
Wie ist das dominante Verhalten der USA in der Grönlandfrage zu erklären? Sind die USA auf imperialen Abwegen? Oder befürchten die USA, dass Europa auf Abwegen ist? Von gegenseitigem Unverständnis und dem Risiko sich selbst erfüllender Prophezeiungen.Etliche reiben sich die Augen angesichts der Hartnäckigkeit, mit der die Trump-Administration an ihrem Verlangen festhält, eine kaum besiedelte und weitgehend von Eis bedeckte Insel den USA einzuverleiben. Anfangs haben viele Beobachter noch gedacht, das sei nur eine der fixen Ideen eines Donald Trump. (Anm. Dikigoros: Blödsinn. Die USA versuchen schon seit dem 19. Jahrhundert, Grönland zu bekommen, s.u.) Auch der Autor hat das Begehren anfangs in die gleiche Schublade gesteckt wie die Umbenennung des „Golfs von Mexiko“ in „Golf von Amerika“. Poltern, Symbolik, nicht weiter beunruhigend. Inzwischen kann man nicht mehr abstreiten, dass die US-Regierung es sehr ernst meint mit diesem völlig verrückt wirkenden Anliegen. Selbst diejenigen, die sonst ein gewisses Verständnis für Trump mitbringen, fühlen sich überrumpelt und tun sich schwer, dieses Gebahren zu rechtfertigen. Die meisten Beobachter sehen in Trumps Drohungen lediglich den ultimativen Beweis für das, was sie schon immer gedacht haben. Nämlich, dass Trump die USA in einen imperialen Staat verwandelt, gegen den man sich schützen muss. Einen Staat, der sich von der westlichen Wertegemeinschaft abgewandt hat, der machtpolitisch agiert, der das Völkerrecht mit Füßen tritt und die regelbasierte Weltordnung verachtet. Der Begriff „regelbasierte Weltordnung“ steht in Deutschland für eine ideale Weltordnung, in der Blauhelme für Ordnung sorgen und allfällige Kriegsverbrecher in Den Haag von der internationalen Gemeinschaft zur Verantwortung gezogen werden. Schönheitsfehler: Der internationalen Gemeinschaft von Den Haag fehlen die USA, China, Indien, Russland. Kurz gesagt: Entscheidende Teile der Welt machen gar nicht mit. Die sogenannte regelbasierte Weltordnung ist eine spezifisch deutsche Wunschvorstellung [...] Tatsächlich kann man unangenehm viele Indizien anführen, dass die USA auf Abwegen sind: die Bomben auf iranische Atomanlagen, die weitgehend kritiklose Unterstützung des Vorgehens Israels im Gaza-Streifen, schließlich die zumindest partielle Restitution der Macht der Hamas in Gaza, der Handstreich in Venezuela, der den USA zwar Zugriff auf Öl gesichert, aber bisher noch nicht zu einer Demokratisierung geführt hat. Die kurze Zusammenfassung übersieht aber auch wichtige Aspekte: Der Angriff auf Irans Atomprogramm war genau dosiert und schnell beendet. Die Schläge waren zwar mehr als symbolisch, aber sie waren auch nicht verheerend. Ein unmittelbarer Regimewechsel war nicht das Ziel. Fast niemand in der arabischen Welt solidarisierte sich mit dem Iran. Im Hintergrund dürfte also eine erhebliche diplomatische Anstrengung abgelaufen sein, um andere Länder zu beruhigen. Nicht wenige hatten den Beginn eines Flächenbrandes in Nahost befürchtet. Der ist ausgeblieben. Ähnliches gilt für Gaza [...] Jedenfalls wird deutlich: Die USA sind vom Ansatz der Idee des gewaltsamen Demokratie-Exports abgekommen. Die Erfahrungen damit waren mehr als ernüchternd. Die derzeitige Vorgehensweise der USA ist sicherheitsorientiert und interessengeleitet, aber nicht verrückt. Eher erschreckend pragmatisch. Wenn man 10, 20 oder 40 Jahre vorausblicktÄhnliches gilt für die Ukraine. Es