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2.3 Königin von England  

Gleich nach der Eheschließung fuhr das ungleiche Paar durch Aquitanien, um die neue Verbindung überall zu demonstrieren. Denn schon hatten sich für Louis, der Henry nicht als Herzog von Aquitanien akzeptieren wollte, Verbündete wie Henrys Bruder Geoffrey gefunden, die um ihre Ansprüche fürchteten, nun da Aquitanien einem der aussichtsreichsten Kandidaten auf den englischen Thron zugefallen war.
   
Nach der Sicherung der Machtstellung in Frankreich reiste Henry nach England um sich seinen Konkurrenten um den englischen Thron, dem alten König Stephan und dessen Sohn Eustace, zu stellen, während Eleonore in Frankreich blieb und währenddessen am 17.August 1153 die Geburt ihres Sohnes William feierte, der jedoch bereits 1156 starb.
   
Nach Eustace’ Tod kehrte Henry aufs Festland zurück, um ein Jahr später, nachdem auch Stephan gestorben war, mit Eleonore wieder nach London zu fahren, um dort am Sonntag vor Weihnachten 1154 zum König von England gekrönt zu werden.
   
Wie hatte sich nun Eleonores Leben verändert? Ganz leicht wird die Trennung Eleonores von ihren zwei Töchtern nicht gewesen sein[1]. Während der ersten zwei Jahre blieb Eleonore viel Zeit allein in England, einem für sie fremden Land, auch wenn in England französische Kultur gepflogen wurde und ein französisch sprechender Adel herrschte.
   
Auch Eleonores Einfluß auf Henrys Herrschaft war gering[2].  Der energische junge König verließ sich allein auf die Person Thomas Beckets, zudem war Eleonore häufig von den eigentlichen Machtzentren entfernt und oft von ihrem Mann getrennt. Dieser verbrachte einen Gutteil seiner Zeit damit, aufsässige Vasallen in ihre Schranken zu verweisen und versuchte seine Basis gegenüber Louis zu vergrößern[3]. Warren drückt sich so aus: „Wenn wir die Chroniken betrachten, so ist die auffallendste Tatsache über Eleonore ihre völlige Unwichtigkeit in Henrys Herrschaft.“[4]. Das ist sicherlich überspitzt, denn in zahlreichen Gelegenheiten vertrat Eleonore Henry in dessen Abwesenheit und das sowohl in England als auch auf dem Kontinent[5]. Henry erwartete von ihr, stets streng nach seinen Plänen zu walten, für eine eigene Politik war kaum Platz. Aus den Namen der Zeugen auf den von Eleonore unterzeichneten Dokumenten können wir erkennen, daß Eleonore Henrys Ministern meist nur die Autorität ihres Namens lieh[6]. Man könnte also sagen, Eleonore habe zwar einen Mönch gegen einen Mann getauscht, aber damit gleichzeitig viel von ihrem politischen Einfluß aufgegeben.
    Über lange Zeit war Eleonore mit ihrer Situation anscheinend keineswegs unglücklich, die acht Kinder, die sie mit Henry hatte und die Tatsache, daß Henry ihr immer wieder Statthalterschaften anvertraute, sprechen eine recht eindeutige Sprache, auch wenn uns ein Blick in ihre wahren Gefühle verwehrt bleibt. Die folgenden Jahre bescherten Eleonore und Henry einen wahren Kinderregen: Im Februar 1155 wird der junge Henry geboren, 1156 bringt Eleonore Matilda, im Jahr darauf, am 8. September 1157, folgt die Geburt Richards. Eleonore war nun bereits über 30 und die regelmäßigen Geburten verwundern, vor allem da sie mit Louis in 14 Ehejahren nur zwei Töchter hatte.
   
Die frühen 60er-Jahre des 12. Jahrhunderts verbrachte Eleonore mit zahlreichen Wechseln zwischen England und dem Festland, doch verliefen diese Jahre ohne entscheidende Höhepunkte in Eleonores Leben, zumindest haben wir keine Nachricht von irgendwelchen besonderen Vorkommnissen. Erst 1165 rückt sie wieder etwas in den Blick der Chronisten, weil sie für Henry die Geschäfte in Maine und Touraine führte, wobei wir erfahren, daß sie sichin ihrem Walten stark auf ihren Onkel Ralph de Faye[7] verließ[8]. In dasselbe Jahr fällt auch die Geburt ihrer Tochter Joanna.
   
