WEITER WEG ZU WINNETOU

Rudolf Augstein über den nach Radebeul zurückgekehrten Schriftsteller Karl May

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Der Bundespräsident Roman Herzog bedachte am Rande der Berliner Filmfestspiele die ihm gestellte spontane Frage, welche Rolle er denn am liebsten gespielt hätte, mit der spontanen Antwort: "Winnetou". Pierre Brice muß sich nicht sorgen, der Bundespräsident kann ja nicht mal reiten.

Der Schöpfer des roten Kriegers ist im Geiste und mit Sack und Pack von Bamberg in seine Heimat Radebeul zurück gekehrt, zu Bärentöter und Silberbüchse; auch den Henrystutzen nicht zu vergessen. Die wieder hergerichtete "Villa Shatterhand" ist jüngst als Museum neu eröffnet worden, die "Villa Bärenfett", das Blockhaus im Garten Karl Mays, ist auch zu besichtigen.

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Was die Auflage der Karl-May-Bücher angeht, so hält der Jugend- und Abenteuerschriftsteller jeden deutschen Rekord. 80 bis 100 Millionen Exemplare wurden in 28 Sprachen verkauft, jedes Jahr kommen, wie man hört, neue Übersetzungen hinzu. Wer liest das alles? Das weiß man nicht, verkauft ist verkauft.

In Winnetous Geburtsland, in den USA, ist Karl May so gut wie unbekannt. Man begnügt sich in Angelsaxien damit, ihn noch heute als " Hitler's favorite author" abzuheften. Wenn er vieles war, das war er nun wieder nicht. Hitler, dem ebenso wie Ernst Jünger eine gewisse Geistesverwandtschaft mit Karl May zugeschrieben worden ist, hat aber mehr als nur dessen Namen gekannt. Der Schriftsteller Oskar Robert Achenbach machte die "Vorliebe" Hitlers für Karl May 1933 nach einem Besuch auf dem Obersalzberg öffentlich:

"Auf einem Bücherbord stehen politische oder staatswissenschaftliche Werke, einige Broschüren und Bücher über die Pflege und Zucht des Schäferhundes und dann, deutsche Jungen, hört her! Dann kommt eine ganze Reihe Bände von - Karl May! Der Winnetou, Old Surehand, der Schut, alles liebe alte Bekannte!"

Der "Führer" hatte sich schon im Jahre 1932 mit Harald Quandt, dem 11jährigen Stiefsohn von Goebbels, sachverständig über die Jugend- und Abenteuerromane Karl Mays unterhalten. Noch im Jahre 1943 ließ er trotz aller Papierknappheit auf Anregung ebendieses Harald Quandt 300.000 Exemplare der Winnetou-Bände neu auflegen.

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Karl May war in Wirklichkeit, als er seine berühmten Romane schrieb, dort nie gewesen, wo er stets behauptete gewesen zu sein. Er war bis 1908 nicht in Amerika, bis 1899 niemals im Vorderen Orient. Seinem größten Leserpublikum, uns Kindern, war das natürlich egal, solange seine Geschichten sogar in der Schule vorgelesen wurden. Auf briefliche Anfragen erwiderte er stets, da er 40 Fremdsprachen beherrsche, die zahllosen Dialekte nicht eingerechnet.

Der Tierkunde-Professor Gustav Jäger in Stuttgart erfuhr, May habe alle Länder, die er beschrieben hat, tatsächlich selbst besucht, und er beherrsche die Sprachen der geschilderten Völker. Hadschi Halef Omar, Winnetou, Old Firehand und alle anderen seien reale Personen.

Am 26. März 1899 bricht der inzwischen etablierte Schriftsteller Karl May allerdings endlich zu einer gigantischen Orientreise auf. 50.000 Mark stehen ihm zur Verfügung. Er wird 16 Monate wegbleiben. Am 9. April betritt er zum ersten Mal außereuropäischen Boden, in Port Said. Er ist von sich selbst so ergriffen, daß er weinen muß, vielleicht weinte er auch deshalb, weil seine beiden Lebensfrauen noch nicht bei ihm waren. Auch Stambul und die Hagia Sophia wird er besuchen.

Halbherzig hatte er seinem Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld in Freiburg (der die noch heute schönen grünen Einbände mit Goldornamenten gedruckt hat) vorgelogen, er wolle Hadschi Halef Omar besuchen und über China zu seinen Apachen reisen.