ist kaum abzustreiten, dass Trump von einem originären Wunsch getrieben ist, diesen Krieg zu beenden. Dieser Brandherd liegt nicht im Interesse der USA. Wenn Trump unterstellt wird, dass er das Ganze nur mache, weil er den Friedensnobelpreis haben wolle, dann wäre das nicht verwerflich: Was ist besser als ein Friedenspreis, der für Frieden zu sorgt? Dass Trump dabei auch die wirtschaftlichen Interessen des eigenen Landes bedient, kann man ihm nur verdenken, wenn man gewohnt ist, die Orientierung an eigenen Interessen so negativ zu werten, wie es in Deutschlands öffentlichem Diskurs üblich ist. Insofern befremdet der Druck auf Grönland. Aus europäischer und aus völkerrechtlicher Sicht erscheint das Vorgehen der US-Regierung vollkommen unverständlich, zumal es eben nicht nur Trumps fixe Idee zu sein scheint. Auch Vizepräsidident J.D. Vance macht immer wieder deutlich, dass dieses Anliegen sehr ernst gemeint ist. Was könnte also dahinterstecken? Das Verhalten der USA wird erklärlicher, wenn man unterstellt, dass viele US-Außenpolitiker machtpolitisch bzw. strategisch denken. In Deutschland gilt das als überholt, viele glauben an die regelbasierte Weltordnung. Für die militärische Großmacht ist strategisches und machtpolitisches Denken jedoch Routine, und es gilt auch nicht als verwerflich. Ein Blick in die neue Nationale Sicherheisstrategie der USA ist lohnend. Wenn man sich also in die USA hineinversetzt und 10, 20 oder 40 Jahre vorausblickt, dann drängt sich ein Szenario auf, dass das kleine Europa eines Tages fällt. Sei es in Gestalt einer (öko)-autoritären EU-Zentralregierung, sei es in Gestalt von islamisch geprägten Autokratien, sei es in Gestalt eines Russlands, welches Europa über seine Energieversorgung dominiert oder gar Teile Europas militärisch überrollt hat. Signale der EntfremdungEin „Fallen“ Europas? Von außen betrachtet, klingt das nicht so absurd, wie es sich für uns vielleicht anhört. Einige Entwicklungen in Gesetzgebung, Justiz, öffentlicher Debatte und Migration müssen aus US-Sicht und mit mittelfristigem Zeithorizont Anlass zu großer Sorge geben. Selbst das Wort Zensur wird in Europa wieder gesellschaftsfähig – für US-Bürger unvorstellbar. Aus amerikanischer Sicht ist auch die zunehmende Regulierung der US-Digitalkonzerne bedeutsam, die Auflagen, die milliardenschweren Bußgelder, die Eingriffe in die Inhalte sozialer Medien, die bereits beschlossenen Klimazölle (CBAM, Cross Border Adjustment Mechanism). Hinzu kommt ein Nachlassen der europäischen Innovationskraft, ein wachsender Staatssektor. Technologisch hat Europa den USA immer weniger zu bieten. Die wirtschaftliche Bedeutung Europas für die USA schwindet. Damit schwindet auch das politische Gewicht der Europäer in den USA. Das alles wird verschärft durch rasant wachsende Schulden bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Schwäche. Für die weiterhin stark christlich geprägten USA muss auch der wachsende Einfluss radikaler islamischer Kräfte im Bündnis besorgniserregend wirken. Die Türkei ist für die NATO bereits zu einem Wackelkandidaten geworden. In Großbritannien, in Frankreich und in Deutschland muss man die Geburtenraten lediglich extrapolieren, um erhebliche gesellschaftliche Veränderungen zu prognostizieren [...] Vielleicht wird Europa tatsächlich nur vielfältiger und offener. Doch bei aller Hoffnung bleiben realistische Szenarien, in denen sich Europa in Bezug auf die grundlegenden Freiheitswerte und das marktwirtschaftliche Modell von den USA abkoppelt. Das mag auch nur Teile Europas betreffen, Staaten wie Polen, Ungarn und die Slowakei gehen in vielen Fragen einen anderen Weg als Westeuropa. In einem Szenario der Abkopplung wäre die NATO faktisch nicht mehr existent, zumindest nicht mehr handlungsfähig. Seit der Erhöhung der europäischen Verteidigungsausgaben wirkte die NATO aus US-Sicht wieder gestärkt. Es gibt aber auch andere Anzeichen. Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, beklagte Ende letzten Jahres öffentlich, dass zeitweise seine bisherigen Kommunikationskanäle ins Pentagon abgeschnitten waren. Die Gründe mögen vielfältig sein und auch auf deutscher Seite liegen. Dennoch zeigt sich mangelndes Vertrauen. Im Juli 2025 haben sich die USA aus der länderübergreifenden Beschaffung eines Nachfolgers für die gemeinsam betriebenen AWACS Aufklärungsflugzeuge zurückgezogen. Die USA wollen stärker auf Satelliten und trägergestützte Aufklärer setzen. Die Türkei hat sich für das russische Flugabwehrsystem S400 entschieden, daher bekommt sie (bisher) keine amerikanischen F-35 Flugzeuge geliefert. In Bezug auf die Ukraine arbeiten US-Diplomaten und ihre europäischen Verbündeten eher gegeneinander als miteinander. Das alles sind Signale einer Entfremdung. Historische Erfahrungen: Gibt es Sorgen in den USA?Die USA haben im Zweiten Weltkrieg gesehen, dass Dänemark dem deutschen Einmarsch nichts entgegensetzen konnte. Damals haben die USA schon einmal Grönland besetzt bzw. dort ihre Basen zum Schutz der Versorgungsrouten über den Atlantik etabliert. Die USA wissen also um die strategische Bedeutung Grönlands. Solange die Europäer ein zuverlässiger Teil von NATO und freiheitlicher Wertegemeinschaft waren, war das kein Thema, zumal das Fortbestehen der Gemeinschaft von starker US-Truppenpräsenz in Europa abgesichert war. Jetzt ist das aus amerikanischer Sicht nicht mehr sicher. In der nationalen Sicherheitsstrategie finden sich klare Worte, dass die USA die Europäer dabei unterstützen wollen, ihre Freiheit und Sicherheit zu wahren, bei gleichzeitiger „Wiederherstellung von Europas zivilisatorischem Selbstvertrauen und seiner westlichen Identität“. Letzteres darf man durchaus als Bedingung verstehen, die Rede des US-Vizepräsidenten J.D. Vance 2025 in München war deutlich. Vance wollte die Europäer aufrütteln, aber die Rede hat eher zu verletzten Eitelkeiten geführt als zu einer Annäherung. Dieses Jahr kommt Vance voraussichtlich nicht nach München. Ein alarmierendes Signal für diese wichtige transatlantische Sicherheitskonferenz. Mit einer solchen Wahrnehmung (ob berechtigt oder unberechtigt) sichert man sich aus US-Sicht lieber ab, es zählt nur noch Eigentum als Absicherung der strategisch wichtigen Insel vor der eigenen Haustür. Für uns ist Europa ein großer Kontinent. Aus amerikanischer Perspektive ist Europa verschwindend klein. Die wirtschaftliche Musik spielt längst in Asien. Ob die Amerikaner bereit sind, ein drittes Mal das Blut ihrer Söhne für einen kleinen Kontinent zu opfern, der sich seiner eigenen Identität nicht mehr sicher ist? Für uns Europäer mögen solche Gedanken empörend erscheinen. Ein nüchterner Blick auf das tatsächliche Handeln Europas (auch gegenüber US-Konzernen) und auf die Demographie muss aber für Amerikaner, die das ganze Leben mit dem Gedanken der eigenständigen Vorsorge aufgewachsen