Kritische Blaetter zur Geschichtsforschung und Ideologie
Dieser vornationalsozialistische Spruch, der eigentlich nicht die Erdkugel im geopolitischen Sinn meint, sondern die soziale, geistige und moralische Welt, klingt in pervertierter Form im Anspruch des nationalsozialistischen Deutschen Reiches nach, den Zweiten Weltkrieg fuehren zu muessen um die geopolitische Welt vor dem Absinken ins Chaos zu retten. Hans Hartl, dem die _Kritischen Blaetter..._ bereits einige Seiten widmeten (Geschichtspoesie aus Journalistenfeder - A Journalist Poeticizes History; Abwegiges Priophetentum - Aberrant Prophethood) begeht den 5. Jahrestag des Kriegsausbruchs in der Folge 202 vom 1. September 1943 der _Suedostdeutschen Tageszeitung_ mit dem Artikel _Vier Jahre Krieg_.
Im Vorspann legt Hartl dem Leser der Kriegsjahre nahe, dass am 1. September 1939 das "Unvorstellbare", naemlich der Kriegszustand, zum Alltag wurde. Gleichzeitig glaubt er, dass "Eine Welt" "hinter diesen vier Jahren versunken" ist, naemlich die Welt des Friedens. In mystisch-mythisierendem Pathos stellt Hartl fest, dass "kein Mensch, kein Ding auf dieser Welt" vom Krieg unberuehrt blieb, weil "wie unter dem Zwang eines kosmischen Geschehens" "alles in Bewegung" geriet. Auch "rollt das Schicksal" unaufhaltsam weiter. Den Hoehe- und Kernpunkt seiner einleitenden Aussagen bildet die in saemtlichen Farben des nationalsozialistischen ideologischen Pathos schillernde Aussage:
Damit kommt auch das politische und ideologische Postulat zum Ausdruck, dass nur die deutsche Ordnung die Welt vor dem Absinken ins Chaos retten kann. Die Vorzuege dieser aus dem Krieg geborenen Ordnung und die Ziele dieser Kriegsordnung setzt Hartl in seinem Text auseinander. Als Leser des 21. Jahrhunderts kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, mit welchem Zynismus hier ueber "den Krieg", vor allem ueber den "Krieg des Deutschen Reiches und des deutschen Volkes" geschrieben wird. Hartl hatte bis ins Fruehjahr 1943 als Kriegsberichterstatter an der Ostfront gestanden, hatte das Kriegsgeschehen also aus naechster Naehe erlebt. Gerade deshalb ist es befremdend, wie emotionslos Hartl die Kriegsthematik behandelt. Er schiebt kalte Begriffe und mystisch-mythische Bilder und Symbole der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda hin und her in einem seelenlosen Diskurs.Und wir vertrauen heisser denn je darauf, dass die Vorsehung uns den Sieg schenken wird, weil wir wissen, dass sonst die Welt im Chaos, in der Vernichtung versinken wuerde.
Der Begriff "Krieg" wird nur insoweit negativ befunden, als er zum Herunterspielen bzw. zum Verneinen der eigentlichen deutschen Kriegsschuld herangezogen wird. Der Krieg, den Deutschland angeblich nicht noetig hatte und deshalb auch nicht gewollt hat, soll "der deutschen Fuehrung die Moeglichkeit genommen" haben, "ihr nationalsozialistisches Programm zum Segen des deutschen Volkes und auch zum Segen Europas zur Gaenze durchzufuehren." Ebenso instrumentalisiert, zur leeren Propagandahuelse degradiert, handhabt Hartl, natuerlich ganz der nationalsozialistischen Linie getreu, den Begriff und die Problematik der "Schuld". Die Schuldigen am Krieg sind mit der "Weltkoalition des Judentums", mit den "Londoner und Washingtoner Propagandajuden", mit der "verjudeten Wallstreet", mit dem Judentum als "Nutzniesser der Demokratien und des Bolschewismus" schnell ausgemacht. "Das Judentum war es also, das diesen Krieg wollte", schlussfolgert Hartl apodiktisch.
Die Unschuld des deutschen Volkes und seiner Fuehrung an diesem Krieg wird an die Worthuelse der "Ehre des deutschen Volkes" gekoppelt, die eine Kapitulation vor dem Judentum apriorils unehrenhaft ausschliesst.