Indes hatte Eleonore einige Schwierigkeiten mit ihren Vasallen und so mußte Henry 1166 die Ruhe in dem von Eleonore verwalteten Gebiet wiederherstellen. Zu Weihnachten 1166, bereits zurück in England (Oxford), bringt Eleonore ihr zehntes und letztes Kind, Johann, zur Welt[9]. Zu Ostern 1168 entging Eleonore angeblich nur knapp einem Hinterhalt des Grafen von Lusignan, der sich mit Henry gerade im Krieg befand[10].
   
Die folgenden Jahre war Eleonore, immer begleitet von einigen ihrer Kinder, zumeist in Frankreich. Einige Jahre unterhielt sie einen Hof in Poitiers, der im allgemeinen als blühendes Zentrum der höfischen Kunst gesehen wird. Es ist kaum umstritten, daß Eleonore in diesen Jahren ein intensives Kulturschaffen anregte, doch herrscht gerade in diesem Punkt durch die verwischten Konturen zwischen Fakten und Legende viel Uneinigkeit bei den Biographen Eleonores. Nach allgemeiner Auffasung wirkten zahlreiche illustre Poeten und Troubadoure, allen voran Chrétien de Troyes und Bernard de Ventadour[11], in Poitiers, doch fehlen im Allgemeinen klare Belege dafür.
    Das Bild von Eleonore im Mittelpunkt der „jeunesse dorée“ (goldenen Jugend) an ihrem Hof, „alles rings um sich herum dominierend durch jene geistige Strahlen, jene Liebe zur Literatur und geschliffenen Sprache welche sie auszeichneten“[12] ist jededenfalls fiktiv. Wir können nur spekulieren was in jenen aquitanischen Jahren an kultureller Aktivität geschah.  In dieser Zeit konnte Eleonore mit etwas größerer Freiheit agieren, denn Henry war stark auf die Auseinandersetzung mit der englischen Kirche und Thomas Becket konzentriert. In den späten 60er und frühen 70er Jahren des 12.Jh. begannen die Beziehungen zwischen Eleonore und Henry dann abzukühlen, genauso wie die Beziehung Henrys zu seinen Söhnen. Es war auch damals, daß Henry begann, sich öffentlich mit seiner Mätresse Rosamund Clifford zu zeigen, mit der er eine lange Zeit eine romantische Beziehung unterhielt[13].
   
1169 teilte Henry sein Reich unter seinen Söhnen Henry, Richard und Geoffrey auf[14]. Im Jahr darauf wurde Richard zum Graf von Poitou ernannt – und damit zum zukünftigen Herzog von Aquitanien[15]- und der junge Henry gegen den Willen des Papstes zum König gekrönt. In diesem Zusammenhang spielte auch Eleonore eine wichtige Rolle, weil sie den Bischof von Worcester, der das päpstliche Interdikt mit sich führte, in der Normandie zurückhielt, bis die Krönung bereits vollzogen war.
   
Eleonore versuchte ab 1170 Aquitanien im Namen Richards zu regieren, aber letztlich blieb Henry in allen entscheidenden Fragen bestimmend und das Verhältnis der beiden wurde immer kühler. Dann geriet auch noch der junge Henry in Konflikt mit seinem Vater, da Henry seine Königswürde durch effektive Regierungsgewalt zu mehr als einem bloßen Titel de iure machen wollte, was sein Vater aber verwehrte. Auch die Aussetzung der Gascogne als Mitgift von Henrys Tochter Eleonore, was zur Zersprengung des aquitanischen Erblandes geführt hätte, trug zu den Spannungen innerhalb der Familie bei[16].
   
