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Hi, Mitkids!
Wie ihr an der Anrede erkennt, ist hier wieder Simon Flunkert. Wie ihr wohl wisst, war ich seit ein paar Tagen mit meinem "Schwesterlein" Claudia in der Grafschaft Kent. Die liegt im Südosten von England. Es waren nämlich Sommerferien, und unser Onkel Ole, der Golfprofi, nahm an einem großen Turnier teil und hatte uns mitgenommen. Wir mussten ihm aber gar nicht beim Golf zuschauen, sondern machten zu zweit die Gegend unsicher.
Was wir euch noch nicht so ausführlich oder eigentlich noch gar nicht erzählt haben, ist, dass wir inzwischen englische Freunde hatten: Im Hotel hatten wir nämlich Jack und Jill Bumblebee aus Heywood in Nordengland kennen gelernt. Die beiden waren Geschwister und ungefähr in unserem Alter, und sie waren mit ihren Eltern in Kent. Wir hatten ausgemacht, dass wir am Freitag mit den beiden nach London fahren würden.
Jetzt war es aber erst Donnerstag, und Jack und Jill mussten mit ihren Eltern zu einem Familienbesuch nach Maidstone. Da fuhren wir natürlich nicht mit. Jack schlug uns beim Frühstück vor: "Fahrt doch mal nach Greenwich. Da gibt's den Nullmeridian. Der ist da auch auf dem Boden eingezeichnet." Claudia war begeistert: "Oh yeah! Den Nullmeridian! Den wollte ich immer schon mal sehen." Hi hi hi. Ich war mir sicher, dass es für Claudia kaum weniger interessante Dinge zu sehen gab als den Nullmeridian. Ich hatte aber schon gemerkt, dass sie sich für den Jack dafür um so mehr interessierte, und deshalb ... ihr versteht schon.
Könnt ihr mit dem Begriff "Nullmeridian" eigentlich etwas anfangen? "Meridian" ist ein anderes Wort für "Längengrad". Um nämlich sagen zu können, wo genau auf der Erde ein Ort liegt, bestimmt man seine Position nach den Breitengraden und den Längengraden. Stellt euch das so vor: Vom Nordpol führen 360 Linien schnurstracks runter zum Südpol. Diese Linien haben Nummern. Und der Meridian, also der Längengrad, der unter anderem durch Greenwich läuft, hat die Nummer 0. Die ersten 180 Längengrade, die rechts von ihm liegen, sind die östlichen Längengrade, und die ersten 180 Längengrade, die links von ihm liegen, sind die westlichen Längengrade. Gekreuzt werden die Längengrade von den Breitengraden. Der Breitengrad, der genau um den Äquator führt (also sozusagen die Mitte zwischen Nord- und Südhalbkugel) ist der Null-Breitengrad. Oberhalb davon liegen die nördlichen Breitengrade, unterhalb die südlichen Breitengrade. Man kann nun für jeden Ort auf der Erde angeben, auf welchem Längengrad und welchem Breitengrad er liegt. Die Stadt Potsdam zum Beispiel liegt "13 Grad östlicher Länge und 52 Grad nördlicher Breite".
Ich fand Jacks Vorschlag auch ganz gut, und so machten Claudia und ich uns auf zum Bahnhof und fuhren mit der Eisenbahn von Gillingham nach Greenwich. In Dartford mussten wir umsteigen. Dort konnte man vom Zug aus eine riesige Brücke sehen. Die führt über den Fluss Themse, und man konnte ganz wunderbar erkennen, wie sich der Verkehr in beiden Richtungen meilenweit staute. Greenwich liegt am südlichen Stadtrand von London, und so fuhr unser Zug auch ein Stück durch London. Während der Fahrt fragte mich Claudia: "Sag mal, warum führt denn der Nullmeridian ausgerechnet durch einen Vorort von London." Gute Frage - ich musste kurz nachdenken: "Ja, darüber habe ich mal 'was gelesen. Im Grunde hätte man ihn überall auf der Erde hinlegen können. Man hat aber Greenwich genommen, weil sich da die Königliche Sternwarte von Großbritannien befindet. Die liegt nämlich ganz genau auf dem Nullmeridian. Und da sich Großbritannien im 18. und 19. Jahrhundert für den Nabel der Welt hielt, hat man die eigene Sternwarte praktisch zur Mitte zwischen der östlichen und der westlichen Hälfte der Erde erklärt."
Nach ungefähr einer Stunde oder etwas mehr waren wir in Greenwich. Vorm Bahnhof gab es zum Glück Wegweiser. Die Sehenswürdigkeiten von Greenwich ("Royal Observatory", "National Maritime Museum", "Cutty Sark") lagen alle östlich vom Bahnhof. Ich dachte nach: "Das heißt, wir müssten mit dem Zug schon einmal über den Nullmeridian gefahren sein. Wenn wir jetzt in Richting Sternwarte gehen, müssten wir praktisch auf ihn drauf treten."
Wir gingen daher eine lange Hauptstraße entlang. Rechts und links lagen Häuser mit Wohnungen, Büros und Geschäften. Wir gingen und gingen. "Wann kommt denn nun dieser Nullmeridian?" begann Claudia zu maulen. Ich wunderte mich auch: "Hmm. Vielleicht sind wir schon drüber gelatscht und haben's gar nicht gemerkt." Dann entdeckte ich an einer Kreuzung ein Hinweisschild. "Kuck, da geht's zur Sternwarte." Wir bogen ab in Richtung Sternwarte. Aber das erste große interessante Gebäude, das wir fanden, war das "National Maritime Museum", also sozusagen das "Nationale Meeresmuseum". "Wollen wir da mal rein?" fragte ich Claudia. "Meinetwegen. Vielleicht kann man da 'was zu trinken kaufen."
