönte er gerade so dessen bissiges Ja'.
Mit gesenktem Blick versuchte er fieberhaft seine zerknitterten Klamotten zu ordnen, bevor er noch was von nach Hause gehen' murmelte und an seiner Schwester vorbei aus dem Zimmer stürmte.

Schuldig lag noch immer auf dem Sofa, wie Ran ihn hingeworfen hatte und versuchte, seine Erregung unter Kontrolle zu bringen.
"Na Hauptsache, du hast deinen Spaß!" Er blitzte Aya böse an.
"Na ja... ich kann mir auch Besseres vorstellen, als meinen Bruder beim Vorspiel zu beobachten..."
"Ach ja?"

Aya zuckte nur ungerührt die Schultern. "In zwei, drei Minuten kommen die Anderen und dann wär's sowieso aus gewesen mit der trauten Zweisamkeit... Außerdem erinnere ich mich da an diese ominöse verlorene Liebe'."
Ihr Ton wurde schärfer und Schuldig wunderte sich, wie so ein niedliches, kleines Mädchen so böse gucken konnte. Sie wirkte richtig bedrohlich. "Ist die jetzt etwa Schnee von gestern? Oder ist Ran nur Lückenbüßer? Wenn du ihn nur ausnutzt, kriegst du's mit mir zu tun!"

/Huh, gruselig... irgendwie macht sie mir Angst./ Schuldig setzte sich auf und fing an, sich in aller Seelenruhe sein Hemd zuzuknöpfen.
"So ein Blödsinn!" brummte er missmutig. "Ran ist selbst die verlorene... na ja, wieder gefundene Liebe."

Aya sah ihn verblüfft an. "Wie jetzt? Du kanntest ihn schon?"
"Na ja, ich hab' ihn getroffen, wusste aber nicht, wer er ist."
"Du bist echt komisch." Sie schüttelte den Kopf und setzte sich auf den Bürostuhl, mit dem sie sich ein paar mal um die eigene Achse drehte, während sie weitersprach.
"Machst eine Wochen lang so ein Theater wegen jemandem, den du kaum - das heißt, eigentlich gar nicht kennst..."
"Ach, lass mich in Ruhe!"

Sie schwiegen sich noch eine Weile an, bis die Anderen kamen. Die waren geradezu eklig gut gelaunt. Weiß der Himmel, warum! Ob es nun am Unterrichtsschluss oder dem schönen Wetter lag...

Schuldig schichtete den Müll auf seinem Schreibtisch um - ein nicht ganz ungefährliches, auf jeden Fall aber unappetitliches Unterfangen - und stieß schließlich nach längerer Suche und der Begegnung mit einem sechs Wochen alten, lebendigen Pizzastück endlich auf sein Diktiergerät.

Die Anderen hatten sich auf die Sitzmöbel verteilt und seine Suche mit Interesse und wachsendem Ekel verfolgt.
"Sag mal, züchtest du Pilze oder was soll das werden?"
"Da ist ein System drin, aber das geht euch nichts an!"
Schuldig knallte das Diktafon auf das Tischchen, das schräg neben dem Sessel stand und bei dieser Attacke fast zusammenbrach.

"Warum bist du denn so genervt?" wagte es Yohji einzuwerfen.
"Ich bin nicht genervt, ich bin frustriert!" stellte Schuldig richtig und schaltete das Diktiergerät ein. "Können wir dieses Interview jetzt bitte endlich hinter uns bringen?"



Sexuelle Belästigung

Hastig stürzte Ran aus dem Schulgebäude, blieb dann aber stehen und setzte sich auf den dürren Rasen davor. In der Gegend rumzurennen war kindisch und brachte überhaupt nichts.
/Na ja, das hätte ich mir auch früher überlegen können./

Eine Weile sah er gedankenverloren zu, wie sich ein paar kleine Vögel um Krümel stritten, die auf dem Hof rumlagen. Aber das brachte nichts, seine Gedanken liefen im Kreis und wirbelten durcheinander, sodass er bei keinem vernünftigen Ergebnis ankam.

