Exkurs: Warum Bayern nicht
am Schwarzen Meer liegt

DITZ PUOCH VON CHAUTRUN
(DAS BUCH VON KUDRUN)

[Illustration zur Gudrunsage]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN, DIE GESCHICHTE[N] MACHTEN

Im Fahrwasser von Heinz Ritter-Schaumburgs "Die Nibelungen zogen nordwärts", der mit Hilfe der Thidrekssaga die Burgunder des Nibelungenliedes als Eiffelbauern vom Neffelbach entlarvte, die nicht an den Hof des Hunnen-Königs Attila nach Ungarn zogen, sondern an den Hof des Friesen-Fürsten Atala im westfälischen Soest, haben viele andere Hobbyforscher versucht, auch ihr Süppchen zu kochen, mal recht einfallslos, mal mit reichlich Fantasie. Viel Brauchbares ist dabei nicht heraus gekommen, wenn Ihr Dikigoros fragt; und er will das an einem besonders markanten Beispiel aufzeigen, weil es eine besonders interessante Sage betrifft und eine These, die - wenn sie denn zuträfe - besonders folgenreich wäre, jedenfalls für ein Volk: die Bayern. Ein Goldschmied namens Sinz kam 1984 auf die Idee, die Gudrunsage mit ähnlichen Methoden zu untersuchen wie Ritter-Schaumburg das Nibelungenlied; und als Hilfsmittel zog er statt der Thidrekssaga den "Dukus Horant" heran, und der Herbig-Verlag - der auch Ritter-Schaumburg veröffentlichte - machte daraus ein Buch mit dem plakativen Titel "Gudrun kam vom Schwarzen Meer". (Ihr kennt doch alle die Gudrunsage, nicht wahr, liebe Leser? Wenn nicht, könnt - und solltet - Ihr den Inhalt hier nachlesen, und den Dukus Horant (oder Duchus Hâurânt) - den Ihr nicht unbedingt kennen müßt, es sei denn, Ihr wäret jüdischen Glaubens - hier.)

Worum geht es? Nun, Sinz stellt zunächst einmal fest, daß die Gudrunsage nur in einem Exemplar überliefert ist, nämlich in der "Ambraser Handschrift", einer Abschrift aus dem nicht erhaltenen "Heldenbuch von der Etsch", also aus Südtirol - das damals noch zu Bayern gehörte. (Da das Wissen darum, daß Südtirol einst zu Deutschland gehörte, welches dadurch bis an die Etsch reichte, wegen der heute verpönten 1. Strofe des "Deutschlandliedes" tabu ist, spricht man jetzt vielfach ungenau vom "Ambraser Heldenbuch", d.h. man tut so, als sei beides das selbe.) Was beweist das? Richtig - gar nichts! Aber Sinz hangelt sich von Schlußfolgerung zu Schlußfolgerung, und er beginnt damit, daß die Sage - historisch, nicht literarisch gesehen - nicht an der Nord- oder Ostsee spielt, wie meist angenommen wird. Da kann ihm Dikigoros ohne weiteres folgen. Aber an welchem Meer spielten die der Sage zugrunde liegenden Ereignisse - wenn sie denn historisch waren - dann? Sinz meint, am Schwarzen Meer: "Svithiod" habe nichts mit Schweden zu tun, sondern bezeichne das "Sonnenland" zwischen Wolga und Don; Hartmuots Reich, die "Ormanie", liege nicht in der Normandie, sondern zwischen dem Golf von Burgas und der Dobrudscha, die Insel Wülpensand nicht vor der Schelde-, sondern vor der Donau-Mündung usw. Sinz führt dafür einige gute (und einige weniger gute) Argumente an, sucht und findet auch brav die in der Sage genannten Völkernamen in denen diverser Kaukasus- und Steppen-Stämme wieder, z.B. die Kinder entführenden "Greifen" in den Grusiniern (so nennt Sinz die Sakartweler, das ist auch nicht falscher als "Georgier" :-), die "Iren" in den "Osseten" (so nennt Sinz das Volk, dem Stalins Mutter angehörte - richtig wäre "Ossen") und die "Da[e]nen" in den Dakern. Auch da mag er vielleicht noch richtig liegen. Aber vielleicht auch nicht - seine Beweisführung hat bei weitem nicht die Schlüssigkeit eines Ritter-Schaumburg. Schaut Euch nur mal eine Karte des Golfs von Burgas nebst Hinterland an - glaubt Ihr wirklich, daß sich hinter dem heutigen Rusokastro Hartmuts Burg am Meeresstrand verbirgt? Da müßte das gleichnamige Flüßchen aber schon verdammt viel Geröll aufgeschüttet haben in den letzten paar Jahrhunderten, um die Küste so weit gen Osten ins Schwarze Meer vorzuschieben!

Nun, das mag alles dahin stehen; aber jetzt geht es ans Eingemachte: Sinz erklärt die Kudrunsage kurzerhand zum "bayrischen Nationalepos" und versucht zu beweisen, daß sie, nachdem sich die "Hegelinge" in Langobarden und Bajuwaren geteilt haben, mit den letzteren vom Schwarzen Meer ins heutige Bayern gewandert sei, immer entlang der "Tabula Peutingeriana".

[tabula peutingeriana]

Das ist ja alles ganz nett, und Dikigoros will gar nicht bestreiten, daß die dänischen Wikinger bis zum Schwarzen Meer vorgestoßen sind - darüber schreibt er ja selber in einem anderen Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" -, daß schon der Pfaffe Lamprecht in seinem Alexanderlied den Kampf zwischen Hagen und Wate auf Wülpensand, der "Wolfsinsel", erwähnt und daß es sowohl in Snorri Sturlusons "Heimskringla" als auch im "Dukus Horant" Episoden gibt, die denen der Kudrunsage ähneln. Aber unter uns, liebe Leser, was ist daran so einmalig? Im Grunde genommen wiederholt sich doch immer wieder das gleiche Spiel: Ein starker Held hat eine schöne Tochter, die er nicht verheiraten will; eines Tages kommt ein anderer Held, der noch stärker ist als der Vater und sie ihm weg schnappt; der hat mit ihr wiederum eine Tochter, die noch schöner ist als die Mutter, die er nicht verheiraten will usw. So etwas dürfte es bei allen Völkern zu allen Zeiten gegeben haben; und eigentlich muß man sich nur wundern, daß jemand aus solchen Banalitäten ein derart langes Epos zusammen gestrickt hat. Aber was gibt diese Sage her für den Zug eines Volksstammes vom Schwarzen Meer an die Isar? Wenn man es genau nimmt, gar nichts. Aber halt, einen Beleg hat Sinz doch gefunden für seine These: Bei den Tscherkessen, die ja auch irgendwo da unten lebten, soll es den Brauch des "Fensterlns" gegeben haben - wie bei den Bayern. So so. Aber das, liebe Leser, ist Dikigoros denn doch etwas zu dünn.

[Kraft von Toggenburg fensterlt] [Christian von Hameln mags bequemer]

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