Der ein oder andere Fußballfan mag sich vielleicht schon einmal gefragt haben, warum in der Bundesliga oder auch in anderen europäischen Top-Ligen kaum ein schwarzer Torhüter spielt. Ist es Rassismus, oder woran liegt es? Erklärungsmöglichkeiten gibt es viele; hier ein näherer Augenschein.Die israelische Zeitung Haaretz und die New York Times beschäftigten sich vor gut zwei Jahren jeweils recht ausführlich mit dieser Frage, ohne sie allerdings befriedigend beantworten zu können. So sei in der spanischen und italienischen 1. Liga etwa jeder 6. Feldspieler schwarz, aber kein einziger Torhüter, in Englands Premier League seien 57% der Stürmer schwarz, aber nur 9% der Torhüter. Immerhin: Es gibt sie überhaupt, die schwarzen Top-Torhüter. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, fällt bei beiden Zeitungen dann aber enttäuschend schlicht aus: "purer Rassismus", oder, etwas freundlicher, "tief verwurzelte Skepsis", ob Schwarze als Torhüter hinsichtlich ihrer Fehler-Anfälligkeit geeignet seien. Andere Fußballkenner, die sich teils auf ihre Erfahrungen als Scouts in Afrika berufen, weisen auf die dortigen Umstände hin, wo Kinder nicht auf ebenen Rasenflächen, sondern auf Straßen, Höfen oder am Strand Fußball spielen. In das nur provisorisch markierte Tor würden meist die untalentierten, bewegungsfaulen und übergewichtigen Jungs gestellt. Nicht zuletzt auch - da beißt sich die Katze dann in den Schwanz -, weil positive Rollenvorbilder fehlten, die es auf den anderen Positionen dafür zuhauf gebe. In den europäischen Vereinen dagegen werde darauf geachtet, dass sich Kinder schon früh für eine bestimmte Position entscheiden, auch für die des Torhüters. (Anm. Dikigoros: Blödsinn. Die meisten deutschen Top-Torhüter - nicht erst zu Bundesliga-Zeiten, sondern von Anbeginn des Fußballsports - waren zuvor Stürmer. Das ganze psychologische Klimbim um die "Antizipationsfähigkeit" ist entbehrlich, wenn man sich klar macht, welchen Vorteil ein Torwart hat, der sich in die Lage eines Stürmers versetzen kann, wenn er zuvor selber einer war, gegenüber einem, der immer nur zwischen den Pfosten gestanden hat.) Hier ließe sich kritisch einwenden, dass mittlerweile nicht wenige schwarze Kicker in europäischen Fußballvereinen bereits im Kindesalter den Umgang mit dem Ball erlernen, ohne dass es sich bisher relevant auf die Anzahl schwarzer Top-Torhüter ausgewirkt hätte. Ein sachdienlicher HinweisBevor es weitergeht im Text, sei hier ein kurzer persönlicher, aber durchaus sachdienlicher Hinweis erlaubt. Das vorliegende Thema interessiert den Autor dieser Zeilen nicht nur als Wissenschaftler und langjährigen Fußballfan (HSV!), sondern auch als fachlich Vorbelasteten: Ich habe in jungen Jahren das Tor einer Jugendnationalmannschaft gehütet und bald darauf das eines Bundesligateams - allerdings nicht im Fußball, sondern im Hockey. Natürlich nicht alle, aber doch etliche der wesentlichen Grundvoraussetzungen für ein erfolgreiches Torhüterdasein dürften durchaus für beide Sportarten gelten. (Anm.: Na kaum. Der Hockeytorwart ist bloß der letzte Feldspieler - denn auch er "arbeitet" ja nur mit dem Schläger -, ähnlich wie der Handballtorwart - Dikigoros war das mal in einer Jugendmannschaft, wiewohl er es nicht bis zum Bundesliga- oder gar Nationaltorhüter gebracht hat :-) Bei einem potentiell rassismus-affinen Thema kann es nicht verwundern, dass auch das hier