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2.4 Königinmutter

Von der ersten Minute seiner Regierung an bemühte sich Richard darum, die Mittel für den Kreuzzug mit Philipp August von Frankreich aufzutreiben. Auch wenn Eleonore Richard nicht offiziell in England vertrat, so indizieren ihre vielen Fahrten durch England doch eine intensive Betätigung der nun über 65-jährigen für ihren Sohn[1].  Sie tritt ab nun in der Politik in Erscheinung, wenn sie gebraucht wird, und zieht sich dann wieder zurück. Auch in den Chroniken finden sich jetzt wieder mehr Erwähnungen Eleonores und „es wird einen Aussagewert haben, daß keiner der Chronisten ihr,... (die nun so häufig in Erscheinung tritt) ..., Ehrgeiz oder Machtbesessenheit vorwirft“[2].
    Bevor Richard 1190 zu seinem Kreuzzug aufbrach wurde in Nonancourt eine Familienkonferenz einberufen, in der beschlossen wurde, daß Richards Bruder John und sein Halbbruder Geoffrey während der nächsten drei Jahre England nicht betreten sollten, damit diese keine Gelegenheit hätten, Unruhe zu stiften. Auf Betreiben Eleonores wurde diese Bestimmung jedoch bald aufgehoben. Es bleibt unklar, ob Eleonore einfach für John fürsprach oder ob hinter der Aufhebung dieses Beschlusses die Überlegung stand, daß John in Frankreich noch gefährlicher sei[3].
   
Eines der verwirrendsten Kapitel im Leben Eleonores ist ihre Bedeutung für die weitere Familienpolitik, dh. in der Frage, wer Richards Nachfolger werden sollte und für die Wahl einer Ehefrau für Richard. Was letzteres betrifft, so war seit Jahren die Rede von einer Heirat Richards mit der unglücklichen Alice, der Schwester des französischen Königs Philipp August. Erst nach unzähligen Zusagen und Distanzierungen platzte die Verlobung[4]. Im Als Richard bereits am Weg zum Kreuzzug war, reiste Eleonore im Winter 1190 nach Navarra,  nahm Berengaria, die Tochter Sanchos VI. mit sich und reiste mit ihr im tiefsten Winter über die Alpen nach Sizilien, wo sie auf Richard traf. Dieser heiratete Berengaria wenig später auf Zypern. Richard hatte in Sizilien zuallererst seine Schwester Joanna, die Witwe des eben erst verstorbenen Wilhelm von Sizilien aus der Gefangenschaft durch Tankred befreit. Als Gegenleistung erhielt Tankred Richards Unterstützung zur Sicherung seiner Macht und die beiden handelten eine Allianz aus, was Philipp August nach der Zurücksetzung seiner Schwester zusätzlich verärgerte.
   
Nun herrscht unter Historikern völlige Uneinigkeit darüber, wie maßgeblich Eleonore an der Wahl Berengarias als Ehefrau  beteiligt war. Die meisten billigen Eleonore eine hohe Bedeutung in dieser Frage zu[5], Owen geht  sogar so weit zu sagen: „Sie hat beschlossen, daß Berengaria, die Tochter König Sanchez von Navarra, eine gute Frau für Richard wäre.“[6] Ich neige jedoch dazu, Kessler und Gillingham zuzustimmen, wenn sie sagen, die einzige belegbare Tatsache sei, daß Eleonore Berengaria auf deren Reise begleitete[7].
   
Eleonore und Richard hatten nur wenige Tage, um die wichtigsten Dinge zu besprechen, etwa die Probleme, die John und Geoffrey begannen in England zu machen. Von Messina reiste Eleonore über Rom, wo sie sich mit dem eben erst gewählten Papst Coelestin III. unterredete, zurück nach England. Dort unterband sie eine Allianz Johns mit dem bereits heimgekehrten Philipp August und eine mögliche Heirat Johns mit der erwähnten Alice[8]. Am Ende des Jahres 1192 erreichte Eleonore dann die Nachricht von Richards Gefangennahme durch Leopold VI. Babenberger. Während John und Philipp August an der endgültigen Demontage Richards arbeiteten, indem John sich zum Herzog der Normandie ernannte und Philipp August den Lehenseid für die kontinentalen Besitztümer leistete, versuchte Eleonore alles, um die Freilassung Richards zu erwirken. Sie stand in ständigem Kontakt zuu ihrem Sohn, der mittlerweile in Speyer festgehalten wurde. In einem Brief etwa wies er seine Mutter an, Hubert Walter zum Erzbischof von Canterbury zu ernennen[9]. Eleonore hielt John erfolgreich in Schach und bereitete England auf eine befürchtete Invasion vor.
   
Es gelang Eleonore und den englischen Justitiaren die von Heinrich VI. geforderte immense Lösegeldsumme aufzutreiben. Dann reiste sie im Dezember 1193 gemeinsam mit Walter von Rouen nach Speyer und mit diplomatischem Geschick[10] erwirkte sie im Februar 1194 die Freilassung Richards. Dann kehrten Eleonore und ihr Sohn nach England zurück wo Richard am 17. April 1194 im Beisein seiner Mutter in Winchester zeremoniell erneut zum König gekrönt wurde.
   
