Hermann Gross
(1903-2002)
Ueber Kriegs- und Wirtschaftswissenschaft als nachrichtendienstlicher Informationspool

Nach gewohnter Art wird Hermann Gross sowohl von der Siebenbuergischen Zeitung (Annelie Ute Gabany, Wirtschaftswissenschaftler Hermann Gross gestorben, 5. September 2002) wie von Fachleuten, die im "Schatten" seines Mythos ausgebildet wurden, nur in positiven Farben ausgemalt. Die aktive, hingebungsvolle Weise, in der sich Gross fuer die expansionistischen und hegemoniellen Ziele des NS-Reiches in Suedosteuropa verausgabte werden systematisch unterschlagen. So faerben Roland Schoenfeld (Leipzig) in seinem Gedenkartikel Zum hundertsten Geburtatag von Hermann Gross (1903-2002) in ´"Suedosteuropa-Mitteilungen", 1. Heft, 2003, S.59-70 wie auch Frank-Dieter Grimm (Leipzig) in Leipzig und Suedosteuropa (ebenda, Heft 4/5, 2003, S.95-109) die Persoenlichkeit von Gross in den strahlendsten Farben. Dass Gross in der NS-Zeit ebenfalls "strahlte", doch in ganz anderen Zusammenhaengen und in anderen Richtungen, als die rein wissenschaftlichen, verschweigen beide Autoren geflissentlich.
Bei Schoenfeld heisst es im Unterkapitel Verbindung von Theorie und Praxis (S.66-67) ueber die Tatetigkeit von Gross fuer die IG Farben AG.:
Von Gross' Schriften hebt Schoenfeld erwartungsgemaess nur seine Dissertation Der suedosteuropaeische Wirtschaftsraum. Ein Beitrag zur Erkenntnis seiner Struktur (1936; 1937 als Suedosteuropa. Bau und Entwicklung der Wirtschaft erschienen) als "Standardwerk" hervor. Schoenfeld behauptet, dieses sei eine[...] Fuer die Neigung zur Integration von Wissenschaft und Wirtschaftspraxis war das Angebot der I.G. Farbenindustrie AG, das Gross 1939 erreichte, wie massgeschneidert. Die ihm gestellte Aufgabe lautete, in Wien eine Zweigstelle der Volksirtschaftlichen Abteilung der Firma zu errichten, die sich vor allem mit der Untersuchung der Maerkte im suedosteuropaeischen Raum befassen sollte. [...] Auch hier [wie vordem in Leipzig] ging es um Untersuchungen der Entwicklungsmoeglichkeiten der Volkswirtschaften der Region, nun jedoch mit einer ausgepraegt praktischen Ausrichtung. Seine Faehigkeit, wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse fuer die Praxis nutzbar zu machen, konnte er als Leiter der Wiener Zweigstelle zum ersten Mal unter Beweis stellen. Diese Aufgabe hat ihn ein Leben lang fasziniert. [...] Mit reinen Theoretikern, "Modellschreinern" und "Wolkenschiebern" konnte er nie etwas anfangen. [...]
[...] Der Mitteleuropaeische Wirtschaftstag1 berief ihn zum Lehrbeauftragten seiner Suedoststiftung zur Heranbildung junger Kaufleute fuer Suedosteuropa, die an der Wiener Hochschule fuer Welthandel eingerichtet worden war. [...] (S.66)
Also nur Vorzuege von Gross und seiner Arbeit ! Und das, indem Schoenfeld, und dann auch Grimm die eigentliche Ausrichtung von Gross' "wissenschaftlicher" Arbeit jener Jahre unterschlagen, die im Titel eines weiteren "Werks" allzu eindeutig zum Azusdruck gebracht wird: Die wirtschaftliche Bedeutung Suedosteuropas fuer das Deutsche Reich, Verlag W. Kohlhammer, Berlin und Stuttgart 1938, 2. Auflage 1941.auf Jahrzehnte hinaus richtungsweisende, vorbildliche Analyse [...] eine wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahme und Untersuchung des Modernisierungspotentials der suedosteuropaeischen Volkswirtschaften. Eine vergleichende Studie der regionalen Wirtschaftsstrukturen in dieser umfassenden Art ist nie wieder unternommen worden.
