|
| |

2.4
Königinmutter
Von der
ersten Minute seiner Regierung an bemühte sich Richard darum, die Mittel für
den Kreuzzug mit Philipp August von Frankreich aufzutreiben. Auch wenn Eleonore
Richard nicht offiziell in England vertrat, so indizieren ihre vielen Fahrten
durch England doch eine intensive Betätigung der nun über 65-jährigen für
ihren Sohn.
Sie tritt ab nun in der Politik in Erscheinung, wenn sie gebraucht wird,
und zieht sich dann wieder zurück. Auch in den Chroniken finden sich jetzt
wieder mehr Erwähnungen Eleonores und „es wird einen Aussagewert haben, daß
keiner der Chronisten ihr,... (die nun so häufig in Erscheinung tritt) ...,
Ehrgeiz oder Machtbesessenheit vorwirft“.
Bevor Richard 1190 zu
seinem Kreuzzug aufbrach wurde in Nonancourt eine Familienkonferenz einberufen,
in der beschlossen wurde, daß Richards Bruder John und sein Halbbruder Geoffrey
während der nächsten drei Jahre England nicht betreten sollten, damit diese
keine Gelegenheit hätten, Unruhe zu stiften. Auf Betreiben Eleonores wurde
diese Bestimmung jedoch bald aufgehoben. Es bleibt unklar, ob Eleonore einfach für
John fürsprach oder ob hinter der Aufhebung dieses Beschlusses die Überlegung
stand, daß John in Frankreich noch gefährlicher sei.
Eines der verwirrendsten Kapitel im
Leben Eleonores ist ihre Bedeutung für die weitere Familienpolitik, dh. in der
Frage, wer Richards Nachfolger werden sollte und für die Wahl einer Ehefrau für
Richard. Was letzteres betrifft, so war seit Jahren die Rede von einer Heirat
Richards mit der unglücklichen Alice, der Schwester des französischen Königs
Philipp August. Erst nach unzähligen Zusagen und Distanzierungen platzte die
Verlobung.
Im Als Richard bereits am Weg zum Kreuzzug war, reiste Eleonore im Winter 1190
nach Navarra, nahm Berengaria, die
Tochter Sanchos VI. mit sich und reiste mit ihr im tiefsten Winter über die
Alpen nach Sizilien, wo sie auf Richard traf. Dieser heiratete Berengaria wenig
später auf Zypern. Richard hatte in Sizilien zuallererst seine Schwester
Joanna, die Witwe des eben erst verstorbenen Wilhelm von Sizilien aus der
Gefangenschaft durch Tankred befreit. Als Gegenleistung erhielt Tankred Richards
Unterstützung zur Sicherung seiner Macht und die beiden handelten eine Allianz
aus, was Philipp August nach der Zurücksetzung seiner Schwester zusätzlich verärgerte.
Nun herrscht unter Historikern völlige
Uneinigkeit darüber, wie maßgeblich Eleonore an der Wahl Berengarias als
Ehefrau beteiligt war. Die meisten
billigen Eleonore eine hohe Bedeutung in dieser Frage zu,
Owen geht sogar so weit zu sagen:
„Sie hat beschlossen, daß Berengaria, die Tochter König Sanchez von Navarra,
eine gute Frau für Richard wäre.“
Ich neige jedoch dazu, Kessler und Gillingham zuzustimmen, wenn sie sagen, die
einzige belegbare Tatsache sei, daß Eleonore Berengaria auf deren Reise
begleitete.
Eleonore und Richard hatten nur
wenige Tage, um die wichtigsten Dinge zu besprechen, etwa die Probleme, die John
und Geoffrey begannen in England zu machen. Von Messina reiste Eleonore über
Rom, wo sie sich mit dem eben erst gewählten Papst Coelestin III. unterredete,
zurück nach England. Dort unterband sie eine Allianz Johns mit dem bereits
heimgekehrten Philipp August und eine mögliche Heirat Johns mit der erwähnten
Alice.
Am Ende des Jahres 1192 erreichte Eleonore dann die Nachricht von Richards
Gefangennahme durch Leopold VI. Babenberger. Während John und Philipp August an
der endgültigen Demontage Richards arbeiteten, indem John sich zum Herzog der
Normandie ernannte und Philipp August den Lehenseid für die kontinentalen
Besitztümer leistete, versuchte Eleonore alles, um die Freilassung Richards zu
erwirken. Sie stand in ständigem Kontakt zuu ihrem Sohn, der mittlerweile in
Speyer festgehalten wurde. In einem Brief etwa wies er seine Mutter an, Hubert
Walter zum Erzbischof von Canterbury zu ernennen.
