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Vor vielen Jahren lebte in dem kleinen Wäldchen Kundava die Hexe Braxa. Sie war auf ihren langen Wanderungen dort hängen geblieben, weil ihr das Wäldchen so gefiel und sie auch in dem Ort in der Nähe des Wäldchens, dem Dorf Marama, wohlgelitten war. Immer, wenn sie ins Dorf ging, traf sie jemanden, mit dem sie ein kleines Schwätzchen halten konnte, die Kinder begrüssten sie fröhlich und jedermann hörte gern auf ihren Rat, denn Braxa galt als sehr weise. Sie wusste, dass es den meisten ihrer Hexenkolleginnen anders ergangen ist und dass diese nicht sehr gern unter den Menschen gesehen wurden, daher schätze sie sich sehr glücklich, dass sie einen Ort gefunden hatte, an dem sie sich wohl fühlte.
Jeden Morgen, gleich nach dem Aufstehen, ging sie vor ihre kleine Hütte und begrüsste den Tag. Und der Tag dankte es ihr, in dem er ihr mit einigen Sonnenstrahlen über das Gesicht strich. Und ein Tag, der so beginnt, kann eigentlich nur schön werden.
Eines Morgens trat Braxa wie gewohnt vor das Haus um den Tag zu begrüssen. Aber was war das? Nicht ein Sonnenstrahl war zu sehen! "Na gut", dachte Braxa sich, "hat der Tag wohl mal einen schlechten Tag erwischt oder vielleicht schlecht geträumt." Sie liess sich aber nicht beirren und begrüsste den Tag dennoch so freundlich wie sie es immer tat. Kurz darauf machte sie sich auf den Weg in das Dorf Maramar. Sie wollte die Dorfbewohner zu einem kleinen Fest einladen und ihr fehlte noch dies und das, damit es ihnen an leiblichem Wohl nicht mangelte. Trotz des düsteren Tages ging sie mit einem Lächeln im Gesicht in das Dorf. Aber nicht lange, und sie spürte selber, wie ihr Lächeln immer zaghafter wurde. Jeder, mit dem sie ein kleines Schwätzchen halten wollte, murmelte hastig "keine Zeit" und eilte von dannen. Die Kinder schlichen bedrückt an ihr vorbei ohne sie eines Blickes zu würdigen. Braxa war sehr erschrocken. Die Bäckersfrau, die sonst immer Zeit hat, sich mit ihr über Gott und die Welt zu unterhalten, hastete hinter ihrer Theke hin und her und hob kaum den Blick. Braxa, die sich sonst immer sehr gut mit ihr verstanden hatte, fragte sie ganz erstaunt: "Was ist hier denn los? Was ist mit Euch?" Aber alles, was sie an Antwort bekam, war ein trauriger Blick und eisernes Schweigen. Traurig ging Braxa in ihren Wald zurück, der ihr mit einem Mal sehr kalt und düster vor kam. "Was mag da nur passiert sein?" fragte sie sich immer wieder.
In ihrer Hütte angekommen, machte sie sich erstmal einen kräftigen Tee und versuchte dann aus dem Teesatz zu lesen, ob es da irgendeine Erklärung gab. Aber anders als sonst, verbarg der Teesatz dieses Mal sein Geheimnis vor ihr. Nachdenklich kratze Braxa sich am Kopf. "Verdammt, es muss doch eine Möglichkeit geben, herauszufinden, was da passiert ist!" murmelte sie und stapfte in ihrer Hütte hin und her. Plötzlich klopfte es an der Tür. Erstaunt öffnete sie die Tür und sah einen kleinen Raben. "Hopla, wer bist du denn?" fragte sie ihn. "Ich bin der Bote der Hexenkönigin und sie braucht Deine Hilfe!" krächzte der Rabe. "Nanu, was kann ich denn schon für die Hexenkönigin tun?" Erstaunt hob sie die Augenbrauen. Niemand, den sie kannte, hatte die Hexenkönigin bisher zu Gesicht bekommen, so zurück gezogen lebte sie, aber ihre Macht war legendär. "Es geht um die Träume!" krächzte der Rabe weiter. "Um was für Träume?" erwiderte Braxa. Und so erklärte ihr der Rabe, dass der böse Zauberer Mugor mit einer List die Träume der Hexenkönigin gefangen halte und dass ohne diese Träume auch kein Mensch mehr träumen könnte. Die Menschen wären deshalb schon sehr schlecht gelaunt und überall würde sich Unfrieden verbreiten. "Aber was kann ich da tun," fragte Braxa, "ich bin doch nur eine kleine Hexe mit nur wenig Erfahrung. Alles, was ich kann, ist Heiltees herstellen." "Nein" krächzte der Rabe, "Tees werden da wohl nicht helfen. Aber wir haben gehört, dass Du sehr klug sein sollst und Deine Klugheit zum Wohle der Menschen einsetzt." "Ich weiss nicht," antwortete Braxa, "ich weiss ja nicht mal, wer Mugor ist und wo er wohnt."