/Also dann noch mal von vorn. Ganz langsam und logisch./
Was war passiert? Er hatte sein Buch gelesen und auf Aya gewartet, die ja dann auch wenig später gekommen war... Er verzog kurz das Gesicht.
Das war eine Sache, über die er auch noch nachdenken musste, aber erst mal zurück zum Hauptgeschehen.

Der Kern der Sache war ja wohl ganz klar, dass Schuldig ihn geküsst hatte. Genau genommen, traf die Formulierung nicht ganz zu. Er war schließlich nicht unbeteiligt gewesen...

Und es war gut gewesen. Der Kuss hatte nach Schokomuffin geschmeckt... und nach -
Hm... schwer zu sagen, aber irgendwie gut.
Schuldig war ihm so nahe gewesen. Seine Lippen, sein Körper, die Hand, die ihm den Nacken versengte...
Durch den Stoff des weißen Hemdes hatte er seine Wärme spüren können, konnte die Muskeln und die glatte Haut erahnen - und plötzlich hatte ihn das Hemd gestört.
Er wollte -

Ran riss sich von seinen Phantasien los und blinzelte kurz in die strahlende Sonne über ihm.
Es hatte ihm also gefallen, das ließ sich wohl nicht leugnen.
Hieß das jetzt, dass er schwul war? Na ja, gesteigertes Interesse an Mädchen hatte er ja nie gehabt...
Mal abgesehen davon, dass er ganz allgemein kein Interesse an seinen Mitmenschen hatte. Die meisten nervten ihn nur und er schottete sich mit voller Absicht von ihnen ab.

Und das funktionierte, weil die Leute die große Distanz, die er zu allen hielt respektierten...
Jedenfalls taten das die Meisten. Aber Schuldig, dieser Idiot, schien sämtliche Grenzen vollständig zu ignorieren... oder es interessierte ihn einfach nicht, ob er irgendwem zu nahe trat.

Der Kerl regte ihn auf - in mehrfacher Hinsicht - und er beunruhigte ihn. Na ja, nicht er selbst, aber Ran hatte sich gefreut ihn wiederzusehen und das beunruhigte ihn.

Er war ihm schon bekannt vorgekommen, als er ihn vor etwa einer Woche im Zoo getroffen hatte, aber natürlich war ihm damals nicht eingefallen, weshalb. Jetzt wusste er es natürlich wieder.
Aya hatte ihm, als er in Tokyo im Krankenhaus lag, oft Fotos geschickt. Auf einigen war sicher auch Schuldig zu sehen gewesen.

Okay, soviel dazu. Und nun zurück zu der anderen Sache. Aya.
Dass sie vorhin reingestürmt war, hatte ihm definitiv nicht gefallen. Aber ärgerte ihn nun, dass sie Schu und ihn zusammen gesehen hatte oder dass sie sie unterbrochen hatte?
Wah! Warum musste er sich denn selbst solche bekloppten Fragen stellen?

Er beschloss, diesen Gedanken erst mal nicht weiter auszuführen, bevor seine Laune auf den Nullpunkt sank, als er merkte, dass ihm jemand in der Sonne stand. Er blickte auf und -
/Na toll! Wie war das eben mit Laune und Nullpunkt? Danke auch./

Vor ihm stand... ach, keine Ahnung. Er hatte den Namen von dem schmierigen Typen vergessen, kaum dass er aus der Bar raus war. Nein, eigentlich schon lange vorher.
"Hey, Ich wusste ja gar nicht, dass du auch auf diese Schule gehst."
/Oh Gott! Auch? Der geht doch jetzt nicht wirklich hier zur Schule?/


~Flashback~

Ran hastete zu der Kneipe, in der er als Barkeeper jobbte und grübelte immer noch darüber nach, woher er den Typ kannte, der ihn eben im Zoo angequatscht hatte. Er kam aber zu keinem wirklichen Ergebnis, was unter anderem daran lag, dass er sich gerade ernsthaft fragte, warum er überhaupt zur Arbeit ging.