Am Eingang des Museums nahm ich unsere Geldbörse und wollte Eintrittskarten kaufen. Aber die Empfangsdame sagte mir: "Ihr könnt umsonst rein." - "Cool", sagte ich. "Was nichts kostet, taugt auch nichts", meckerte hingegen Claudia. Aber sie hatte Unrecht. Das Nationale Meeresmuseum war toll! Es gab Multimediaaustellungen zu allen möglichen Themen, die mit dem Meer zu tun haben. Meereskunde. Hydrotechnik. Die großen Seefahrer und Entdecker. Das Leben auf den Meeresschiffen damals und heute. Der Hafen von London im Laufe der Jahrhunderte. Die Geschichte der Auswanderer und des britischen Kolonialreiches.
Claudia hatte es vor allem eine "Wellenmaschine" angetan. Das war ein großer Wasserbehälter, eine Art Aquarium (aber ohne Fische!) mit einem Hebel dran. Wenn man den Hebel betätigte, entstanden in diesem Glasbehälter Wellen. Claudia konnte nicht widerstehen und betätigte kräftig den Hebel, und es entstanden heftige Wellen. "Nicht schlecht, 'ne?" Ich fühlte mich herausgefordert: "Das kann ich noch besser." Ich "ruderte" noch kräftiger mit dem Hebel als sie zuvor und die Wellen waren noch heftiger. "Mach's nach", forderte ich sie auf. Nun machte sie wie bekloppt mit dem Hebel herum. Immer noch stärker und stärker! Die Wellen waren wirklich noch heftiger und - ach du Sch....! Die durchsichtige Wand des Behälters brach und das Wasser flutschte nur so heraus. Wir standen da wie die begossenen Pudel. Sofort watete ein Mann in Uniform auf uns zu und sagte: "He, ihr zwei!" - "Ja", antworteten wir wie aus einem Mund. "Raus!", sagte er. "Okay", antworteten wir wieder wie aus einem Mund.
Wir gingen vom Museum zum Haufen von Greenwich und versuchten dabei, uns von dem Schrecken zu erholen und außerdem zu trocknen. Letzteres war gar nicht so schwer, denn es war Hochsommer und tierisch heiß. Am Hafen von Greenwich - mehr ein Ausflugshafen und kein Industriehafen - kaufte uns Claudia erst einmal etwas zu trinken. Äußerlich waren wir zwar noch nass, aber von innen waren wir ausgetrocknet. Dann stellten wir uns an ein Geländer im Hafen und guckten über den Fluss Themse hinüber zu den Docklands, ein kleines Viertel mit riesigen Hochhäusern. Ich erklärte Claudia: "Früher waren dort die alten Wohnhäuser der Hafenarbeiter und ihrer Familien. In den achtziger Jahren hat die die Regierung abreißen lassen und diese Wolkenkratzer dort hingebaut. Allerdings nicht für die Hafenarbeiter und ihre Familien. Die hat man verjagt." Claudia nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und meinte: "Ja - sehen auch irgendwie krank aus, diese Hochhäuser."
Am Hafen von Greenwich gab es aber auch noch etwas Schönes zu sehen: die "Cutty Sark", ein altes Segelschiff, das dort zu besichtigen ist. Wir traten an das Schiff heran. Auf einer Tafel stand, dass die Cutty Sark der letzte noch erhaltene "Teaclipper" sei. Sie wurde 1869 gebaut und brachte zunächst für ein paar Jahre Tee aus China nach England. Anschließend wurde sie längere Zeit benutzt, um Wolle aus Australien zu bringen. Dann wurden Segelschiffe von Motorschiffen ganz verdrängt und die Cutty Sark war praktisch arbeitslos. Ab 1922 diente sie als Ausbildungsschiff. Seit 1949 liegt die Cutty Sark nun an der Greenwich Pier und ist zu besichtigen. Seetüchtig ist sie wohl aber nicht mehr, und wir lasen sogar, dass man dringend Spendengelder braucht, damit die Cutty Sark erhalten werden kann.
Claudia nahm einen letzten Schluck aus ihrer Flasche und wirkte nachdenklich: "He, hast du bemerkt, dass diese Flaschen aus Glas sind und nicht aus Plastik?" - "Ja, und?" meinte ich. Sie sagte wichtig: "Schiffe werden getauft, indem man eine Glasflasche an ihnen zerplatzen lässt. Cutty Sark - hiermit taufe ich dich um. Ich taufe dich um auf den Namen Kübelböck." Ich brüllte noch: "Lass das!", da schleuderte sie auch schon ihre Glasflasche gegen das Schiff. Klirr! Und Knarrsch! Da, wo ihre Flasche zerplatzt war, klaffte jetzt ein hässliches Loch. Na toll! Streng sachlich schlug Claudi nun vor: "Lass uns besser unauffällig verschwinden, bevor jemand merkt, dass ich das war - und das Schiff möglicherweise in der Themse versinkt."
Ich hätte ihr zwar den Hals umdrehen können, aber ihr Vorschlag machte Sinn. Wir flohen in Richtung Bahnhof - wahrscheinlich wieder über den Nullmeridian, aber den haben wir diesmal erst recht übersehen, weil wir es eilig hatten.
Abends im Hotel fragte uns Jack: "Na, hat euch der Nullmeridian beeindruckt?" Claudia antwortete verlegen: "Äh ... ja ... ist ja toll, das Teil."
Es grüßt euch der mit dieser kleinen Schwester geschlagene
Simon Flunkert
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