Wenn es "Modernisierungspotential" lautet, dann ist damit das Ausmass an wirtschaftlichem Aufwand (Knowhow, Sach- und Geldinvestitionen) gemeint, die das expansionistische Hitlerreich schultern muesste, um die einzelnen Laender des europaeischen Suedostens in seine Anhaengigkeit zu bringen. Und wenn Schoenfeld bemerkt,
dann ist das nur die halbe Wahrheit. Und unzutreffend ist Schoenfelds Kommentar, Gross habe im Gegensatz gestanden zu dem von NS-Partei und RegierungFuer ihn (Gross) war der fuehrende Investitionsgueterlieferant Deutschland der ideale Partner fuer die in nachholender Industrialisierung begriffenen suedosteuropaeischen Volkswirtschaften. Die deutsche Wirtschaft als Helfer und Begleiter der wirtschaftlichen Modernisierung der Region wuerde laengerfristig im eigenen Interesse handeln, [...],
Er habe naemlich "die Beduerfnisse der suedosteuropaeischen Laender mit deren Augen" gesehen. Woher die Versteigerung in solch lobhdelnde Betrachtungen herruehrt, duerfte klar sein: keine seiner Aussagen zu Gross belegt Schoenfeld mit Quellen. Also eine eindeutige, unzulaessige Schoenfaerberei, die Gross ganz im Gegensatz zu seinem betonten Deutschnationalismus auch noch zum "deutschen Weltbuerger" verklaert (S.69f.).mit wachsenden Anforderungen forcierter Aufruestung gestuetzte(n) aussenpolitische(n) Kalkuel [...] Rohstoff- und Nahrungsmittellieferanten als solche zu erhalten und die "Ergaenzungseigenschaften" mit der deutschen Wirtschaft im Sinne eines primitiven Rohstoff gegen Maschinen-Tauschs zu verewigen. (S.64)
Gross war zweifelsohne eine guter Fachmann,
doch er stellte sein ganzes Koennen, und das ohne Einschraenkungen,
in den Dienst des NS-Expansionismus. Dieser Aspekt seines Lebens wird von
den Apologten Schoenfeld und Grimm allzu leichtfertig unter den Teppich
gekehrt.
Gross. schrieb in der Aktennotiz Die Wiener Zweigstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG Farbenindustrie Aktiengesellschaft vom 28. März 1939:
Man beachte die von uns gekennzeichneten Stellen, die eben jene Zielrichtung der Taetigkeit von Gross und der von ihm geleiteten Zweigstelle hervorheben, die von der Siebenbg. Zeitung, von Schoenfeld und Grimm unterschlagen werden. Gross erklaert doch eindeutig, die aus den Suedoststaaten eingeholten Daten, die daraus entwickelten Statistiken und auch deren wirtschaftswissenschaftliche Auswertung berteitwillig den hoechsten Stellen im Staat zur Verfuegung zu stellen. Damit wird der nachrichtendienstliche Aspekt von Gross Arbeit in der NS-Zeit greifbar: die von ihm organisierte Wiener Zweigstelle der volkswirtschaftl. Abteilung der IG Farben fungierte als auf Suedosteuropa spezialisierte inforamtionsbeschaffende Agentur des Hitlerreiches. Dass damit ein Netz von Informanten und Agenten zusammenhing, ueber das Gross verfuegen musste, um wirrtschaftlich relevante Daten, aber auch anderes Informationsmaterial zusammentragen zu lassen, liegt auf der Hand. Dass er und seine Wiener Zweigstelle der IG Farbenindustrie damit ueberhaupt nicht die wirtschaftlichen und politischen Notwendigkeiten der Suedoststaaten, sondern ausschliesslich Interessen des expansionistischen "Grossdeutschland" beobachtete, steht ausser Zweifel. Selbst wenn die wirtschaftswissenschaftliche Kompetenz von Gross jenseits jedes Zweifels steht, koennen doch die eigentlichen Ziele, wofuer er sein Wissen einsetzte, nicht einfach mit apologetischen Floskeln unterdrueckt werden.Bei der fortschreitenden Entwicklung und Komplizierung der volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Vorgaenge und Zusammenhaenge sowie bei der wachsenden Notwendigkeit einer schnellen und sicheren Orientierung im Hinblick auf eine weitausschauende Wirtschaftsplanung und –lenkung sind auch die grossen Privatunternehmungen der Industrie, des Verkehrs und des Kreditwesens daran gegangen, sich besondere Stellen, sogenannte statistische und volkswirtschaftliche Abteilungen anzugliedern, deren Aufgabe in einer laufenden systematischen Wirtschaftsbeobachtung besteht.
