OPERATION  MASSSENMORD

Frank Piersons preisgekrönter Spielfilm über die Wannseekonferenz

von Sven Felix Kellerhoff (Die WELT, 28.05.2004)

mit einer Nachbemerkung von N. Dikigoros

Der Kontrast hätte größer nicht sein können: Idyllisch liegt die herrschaftliche Villa am Ufer; der Blick hinaus auf den winterlichen Wannsee ist großartig am 20..Januar 1942. Doch im Wintergarten des Hauses Am Großen Wannsee 56-58 besprechen an eben diesem Dienstag insgesamt 15 Spitzenfunktionäre des Dritten Reiches jenes Vorhaben, das seither und zu Recht als schlimmstes Verbrechen der Geschichte gilt: den Massenmord an Europas Juden.

Durch schieren Zufall ist ein Originalprotokoll jener Wannseekonferenz erhalten geblieben. Heute Abend macht Vox die Sitzung vom 20. Januar 1942 zum Schwerpunktthema. Auf dem Programm stehen als TV-Premiere ein aufwendiger Fernsehfilm, gedreht zum Teil an Originalschauplätzen, und eine Dokumentation über Adolf Eichmann, den Organisator des Holocaust.

Der amerikanische Pay-TV-Sender HBO hat in Kooperation mit der britischen BBC eine anspruchsvolle Produktion gestaltet. Dem Regisseur Frank Pierson gelingt es, den schmalen Grat zwischen historischer Genauigkeit (Grundlage sind das Protokoll und spätere Aussagen von Teilnehmern) und für den Bildschirm unerlässlicher Dramatisierung zu halten.

Wichtiger ist, dass es Drehbuchautor Loring Mandel schafft, die für Historiker noch immer rätselhafte Konferenz schlüssig zu interpretieren. Denn auf der Wannseekonferenz wurde der Holocaust nicht "beschlossen" - er lief im Januar 1942 schon seit Monaten. Warum also das hochrangige Treffen? Wirklich nur, damit sich Reinhard Heydrich selbst inszenieren konnte, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes und "Kommandeur" des Massenmordes?

Mandel und Pierson verlassen hier den sicheren Boden der schriftlich überlieferten Quellen. Sie zeigen die Konferenz so, wie sie nach jüngeren Forschungen am wahrscheinlichsten ist: Heydrich nutzte das Treffen der Staatssekretäre, um seine eigene Führung im bürokratischen Geflecht des Dritten Reiches durchzusetzen. Bei der Gestaltung orientiert sich der Film an Überlieferungen über andere Tagungen; gut hinzuerfundene Szenen ergänzen den gesicherten Ablauf. Auf diese Weise kommt die Darstellung der mutmaßlichen Realität bedeutend näher als in dem deutschen Fernsehspiel "Die Wannseekonferenz", das Paul Mommertz 1984 für die ARD schrieb.

Allerdings kann auch "Conspiracy" (so der US-Originaltitel) nicht restlos überzeugen. Das liegt vor allem an der Besetzung: Zwar hat der Shakespeare-Star Kenneth Branagh für seine Darstellung des "blonden Teufels" Reinhard Heydrich 2001 einen Emmy erhalten, und Stanley Tucci wurde für die Verkörperung des Adolf Eichmann 2002 mit dem Golden Globe geehrt. Trotzdem sind beide Hauptdarsteller Schwachpunkte des Films. Branagh müht sich zwar redlich, die kulturvolle Bösartigkeit Heydrichs zu verkörpern, doch liegt er damit doch weit neben der tatsächlich auf ruhige, freundliche Art Furcht erregenden Erscheinung des nach Hitler und Himmler mächtigsten Mannes im NS-Staat. Tuccis als Eichmann ist sogar eine glatte Fehlbesetzung. Ähnliches gilt für Colin Firth (als Wilhelm Stuckart) oder Ian McNeice (als Gerhard Klopfer). Perfekt ist dagegen David Trelfall als Reichskanzleidirektor Wilhelm Kritzinger.

Das durchaus gelungene Drehbuch und die teilweise gescheiterte Besetzung machen "Die Wannseekonferenz" zu einem ambivalenten Film. Gerade bei dokumentarischen Filmen ist es wichtig, Charaktere treffend zu besetzen. Dabei kommt es nicht auf möglichst große Ähnlichkeit an, sondern auf eine vergleichbare Ausstrahlung. An den in der Regel sehr überzeugend besetzten Dokudramen von Heinrich Breloer kann man das studieren - allerdings begibt sich der mehrfache Grimme-Preisträger mit seinem aktuellen Projekt "Speer und Er" auf besonders gefährliches Terrain.

Ergänzend zur HBO-Produktion sendet Vox heute Abend eine Dokumentation von Spiegel-TV über die Jagd auf Adolf Eichmann. Der Film von Dan Setton und Daniel Paran wurde noch bis gestern für die Ausstrahlung umgeschnitten. Es bleibt abzuwarten, ob die schon vielfach in Büchern und Filmen erzählte Geschichte von der atemberaubenden Flucht des Schreibtischtäters Eichmann nach Argentinien, seine Entführung durch den israelischen Geheimdienst und seine Verurteilung zum Tod wegen millionenfachen Mordes neue Einsichten bringt.


Nachbemerkung:
Ja ja, Piefkes "neue Einsichten" zur Wannsee-Konferenz. Dikigoros kommen sie eher wie olle Kamellen vor. Wohlgemerkt nicht die von Kellerhoff - der hat vollkommen Recht mit seiner Besetzungs-Kritik -, sondern die von Pierson. Da werden märchenhaft überhöhte Zahlen von 11 bis 26 Millionen ermordeten (oder zu ermordenden?) Juden in den Raum gestellt, die jedem Shoa-Businessman nur das Herz höher schlagen lassen können - allerdings nur dem. Seriöse Historiker äußern sich auch längst nicht mehr zu der Behauptung, daß im Jahre 1947 eine "Kopie" des "einzigen, 15-seitigen Protokolls, das Eichmann angefertigt hatte", "wiedergefunden" wurde, denn das ist offenbar eine Lüge, und die Wahrheit zu sagen, nämlich daß es sich genau wie beim "Hoßbach-Protokoll" um eine Fälschung handelt, könnte sie in Teufels, pardon Gutmenschens Küche und in die Mühlen der politisch-korrekten Justiz bringen - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr. Niemand weiß, was auf jener Konferenz wirklich verhandelt wurde - aber bestimmt nicht die Sterilisation der Juden - das haben die Fälscher vielmehr aus dem Morgenthauplan abgeschrieben, der vorsah, alle Deutschen zu sterilisieren, um sie auszurotten. (Das war, bevor man sie im Kalten Krieg wieder als potentielles Kanonenfutter brauchte.) Besonders peinlich - und bezeichnend für die Oberflächlichkeit und Schlamperei, mit der dieser Märchenfilm, wie so viele andere, gedreht wurde, ist wieder mal der Umgang mit den Dienstgraden: Zum "Untersturmbannführer" und "Oberflugzeugmeister", die Dikigoros ja schon an anderer Stelle erwähnt hat, tritt hier im Abspann die Beförderung Adolf Eichmanns zum Fantasie-Dienstgrad eines "Oberststurmbannführers". Dem ist nichts hinzuzufügen.

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