1Heute liest man meist "Marchegiano"; aber das ist ganz un-italienisch. Dikigoros glaubt sich zu erinnern, daß der Name früher auch in den USA korrekt mit Doppel-"g" geschrieben wurde. Auf dem Grabstein seines Adoptivsohns Peter aus dem Jahre 2015 - die ganze Familie starb beinahe gleichaltrig jung, das ist fast schon makaber zu nennen - steht freilich nur ein "g"; es muß also irgendwann eine amtliche Namensänderung statt gefunden haben; und Dikigoros kann nicht ausschließen, daß sie schon einige Jahrzehnte zuvor erfolgte.
2Das wollt Ihr bitte nicht gering achten, liebe Leser. Dikigoros' Mutter - 1944/45 als Stabshelferin für den Regimentsnachschub zuständig (freilich "nur" im besetzten Norwegen, von wo man alle entbehrlichen Männer abgezogen hatte, um sie an die Front zu werfen) - pflegte zu sagen: "Ohne Munition, Essen und Trinken hat auch der beste Soldat in der Hauptkampflinie keinen Wert." Und er erinnert sich, wie sein Vater darauf einmal sagte: "Wir haben den Krieg nicht verloren, weil wir schlechtere Soldaten oder Waffen gehabt hätten - im Gegenteil; wir hatten die besten Soldaten, Panzer und Flugzeuge der Welt. Aber wenn die Amis jemanden einzogen, der im Zivilberuf Fuhrunternehmer war, dann haben sie ihn sofort mit temporary rank Colonel zum Leiter des Divisionsnachschubs gemacht. Bei der Wehrmacht dagegen hätte er erstmal eine Grundausbildung machen müssen und wäre dann irgendwo als Schütze Arsch verheizt worden; und den Nachschub hätte man sonstwem anvertraut, z.B. einer gelernten Kontoristin, die gut mit dem Kommandeur konnte. Irgendwelche Fressalien und Trinkwasser hätte man immer irgendwo auftreiben können; aber die Heeresgruppe Mitte ist im Sommer 1944 zusammen gebrochen, weil ihre dollen Panzer und Flugzeuge ein paar Tage nach Beginn der russischen Offensive kein Benzin mehr hatten, die Artillerie keine Granaten und die Infanteristen keine Patronen und keine Glimmstengel. Sonst hätte dem Iwan auch seine zahlenmäßige 10:1-Überlegenheit nichts genutzt."
3Muß man auch nicht. (Dikigoros darf das schreiben, denn er selber ist einen Kopf größer als Marciano und hat eine enorme Reichweite - weshalb man ihm in jungen Jahren den Spitznamen "Tarzan" verpaßte :-) Auch die beiden in ihrer Blütezeit wohl schlagstärksten Boxer des 20. Jahrhunderts, Jack Dempsey und Mike Tyson, waren "eigentlich" zu klein und zu kurzarmig; aber das half ihren Gegnern ebenso wenig wie deren "technische" Überlegenheit. Welche Boxweltmeister des 20. Jahrhunderts waren denn schon "gute Techniker"? (Dikigoros meint damit die schwergewichtigen; in den leichteren Gewichtsklassen gab es die durchaus - obwohl es auch dort nicht die Regel war.) Die meisten waren doch brutale Schläger - auch die, denen man das nicht schon fysich ansah, wie z.B. Primo Carnera oder Max Baer. Das gilt für die ganze Generation um Rocky Marciano, ebenso für die ganze Generation um Mike Tyson. Letzlich kam es nicht auf Technik an, sondern auf Kraft; und Kraft ist Masse mal Beschleunigung. Was Marciano und Tyson an Masse fehlte, machten sie durch Schnelligkeit wett. (Beim Football war er als "zu langsam" aussortiert worden, aber für den Boxring reichte es offenbar.) Und das gilt auch für die Generation in between dazwischen, die des "goldenen Boxzeitalters" um
Cassius Clay alias Muhamad Ali,
über den Marciano mal in einem Interview mehr oder weniger verächtlich sagte, den halte er so lange nicht für einen guten Boxer, wie er nicht gesehen hätte, daß der auch mal ein paar richtig harte Treffer einstecken könne - der weiche ja immer nur aus und liefe weg... Er tat ihm Unrecht, und dennoch - oder gerade deshalb - ist das ein Musterbeispiel für das, was Dikigoros eben geschrieben hat: Als Cassius Clay noch jung und leicht war, kompensierte er das durch Schnelligkeit. Später, als er während seiner Zwangspause schwer und unbeweglich geworden war, konnte Muhamad Ali auch die härtesten Prügel einstecken - sei es von Joe Frazier, George Foreman und/oder Ken Norton - und ebenso hart zurück schlagen. Aber da war Marciano leider schon tot - Dikigoros hätte zu gerne noch seine Meinung über diesen grundlegenden Paradigma-Wechsel erfahren.