Wenn auch die Arbeiten dieser wissenschaftlichen Abteilungen in erster Linie unter privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten stehen, so liefern sie doch auch fuer die Allgemeinheit beachtliche Beitraege. Und da die Ergebnisse dieser Arbeiten vielfach den massgebenden Stellen von Partei, Staat und Wissenschaft laufend oder auf Anforderung zur Verfuegung gestellt werden, so ist deren Auswertung und Nutzbarmachung in hoeherem wirtschaftlichen und politischen Interesse durchaus moeglich. Damit gewinnt aber die Taetigkeit dieser volkswirtschaftlich-statistischen Abteilungen eine ueber die privatwirtschaftliche Bedeutung hinausgehende allgemeine grundsaetzliche sowie praktische Bedeutung.
Ueber die besonderen Aufgaben und Einrichtungen solcher Stellen aeussert sich Herr Dr. Reithinger, der Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG Farbenindustrie Aktiengesellschaft Berlin in seinem Buch „Wirtschaftsbeobachtung und Wirtschaftsordnung“ (Leipzig 1936) wie folgt: „[...] Der statistische Apparat muss auf all diese Fragen vorbereitet sein und braucht daher als Hilfsmittel eine kleine, aber gediegene Spezialbuecherei, ein umfangreiches Gerippe von stets auf dem neuesten Stand gehaltenen statistischen Materialsammlungen, ein dem Geschaeftsumfang des Unternehmens entsprechendes Firmenarchiv und eine gut gefuehrte Zeitungs- und Zeitschriftensammlung. [...] Dementsprechend zerfaellt auch das Arbeitsgebiet in eine rein volkswirtschaftliche Beobachtung der allgemeinen Konjunktur-, Währungs- und Preisentwicklung an Hand des volkswirtschaftlich statistischen Zahlenmaterials, in eine rein privatwirtschaftliche Beobachtung der Kunden- und Wettbewerbsfirmen und der Konkurrenzprodukte an Hand der Geschaeftsberichte, der Mitteilungen der Tagespresse und sonstiger Nachrichten, und eine Zusammenfassung der Ergebnisse beider Arbeitsgebiete fuer die Zwecke der speziellen Marktuntersuchungen und der laufenden Marktbeobachtungen an Hand des volkswirtschaftlichen und privatwirtschaftlichen Materials.“Aufgabe der eben gegruendeten und unter meiner Leitung stehenden Wiener Zweigstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG Farbenindustrie Aktiengesellschaft wird es nun sein, die genannten Interessengebiete speziell im Hinblick auf die Ostmark und die neuen Reichsgebiete sowie die suedosteuropaeischen Laender bis einschliesslich der Tuerkei laufend und systematisch zu beobachten. [...] Fuer die Wahl von Wien sprach ausserdem, dass Wien auf Grund seiner historisch-politischen Sendung und seiner vielfaeltigen kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtungen mit den Voelkern und Laendern Suedosteuropas unzweifelhaft der geeignetste Ort Grossdeutschlands fuer eine Wirtschaftsbeobachtung Suedosteuropas ist, die angesichts der gegenwaertigen wohlbegruendeten Suedostausrichtung der grossdeutschen Wirtschaftspolitik zu dringendster Notwendigkeit geworden ist. Wenn auch die Wiener Zweigstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung in erster Linie die Belange der IG und besonders ihren ostmaerkischen Gesellschaften zu dienen hat, so soll das durchaus keine ehrgeizige Abschliessung bedeuten. Vielmehr steht sie grundsaetzlich auch der Universitaet sowie den Stellen von Partei und Staat in Wien mit Unterlagen aus ihren Arbeiten und Materialien gerne zur Verfuegung, soweit diese von anderer Seite nicht beschafft werden koennen.“ (Dokument NI – 7987, in: Radandt Hans, (Hg.), Fall 6. Ausgewaehlte Dokumente und Urteil des IG-Farben-Prozesses, Berlin (Ost) 1970, S.92-93).