Es war nämlich sein letzter Tag in dem verrauchten Schuppen, er brauchte das Geld sowieso nicht und er hätte lieber noch ein wenig das... merkwürdige Verhalten des Anderen beobachtet, der leicht weggetreten geschienen und ihn wie eine Erscheinung angestarrt hatte.

Immerhin tausend mal besser, als versoffenen Pennern zu einer Leberzirrhose zu verhelfen und sich ganz nebenbei als Passivraucher einen Lungenkrebs anzuschaffen.

Vor der Bar atmete er noch mal tief durch und versuchte, einen einigermaßen neutralen Gesichtsausdruck hinzukriegen. War ja nicht nötig, dass jeder, der ihn sah, gleich Angst hatte, getötet zu werden. Obwohl... eigentlich recht praktisch.

Besonders eine halbe Stunde später, als sich ein Typ, etwas älter als er, an die Bar setzte und anfing, ihn anzubaggern. Oder zumindest, was der darunter verstand.
Es war schon erstaunlich, wie jemand so unsympathisch wirken konnte, ohne besonders fies oder eklig auszusehen. Und da sagten manche, es käme nur auf Äußerlichkeiten an...

Und obwohl Ran ihm vorsorglich, wie er war, schon gleich beim Eintreten eine Auswahl seiner abschreckendsten Blicke zuwarf, kam der Typ doch tatsächlich an die Bar und war dann auch noch todesmutig genug, ihn anzusprechen.

"Hi, arbeitest du hier?"
/Nein, wie kommst du darauf? Ich steh' hier nur zufällig hinterm Tresen und serviere Drinks, weil ich unbedingt mal sehen will, wie jemand an einer Alkoholvergiftung stirbt./
Aber er sollte ja keine Kundschaft anpöbeln, also nur ein "..." als äußert eloquente Antwort, dazu noch ein kleiner Deathglare und die Sache war erledigt. Bis -

"Macht's dir was aus, wenn ich rauche?"
Ran verdrehte sie Augen. "Mich stört's nicht mal, wenn du brennst."
Der Andere wirkte einen Augenblick lang verdutzt, schien aber nicht im Traum daran zu denken, jetzt die Klappe zu halten und sich zu verziehen. Im Gegenteil.

Er schockierte Ran mit dem falschesten und ekelhaftesten Lachen, das der jemals gehört hatte, faselte irgendwas von wegen witzig und stellte sich vor.
"Takatori, Hirofumi Takatori. Und wer bist du?"

Womit hatte er das verdient? Das war kein Scherz gewesen, er wollte absolut nicht wissen, wie der Typ hieß, hatte sowieso nicht hingehört und schon gar nicht wollte er ein Gespräch anfangen.
Er entschied sich für Plan A: Die Frage ignorieren und diesen Hiro-irgendwas gleich mit und erst mal am anderen Ende des Tresens Bestellungen aufnehmen.
Allerdings funktionierte das auch nicht so wirklich...

"Darf ich dir einen Drink spendieren?"
"Nein."
"Warum nicht?"
"Der Barkeeper kann dich nicht leiden."
"Bist du nicht der Barkeeper?"
"..." Nicht nur ein #§$/% ohne gleichen, nein, auch noch schwer von Begriff...

So ging das dann den ganzen Abend, den Ran mit zunehmend schlechter Laune damit zubrachte, seinen Plan A mit schier übermenschlicher Selbstbeherrschung zu befolgen, darüber nachzudenken, wie man einen Menschen möglichst schmerzhaft mit einem Cocktailschirmchen töten konnte (Plan B) und andere Gäste mit tödlichen Blicken zu vergraulen.

Als er Feierabend hatte, war der Typ aber, Gott sei Dank, betrunken genug, dass es Ran gelang, unbemerkt durch die Hintertür zu entkommen...