Der Krieg des Deutschen Reiches wird vom Kriegsanbeter Hartl, fuer den nur die ueberzogenen Begriffe und Vorstellungen der nationalsozialistischen Propaganda zaehlen, als Rahmen fuer aussergewoehnliche politisch-militaerische "Leistungen" und "Errungenschaften" gepriesen. Die unzaehligen Menschenopfer und Zerstoerungen, das Kriegselend ueberhaupt existiert fuer den nach dem Endsieg gierenden Hartl ueberhaupt nicht. Es sind ausschliesslich geopolitische Vorteile, die Deutschland vor seinen Gegnern in Europa erzielte. Von dem eigentlichen Leiden und Schaden der deutschbesetzten europaeischen Staaten kein einziges Wort, hingegen davon, dass "Wir" "den Kontinent" haben "und die anderen wollen ihn nun zurueckerobern." Das Deutsche Reich hat "Den Durchbruch zur Vormachtstellung in Europa" erzielt, es hat das "schier Unmoegliche" wahrgemacht. Eine Spitze des propagandistischen Zynismus ist die Behauptung, dass "die erste Phase dieses Krieges, die Einigung Europas", "in unvorstellbar kurzer Zeit" abgeschlossen wurde. Das kriegsgewaltige Ueberrennen und die Besetzung souveraener Staaten als euiropaeische Einigung zu betrachten, belegt, wie weit und tiefgreifend die nationalsozialistische Propaganda die Pervertierung auch der geopolitischen Begrifflichkeiten und Wertvorstellungen trieb.
Diese "europaeische Einigung" dient als "gemeinsame Abwehrfront" der Voelker Europas gegen den Bolschewismus, der angeblich kurz vor dem Zusammenbruch stehe. Der Gang der Ereignisse hat das Gegenteil gezeigt, gerade die "Zukunft", in die Hartl und seine nationalsozialistische Propaganda ihre Wunschvorstellungen ansiedelt: die Folgen der sogenannten "Hungeroffensive", in der die Rote Armee "ihr Potential in großem Ausmass verbraucht hat"; die Phantasterei, die deutsche Fuehrung habe es demgegenueber geschafft, "die eigenen Kraefte weitgehend zu schonen", wodurch die "deutsche Ostfront" "nach wie vor intakt" sei. Wenn das Kraefte- und Ressourcenverhaeltnis auch nach dem Fiasko von Stalingrad so sehr zum Vorteil der Deutschen stand, ist es unverstaendlich, dass die Wehrkraft der deutschen Volksgruppen ausgerechnet im Sommer 1943, allein der Rumaeniendeutschen mit 40.000 Mann, zum Verheizen herangezogen wurde.
Eine weitere Spitze des Zynismus ist die Behauptung Hartls,
Diese Aussagen Hartls liegen auf der Linie der Erkenntnis, dass das deutsche Volk auf dem muehsamen Weg der Selbstfindung immer wieder des Elements "Krieg" bedurfte: das Kaiserreich kam durch drei Kriege zustande. Doch die Bewusstwerdung, die Hartl mit dem Zweiten Weltkrieg verbindet, war eigentlich nur ein propagandistisches Wunschgebilde. Denn die Besatzermentalitaet mit dem Bewusstsein um die Verantwortung fuer die Voelker Europas, als "Gestalter und Garant" einer neuen europaeischen Ordnung auszumalen, ist ein weiteres propagandistisches Luftschloss der Hitlerzeit. Und die vier Kriegsjahre haben laut Hartl noch dazu beigetragen, dass "der Nationalsozialismus seine Bewaehrungsprobe bestanden" hat. Auch diesmal zieht Hartl vorschnelle Schluesse. Denn der Ausgang des Krieges hat gerade das Gegenteil bewiesen, naemlich dass der Nationalsozialismus gerade dem Element, das sein Lebenelixier, seine raison d'etre war, dem staendigen Kampf und Krieg, erlag. Um in moralisierendem Ton abzuschliessen: das Boese entfesselt Kraefte, die seiner Kontrolle entgehen und die schliesslich das Boese selbst vernichten. Das ist gleichzeitig eine gebuendelte Formulierung fuer den selbstzerstoererischen Nationalsozialismus."diese vier Jahre" haetten das deutsche Volk "zu einem Weltvolk heranreifen lassen: erst die Erkenntnis seiner europaeischen Aufgabe, erst die Bewegungsfreiheit zu bis dahin ungewohnten Raeumen brachten einen seelischen Wachstumsprozess mit sich, der den Binnendeutschen aus seiner Enge herausfuehrte und ihm, dem Verantwortungsfreudigen, die Verantwortung fuer die Voelker Europas auflud. [...] Erst in diesem Kriege sind wir uns selber wirklich und restlos bewusst geworden. Das hat uns die Kraft gegeben, nicht mehr deutsch allein, sondern europaeisch zu denken. Reichsidee und die Idee einer Neuordnung unseres Kontinents fliessen ineinander. [...] In diesen vier Jahren ist das deutsche Volk reifer geworden als in Jahrhunderten zuvor."