Weitere Belege fuer die Dienststellungen von Hermann Gross fuer das kriegfuehrende Hitlerreich:
Am 25.5.1939 richtete Gross von der Zweigstelle Wien der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG-Farben einen Bericht an A. Reithinger, Leiter der Berliner Zentralstelle dieser Abteilung, in dem er die Notwendigkeit unterstrich, die „kriegwirtschaftliche Bedeutung Suedosteuropas fuer Grossdeutschland“ zu analysieren, „was bis dahin zu eroertern peinlichst vermieden“ wurde (Erich Siebert, Die Rolle der Kultur- und Wissenschaftspolitik bei der Expansion des deutschen Imperialismus nach Bulgarien, Jugoslawien, Rumaenien und Ungarn in den Jahren 1938-1944. Mit einem Blick auf die vom westdeutschen Imperialismus wiederaufgenommene auswaertige Kulturpolitik (Dissertation Humboldt-Universität (Ost-)Berlin, 1971., S.67)
Am 6. Mai 1940 hatte der Generalgouverneur des Generalgouvernements Hans Frank in Krakau eine Besprechung mit Finanzpraesident Spindler und Ministerialdirigent Gross aus Wien ueber die Frage der Errichtung einer Rechnungsprüfungsstelle des Generalgouvernements und das Verhaeltnis zum Reichsrechnungshof (Das Diensttagebuch des deutschen Generalgouverneurs in Polen 1939-1945 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd.20), Stuttgart 1975. S.193).
Max Ilgner, Vorstandsmitglied er IG Farben, erklärte in einer Besprechung
im Rektorat der Hochschule für Welthandel in Wien am 10. Juni 1940:
In Verbindung mit der Errichtung
eines weltwirtschaftlichen Instituts mit der Blickrichtung nach dem Osten
und Südosten in Wien im Rahmen der Hochschule f. Welthandel als Gegenstück
zum Kieler weltwirtschaftlichen Institut sei laut Ilgner im Einvernehmen
mit Dozent Dr. Groß vorzugehen, zumal da dieser bereits ueber Erfahrungen
verfuegt. (Schumann Wofgang (Hg.), Griff nach dem Osten. Neue Dokumente
ueber die Politik des deutschen Imperaislismus und Militarismus gegenueber
Suedosteuropa im zweiten Weltkrieg, Berlin (Ost), 1973., S.80-81).
Am 5. Oktober 1941 schrieb Gross als Leiter der Zweigstelle Wien der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG Farbenindustrie AG an August Heinrichsbauer, dass er in seinem als Vortrag auf dem Tag der Deutschen Wirtschaftswissenschaft in Leipzig 1938 gemachten und inzwischen auf den neuesten Stand gebrachten Ausfuehrungen die Grundlagen der deutsch-suedosteuropaeischen Wirtschaftsbeziehungen "auf folgende einfache Formel" brachte:
Deutschland mit seiner hochentwickelten Wissenschaft und Technik sowie seinem Millionenheer qualifizierter Fachkraefte exportiert hochwertiges Sachkapital und Koennen, d.h. ‚Arbeit‘, und importiert Produkte der Urproduktion, also sozusagen ‚Boden‘, aus dem wir als ‚Volk ohne Raum‘ grossen Mangel leiden. Genau umgekehrt stellt sich die Aussenhandelsstruktur der suedosteuropaeischen Volkswirtschaften: Als Rohstoff-Produktions-Laender haben sie Ueberfluss an Produkten der Urproduktion, d.h., sie exportieren ‚Boden‘; da ihnen aber die industrielle Ausruestung und die fachlichen Arbeitskraefte fehlen, importieren sie ‚Arbeit‘.“ [...] Entscheidend fuer die enge und vor allem planvolle, wirtschaftspolitische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Suedosteuropa ist der Uebergang aller suedosteuropaeischen Laender zur autoritaeren Staatsform mit einer mehr oder weniger staatlich gelenkten Wirtschaft. Diese Gemeinsamkeit der autoritaeren Staatsfuehrung und Wirtschaftsorganisation bietet neben den guenstigen wirtschaftstrukturellen und soziokulturellen Ergaenzungsmoeglichkeiten eine sichere Grundlage fuer eine organische, d.h. natuerliche Arbeitsteilung zwischen dem Deutschen Reich und Suedosteuropa. (Schumann, Griff ..., S.143-144)
Auch hier bitte zu beachten, dass Gross ueberhaupt
nicht im Interesse der Suedoststaaten argumentiert, sondern einzig und
allein zugunsten einer dem Hitlerreich vorteilhaften Belassung dieser Laender
auf der primitivsten Stufe der Ergaenzungswirtschaft, d.h. als Lieferanten
billigen Rohstoffs und billiger Arbeitskräfte. Das nennt er "organische",
"natuerliche Arbeitsteilung".