4Manche meinen, daß LaStarza - der bis dahin ungeschlagen war - sogar den Punktsieg verdient gehabt hätte, da Marciano an jenem Abend ungewöhnlich schwach geboxt habe. Dikigoros kann das nicht beurteilen, denn Aufnahmen von jenem Kampf scheint es nicht (mehr?) zu geben. Aber er kennt den - angeblichen - Grund: Marciano hatte im vorauf gegangenden Kampf einen gewissen
Carmine Vingo
so schwer k.o. geschlagen, daß der sich im Krankenhaus wieder fand und dem Tod nur knapp von der Schippe sprang. Das soll Marciano innerlich so belastet haben, daß er ihn jeden Tag im Krankenhaus besuchte, jede Nacht für ihn betete, jeden Monat seine Arztrechnung bezahlte... bla bla bla. Was Dikigoros an dieser rührseligen rührenden Geschichte stört? Im Prinzip nichts, nur... daß er sie so ähnlich schon einmal gehört oder gelesen hat, nämlich als Primo Carnera - noch bevor er Weltmeister wurde - einen seiner Gegner im Ring krankenhausreif schlug (im Gegensatz zu Vingo erlag der später seinen Verletzungen), was ihn innerlich so belastet haben soll, daß er... usw. Vielleicht hat da jemand einen alten Zeitungsartikel gefunden und bloß abgeschrieben, unter Auswechslung der Namen?!?
5Marciano behauptete später, dieser Kampf sei sein psychologisch schwerster gewesen, da er Hemmungen gehabt habe, einen "alten Mann" zusammen zu schlagen. (Im Kampf bemerkte man freilich von diesen "Hemmungen" nichts, auch wenn der Bearbeiter der deutschsprachigen
Wikipedia-Seite
schreibt, es sei "offensichtlich" gewesen, daß Marciano "sein ehemaliges Vorbild schonte" - aber der muß wohl ein anderes Match gesehen haben :-) Böse Zungen lästerten unter Bezugnahme auf diese Aussage, Marciano sei bloß deshalb ungeschlagen geblieben, weil er immer nur gegen "alte Männer" geboxt habe. Aber das ist schon in der Sache falsch, und selbst wenn es wahr wäre, dann würde es nicht viel besagen: Fast alle Weltmeister der Boxgeschichte wurden das gegen z.T. deutlich ältere Titelverteidiger. Marciano ging auch schon auf die 30 zu und war nur 9 Jahre jünger als Louis, der selber anno 1936 dem 9 Jahre älteren
Max Schmeling unterlegen war. Der Hauptgrund war ein ganz anderer.
Darf Dikigoros etwas weiter ausholen? Er spielte in jungen Jahren Schach - auch turniermäßig -, und zwar überdurchschnittlich gut, wenngleich nicht überragend. Er verfolgt noch heute auf einschlägigen Webseiten aktuelle "Spitzenpartien" und ist ziemlich sicher, daß er mit der Spielstärke, die er als 20-jähriger besaß, gegen die heutigen "Großmeister", einschließlich des norwegischen Figurenschiebers, der sich "Weltmeister" nennen darf, kaum ein Remis abgeben würde. (Vergeßt die hohen ELO-Zahlen - die sagen doch nur etwas über die relative Spielstärke aus, und unter Einäugigen ist der Blinde König!) Woran liegt das? Ganz einfach: Intelligente, begabte Menschen wollen keine Schach-Profis mehr werden. Warum? 1. weil sie wissen, daß Menschen immer schlechter spielen werden als selbst die billigsten Schachprogramme. (Die "Cracks" leben in ständiger Angst, von ihren Gegnern mit Hilfe eines Computers "betrogen" zu werden :-) 2. weil sie wissen, daß es finanziell nicht mehr genügend abwirft.