~Flashback Ende~


/Was will der von mir?/ dachte Ran verzweifelt. Die Antwort klang allerdings gar nicht verzweifelt, sondern eher ziemlich giftig. "Was willst du? Und wer bist du überhaupt?"
"Wie jetzt? Kannst du dich nicht mehr an mich erinnern?"
"Muss ich mich denn an jedes hässliche Gesicht erinnern?"

Ran stand auf und wollte gehen, wurde aber von Hirofumi am Arm gepackt und zurück gezogen.
Mordlust flackerte in seinen Augen. Das konnte er ja schon mal gar nicht leiden, wenn Leute, die er nicht mochte, ihn einfach so angrabschten.
Wie konnte ein einzelner Mensch nur so penetrant sein?
War der echt so dämlich, dass er einen Wink mit dem Zaunpfahl, ach was, mit Funktürmen, nicht verstand?

"Sag mal, ist das so schwer zu kapieren, dass ich absolut keine Lust habe, mich jetzt oder zu jedem x-beliebigen anderen Zeitpunkt mit dir abzugeben?"
Das war doch nicht zu glauben! Dieser Trottel grinste ihn an. "Also weißt du, ich finde deinen Humor ja süß, aber andere Leute dürfte so was ziemlich abschrecken..."

"Du bist doch wohl total gestört! Ich habe keinen Humor. Alles, was ich dir sage, meine ich todernst, wenn es nicht sogar stark verharmlost ist."
"Ach sei doch nicht so schüchtern, Schatz."

Ran sah ihn fassungslos an. Hatte dieser geisteskranke Psychopath ihn da gerade Schatz genannt?!
Uahh, da peitschte einen ja der Ekel. War der Typ lebensmüde?
Um sich zu beruhigen, dachte Ran einige Sekunden angestrengt darüber nach, wie er legal zu einer Waffe kommen könnte und ob irgendjemand diesen Spinner vermissen würde.
Aber es half nichts, sich besonders blutige Mordszenen auszumalen - Taten mussten her.

Ganz oben auf der Liste stand natürlich, diesen Bastard einfach niederzuschlagen, aber im Zuge des Humanismus und der Tatsache, dass dieser Typ offenbar nicht zurechnungsfähig war, entschied er sich vorerst dafür, es noch mal mit Kommunikation zu versuchen.

"Lass. Mich. Sofort! Los." knurrte Ran mühsam beherrscht.
Es klang offenbar drohend und furchteinflößend genug, um selbst Hirofumi kurz stocken zu lassen.
Dann breitete sich aber ein wohlwollendes Lächeln auf seinem Gesicht aus.
"Sag mal, hättest du nicht Lust, mal mit mir essen zu gehen?"

Komisch... es hörte sich gar nicht wie im Film an, wenn ein Kiefer brach... na ja, vielleicht hatte er auch was anderes getroffen, was nicht ganz so laut zersplitterte...
Ran registrierte zufrieden, wie sein Arm losgelassen wurde und Hirofumi zu Boden ging.
Das hatte doch etwas sehr Befreiendes...

Ohne jede Eile verließ er den Schulhof. Eigentlich hätte er gleich gehen sollen, dann wäre ihm dieser kranke Typ gar nicht erst über den Weg gelaufen. Was war hier eigentlich los, dass ihm alle möglichen Spinner hinterher liefen?

Er besah sich leicht besorgt seine Hand. Die Knöchel hatten sich ungesund rot gefärbt.
Prüfend bewegte er die Finger. /Au, das tut ja weh! Warum warnt einen da keiner vor? Den Gedanken an eine Waffe sollte ich unbedingt festhalten.../

Genau genommen waren Faustkämpfe ja auch vorsintflutlich. Das war einfach keine zivilisierte Art, Konflikte zu lösen... Der moderne Mensch hatte schließlich Schuss- und Stichwaffen entwickelt.

Im Haus der Takatoris angekommen, führte sein erster Weg zum Gefrierschrank, wo er eine Weile vergeblich rumwühlte, bis er ein paar Eiswürfel für seine Hand gefunden hatte.
Die Tür war verschlossen gewesen, offenbar war niemand da. Auch gut.