Eleonore hielt John erfolgreich in Schach und bereitete England auf eine befürchtete
Invasion vor.
Es gelang Eleonore und den
englischen Justitiaren die von Heinrich VI. geforderte immense Lösegeldsumme
aufzutreiben. Dann reiste sie im Dezember 1193 gemeinsam mit Walter von Rouen
nach Speyer und mit diplomatischem Geschick
erwirkte sie im Februar 1194 die Freilassung Richards. Dann kehrten Eleonore und
ihr Sohn nach England zurück wo Richard am 17. April 1194 im Beisein seiner
Mutter in Winchester zeremoniell erneut zum König gekrönt wurde.
Im Mai gingen Richard und Eleonore,
nachdem alles geregelt war, auf den Kontinent. Weder Richard noch Eleonore
sollten England je wieder betreten. In Lisieux gelangten Richard und John dann,
möglicherweise unter Vermittlung Eleonores, zu einer Aussöhnung, der Kampf mit
Philipp August jedoch ging unvermindert weiter, obwohl Eleonore auch hier um
einen Ausgleich bemüht war.
Nun, bereits über 70-jährig und
augenscheinlich müde von den Anstrengungen des öffentlichen Lebens, entschied
sie, sich ins Kloster Fontevrault zurückzuziehen, ein Kloster, das seit langem
mit den Herzögen von Aquitanien verbunden war, und dem Eleonore bereits seit
Jahrzehnten Geldspenden zukommen ließ.
In den folgenden Jahren ist kaum
etwas von Eleonore zu hören. Es schien, als hätte sie sich endgültig von der
politisch-öffentlichen Bühne zurückgezogen. Von Fontevrault aus erlebte sie
die erneute Heirat Joannas
und den Tod ihrer Tochter Marie de Champagne 1198. Im März 1199 verschied
Richard dann plötzlich an einer infizierten Wunde, die er sich bei einem
unbedeutenden Scharmützel zugezogen hatte. Als er sich der Schwere seiner
Verlatzung bewußt geworden war, schickte er nach seiner Mutter und ernannte
John zu seinem Nachfolger. Am 6. April starb er im Beisein Eleonores in Châlus,
von wo sie seine sterblichen Überreste nach Fontevrault überführte. Eleonore
war nun 77 und nur noch einer ihrer Söhne war am Leben. Als noch im selben Jahr
Joanna, die von Raimund zu ihrer Mutter nach Fontevrault geflohen war, starb,
verblieben Eleonore überhaupt nur noch ihre gleichnamige Tochter und John.
Für diesen verließ sie noch
einmal die klösterliche Abgeschiedenheit. Um John den Thron gegen seinen jungen
Neffen Arthur, ein Mündel des französischen Königs, durchzusetzen, bereiste
sie ihre Vasallen und versicherte sich ihrer Unterstützung durch Erneuerung von
Privilegien.
Auch ließ sie sich von Philipp August ihren Herzogtitel bestätigen. Im
September übertrug sie dann John in Rouen ihre Länder.
Zur Verbesserung der Beziehungen
zwischen den Plantagenêt und den Kapetingern vereinbarte man eine Hochzeit
zwischen Eleonores Enkelin Blanca von Kastilien und Philipps Sohn Louis (IX.)
und John schickte seine greise Mutter, die Braut von Kastilien nach Poitiers zu
begleiten.
Am Weg durch wurde sie vom Grafen von Lusignan aufgehalten, doch wie 1168
entkam sie ungeschoren. Am Rückweg übergab Eleonore in Bordeaux ihren Schützling
an den Erzbischof von Bordeaux, sie selbst kehrte nach Fontevrault zurück.
Die arrangierte Hochzeit war jedoch
ein politischer Fehlschlag, die Zeichen zwischen John und Philipp August bzw.
Arthur standen weiter auf Sturm. Philipp August entzog John alle kontinentalen Ländereien
außer der Normandie und griff an.
Als ob ihr Leben noch nach einer weiteren außergewöhnlichen
Episode zum Abschluß schrie, verließ Eleonore Fontevrault, um in Poitiers
Unterstützung für John zu suchen. Allein in der Feste Mirebeau wurde sie von
ihrem Enkel Arthur eingeschlossen, und sie mußte sich in der Burg verschanzen.
Es gelang ein Hilfeschreiben an John aus der belagerten Burg herauszuschmuggeln.
Dieser griff dann unvermutet an und nahm Arthur als Geisel.
Eleonore zog sich daraufhin wieder
nach Fontevrault zurück, wo sie knapp zwei Jahre später im März 1204
verstarb.

|