sind, ausreichen, um in den hiesigen Entwicklungen ein mittel- oder langfristiges strategisches Risiko zu sehen. Dagegen schafft man lieber Fakten, statt auf Verträge zu vertrauen. Verständlich, wenn man die globalen Ambitionen aufstrebender Mächte wie China betrachtet, aber auch, wenn man die Expansion islamistischer Ideologie im Nahen Osten sieht. Ein Teufelskreis des MissverstehensMöglicherweise ist auch die prägnante Neujahrsansprache der dänischem Ministerpräsidentin vor dem Hintergrund des Grönlandkonfliktes zu sehen. Es ware eine Rede mit klarer Ansage an das Dominanzgebaren bestimmter Gruppen von Zuwanderern. Ob der 2019 errichtete kleine Grenzzaun zwischen Dänemark und Deutschland wirklich nur dem Schutz vor der Schweinepest dient? Oder schwingt da auch Vorsorge gegenüber möglichen Verwerfungen beim südlichen Nachbarn mit? Aus Sicht der US-Regierung hat man nicht beliebig viel Zeit. 2028 sind die nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA, das aktuelle Jahr bietet ein Zeitfenster, bevor 2027 der Vorwahlkampf beginnt. Militärisch hat Europa den Wünschen der USA derzeit nicht viel entgegenzusetzen. Was übrigens auch bedeutet, dass Europa einem theoretisch denkbaren russischen oder chinesischen Zugriff wenig entgegenzusetzen hätte. Eine offene Annexion Grönlands durch die USA wäre jedoch ein beispielloser Affront gegenüber den NATO-Partnern. Für die Europäer wäre es die Bestätigung des postulierten neuen Imperialismus in den USA. Ein aus der Sorge geborenes Handeln der USA würde also genau die Situation schaffen, vor der man in den USA besorgt ist. Ein Teufelskreis des Missverstehens. Unterstellt man die dargestellte Sichtweise, dann braucht es geschickte Diplomatie und den Willen zum Kompromiss. Das sind Fertigkeiten, die in einer von "Haltung" geprägten Politk in den Hintergrund geraten sind. Eine einvernehmliche Lösung würde aber vor allem ein grundlegendes Umlenken der Europäer in Sachen Freiheit, Demokratie, Migration und Wirtschaft erfordern. Umgekehrt wären alle Appelle der Trump-Administration an die demokratischen Prinzipien in Europa vollkommen wertlos, sollten sich die USA Grönland tatsächlich gewaltsam einverleiben. Dann wäre nämlich genau das eingetreten, wovor man sich eigentlich absichern wolte: Ein Bruch der NATO. Das kann nicht im gemeinsamen Interesse sein. Mäßigung scheint geboten. Den Europäern bleibt es, vor der eigenen Haustüre zu kehren: Die kommenden Landtagswahlen in Deutschland dürften in den USA genau beobachtet werden. Ein Ende der totalen Brandmauerpolitik gegenüber der größten Oppositionspartei im Land wäre ein wichtiges Signal nach Washington. Dort beobachtet man sehr genau, was in Deutschland passiert: Der in Ludwigshafen mit dünnen Argumenten von der Wahl ausgeschlossene Bürgermeisterkandidat der AfD wurde kurz danach von der US-Regierung im Weißen Haus empfangen. Würde die CDU eine Entspannung gegenüber der AfD einleiten, wäre das wahrscheinlich auch ein großer Fortschritt in den Beziehungen zu den USA. Mehr Pragmatismus könnte nicht nur Fortschritte bei Wirtschaft und Zöllen bringen – sondern auch helfen, die Situation in Bezug auf Grönland zu entspannen. *Jerzy Müller ist Jurist und interessiert sich seit seiner Jugend für außenpolitische Fragen. Er fühlt sich mit den USA eng und kritisch verbunden. Er schreibt hier unter Pseudonym. LESERBRIEFE
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