Er holte sich Saft aus dem Kühlschrank und setzte sich damit an den Küchentisch. So mit dem Eis fühlte sich seine Hand schon fast wieder normal an. Er trank ein Glas Saft und sah sich dann gelangweilt in der Küche um. Was sollte er jetzt machen?
Fernsehen war öde. Normalerweise würde er ja lesen, aber er hatte sein Buch leider vergessen...
zusammen mit seinen Schulsachen.

Ob er noch mal zurückgehen sollte, um sie zu holen? Aber wahrscheinlich würden Omi oder Aya sie von allein mitbringen.
Na ja, er könnte ja erst mal duschen. Aya hatte angekündigt, dass sie ihn heut noch im Ort rumführen wollte...
Hm... er hoffte doch stark, dass sie darauf verzichten würde. Für seinen Geschmack hatte er heute wirklich genug Eindrücke gesammelt.

Er zog Bilanz: Die Schule war okay, wie jede andere auch. Und die Lehrer waren eben Lehrer. Aber so wie er das sah, liefen da mehr bekloppte Schüler rum, als irgendwo sonst.
Oder vielleicht war das auch nur Ayas Freundeskreis, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte...
Na ja, bei Aya musste man mit allem rechnen...

Was sich eine knappe Stunde später zeigte, als sie plötzlich mit einem putzmunteren (und gar nicht mehr so frustrierten) Schuldig im Wohnzimmer stand.

Ran, der gerade geduscht hatte und nun nur spärlich bekleidet auf dem Weg vom Bad in sein Zimmer war, grüßte kurz, wurde rot und verschwand in seinem Zimmer.
Dort angekommen, ärgerte er sich erstmal gründlich über dieses beschissene Timing, während er sich schnell eine schwarze Hose und ein gleichfarbiges T-shirt anzog.

Was mussten die ausgerechnet in diesem Moment auftauchen?
Und warum zur Hölle stand Schuldig überhaupt im Wohnzimmer?
Es war ja nicht so, dass er ihn nicht leiden konnte, aber wenigstens ein bisschen Zeit zum Nachdenken bis zur nächsten Begegnung wäre schon sinnvoll gewesen.

Einen Moment überlegte er ernsthaft, einfach in seinem Zimmer zu bleiben.
Er entschied sich dann aber doch dagegen. Die Situation war ihm zwar peinlich, aber sich in seinem Zimmer zu verbarrikadieren, wäre noch schlimmer.

Todesmutig trat er wieder ins Wohnzimmer, in dem allerdings nicht viel geschehen war. In der Mitte des Zimmers stand immer noch Schuldig, der sich allerdings nicht bewegte und die besorgte Aya, die vor seinem Gesicht mit den Fingern schnippte und auf ihn einredete, nicht zu bemerken schien.

Als sie ihn reinkommen hörte, sah sie auf. "Hey Ran, du musst mir helfen, er ist irgendwie so komisch..."
Schnell kam er die paar Schritte zu Schuldig und Aya hinüber und sah Schu jetzt ebenfalls prüfend an.
"Ja und was soll ich da jetzt tun?" fragte er seine Schwester ein wenig überfordert, während er mit der Hand vor dem Gesicht des Anderen rumwinkte. "Sieht ziemlich weggetreten aus, wenn du mich fragst. Hat er so was öfter?"

Das Mädchen schüttelte leicht den Kopf, ließ Schuldig dabei allerdings nicht aus den Augen und beobachtete fasziniert, wie sich ein etwas dämlicher Gesichtsausdruck bei ihm breit machte.
Dann sah sie plötzlich Ran an und grinste. "Eigentlich nicht. Ich glaube es liegt an dir. Er ist nämlich erst so, seit du durchs Wohnzimmer gerannt bist."

/War ja klar.../
"Und was soll ich da jetzt tun?" wollte Ran etwas genervt wissen.
"Hm..." Aya legte die Stirn in leichte Falten und schien angestrengt nachzugrübeln.