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Bei seinem Besuch in Athen im Juli 1900 bekennt er, der einst das Lehrerseminar besuchte, angesichts der Kunstschätze etwas kleinlaut, künstlerisch sei er zuwenig gebildet. "Goethe würde ganz anders sehen, denken und empfinden als ich. Das ist nun leider hier im Leben nicht mehr nachzuholen." [Da überschätzte May den ollen Goethe aber ganz gewaltig, Anm. Dikigoros]

Der James-Joyce-Übersetzer Hans Wollschläger, Karl Mays bedeutendster Minnesänger, schrieb vor 20 Jahren über diese kleine Begebenheit, hier sei der Reisende "um Grade zu bescheiden" gewesen.

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Karl May war armer Leute Sohn, als fünftes von 14 Weberkindern geboren in Ernstthal am Rande des sächsischen Erzgebirges, "schwere Kindheit" inbegriffen. Er wird Zeit seines Lebens schwindeln, lügen, vortäuschen, insgesamt acht Jahre wegen recht minderer Delikte im Gefängnis verbringen und sich, schon ein gemachter Mann, falscher Doktortitel bedienen. Am liebsten hätte er seinen eigenen Tod ("Sieg, großer Sieg - Rosen, rosenrot") wohl auch noch vorgetäuscht.

Also war Karl May ein gemeiner Hochstapler? Eben nicht. Seine vielen Leser vertrauten ihm ja: Wenn ihn Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah nicht in der großen Salzwüste Nordafrikas begleitet hat, dann eben irgendwo anders.

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Seine Indianer hat May aber nie kennen gelernt. Zwar teilte er 1907 seinem Verleger mit, er müsse nun in sein "Land der Indianer" reisen. Aber kam er dort an? Nicht ganz.

Zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Klara - von der ersten, Emma Pollmer, kam er trotz Scheidung niemals los - schiffte er sich am 5. September 1908 in Bremen ein. Der Passagierdampfer "Großer Kurfürst" brauchte elf Tage bis New York.

Er sieht die Niagarafälle - und wird sie in "Winnetou Band IV" beschreiben. Laut Klara (1931) soll er allein zu den Apachen gereist sein und den Yellowstone-Park besucht haben. Dies wäre einem gesunden Mann sicher möglich gewesen. Der schon recht klapprige Dichter aber dürfte das in so kurzer Zeit nicht geschafft haben.

Indianer? Er sah deren Nachkommen. Knapp 400 Abkömmlinge der Irokesen hausten in armseligen Rundzelten in einem Reservat nahe der Niagarafälle. Frau Klara fotografierte den "Häuptling" und verschickte Postkarten en masse in die Heimat.

Während dieser Reise hielt Karl May in der überfüllten Turnhalle von Lawrence (Massachusetts) vor Deutschamerikanern einen Vortrag. Wilhelminisches war von ihm dabei nicht zu hören. "Unsummen von Geld und Blut" habe deutsche Herrschsucht bereits verschwendet, kritisierte der Sachse May seine Regierung. Gerade die Deutschamerikaner, so appellierte er, sollten an der Spitze stehen, um einen humanen Staat zu schaffen.

Da zeigte sich Karl Mays politische Gesinnung, vielleicht sogar die mancher seiner Zuhörer. Tatsächlich stand er gegen Rassismus, Kolonialismus, Imperialismus, war auf seine verschwörerische Art Pazifist, gelegentlich auch projüdisch.

Im Dezember heimgekehrt, plumpste May sogleich wieder in die bei ihm übliche Prozeßlawine. Dabei hatte er seit fast 40 Jahren keine Straftaten mehr begangen. Bärentöter, Silberbüchse und Henrystutzen, alle eigens für ihn in Dresden angefertigt, waren in den Gartenschuppen verbannt worden. In Trapperkleidung mochte er sich auch nicht mehr ablichten lassen. Seine Renommiersucht aber, auch wenn er sie noch so sehr bekämpfte, blieb.

Der 68jährige Karl May war körperlich ein gebrechlicher Greis. Er konnte nicht schlafen und kaum mehr essen: "Dafür aber Schmerzen, unaufhörliche, fürchterliche Nervenschmerzen, die des Nachts mich empor zerren und am Tage mir die Feder hundertmal aus der Hand reißen! Mir ist, als müsse ich ohne Unterlaß brüllen, um Hilfe schreien. Ich kann nicht liegen, nicht sitzen, nicht gehen und nicht stehen, und doch muß ich das alles. Ich möchte am liebsten sterben, sterben, sterben, und doch will ich das nicht und darf ich das nicht, weil meine Zeit noch nicht zu Ende ist. Ich muß meine Aufgabe lösen."

Welche Aufgabe mußte der alternde Dichter lösen? Was hatte er im Sinn?

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Zunächst sei von Karl Mays euphorisch-triumphalem Ende die Rede. Die von ihm und gegen ihn angestrengten Prozesse erstickten in sich selbst, auch seine Feinde verloren die Lust, sich mit ihm anzulegen.