schon des Öfteren gewürdigte Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) sich dessen annimmt. Genauer: eine relativ neue Abteilung dieser Einrichtung, der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa). Dessen jüngstes, von einem sechsköpfigen Autorenteam erstellte "Working Paper" trägt den ebenso sperrigen wie großspurigen Titel: "Racist Stacking im deutschen Spitzensport - Wieso es keine Schwarzen Torhüter in der Fußball-Bundesliga gibt und was das mit Rassismus zu tun hat." In der Spielzeit 2020/21 betrug laut NaDiRa der Anteil von Schwarzen in den Mannschaftskadern der 1. und 2. Bundesliga über alle Spielpositionen 20,6%, dazu kamen noch 9,9% so genannte "Persons of Colour (PoC)", die uns hier aber nicht weiter interessieren. (Anm. Dikigoros: Viel interessanter wäre ja auch die Frage, weshalb es nur noch knapp 10% "bio-deutsche" Stammspieler in der 1. und 2. Bundesliga gibt - etwa aus anti-weißem Rassismus?!?) Am häufigsten (37%) waren Schwarze auf der Position des offensiven Außenspielers anzutreffen, am seltensten, nämlich überhaupt nicht, auf der Position des Torwarts. Der Begriff Racist Stacking, so erklären es die Autoren ihren Lesern, werde seit den 1960er-Jahren von US-amerikanischen "Sportsoziolog:innen" für ein bestimmtes Phänomen im Mannschaftssport verwendet, nämlich "die Überrepräsentation weißer Sportler:innen auf in räumlicher und taktischer Hinsicht zentralen Spielpositionen, die mit Kompetenzen wie Spielintelligenz, Spielaufbau, Spielüberblick, Führungsqualität oder Kreativität verbunden werden, sowie die Überrepräsentation von Schwarzen Sportler:innen auf dezentralen und körperbetonten Spielpositionen, die mit Attributen wie Athletik, Physis, Schnelligkeit oder Instinkt verbunden werden." Zweifel drängen sich geradezu aufNach Meinung der Autoren seien das genau die Eigenschaften, die Schwarzen in rassistischen Ideologien zugeschrieben werden. Ebenso alternativ- wie diskussionslos wird nun gefolgert: "Insofern kann Racist Stacking - sofern es auftritt - als Indikator für die Wirkmächtigkeit jahrhundertealter, rassistischer Zuschreibungspraxen gelesen werden". Aber: Ist es wirklich so einfach, wie es sich diese Anhänger der Critical Race Theory machen? Nicht nur der Autor dieser Zeilen zweifelt daran, sondern auch der seinerzeitige Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Uni Tübingen, Ansgar Thiel, der meinte, es seien weitergehende Untersuchungen nötig: "Man müsse die Spieler nach ihren Erfahrungen befragen, und auch Fußball-Trainer und Talent-Scouts." In der Tat sollte man das tun. Denn es erscheint in höchstem Maße abwegig, dass Fußball-Experten wie Trainer und Scouts - in der sehr leistungsorientierten Fußball-Nachwuchsschulung - über mittlerweile Jahrzehnte das wahre Talent von schwarzen Kickern auf Grund eines systematischen Beurteilungsfehlers nicht angemessen zu erkennen vermögen. Außerdem, so wieder Thiel, sollte berücksichtigt werden, "ob es positive Rollenvorbilder gibt, welchen Einfluss die Eltern auf die jungen Spieler nehmen, ob es Moden gibt, sich für bestimmte Postionen zu entscheiden." Offenbar ist den DeZIM-Autoren ihr Zirkelschluss selbst nicht ganz geheuer, denn, so wird immerhin konzediert, erfolge eine Beurteilung anhand rassistischer Maßstäbe möglicherweise auch "unbewusst". Was wiederum nichts anderes bedeutet, als dass sich der Sachverhalt wissenschaftlich nicht näher