In den 1970er Jahren, nach Bobby Fischers WM-Sieg, wurde Schach in den USA zu einer der populärsten Sportarten überhaupt. Man konnte so gut wie jedes Wochenede an irgend einem USCF-Turnier teilnehmen, bei dem selbst mittelmäßige Spieler mit etwas Glück immer ein paar US-$ gewinnen konnten, denn diese Turniere wurden in Rating-Gruppen ausgetragen, mit Auf- und Absteigern wie heute in den Fußball-Ligen. Es gab "Künstler", die bei einem Turnier absichtlich alle Partien verloren, um in eine tiefere Gruppe abzusteigen, wo sie dann beim nächsten Turnier alle Partien - und das Preisgeld, das es nicht nur für Gruppensieger, sondern auch für Zweit- und Drittplazierte gab - gewannen, wieder aufstiegen usw. Davon ist nichts mehr geblieben.
Im Boxsport der 1930er Jahre war es ganz ähnlich wie im Schach der 1970er Jahre: Selbst ein mittelmäßiger Schläger "Fighter" konnte in irgend einem Provinzkaff oder in irgend einem Vorkampf relativ gutes Geld verdienen. (Es herrschte Wirtschaftskrise, d.h. besser bezahlte "normale" Jobs waren, zumal für ungelernte Arbeiter, rar; und die, die es gab - z.B. Bauarbeiter auf Brücken und Wolkenkratzern -, waren nicht weniger gefährlich für Leben und Gesundheit als eine Schlägerei Ringschlacht vor zahlendem Publikum.) Aber dann kam der Krieg. Gewiß, die Profis durften weiter boxen; aber sie wurden mit mehr oder weniger Nachdruck gezwungen genötigt überredet, ihre Kampfbörsen der "guten Sache", d.h. dem Militär zu "spenden" - wenn sie nicht eingezogen und an die Front geschickt werden wollten. (Einige waren schon eingezogen worden, hatten aber bequeme "Druckposten" zuhause.) Nach dem Krieg bekamen sie dann Post vom Finanzamt, wonach diese Spenden nicht "gemeinnützig", somit nicht von der Steuer absetzbar, sondern nachzuversteuern seien - selbstverständlich nebst saftiger Verzugszinsen. (So wurde z.B. ein Joe Louis in den finanziellen Ruin getrieben und zu seinem de facto aussichtslosen Comeback-Versuch gezwungen: Der Fiskus bekam seine Börsen, er selber die Prügel. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan, oder, wie es die Ulknudel Ingrid Steeger mal in Klimbim noch treffender ausdrückte: "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan; der Mohr kann kaum noch gehen!" :-) Unter diesen Umständen wollte kein halbwegs gescheiter Mensch mehr Profi-Boxer werden. Es blieben praktisch nur "alte Männer" - überwiegend dunkler Hautfarbe - übrig, die dann auch nach 1945 weiter machten. (Und sie waren durchaus nicht alle schlecht; Dikigoros hätte sich auch als 20-jähriger nicht mit einem 40-jährigen Joe Walcott oder Archie Moore schlagen wollen - geschweige denn mit einem 40-jährigen Sonny Liston oder George Foreman.) Fazit: Marciano war vielleicht kein überragender Boxer, sondern verdankte seine Karriere günstigen äußeren Umständen; aber mit seinem Alter - oder dem seiner Gegner - hatte das nicht annähernd so viel zu tun wie oft behauptet.
