Dumme Rom-Besucher am Tiber

Bildungslücken international

Katja Gerhartz (FOCUS Online, 26.11.2004)

Anmerkungen und Links: Nikolas Dikigoros

Rom ist das Pisa der Erwachsenen: Die Reiseführer der Ewigen Stadt schütteln manchmal nur den Kopf über das, was ihre internationale Klientel nicht weiß.

"Hat Moses für die Moses-Statue von Michelangelo Modell gestanden?" Gehetzter Blick, schnell noch ein Foto der berühmten Skulptur in der Basilika San Pietro in Vincoli - und fort war der eilige Tourist aus Übersee. Auf den Schreck dieser Frage hin musste sich selbst ein hart gesottener Rom-Reiseführer wie Marco Colzi erst einmal setzen.

Nach 15 Jahren Berufserfahrung hat der Repräsentant des Nationalen Reiseführer-Verbands mittlerweile eine ganz persönliche Länderrangliste, was dümmliche Fragen und kluge Kommentare betrifft. Zu den Klassenbesten unter den Rom-Reisenden kürt Colzi Deutsche und Franzosen - die Goldmedaille in der Kategorie absurder Anmerkungen verleiht er hingegen den Australiern.

Ignorante Rom-Besucher

"Mit Ausnahme der Europäer sind eigentlich alle Touristen komplett unvorbereitet", sagt der langjährige Touristenführer. Das liege insbesondere daran, dass die meisten der Globetrotter aus Übersee und Fernost höchstens 48 Stunden in der Ewigen Stadt blieben. Sie würden, wie auch die Kollegen Colzis bestätigen, sämtliche Daten und Fakten durcheinander bringen, in Rom nach dem Grab Christi suchen und sich am Ausgang der Sixtinischen Kapelle ("Sixteen Chapel") enttäuscht fragen, wo nun eigentlich die anderen 15 Kapellen geblieben seien.

Am meisten jedoch hat den Romexperten bislang der Kommentar eines Südamerikaners aus der Fassung gebracht: Mit den Worten "Den Petersdom habe ich schon gesehen. Ich gehe noch eben schnell am Schiefen Turm von Pisa vorbei und treffe euch nachher wieder", habe sich der Tourist von seinen Freunden - und einem ungläubigen Colzi - verabschiedet. "Dieser Mann hat dem Fass den Boden ausgeschlagen. So viel Unwissenheit ist doch fast schon ein Delikt", schimpft er rückblickend.

Während Colzi an Australier, aber auch US- und Südamerikaner die schlechtesten Wissens-Zensuren verteilt, zeigt er sich beeindruckt von den oft überdurchschnittlich guten Kenntnissen der europäischen Touristen. Weltmeister in punkto gründlicher Reisevorbereitung seien ganz klar die Deutschen und ihre französischen Nachbarn. "Die beiden Nationen sind eben traditionell mehr an Kultur interessiert", erklärt sich Colzi ihr gutes Abschneiden. Zudem würden sie im Durchschnitt mindestens vier Tage lang bleiben - Zeit genug, um Michelangelo und Mussolini, Kolosseum und Kapitol, Romanik und Romantik unterscheiden zu lernen. (Anm. Dikigoros: Wetten, daß der gute Colzi einer australischen Reporterin genau das Gegenteil erzählt hätte? :-)

Deutsche Besucher gut informiert

Allerdings wundert er sich über die ehrliche Besorgnis der deutschen Rom-Touristen über das rege Verkehrstreiben in der Ewigen Stadt: "Immer wieder fragen sie mich aufgeregt, wie wir das eigentlich schaffen, hier in diesem Chaos zu leben", sagt der gebürtige Florentiner und lacht. Zudem fällt ihm auf, wie magisch die Deutschen das imperiale Rom anziehe. Kein Wunder: Die "Tedeschi" hätten eben ein ganz besonderes Verhältnis zu allem Überdimensionalem, erklärt er sich kurzerhand ihre Begeisterung.

Auch wenn sie Colzi und seinen Kollegen mitunter auf die Nerven gehen: Die Touristen sind für die Ewige Stadt die mit Abstand lukrativste Einnahmequelle. Allein im August dieses Jahres bevölkerte mehr als eine Million Touristen die römischen Hotels. Knapp die Hälfte von ihnen reiste aus Europa an, rund 200.000 kamen aus den USA und gut 100.000 aus Fernost. Nach den USA, Großbritannien und Japan stellte Deutschland die meisten Romreisenden - und wie es scheint die cleversten noch dazu.


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