"Ach, wenn's weiter nichts ist," krächzte der Rabe, "da kann Dir geholfen werden. Ich zeige Dir, wo er lebt!" Braxa packte schnell ein paar Sachen zusammen und folgte dem Raben, so schnell sie konnte. Sie verliessen das kleine Wäldchen, durchquerten einige Dörfer, in denen die Menschen ähnlich bedrückt aussahen wie in ihrem eigenen Dorf, und kamen schliesslich an einen grossen, düsteren Wald. Braxa war es unheimlich zumute. "Hier muss ich Dich nun verlassen" krächzte der Rabe, "ich muss zurück zur Hexenkönigin, aber es ist nicht mehr weit!" Braxa dankte dem Raben und ging vorsichtig in den Wald. Schnell entdeckte sie einen kleinen Weg und beschloss, ihm zu folgen. Nach einer Zeit entdeckte sie eine kleine Lichtung, auf der eine alte, fast verfallene Hütte stand. Und vor der Hütte sass auf einer Bank ein alter Mann mit geschlossenen Augen und lächelte ohne erkennbaren Grund. Vorsichtig näherte Braxa sich ihm, aber er schien gar nichts um ihn herum zu bemerken. "Entschuldigung", sagte Braxa leise, "ich suche den Zauberer Mugor." Der alte Mann schien sie nicht zu hören. Aufmerksam musterte Braxa sein Gesicht. Ganz friedlich sah es aus und es tat ihr beinahe leid, ihn stören zu müssen, aber sie war sich bewusst, wie dringlich ihre Aufgabe war. Vernehmlich räusperte sie sich und fragte noch einmal, etwas lauter: "Kannst du mir sagen, wo ich den Zauberer Mugor finde?" Immer noch lächelnd öffnete der alte Mann langsam die Augen. "Du hast ihn gefunden" sagte er endlich. Braxa sah ihn erstaunt an. Das sollte der böse Zauberer sein? Er sah gar nicht so böse aus. "Hast Du schon mal geträumt?" fragte er sie plötzlich. "I-i-ich...?" stotterte Braxa. "Träume sind etwas herrliches!" sagte der Mugor, "ich habe noch nie geträumt, aber jetzt! Und alles ist so wunderschön!" "Stimmt", antwortete Braxa, "Träume sind etwas herrliches. Sie lassen einen Dinge erleben, die man sonst nie erleben würde, Gefühle fühlen, die man sonst nicht fühlt und Welten sehen, die man noch nie gesehen hat." "Ja!" rief Mugor begeistert, "ist das nicht fantastisch? Ich möchte am liebsten nie wieder damit aufhören!"
"Die Hexenkönigin würde das sicher auch gern sagen können," erwiderte Braxa trocken. "Ach die Hexenkönigin!" verächtlich sah Mugor sie an. "Die hat ihr Leben lang träumen können, so viel, dass es für zwei Leben reicht!" "Aber wenn die Hexenkönigin nicht träumt, dann können es die Menschen auch nicht!" sagte Braxa. "Papperlapapp" antwortete Mugor, "was hat die Hexenkönigin mit den Menschen zu schaffen?" "Oh, eine Menge! In ihren Träumen schickt die Hexenkönigin die Träume zu den Menschen. Und Menschen brauchen die Träume, sonst werden sie krank." "Na und? Was interessiert es mich, was mit den Menschen ist! Sie haben mich noch nie leiden können." "Das lag daran, dass Du nie geträumt hast und immer schlechte Laune hattest" behauptete Braxa. "Und nun geht es den Menschen so wie es dir ergangen ist." Nachdenklich sah Mugor sie an. "Meinst du wirklich?" Da erzählte Braxa ihm, wie es ihr immer in ihrem Dorf ergangen war und wie die Menschen sich dort verändert haben. Der Zauberer, den die Träume weicher als vorher gemacht hatten, sah sie bedrückt an. "Das wusste ich nicht," sprach er leise, "aber ich will auf das Träumen auch nicht mehr verzichten!" Braxa überlegte. "Was hältst Du davon, wenn ich meine Träume mit dir teile und du der Hexenkönigin ihre Träume zurück gibst? So hätten alle ihre Träume wieder und den Menschen würde es wieder viel besser gehen." "Hmm" sagte Mugor, "klingt ganz gut," und nickte ihr zu. Zusammen gingen sie in die Hütte und brauten einen Zaubertrank, der die Träume wieder in das Reich der Hexenkönigin schicken sollte. Braxa teilte ihre Träume, wie versprochen mit dem Zauberer und macht sich dann wieder auf den Weg zurück in ihr kleines Wäldchen.
Überall, wo sie Menschen begegnete, lächelten diese ihr fröhlich zu und sogar der Tag schickte ein paar Sonnenstrahlen, die ihr munter über das Gesicht strichen.
Britta Gless
Quelle und mehr von der Hexe Braxa:
http://www.braxa.de
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