1173 floh der junge Henry an den Hof des französischen Königs und zettelte eine offene Rebellion gegen seinen Vater an. Eleonore schickte ihre Söhne Geoffrey und Richard zu ihm nach Paris und sie selbst schloß sich der Rebellion an. Unterstützt vom aquitanischen Adel, der von Henry durch die Ernennung von normannischen Bischöfen und Verwaltern verärgert worden war[17], rief sie die Poiteviner zu den Waffen. Konflikte zwischen Brüdern oder Aufstände von Söhnen gegen ihre Väter zählten schon fast zur guten Tradition, doch die Rebellion einer Königin gegen ihren Mann war etwas völlig Neues. Henry hatte wohl wirklich in keinster Weise damit gerechnet. Als sich Eleonore zu ihren Söhnen nach Paris folgen wollte, wurde sie von Gefolgsleuten Henrys in Männerkleidern erkannt und gefangen gesetzt.
   
Es liegen uns zwar keine direkten Berichte vor, aber es ist nicht schwer, sich Henrys Wut auf seine treulose Gattin bildlich vor Augen zu führen. Im ersten Moment soll Henry sogar eine Eheannullierung erwogen haben, er setzte diese Pläne, so er sie tatsächlich hegte, jedenfalls nicht um. Nach Beendigung der erfolglosen Revolte arrangierte sich Henry kurzfristig mit seinen untreuen Söhnen, Eleonore jedoch wurde unter strengste Bewachung gestellt und verblieb den Rest von Henrys Regierungszeit als Gefangene, meist in Salisbury. Man darf sich Eleonores Gefangenschaft nicht als „Einkerkerung“ im engeren Sinn verstehen, es war eher eine Art „Hausarrest“. Wir haben von Richard le Poitevin ein Gedicht, in dem er die Gefangenschaft Eleonores und den Verlust ihres Hofes beklagt[18].
   
In diese Periode fällt eine der langlebigsten und absurdesten Legenden, die sich um Eleonore ranken: 1176 starb Rosamunde Clifford, Henrys Geliebte, und es entstand das Bild einer krankhaft eifersüchtigen Eleonore, die ihre Nebenbuhlerin durch einen Magier verdarb[19]. Eleonore stand während der Gefangenschaft weiter in Kontakt zu ihren Kindern, auch wenn dieser limitiert wurde. Sie wechselte auch manchmal den Ort unter der Aufsicht Ralph FitzStephans[20], 1184 feierte sie sogar Weihnachten mit Henry, Richard und John in Windsor und ihr Lebensstil begann wieder aufwendiger zu werden.
   
Anfang der 80er Jahre scheinen Henry und Eleonore eine Art modus viendi gefunden zu haben, denn obwohl Eleonore noch immer scharf beaufsichtigt wurde, erhöhte sich in dieser Zeit ihre Mobilität[21]. Manche ältere Autoren führten diese „Hafterleichterung“ auf die letzten Worte des sterbenden jüngeren Henry zurück. Als dieser 1183 in einem Kampf gegen die Truppen seines Vaters schwer verwundet worden war, bat er ihn, Eleonore zu verzeihen. Allgemein wird heute diesen „letzten Worten“ in dieser Hinsicht nicht mehr allzuviel Bedeutung beigemessen.
   
Im Mai 1185 stieß sie zu ihrem Mann in die Normandie und unterzeichnete ein Schreiben, in dem der damals gegen seinen Vater aufständische Richard aufgefordert wurde, die Waffen zu strecken, zu Henry zurückzukehren und seine aquitanischen Titel seiner Mutter zu übertragen. So geschah es dann auch. Im Hintergrund dieser Geschehnisse stand wohl die Überlegung Eleonores, daß Richard beim Tod Henrys ohnehin das ganze Reich erben würde. Daher versuchte sie den Konflikt zu entschärfen. Im April des folgenden Jahres mußte sie jedoch zurück nach England und ihre Haftbedingungen wurden wieder stringenter[22].
   
Am 19.August 1186 verlor Eleonore dann mit Geoffrey, der bei einem Turnier von Pferden zu Tode getrampelt worden war, bereits den zweiten Sohn.
   
