Wem gehört eigentlich Grönland?

von P. Werner Lange (Die Achse des Guten, 15.1.2026)

Bilder, Anmerkungen & Links: Nikolas Dikigoros

Seit Donald Trump Begehrlichkeiten gegenüber Grönland geäußert hat, stellen sich viele auf die dänische Seite. Dabei kann man Dänemark bis heute einen kolonialen Umgang mit den Inuit vorwerfen. Noch immer werden Grönländern von den Behörden ungerechtfertigerweise ihre Kinder weggenommen.

Die Geschichten, die Kindern der Inuit auf Grönland während langer Polarnächte erzählt werden, unterscheiden sich erheblich von jenen, die bisweilen gedruckt unter Kopenhagener Weihnachtsbäumen liegen. Denn grönländische Märchen und Sagen könnten dänische Kinder ängstigen, weil sie Entbehrungen und Schrecken des Lebens in der Arktis schildern. Überdies klingen sie wohl gänzlich anders, wenn sie nicht auf dänisch, sondern im Kreis vertrauter Menschen auf Kalaallisut, der Sprache der Grönländer, erzählt werden. So die Geschichte von Sassuma Arnaa, der Mutter des Meeres, die gewiss nur verstehen kann, wer bedenkt, was der Verlust des erfahrensten Jägers und des Kajaks für eine grönländische Familie bedeutete. Also: Sassuma Arnaa geriet mit ihrem Vater in einen furchtbaren Sturm. Als das Boot zu kentern drohte, warf der verzweifelte Vater seine Tochter über Bord. Die junge Frau hielt sich jedoch am Kajak fest, sodass dem Vater keine andere Wahl blieb, als ihr die Finger abzuschneiden. Die abgetrennten Finger fielen in das eisige Wasser und schwammen als Wale davon, während einige die Gestalt von Robben annahmen. Sassuma Arnaa jedoch versank und wurde zur rachsüchtigen, mächtigen Herrscherin über das Meer und alle Tiere darin. Wenn künftig Jäger ertranken oder Hungersnöte die Menschen heimsuchten, weil sie bei der Robbenjagd erfolglos blieben, dann war dergleichen das Werk der Meeresgöttin. Umstimmen konnten sie nur Schamanen, die sich tanzend und trommelnd in einen Trancezustand versetzten und dann in ihr Reich hinabstiegen, um Sassuma Arnaas Haar zu kämmen. Sie konnte das ja selbst nicht tun, weil ihr die Finger fehlten.

So liest man es bei dem auf Grönland aufgewachsenen Ethnologen und vielseitigen Wissenschaftler Knud Rasmussen oder bei anderen, die das Dasein der Eskimos erforschten. Ich weiß, das Wort Eskimos kann heute viele erschrecken, obwohl sie es dann doch benutzen müssen, weil es Mühe bereitet, polare Völkerschaften wie die Inuit (Grönland, Nordkanada und Nordostalaska), die Inupiat (Nordwestalaska und Teile Nordkanadas) und die Yupik (Nordostsibirien und Westalaska) zu unterscheiden und zu benennen. Das gilt insbesondere für Leute, die anderen gern Vorurteile unterstellen – also für jene unangenehmen Zeitgenossen, die weder das Leben noch die Welt sinnvoller Arbeit oder gar die Ferne kennengelernt haben und deshalb zur Rechthaberei neigen. Daher ist hier von Inuit die Rede, obgleich das während der 1950er Jahre, als man aus Eskimokindern kleine Dänen machen wollte, noch nicht allgemein gebräuchlich war.