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Am 22. März 1912, wenige Tage bevor er starb, hielt er im Wiener Sophiensaal vor 2000 bis 3000 Zuhörern einen Vortrag unter dem heute seltsam anmutenden Titel "Empor ins Reich des Edelmenschen". Robert Müller hatte durch eine Umfrage für positive Stimmung gesorgt. Heinrich Mann, der Mays Erzählungen schätzte, hielt ihn nun "erst recht" für einen Dichter. Albert Ehrenstein, der Expressionist und Kulturkritiker, wünschte sich einen Cervantes für "diesen ehrwürdigen Don Quixote". Erich Mühsam billigte May "das Prädikat eines Dichters" ohne Einschränkung zu. Damit kam er um wenige Tage zu spät, Karl May starb am 30. März 1912 an einem Herzschlag.

Aber auch eine Frau setzte sich für den nun so geehrten Dichter ein. Auch sie hörte ihm in Wien zu, die Trägerin des Friedensnobelpreises von 1905, Baronin Bertha von Suttner, die Tochter des Feldmarschall-Leutnants Graf Kinsky, 1843 in Prag geboren. Berühmt geworden war sie mit dem 1889 erschienenen Roman "Die Waffen nieder!" (Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat sie nicht mehr erlebt.) Und siehe da, der Begriff des "Edelmenschen" findet sich schon bei ihr. May dürfte ihn von Frau von Suttner unmittelbar übernommen haben.

In dem Wiener Blatt Die Zeit schrieb sie ihm zum Gedenken nach seinem Tod: "In dieser Seele lodert das Feuer der Güte." Mag ja sein, da ihr "Herzensgruß nach dem Jenseits" den nunmehr waffenlosen Karl May erreicht hat.

In der Zukunft sollte Karl May noch eine merkwürdige Metamorphose erfahren. Denn kaum hatte Adolf Hitler 1933 sein Drittes Reich etabliert, da wandten sich auch schon jene Schriftsteller, die Karl May früher als Dichter eingestuft und wertgeschätzt hatten, gegen ihn. Plötzlich galt ausgerechnet dieser friedliebende Phantast als Wegbereiter der braunen Massen, ausgerechnet jener Pazifist, der noch in seinem letzten Wiener Vortrag die Kinder Israels gerühmt hatte, wurde nun mit den Nationalsozialisten in Verbindung gebracht.

Eine Massenneurose schien die emigrierten deutschen Schriftsteller ergriffen zu haben. Sie, die das Heraufkommen Hitlers nicht hatten verhindern können oder wollen, reichten die Schuld in die graue Vorzeit an einen Mann zurück, dem etliches Deutsche, aber gar nichts Imperiales und Nationalistisches zu eigen war. In den Worten Klaus Manns, 28 Jahre nach des Schriftstellers Tod, hörten sich die Vorwürfe so an:

"Das Dritte Reich ist Karl Mays endgültiger Triumph, die schreckliche Verwirklichung seiner Träume, die sich - nach allen ethischen und ästhetischen Kriterien - in nichts von dem unterscheiden, was der mit Old Shatterhand aufgewachsene österreichische Anstreicher jetzt versucht, um die Welt neu zu ordnen." [Klaus Mann war so strohdumm, daß er (Postkarten-)Maler nicht von Anstreichern unterscheiden konnte, Anm. Dikigoros]

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Zwei Dutzend Schriftsteller und die meisten namhaften Exil-Zeitschriften beteiligten sich an dieser Leichenfledderei. Mit von der Partie waren Ernst Bloch, der May 1929 noch gerühmt hatte, Heinrich Mann, der ihm 1912 das Dichterprädikat zuerkannte, Herwarth Walden, Bertolt Brecht, der ihm in Augsburg zuhörte, Johannes R. Becher und Erich Kästner. Daran nicht beteiligt waren Hermann Bahr, Albert Ehrenstein, Berthold Viertel, erst recht nicht Carl Zuckmayer, auch Hermann Hesse und Leonhard Frank nicht. Hermann Broch weigerte sich beharrlich, den toten May mit Nazi-Deutschland in Verbindung zu bringen, Bloch notierte: "Old Shatterhand trügt einen sehr deutschen Bart, und seine Faust schmettert imperialistisch herab." Heinrich Mann erblickte plötzlich in den Schriften Karl Mays nur noch Kennzeichen von Banausentum. [Noch so ein Banause aus der Banausen-Familie Mann - "Professor Unrat" hätte lieber mal seine eigenen Schmierereien durchsehen sollen, Anm. Dikigoros]

Der Journalist und Schriftsteller Leo Lania schloß 1936 in Analogie: "Man weiß eben nie, was dem ersten Schritt folgt, welch ein Küken aus dem Ei kriecht." Es sollte wohl so scheinen, als sei aus dem Ei Karl May das Küken Adolf Hitler gekrochen. [Was die linken Eierköpfe so alles ausbrüten... Anm. Dikigoros]

Soweit man sehen kann, haben aktiv nur Bernhard Menne und Egon Erwin Kisch, der ihn besuchte, für May Stellung bezogen.