Auf längere Sicht erwies sich eine Vermittlung zwischen Richard und Henry als unmöglich und die beiden blieben bis zum Tod Henrys 1189 in beinahe permanentem Kriegszustand. Die Nachricht von Henrys Tod verbreitete sich wie ein Lauffeuer und als ein Gesandter Richards bei Eleonore ankam, fand dieser sie schon in Freiheit vor. Während Richard sich noch in der Normandie befand, bereitete Eleonore seine Ankunft als König vor, indem sie durch das Königreich reiste, sich der Loyalität des Adels versicherte und zahlreiche Gefangene Henrys freiließ[23]. Die vielen Jahre der Gefangenschaft hatten jedenfalls keinen Autoritätsverlust für Eleonore bedeutet.
    Am 13. August landete Richard dann unter großem Jubel in Portsmouth und am 3. September wurde er in Westminster zum englischen König gekrönt.

                



[1] Eleonore umgab sich viel und gern mit ihren Kinder von Henry, daher gibt es keinen Grund anzunehmen, daß sie zu ihren Töchtern keine emotionale Beziehung hatte. Außerdem war Marie wie ihre Mutter eine große Mäzenin höfischer Kunst und scheint ihrer Mutter in vielerlei Beziehung sehr ähnlich gewesen zu sein.

[2] Die verklärende Beschreibung von Eleonores Einfluß auf Henry bei A. Kelly, Eleanor of Aquitaine (and the four Kings), Harvard 1951  ist nicht durch Fakten haltbar.

[3] R.W. Eyton, Court, Household and Itinerary of King Henry II., New York 1974² gibt eine genaue Darstellung über Henrys und Eleonores Bewegungen.

[4] Warren S.120

[5] Sicher 1154-56 und 1158 in England, 1165 in Maine/ Touraine, 1168-69 in Aquitanien, ansonsten für kürzere Zeitspannen; vgl. Eyton S.40 und S.85, bzw. Owen S.57 und S.60

[6]  Siehe: Letters of the Queens of England 1100-1547, ed. A. Crawford, Gloucestershire 1997, S.31

[7] Bei Owen: Raoul de Faye

[8] Der Bischof Johann de Belmeis von Poitiers unterstellt ihr in einem Brief an Becket eine Affäre mit ihrem Onkel. Der Bischof war Eleonore jedoch nicht besonders gut gesinnt.

[9] Einige sagen 1167, was auf die Unsicherheiten bezüglich des Jahresbeginns zurückzuführen ist. Siehe dazu Owen S.44, Anm.35

[10] vgl. Owen S.57.

[11] Dem von seinem Biographen auch ein Liebesverhältnis zu Eleonore nachgesagt wird; siehe Owen S. 41

[12] Gillingham S.61 zitiert aus dem Buch „Die Kunst der höfischen Liebe“ („Ars Amandi“) des Andreas Cappelanus, der im 13.Jh. wirkte. Einige Autoren sehen die Darstellung Eleonores bei Cappelanus als Verspottung an. Nach dieer Auffassung macht er Eleonore zur lächerlichen „Gesetzgeberin“ an einem „Liebeshof“. (Gillingham a.a.O., Ennen S.38; anders: Owen S.65, 152-4)

[13] Zur Legende um die unterstellte Ermordung Rosamundes durch Eleonore siehe S.10 unten

[14] Daraus, daß John hier übergangen wurde, entstand Johns Beiname „Lackland“

[15] Und nicht gleich zum Hzg. von Aquitanien, wie verschiedentlich zu lesen ist; zum Herzog wurde Richard erst 1172

[16] U. Kessler, Richard I Löwenherz, Graz/ Wien/ Köln, 1995, S.10

[17] Warren S.121

[18] Owen S.72

[19] Siehe auch Gillingham S.65 und Kessler S.102

[20] Siehe Eyton S. 231, 252, 258

[21] Eyton S.293

[22] Warren S.602

[23] A.Commire, D. Kletzmer, Women in World History, Bd.5, s.v. Eleanor of Aquitaine, Waterford 2000 S.98 spricht sogar von einer „Generalamnestie”

 
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