Streng verboten, Kalaallisut zu sprechen

Denn 1951, zwei Jahre vor der Eingliederung der Kolonie Grönland in das Königreich Dänemark, begann ein – offiziell so bezeichnetes – Experiment, bei dem von Angehörigen des dänischen Roten Kreuzes und eines Kinderhilfswerkes ausgesuchte grönländische Kinder von Nuuk nach Kopenhagen gebracht wurden. Sie sollten, so hieß es, in Dänemark erzogen werden und somit dem Leid auf der Insel entgehen: Armut, Unterernährung, keine Bildungsmöglichkeiten, Tuberkulose und andere Übel. Das schien gut gemeint, aber sicherlich war es vornehmlich Absicht der verantwortlichen Politiker, aus den Kindern „neue Menschen“ zu erschaffen, „kleine Dänen“, eine Elite, mit deren Hilfe die Kolonie künftig gestaltet werden sollte, ohne dass sie nach ihrer kolonialen Vergangenheit oder gar danach fragen würde, wem Grönland eigentlich gehöre. Die Eltern hatte man bedrängt, ihnen erzählt, welche wunderbaren Möglichkeiten der Aufenthalt in Dänemark ihren Kindern bieten würde: Bildung und künftiger Verdienst, Sprachkenntnisse, handwerkliche Fertigkeiten. Kurzum, wenn man darüber hinwegsieht, dass Betreuer den Kindern streng verboten, Kalaallisut zu sprechen, dann wurden damals Hoffnungen geweckt, wie sie zum Beispiel später sehr viele Migranten bis nach Deutschland getrieben haben. Geblieben ist davon – auch hierzulande – meist nur Enttäuschung und Entwurzelung, wenn man nicht zahlreich genug war, um Parallelgesellschaften zu bilden – und nicht selten sogar Hass auf die vermeintlichen Retter.

Das dänische „Experiment“ jedenfalls endete gewöhnlich mit dem Verlust familiärer Bindung, mit Depressionen, frühem Tod und Alkoholsucht. Eine Ausnahme bildete die Grönländerin Helene Thiesen, die im Alter von sieben Jahren ihrer verwitweten Mutter weggenommen und nach Dänemark gebracht wurde. Heute tritt Thiesen als geachtete Autorin und Pädagogin für die Rechte von Inuitkindern ein und klagt den dänischen Staat an, noch immer Menschenrechte zu verletzen. Freilich, sie hat studiert und einen Dänen geheiratet, der ihr beistand, wenn psychische Traumata sie peinigten. Denn die blieben nach dem Verlust der Muttersprache, der Kultur, des Haltes in einer Familie sowie nach den Aufenthalten in dänischen Pflegefamilien und sieben weiteren Jahren in einem grönländischen Waisenhaus nicht aus. „Ich habe den ganzen Weg zum Waisenhaus geweint. Ich hatte mich so darauf gefreut, meine Stadt wiederzusehen, aber ich konnte vor lauter Tränen nichts erkennen“, erzählt sie, wenn sie sich an ihre Rückkehr nach Grönland erinnert. Noch bewegender erscheint ihre Schilderung dort, wo sie vom Wiedersehen mit ihrer Mutter berichtet und damals begreifen musste, dass sie nicht verstanden wurde, weil sie nur noch dänisch sprechen konnte.

„Die Dänen glauben, dass wir minderwertige Menschen sind“

Da mag nun jemand nach dem Sinn dieses Beitrages fragen: In Deutschland gibt es keine bedrängten nationalen Minderheiten, deren Situation jener der Inuit vergleichbar wäre, und selbst illegale Migranten müssen weder Herabwürdigung noch kulturelle Auslöschung oder Versuche bedenkenloser Zwangsassimilation fürchten. Vielmehr soll hier berichtet werden, was trotz aller anders lautenden Beteuerungen in einer westlichen Demokratie möglich ist – zum Beispiel in der dänischen, der sich nunmehr Staaten und Bürger unbesehen verbunden fühlen, weil Donald Trump ihr Grönland wegnehmen will. Nun, es gab zwar Entschuldigungen der dänischen Regierung und gerichtlich erstrittene Entschädigungen, aber keine grundsätzlichen Veränderungen im Umgang mit Inuitkindern. Im Ausland wurde kaum etwas von den abscheulichen Vorgängen bekannt, bis Donald Trump begann, begehrlich und fordernd über die größte Insel der Erde zu sprechen. Davon aufgescheucht, wandten westeuropäische Medien sich kürzlich dem Thema zu, das sie natürlich weniger als anmaßendes soziales Experiment („allein der Staat entscheidet, wer entwicklungs- und erziehungsfähig ist, er bestimmt das Maß von Förderung und sozialer Unterstützung“) beschreiben. Sie sehen es stattdessen vorwiegend als Folge einer vergangenen „kolonialen Denkweise“ und der damit verbundenen „eurozentristischen Sicht auf die Erziehung“.