Schließlich hellte sich ihr Gesicht auf und sie strahlte Ran nur so an. "Du könntest ihn noch mal küssen. Wie in Dornröschen! Echt romantisch!"
Eigentlich hätte er mit so einer Antwort rechnen müssen. Warum hatte er überhaupt gefragt?
Aber wie auch immer.

"Hast du sie noch alle? Ist dir überhaupt klar, wie krank du wirkst, wenn du so was sagst?" erwiderte er sehr ruhig und mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Och, sei doch nicht so, Ran, wäre ja auch nicht das erste mal."

Das brachte ihn dann doch ein bisschen aus der Ruhe, zum Glück fand die Diskussion aber ein jähes Ende, als Schuldig wieder unter die Lebenden oder zumindest Denkenden zurückkehrte und damit die Aufmerksamkeit der Geschwister auf sich zog.

Aya wirkte irgendwie enttäuscht, aber Ran war ganz froh, dass Schu von allein wieder zu sich gekommen war und sprach ihn sicherheitshalber gleich mal an.
"Was machst du eigentlich hier?"

Diese an sich recht einfache Frage brachte ihm nur einen glasigen Blick und ein leicht verwirrt klingendes "Hä???", aber immerhin schien es nicht so, als würde er gleich wieder abschwirren und Ran war zufrieden.

Aya antwortete ihm stattdessen. "Er hat mir geholfen, dein ganzes Zeug hierher zu schleppen. Du hast ja einfach alles liegen lassen."
"Hätte Omi dir nicht helfen können?"
"Nein, der kommt erst später. Die Band probt wieder."

Ran zuckte mit den Schultern. Tatsächlich hatte Schuldig die ganze Zeit über seine Schultasche in der Hand gehabt. Schweigend nahm Ran sie ihm ab und ging in sein Zimmer.
Dass Schuldig ihm dabei folgte, merkte er erst, als er die Tür hinter sich zumachen wollte und einen unerwarteten Schmerzensschrei hörte.

"Au! Sag doch, wenn ich draußen bleiben soll. Aber ich finde schon, dass du dich dafür bedanken könntest, dass ich dir deine Sachen gebracht habe."
Aha. Schuldig war also wieder ganz da und klang ziemlich beleidigt. Und was das Schlimmste war:
Ran hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen.

Also murmelte er eine Entschuldigung und ein Dankeschön und bat Schuldig herein.
Sein Zimmer war das einzige Schlafzimmer im Erdgeschoss, die anderen lagen alle im ersten Stock, und war früher eine ziemlich geräumige Abstellkammer gewesen.

"Vielleicht n bisschen klein, aber trotzdem ganz hübsch. Hast du das selbst eingerichtet?" fragte Schuldig, der sich gerade auf das Bett rechts von der Tür setzte.
Ran betrachtete einen Moment lang die hellgelben Wände und die eine rote Wand mit dem Fenster, gegenüber der Tür, als hätte er sie noch nie gesehen. "Nein, das war Aya."

Ran stellte seinen Rucksack neben dem kleinen Schreibtisch ab, der vor dem Fenster, am Kopfende des Bettes stand und setzte sich auf dem Drehstuhl davor.
"Was war das eigentlich eben im Wohnzimmer?"
Schuldig, der ihn wohl beobachtet hatte, wirkte ertappt. "Was? Ach so. Das war nichts."
"Aha."

Schweigen.
"Und was nun?" Ran konnte sich nicht wirklich erklären, warum Schuldig immer noch dasaß.
Was wollte der noch hier? Ran wusste, dass er nicht grade der perfekte Alleinunterhalter war. Genau genommen war er wohl sogar einer der unangenehmsten Menschen, die er selbst kannte.
Okay, diesen schrecklichen Hiro-irgendwas mal ausgenommen.

"Najaaaaa..." sagte Schuldig gedehnt.
Ran seufzte. Das wurde ihm jetzt echt alles zu viel.
"Okay. Tschüß. Bis morgen." Er schob Schuldig, der damit überhaupt nicht gerechnet hatte, aus seinem Zimmer und schloss hinter ihm die Tür.
Dann kramte er sein Buch hervor, legte er sich auf sein Bett und las. Oder zumindest wollte er das...


