Gedichte um Geheimnisvolles, Gefühle und Momente des Lebens


Suchst Du den Weg ins Feenreich?
Ganz einfach. Gib gut acht: Du wartest, bis der gelbe Mond schwebt überm Wasser in der Nacht. Er baut Dir einen lichten Pfad Funkelnd, wie er's oft gemacht. Und wenn dann nicht aus Bosheit nur Dich hindert eine böse Macht Und Du den rechten Spruch auch kennst. Und sprichst die Zauberworte sacht, Trägt Fallschirm dich des Löwenzahns So wie ein Schiffchen wohlbedacht. Du segelst auf des Mondes Spur, Bis dir das Feenreich dann lacht.                                  
Thomas Haynes Bayly












Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten
daß sie nicht an deine rührt?
Wie soll ich sie hinheben über dich zu anderen Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas Verlorenen im Dunkel unterbringen
an einer fremden dunklen Stelle, die nicht weiterschwingt wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied!

                                 
Rilke



























Warten


Es ist nicht
der Rosenduft im Sommergarten,
welcher so lieblich die Sinne betört,
auch nicht der junge Rebensaft,
den uns Bacchus im Oktober reicht;
es ist nicht der lange Winter,
der gern mit eisiger Strenge schreckt.
Der Frühling ist's,
auf den wir sehnsüchtig warten,
der uns zu guten Vorsätzen bekehrt
und aus Stubenhockern Spaziergänger macht.
Wenn über graue Tristes ein linder Hauch streicht,
bewegt sich das langsamste Gerippe flinker.
Der Frühling ist's, der die Lebensgeister weckt!

                       
Karin Kraufmann






















   



Ja ich sehne mich nach dir

... Ja ich sehne mich nach dir.
Ich gleite mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.
... jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.
Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewußten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.

Rilke


Das Licht am Ende des Tunnels


Das Licht am Ende des Tunnels.-
Ob es 
das flackernde Licht 
der Hölle,
oder
das klare Licht
des Himmels ist,
weiß man erst,
wenn der Tunnel
zuende ist.-

Aus " Im Traum noch das singen der Räder " von
Henry Mesek




Frühlingszug


Frühlingszug im Erwachen,
Fahrt durch knospengrünes Land,
Morgentau auf träumenden Feldern
über allem schwebt ganz zart
ein erwartungsfrohes, blaues Himmelsband.-

Sommerzug im Erfahren,
Reise durch heißflimmernde Luft,
buntes frohes Treiben, volles Leben
in den Gassen in den Straßen,
süßer, schwerer, fast betäubender Duft.-

Herbstzug im Erntedank,
windschnelle Jagd im bunten Blätterreigen,
Bilder werden eingesammelt
bei der Fahrt entlang der Bahn,
bald wird sich das Ziel der Reise zeigen.

Winterzug im Bewerten,
leises rollen, schneeverwirbelte Nacht,
leerer ist der Zug geworden,
im erinnern die Stationen,
an mancher wurde geweint, an anderer gelacht.-

Aus " Im Traum noch das singen der Räder " von Henry Mesek

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