Auf der Grundlage meist von britischen Quellen verbreiteter Berichte nahmen nun auch deutsche Blätter daran teil (z.B. DER SPIEGEL 52/2025). Mittelpunkt ist dabei Keira Alexandra Kronvold, eine grönländische Mutter, der 2024 ihre Tochter Zammi unmittelbar nach der Geburt vom dänischen Jugendamt weggenommen wurde. Nun ist so etwas auch in Deutschland möglich, wenn das Kindeswohl gefährdet sein sollte. Allerdings gibt es in Dänemark eine Elternkompetenzprüfung (FKU) genannte Handreichung für Behörden, die eine Entfernung von Kindern aus ihren Familien, ihre Unterbringung in Pflegefamilien und Adoptionen wesentlich erleichtern kann. Die damit verbundenen Tests haben freilich dazu geführt, dass Inuitkinder unverhältnismäßig häufig in dänischen Pflegefamilien untergebracht oder adoptiert werden. Nicht verwunderlich, wenn die Eltern sagen sollten, wer Sherlock Holmes oder Mutter Theresa war, wie die große Treppe in Rom und dieser und jener Baum heißt – Inuit lesen selten Reiseführer, und auf Grönland gibt es keine Bäume.

Sie unterlagen ebenso bei den im Mai des letzten Jahres endlich untersagten Rorschach-Tests, bei denen Probanden Tintenkleckse deuten müssen, denn natürlich sahen Inuit dabei Bilder aus ihrem Kulturkreis, z.B. eine ausgewaidete Robbe. Da am Verstand der Prüfer kaum gezweifelt werden kann, liegt nahe, dass die Befragten versagen sollten. Allerdings bedeutete – so zynisch das auch klingt – die FKU inzwischen schon eine Form der Zuwendung, nachdem z.B. während der 1960er und 1970er Jahre rund 4.500 Mädchen und Frauen der Inuit gegen ihren Willen Spiralen zur Schwangerschaftsverhütung eingesetzt worden waren – das war etwa die Hälfte der fruchtbaren weiblichen Bevölkerung Grönlands. Genug, „die Dänen glauben, dass wir minderwertige Menschen sind“, sagt Keira Kronvold, der die Psychologen „mangelnden Blickkontakt“ vorgeworfen haben, während jene, die sie zum Test bestellten, die Vorladung damit begründeten, man wolle sehen, ob sie „Teil der Zivilisation“ sei. Zwei Stunden hat man Keira Kronvold nach der Geburt ihrer Tochter gegeben, um sich von Zammi zu verabschieden. Ganz ohne Tintenkleckstest.

Brigitte Bardot umarmt ein Robbenbaby

Dabei ist sie in einer Fischfabrik auf dem Festland tätig und kann ihren Fall bei Interviews nicht nur auf Kalaallisut, sondern auch auf Dänisch und Englisch vortragen. Ihre Versuche, Zammi heimzuholen, blieben bisher trotz Unterschriftensammlungen und aller Unterstützung im Netz vergeblich. Der dänische Staat hat ihr lediglich acht Stunden Therapie bezahlt, und sie darf ihre Tochter einmal in der Woche für anderthalb Stunden besuchen. Die Hoffnung hat sie dennoch bewogen, einen der auf Grönland üblichen Hundeschlitten für Zammi zu bauen, aber ein Protokoll des Jugendamtes vermerkte nur, Sägespäne und Holzreste hätten tagelang in ihrer Wohnung herumgelegen. Immerhin ist es seit Mai 2025 verboten, Bestandteile des Elternkompetenztests auf Inuit anzuwenden. Eine Gruppe von Psychologen, Pädagogen und anderen Fachleuten, die mit der grönländischen Sprache und Kultur vertraut sind, soll nunmehr neuere Fälle überprüfen, die jenem von Keira Kronvold gleichen.

Kürzlich eine Gesprächsrunde belesener Menschen: Von Hans Egede ist die Rede und von Knud Rasmussen, vom hervorragenden dänischen Gesundheitswesen auf Grönland, vom Verlangen nach Unabhängigkeit und vom Zweifel, ob die bisher ungenutzten Ressourcen an Öl, Gas, Gold und Eisen sowie der Fischfang, mit dem Dänemark als Vermittler gute Geschäfte macht, die Entwicklungshilfe bald aufwiegen würden. Zwischendurch eine Diskussion über Schwarzen Heilbutt und Schneekrabben sowie Bilder aus der Arktis: Brigitte Bardot umarmt ein Robbenbaby, der unvermeidliche verhungernde Eisbär auf seiner winzigen Scholle, Besucher wie Vance und Trump junior, nirgendwo ein Inuit. Da wird es lebhafter: Wem gehört eigentlich Grönland? Die einhellige Meinung: Dänemark. Nur einer sagt: „Natürlich den Grönländern!“