Johannes R. Becher, der spätere Kulturminister der DDR, verbat sich 1943 jegliche Rehabilitierungs-Versuche, schon ein besseres [sic!] Deutschland im Blick. [Meint Augstein etwa die DDR? Na ja, Anm. überflüssig, Dikigoros] Schließlich, diese verlogene Räuberromantik sei Hitlers "Lieblings-Lektüre".

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Es hat binnen 50 Jahren wohl nur zwei deutsche Staatsoberhäupter gegeben, die Winnetou zu ihrem Lieblingshelden erkoren - Roman Herzog, wir wissen es schon, und Adolf Hitler, der dem "Edelmenschen" und dessen Erfinder fast bis in den Bunker hinein die Treue hielt. [Diese Parallele zwischen Hitler und Herzog ist wohl etwas weit her geholt; man könnte sie allenfalls mit der beiden gemeinsamen Sympathie für die den Juden feindlich gesonnenen Muslime begründen, zu der sich Herzog durch die Verleihung des "Friedenspreises" an die infame Hetzerin Annemarie Schimmel öffentlich bekannt hat - aber davon weiß Augstein offenbar nichts, Anm. Dikigoros]

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Winnetou, so Hitler vor und nach der Machtergreifung, sei für ihn seit je das Vorbild eines edlen Menschen. Es sei notwendig, der Jugend die richtigen Begriffe von Edelmut beizubringen, sie brauche Helden wie das tägliche Brot.

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Hitler wußte Dilettanten, wie er selbst einer war, immer zu schätzen. Er mochte Leute, die sich durchbeißen mußten, so wie auch er sich hatte durchbeißen müssen.

Es hätte allerdings keines Old Shatterhand bedurft, um in Hitler den Gedanken wach zu rufen, er müsse das Judentum auslöschen und im Osten ein germanisches Großreich der Sklavenhalter gründen.

Es klingt wie eine Satire, daß noch Ende 1944 der Generalstabschef des Heeres, Heinz Guderian, die Lektüre der Karl-May-Bücher für den neu zu bildenden Volkssturm - darunter viele Jugendliche - empfahl, weil eine hantierbare militärische Vorschrift nicht rechtzeitig ausgearbeitet werden konnte. Doch bei aller Situationskomik, es gab eben seinerzeit keinen so populären Jugendschriftsteller wie Karl May, die Nazis hatten jedenfalls keinen.

Nun muß man sich fragen, warum wohl die Vielzahl unter seinen erwachsenen Anhängern (von Bergengruen bis Einstein, von Kissinger bis Liebknecht, von Heuss bis zu Kardinal Frings) nicht bemerkt haben sollte, welch gefährlichem Scharlatan man hier aufgesessen war. Niemand wird ernsthaft behaupten können, Hitler hätte seinen Krieg ohne Karl May gar nicht oder zumindest anders geführt.

Und doch, in einem tieferen Bereich wurzeln möglicherweise Gemeinsamkeiten. Legt man die Deutung des Psychoanalytikers Erich Fromm zugrunde, dann figuriert Hitler "im Zentrum einer von May geförderten Wirklichkeitsverleugnung zugunsten von Atavismus, Irrationalismus und romantischer Alltagsüberhöhung". Da mag etwas dran sein. Aber Fromm selbst sagt auch, es gebe hierfür nicht genügend überzeugende Belege.

Sicher ist: Hitler und Karl May waren beide außergewöhnlich narzißtisch introvertierte Menschen. Ihre Phantasiewelt war für sie realer als die Realität selbst.

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Um Hitler auf den Boden der Realitäten zurück zu bringen, hat es der Anstrengungen der ganzen Welt bedurft. Karl May hingegen begegnete seiner Realität, indem er sie aufsuchte. Er reiste. Seine Exkursionen plante er nach dem Baedeker. "Aus der bloßen Begegnung mit der Realität", so Hans Wollschläger, hat May "das Fürchten gelernt".

Zwar gab er sich als Weltenbummler Kara Ben Nemsi, schrieb Serien von Postkarten und ließ sich fotografieren, aber hinter der zur Schau gestellten Fassade des plötzlich Gealterten verbarg sich sein völliger Zusammenbruch. Das so genannte Spätwerk entstand. Er verlor die "Unschuld", die "Naivität" des literarischen Erzählens.

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