Im Mai gingen Richard und Eleonore, nachdem alles geregelt war, auf den Kontinent. Weder Richard noch Eleonore sollten England je wieder betreten. In Lisieux gelangten Richard und John dann, möglicherweise unter Vermittlung Eleonores, zu einer Aussöhnung, der Kampf mit Philipp August jedoch ging unvermindert weiter, obwohl Eleonore auch hier um einen Ausgleich bemüht war[11].
   
Nun, bereits über 70-jährig und augenscheinlich müde von den Anstrengungen des öffentlichen Lebens, entschied sie, sich ins Kloster Fontevrault zurückzuziehen, ein Kloster, das seit langem mit den Herzögen von Aquitanien verbunden war, und dem Eleonore bereits seit Jahrzehnten Geldspenden zukommen ließ.
   
In den folgenden Jahren ist kaum etwas von Eleonore zu hören. Es schien, als hätte sie sich endgültig von der politisch-öffentlichen Bühne zurückgezogen. Von Fontevrault aus erlebte sie die erneute Heirat Joannas[12] und den Tod ihrer Tochter Marie de Champagne 1198. Im März 1199 verschied Richard dann plötzlich an einer infizierten Wunde, die er sich bei einem unbedeutenden Scharmützel zugezogen hatte. Als er sich der Schwere seiner Verlatzung bewußt geworden war, schickte er nach seiner Mutter und ernannte John zu seinem Nachfolger. Am 6. April starb er im Beisein Eleonores in Châlus, von wo sie seine sterblichen Überreste nach Fontevrault überführte. Eleonore war nun 77 und nur noch einer ihrer Söhne war am Leben. Als noch im selben Jahr Joanna, die von Raimund zu ihrer Mutter nach Fontevrault geflohen war, starb, verblieben Eleonore überhaupt nur noch ihre gleichnamige Tochter und John.
   
Für diesen verließ sie noch einmal die klösterliche Abgeschiedenheit. Um John den Thron gegen seinen jungen Neffen Arthur, ein Mündel des französischen Königs, durchzusetzen, bereiste sie ihre Vasallen und versicherte sich ihrer Unterstützung durch Erneuerung von Privilegien[13]. Auch ließ sie sich von Philipp August ihren Herzogtitel bestätigen. Im September übertrug sie dann John in Rouen ihre Länder.
   
Zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den Plantagenêt und den Kapetingern vereinbarte man eine Hochzeit zwischen Eleonores Enkelin Blanca von Kastilien und Philipps Sohn Louis (IX.) und John schickte seine greise Mutter, die Braut von Kastilien nach Poitiers zu begleiten[14]. Am Weg durch wurde sie vom Grafen von Lusignan aufgehalten, doch wie 1168[15] entkam sie ungeschoren. Am Rückweg übergab Eleonore in Bordeaux ihren Schützling an den Erzbischof von Bordeaux, sie selbst kehrte nach Fontevrault zurück.
   
Die arrangierte Hochzeit war jedoch ein politischer Fehlschlag, die Zeichen zwischen John und Philipp August bzw. Arthur standen weiter auf Sturm. Philipp August entzog John alle kontinentalen Ländereien außer der Normandie und griff an. 
   
Als ob ihr Leben noch nach einer weiteren außergewöhnlichen Episode zum Abschluß schrie, verließ Eleonore Fontevrault, um in Poitiers Unterstützung für John zu suchen. Allein in der Feste Mirebeau wurde sie von ihrem Enkel Arthur eingeschlossen, und sie mußte sich in der Burg verschanzen. Es gelang ein Hilfeschreiben an John aus der belagerten Burg herauszuschmuggeln. Dieser griff dann unvermutet an und nahm Arthur als Geisel[16].
   
Eleonore zog sich daraufhin wieder nach Fontevrault zurück, wo sie knapp zwei Jahre später im März 1204 verstarb.

                



[1] Siehe Owen, S.81

[2] Kessler, S.103

[3] Siehe Kessler S.98

[4] Zu dieser höchst komplizierten Geschichte siehe Gillingham S.149f.

[5] Etwa: Women in World History S.99

[6] Owen S.82

[7] Kessler S.136; Gillingham S.147

[8] Kessler S.239

[9] Gillingham S.250

[10] Als Zugeständnisse mußte Richard u.a. Heinrich dem VI.den Lehenseid für England leisten

[11] Vgl. Kessler S.103f.

[12] Mit Graf Raimund VI. von Toulouse; Diese Heirat sollte die Grafschaft nun endlich nach jahrzehntelangem Disput wieder an Aquitanien binden.

[13] Owen S.95

[14] Nach Crawford S.34 war es die Entscheidung Eleonores, daß Blanca und nicht deren Schwester für die Ehe ausgewählt wurde.

[15] Siehe S.8

[16] Später ließ er Arthur dann auch noch beseitigen. Siehe dazu Own, S.98

 
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