LESERBRIEFE
(ausgewählt und z.T. leicht gekürzt von Dikigoros)

Robert Bauer (15.01.2026)
In Deutschland gibt es eine bedrängte nationale Mehrheit, deren Situation jener der Inuit vergleichbar wäre. (Anm. Dikigoros: Wieso "wäre"? "Ist"!)

Oliver Krug (15.01.2026)
Christa Born am 15.01.2026: „Wem gehört eigentlich Berlin?“ Antwort: Dem, der es zuletzt erobert hat! (Anm. Dikigoros: Der Beitrag von C.B. wurde vom Zensor gelöscht - er hat freilich vergessen, auch diesen Beitrag von O.K. zu zensieren bzw. zu löschen!)

Harald Hotz (15.01.2026)
Eigentlich lustig, irgend ein reisefreudiger Däne hat irgendwann mal auf einer vereisten Insel die dänische Fahne gehisst und sie für seinen König in Besitz genommen, einen Ort für Europäer so trostlos, daß sich keine andere Kolonialmacht je dafür interessierte, mit einer so kleinen indigenen Bevölkerung, daß sich bis heute auch nie eine wirksame Unabhängigkeitsbewegung bilden konnte, und huch, plötzlich richtet der Erzbösewicht Trump seinen Scheinwerfer auf die ach so lieben Dänen und stört die Hygge und will dem König die geraubte Insel rauben. Welches Recht hat Dänemark auf dieses Land? Genauso wenig wie Trump!
(Längere Anm. Dikigoros: Wenn man mal vom "Recht des Stärkeren" absieht, dann haben diejenigen ein "moralisches Recht" auf ein Land, die etwas Sinnvolles damit anstellen. Deshalb haben z.B. die Araber kein solches Recht auf "Palästina", die "Indianer" kein solches Recht auf Nordamerika und die "Eskimos" kein solches Recht auf Grönland - wobei dahin stehen mag, was sinnvoller ist: dort Militärstützpunkte einzurichten, unter dem Eis nach Bodenschätzen zu buddeln oder einfach nur auf Robbenjagd zu gehen, wie es die Eisbären tun. Aber H.H. will sicher darauf hinaus, daß Grönland eigentlich den Eskimos gehöre - Dikigoros scheut das Wort "Inuit", nicht weil er das Wort "Eingeborene" für politisch unkorrekt hält, sondern weil es sachlich inkorrekt ist. Aber wie dem auch sei, wenn es tatsächlich zu einer Volksabstimmung unter Beteiligung der Eskimos - und natürlich unter Ausschluß der Festlandsdänen - käme, wie es manchen Keksperten vorschwebt, dann wäre das Ergebnis nicht schwierig vorauszusehen: Sie werden sich mit überwältigender Mehrheit für einen Anschluß an die USA entscheiden - die ja auch den bisher noch zu Kanada gehörenden Eskimo-Staat "Nunavut" an sich bringen wollen -, denn finanziell auf eigenen Beinen können sie nicht stehen, und Dänemark hassen sie. Völlig zurecht, wenn das, was P.W. Lange hier referiert hat, zutrifft. Eine solche Familienpolitik ist gleich doppelt verbrecherisch - wie einst die Verschleppung von Negern aus Afrika nach Amerika durch jüdische Sklavenhändler: 1. werden die Kinder ihrem Volk entzogen, und 2. wird das dänische Volk mit Angehörigen einer minderwertigen Rasse bastardisiert.)

Heinrich Bleichrodt (15.01.2026)
[...] Der kleine Kläffer Dänemark sollte schön die Füße stillhalten. Die kolonialirren Dänen spielen sich auf und werden den kürzeren ziehen müssen. Selbstverständlich wird ein Trump-Nachfolger das Ziel „Grönland“ weiter verfolgen – der Fall ist nun mal eröffnet. Auch wegen der Rohstoffe; wenn das Eis weg ist, ist der Boden frei zugänglich. (Anm. Dikigoros: Ja, wenn... aber wann? In 100 Jahren?)


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