prüfen lässt, denn wer hat schon Zugang zum Unbewussten? In einer tatsächlich wissenschaftlichen Analyse des hier interessierenden Problems käme Rassismus durchaus als eine Erklärung in Betracht. Nur müssten zum einen dessen konkreter Wirkmechanismus tatsächlich auch nachgewiesen und zum anderen konkurrierende Erklärungen ausgeschlossen werden. Abwegiges und PlausiblesAls hilfreich bei der Bearbeitung völlig offener wissenschaftlicher Fragen, das sei den DeZIM-Forschungsnovizen ans Herz gelegt, hat sich die Strategie erwiesen, möglichst vorurteilsfrei, breit und ergebnisoffen vorzugehen - zunächst durchaus auch unter Berücksichtigung von vielleicht abwegig erscheinenden Hypothesen. Eine solche wäre etwa, ob hier nicht auch der Glaube an Hexerei von Bedeutung sein könnte, zumal jüngst eine globale Studie ermittelte, dass Hexenglaube nicht zuletzt auch in afrikanischen Ländern immer noch erstaunlich weit verbreitet ist: je niedriger das Bildungsniveau und je geringer die ökonomische Sicherheit, desto häufiger. Zudem scheint in Afrika Hexerei im Zusammenhang mit Fussball eine ganz besondere Rolle zu spielen. Vor diesem Hintergrund könnte durchaus die Hypothese formuliert werden, dass ein Torwart fürchten muss, besonders häufig Opfer von Verhexungen zu werden, kann doch bereits ein kleiner Fehler von ihm spielentscheidend sein. Diese latente Bedrohung wiederum könnte etliche afrikanische Torhütertalente vor dieser Position zurückschrecken lassen oder auch zu entsprechenden elterlichen Verboten führen. (Anm.: Dieser Glaube ist wohl nicht auf Afrika und nicht auf Torhüter beschränkt. Dikigoros hat an anderer Stelle - gleich in der ersten Fußnote - ein Buch von Gerd Krämer empfohlen, der darin über ein Länderspiel der DFB-Auswahl gegen Italien in der Zwischenkriegszeit berichtet. Die italienischen Stürmer verzweifelten geradezu an den Fähigkeiten des deutschen Torhüters, so daß in der Halbzeitpause ihre Funktionäre bei ihm aufkreuzten und ihn mit der Begründung, sein Trikot "verhexe" die Gegenspieler, aufforderten, ein anderes anzuziehen, das sie ihm gleich mitgebracht hatten. Der Torhüter - selber abergläubisch - dachte jedoch gar nicht daran, dieser Aufforderung Folge zu leisten, sondern sagte nur "si si", packte das neue Trikot ein und schenkte es zuhause einem Kollegen :-) Deutlich plausibler erscheint ein ganz anderer Erklärungsansatz, der allerdings - bereits seit längerer Zeit und zunehmend - auf vermintem Gelände angesiedelt ist, geht es doch um direkte Vergleiche zwischen Schwarz und Weiß, bei denen es naturgemäß auch mal sein kann, dass die Schwarzen schlechter abschneiden könnten. Ausgangspunkt dieses Erklärungsansatzes ist die Frage nach den speziellen kognitiven Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere als Fußball-Torhüter. Unstrittig dürfte die überragende Bedeutung einer weit überdurchschnittlichen Reaktionsgeschwindigkeit sein. Sowohl in Bezug auf einen einfachen Reiz - z.B. Stürmer schießt unbedrängt von der Strafraumgrenze aufs Tor - als auch hinsichtlich etwas komplexerer Reizkonstellationen. Gemeint sind damit Situationen, in denen der Fokus der Aufmerksamkeit des Torhüters vergleichsweise stärker variiert bzw. ablenkenden Reizen ausgesetzt ist, etwa, wenn der Torschuss aus einer unübersichtlichen Strafraumsituation abgegeben wird. Aus neuropsychologischer Sicht reicht folglich eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit alleine nicht aus. (Anm. Dikigoros: Dieser Hinweis ist extrem wichtig. Die Reaktionsgeschwindigkeit an sich ist nämlich bei Schwarzen sogar höher als bei Weißen - weshalb sie z.B. in der Regel die besseren Boxer sind. In einer Zeit, als es noch nicht verboten war, solche Untersuchungen anzustellen, fand mal jemand heraus, daß Schimpansen "stärker" als Menschen sind - auch wenn sie kleiner und leichter sind -, weil ihre Nervenbahnen kürzer sind, d.h. sie denken nicht so lange, bevor sie zuschlagen. Das gilt halt auch für Neger, die genetisch irgendwo dazwischen stehen. [Auch dies aus einer Zeit, als es noch verboten war, darüber zu forschen: Das Erbgut von Weißen und Zwergschimpansen - "Bonobonos" - stimmt zu 98% überein, das von Negern und Bonobonos zu 99%. Mathematikern mag das wenig erscheinen; aber in der Biologie sind das Welten.] Ob ein Schimpanse allerdings darob besser Elfmeter halten könnte, sei mal dahin gestellt :-) Vielmehr sollte das kognitive Tempo auch bei bestimmten anderen, etwas komplexeren Anforderungen möglichst hoch sein. Bei dieser im Fachjargon als kognitive Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit oder mental speed bezeichneten Eigenschaft handelt es sich im Übrigen gleichzeitig auch um eine Art Grundbaustein der allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit des Menschen, deren Ausprägung sie zu etwa einem Viertel bestimmt. Eine weitere Voraussetzung für einen Spitzentorhüter ist eine besondere Fähigkeit zur Antizipation. Damit ist in diesem Zusammenhang die gedankliche und vorstellungsmäßige Vorwegnahme kommender Spielsituationen gemeint, einschließlich der Vorausahnung der Schussrichtung - nicht nur beim Elfmeter. Ein spannendes sportpsychologisches ForschungsprojektDas allerdings nur in einer Wissenschaftslandschaft umsetzbar wäre, in der politische Korrektheit und Befindlichkeit keine wesentliche Rolle spielen. Wie dem auch sei, auf jeden Fall ist es angesichts der obigen neuropsychologischen Überlegungen ausgesprochen naheliegend, die unterschiedliche Häufigkeit von schwarzen und weißen Top-Torhütern mit einer unterschiedlichen Ausprägung der für diese Position wesentlichen Aufmerksamkeitsfunktionen in Verbindung zu bringen. Welche Stichproben dabei sinnvollerweise untersucht werden sollten, sei dahingestellt, aber die erforderlichen Testungen wären rasch, unkompliziert und zuverlässig jeweils vor Ort durchführbar, einschließlich der etwas sperrigeren Messung der Antizipationsfähigkeit. Selbstverständlich könnte auf ein solches Forschungsvorhaben auch verzichtet werden, denn so wichtig ist das Problem ja nun auch wieder nicht, zumal auch hier die Wahrheit letztlich auf dem Platz liegt. Bevor aber weltweit Trainer und Scouts aller Wahrscheinlichkeit nach vorschnell und unbegründet vom öffentlich alimentierten NaDiRa als Rassisten diffamiert werden, besteht doch wohl so etwas wie eine moralische Pflicht, andere, nicht-rassistische Erklärungen für das seltenere Vorkommen von schwarzen Top-Torhütern sicher auszuschließen. Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Wolfgang Meins ist Neuropsychologe, Arzt für Psychiatrie und Neurologie, Geriater und apl. Professor für Psychiatrie. In den letzten Jahren überwiegend tätig als gerichtlicher Sachverständiger im sozial- und zivilrechtlichen Bereich. LESERPOST
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