6Böse Zungen haben behauptet, J.J.W. sei "gar nicht richtig getroffen worden" und wohl absichtlich zu Boden gegangen; manche unterstellen ihm gar, er habe den Kampf verkauft. (Was ja durchaus vorkam im US-Boxsport; in der Regel wurde - ganz legal - vereinbart, daß der Titelverteidiger im Falle einer Niederlage 10% der künftigen Einnahmen des Siegers erhielt.) Aber wer den Kampf gesehen hat - Dikigoros hat ihn oben verlinkt - erkennt sofort, daß das bloße Verleumdung ist: J.J.W. wurde durchaus getroffen, und zwar nicht nur von einem Schlag, sondern gleich von einer ganzen Serie. Er war auch noch ganz klar - mindestens so klar wie einst Gene Tunney nach seinem Niederschlag im Rückkampf gegen Jack Dempsey - und versuchte lediglich, die 10 Sekunden des Angezähltwerdens voll auszuschöpfen. Der Ringrichter erklärte ihn jedoch, als er bei "10" wieder stand, für "ausgeknockt". J.J.W. protestierte nicht - das war nicht seine Art, auch nicht, als er einige Jahre zuvor im WM-Kampf gegen Joe Louis eindeutig um den Sieg betrogen worden war. Und die Chance, den Kampf zu "verkaufen" hatte er im Hinkampf verpaßt, als er viel zu fest mit seinem eigenen Sieg rechnete: Ein alternder Champion kann seinen Titel "verkaufen", aber der Herausforderer nicht. J.J.W. hatte das auch gar nicht nötig, denn im Gegensatz zu anderen Boxern seiner Generation - und vor allem seiner Hautfarbe - konnte er sich nicht nur im Ring herum prügeln: Er wurde Ringrichter und Schauspieler, später noch hauptamtlicher Sheriff und Sportfunktionär, mußte also nicht am Hungertuch nagen, verdiente vielleicht sogar mehr als ein Boxer, der sich von zwielichtigen Managern ausnehmen ließ. Übrigens ist sein Alter durchaus fraglich. Offiziell war er 1913 - nach anderen Quellen: Anfang 1914 - geboren; aber er wirkte erheblich älter. Verräterisch seine Antwort auf die Frage in dem Film
"The harder they fall"
(dts: "Schmutziger Lorbeer") von 1956, in dem er den Sparringspartner eines Titelanwärters spielt, auf die Frage des Presse-Agenten: "Wie alt bist du?" nicht etwa mit "Ich bin 43", sondern "Ich bin 53" - und so sah er auch aus.
Nachtrag: Ein Leser hat hat Dikigoros gemailt, daß der vorgenannte Film - und nicht der Rücktritt Marcianos im selben Jahr - wohl der Grund gewesen sei, weshalb der Boxsport in den USA für fast ein Jahrzehnt in der Gunst des Publikums absackte. Schließlich habe er den Zuschauern schonungslos die Augen geöffnet über die schmutzigen Praktiken jenes Geschäfts.
[...]
7Zwei Anmerkungen in einer Fußnote:
- Es könnte noch einen anderen, auf den ersten Blick viel triftigeren Grund gegeben haben, weshalb Marciano seine Karriere beendete: Er hatte heraus gefunden, daß der Jude Weill ihn allein bei seinem vorletzten Kampf um 10.000 US-$ (nach heutiger Kauf
schwächekraft ca. 400.000 US-$) betrogen hatte. Er kündigte ihm daraufhin die Zusammenarbeit und erklärte, nie wieder einen Kampf "für ihn" austragen zu wollen. Aber auf den zweiten Blick ist das kein zwingender Grund: Ein Nachwuchsboxer mag einen gerissenen Manager brauchen, um den Einstieg ins große Geschäft zu finden; aber wer Weltmeister ist, benötigt solche Hilfe nicht mehr. Ausschlaggebend dürften tatsächlich sportliche und/oder gesundheitliche Erwägungen gewesen sein.
Es war Marciano, nicht Moore, der auf den Rückkampf verzichtete. Letzterer trat vielmehr im Kampf um den durch den Rücktritt vakant gewordenen Titel noch einmal an,
scheiterte jedoch
an Floyd Patterson, der nicht mal halb so alt war wie er selber.
Marciano hatte bereits die für November 1953 in Miami angesetzte Titelverteidigung gegen Nino Valdes "sausen lassen" und lieber die Vertragsstrafe gezahlt.

- Als Marcianos WM-Nachfolger Patterson 1959 von Ingemar Johansson völlig überraschend (er war 5:1-Favorit)
k.o. geschlagen
wurde, juckte es Marciano nach eigenem Bekunden noch einmal in den Fingern, gegen den - 9 Jahre jüngeren - Schweden ein Comeback zu versuchen; aber am Ende siegte die Vernunft, und er lehnte das - durchaus lukrative - Angebot, gegen "Thors Hammer" anzutreten, ab.

weiter zu
Cassius Clay [Muhammad Ali]
zurück zu
Sportler des 20. Jahrhunderts
heim zu
Von der Wiege bis zur Bahre
|