So muss es nicht verwundern, dass Gross fuer seine "Leistungen" im Fruehsommer
1943 zum ausserplanmaessigen Professor fuer Volkswirtschaftslehre an der
Hoschschule fuer Welthandel in Wien ernannt wurde (Suedostdeutsche Tageszeitung,
135. Folge, 13. Juni 1943, S.8).
Gross machte sich auch verdient um einen Inbegriff des NS-Expansionismus,
die Lehre vom "Grossraum". Er behandelte
zusammen mit weiteren Konzernvertretern und
Oekonomen der Wiener Universitaet am 18. April, 18. Mai, 8. und 21. Juni
1944 im Rahmen des „Grossraumsausschuss der Suedostgemeinschaft“ den „Grossraum“-Begriff
(Siebert, Kultur- und Wissenschaftspolitik, S.380).
Den bereits vor ueber 30 Jahren angestellten Betrachtungen ist voll beizupflichten:
Die Wiener Aussenstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG Farben trug nicht nurGross und seine Leute berichteten aus Wien der Berliner Zentrale laufend ueber wichtige Unternehmungen (Industrie, Banken, Versicherungen, Handel, Wirtschaftsorganisationen) Suedosteuropas, weit ueber den Bereich der Chemie hinaus. [...]
Gross hatte sein Wiener Buero territorial so aufgegliedert, dass er selbst als Sachbearbeiter fuer Griechenland und Rumaenien fungierte. In dieser Eigenschaft zogen ihn Max Ilgner, Heinrich Gattineau und andere Direktoren des Konzerns wiederholt als Experten zu ihren Verhandlungen mit auslaendischen Regierungsvertretern oder Kapitalisten heran. Gelegentlich „verborgten“ sie ihn auch an den Freiherrn v. Wilmowsky, Praesident des Mitteleuropaeischen Wirtschaftstags, ...“ (Siebert, Kultur- und Wissenschaftspolitik, S.220-221)
Also: das, was Hermann Gross und seine Mitarbeiter der Wiener Zweigstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG. Farbenindustrie trieben, war nicht ausschliesslich auf Menschenachtung und Liebe fuer die suedosteuropaeischen Staaten begruendet, sondern beinhaltete eine betrachtliche Portion an nachrichtendienstlicher Umtriebigkeit. Damit unterscheidet er sich kaum von einem anderen "grossen" "Suedostdeutschen", dem Historiker Fritz Valjavec (Fritz Valjavec (1909-1960) oder »Ueber die "deutsche Wissenschaft" als nachrichtendienstliche Aufklaerungsarbeit«), der sein Fach fuer nachrichtendienstliche Zwecke einsetzte.Angaben ueber verantwortliche Personen des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens zusammen, sondern auch Personalia von Wirtschaftswissenschaftlern, Universitaetslehrern, Funktionaeren aus dem Bereich der zwischenstaatlichen Kulturbeziehungen usw. usw.[...]“ (Siebert, Kultur- und Wissenschaftspolitik, S.266)