Mehrere Stunden später:
Rans Handy klingelte. An sich nicht weiter erstaunlich, aber Ran wusste beim besten Willen nicht, wer ihn da anrufen könnte. Es gab niemanden, mit dem er telefonieren wollte, niemand außer seiner Schwester und Omis Familie kannte diese Nummer und in Anbetracht dieser Tatsachen war es ihm sowieso mehr als schleierhaft, warum seine Eltern ihm das Ding zum Geburtstag geschenkt hatten.

Aber egal. Als es nach zwei Minuten immer noch klingelte, ging er ran.
"Ja?"
"Entzückende Art, sich am Telefon zu melden, aber es wirkt doch ein wenig unfreundlich."
Schuldig.

"Woher hast du diese Nummer?"
"Deine Schwester hat sie mir gegeben. Wieso?"
Was auch sonst...?

"Was willst du?"
"Gar nichts, ich will mich nur mal mit dir unterhalten."
"Ich hasse Smalltalk. Ich leg jetzt auf, ja?"
"Nein! Halt! Warte! Ich wollte fragen, ob wir mal zusammen irgendwohin gehen können."
"Wohin?"
"Am Freitag hat WeißKreuz einen Auftritt. Kommst du da mit?"
"Hn."

"War das jetzt ein Ja?"
"Nein."
"War das dann ein Nein?"
"Nein."
"Also was jetzt?"
"Hör zu, ich überleg's mir. Ist sonst noch was?"

"Ja. Willst du mich mal besuchen kommen?"
"Meinetwegen."
"Jetzt?"
"Schuldig, es ist nach zehn."
"Du könntest auch über Nacht bleiben."
"Warum hab ich jetzt mit so was gerechnet?"
"Ähm... keine Ahnung. Das heißt also, du kommst nicht..." irgendwie klang Schu enttäuscht.
"Du hast das doch jetzt nicht wirklich erwartet, oder?"
"Na ja... nicht wirklich. Aber wir könnten ja immer noch Telefonse-"

Ran legte auf.

Schuldig hörte nur noch ein Tuten in der Leitung. Hatte sein Engel etwa einfach aufgelegt?
Na ja, das Telefongespräch war immerhin ein kleiner Erfolg, nach der grausamen Zurückweisung heute Nachmittag.
Obwohl... so positiv klang ein 'Ich überleg's mir.' auch wieder nicht.

Möh, warum war ihm denn auf die Schnelle nichts anderes eingefallen, als dieses blöde WeißKreuz-Konzert. Da gingen sie doch alle zusammen hin. Die würden alle furchtbar stören.

>Wie kann man nur so blöd sein. Hattest du dir überhaupt überlegt, was du sagen wolltest?<
/Gnn! Nicht so wirklich. Aber immerhin hab ich für diese Handynummer meine Seele an den Teufel verkauft. Da musste ich sie doch auch gleich mal ausprobieren./

>Aya-chan ist nicht der Teufel und du hast ihr nicht deine Seele verkauft.<
/Aber sie hat mich verpflichtet, in ihrem komischen Theaterstück mitzuspielen, das ist fast genauso schlimm.
Was bist du überhaupt für eine innere Stimme? Du hast absolut keinen Sinn für Metaphern./

>Du hast doch nur zugestimmt, weil sie meinte, sie würde Ran auch noch überreden.<
/Ob der schon was davon weiß?/
>Wohl eher nicht. Sag mal, dir ist schon klar, dass du ihn eigentlich davor retten müsstest?<
/Och ne, dann muss ich da ja allein mitmachen!/
>Also dafür, dass du ihn angeblich liebst, bist du ganz schön egoistisch.<
/Gar nicht! Irgendwie muss ich ja an ihn rankommen, wenn er immer so kühl ist. Aber ich fragmich ernsthaft, wie Aya ihn dazu überreden will.../



Der Konzertabend



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© 2004 by Elster

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