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Alleine mit dem Fahrrad von Greifswald an der Ostsee nach Havelberg an der Elbe

"Wenn du jetzt denkst, ich packe hier die große Definationskiste und erzähle dir, was ein Abenteuer ist und was nicht, dann hast du dich geschnitten. Denn ersten ist es doch piepe für dich, ob ich meine, es ist ein Abenteuer, wenn einer nur mit Badehose bekleidet und mit Zahnbürste und Zahnpasta ausgerüstet nach Amerika schwimmt, und zweitens ist genauso piepe für dich, wenn ich der Meinung bin, dass der Typ mit Badehose, Zahnbürste und Zahnpasta schlichtweg einen Hammer hat. Wenn ich hier tatsächlich mit dem herumdeffinieren anfinge und du es gar von mir erwarten würdest, dann brächten wir beide ganz schrecklich was durcheinander. Ich will nämlich nicht der Abenteuer- Guru sein, und du sollst es nicht von mir erwarten."
Rüdiger Nehberg in seinem Buch: "Survival- Abenteuer vor der Haustür"

In drei Tagen fuhr ich alleine mit dem Fahrrad von Greifswald an der Ostsee nach Havelberg an der Elbe. Meine Reise führte mich auf kleinen Straßen durch völlig einsame Landschaften, Wiesen, Felder, Wälder, Seen und winzige Ortschaften in Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen Anhalt. Die Natur war mein Zuhause, die Stille mein Freund.

1. Tag, Start in Greifswald
Ich startete am Mittwoch, den 10.10.01 in Neuenkirchen bei Greifswald und fuhr auf kleinen Straßen bei starkem Gegenwind Richtung Süden nach Loitz. Von Loitz ging es weiter nach Demmin dem Flusslauf der Peene folgend. Erinnerungen wurden wach: sechs Monate zuvor war ich und Frederik hier, mit dem Paddelboot den Fluss entlang gefahren. In Demmin an der Tollensse machte ich eine kurze Mittagspause. Am frühen Nachmittag kam sogar mal die Sonne herausgeschaut, bis sie wieder von dunklen Wolken verdeckt wurde. Es wehte weiter ein starker Wind aus Süd, weswegen ich nur mühsam vorankam. Was ich noch nicht erwähnt habe, ist, dass ich nur einen Autoatlas von 1991 im Maßstab 1: 400 000 mit hatte. Das war manchmal ziemlich schwierig und es kam vor, dass ich mich verfuhr, dadurch Umwege machen musste und Zeit verlor. Aber schließlich war ja der Weg das Ziel... So passierte es, dass ich einmal im Kreis fuhr, ohne es zu merken. Das ist schon verhext, wenn man ungefähr da rauskommt wo man losgefahren ist. Man zweifelt dann doch an sich selbst. Jedenfalls ein wenig. Gegen Abend kam ich nach Kastorf, etwa in der Höhe zwischen Neubrandenburg und Altentreptow gelegen. Ich verbrachte die Nacht am einsam gelegenen Kastorfer See, etwa 1,5 km vom Ort entfernt.

2. Tag, Tarnow und Mecklenburger Seenplatte
Tarnow war ein winziges Kaff am Ende der Welt. Warum ich es noch in Erinnerung habe? Kam ich in ein Dorf, winzig, klein oder nicht klein, so konnte ich sicher sein, von irgend einem Köter laut angekläfft zu werden. Es reichte, wenn ich 50 Meter an ihm vorbei fuhr oder auch, wenn er mich nicht einmal sah. Nie kam es vor, dass ein Hund da war, der nicht bellte. Bis auf Tarnow: Ich fuhr direkt an ihm vorbei, nur der Zaun trennte uns. Er kam angerannt und wedelte freundlich mit dem Schwanz. Folgte mir am Zaun, bis sein Grundstück zu Ende war und ich davon fuhr.
Nach Tarnow kam Schwandt und mir schwand die Hoffnung, da ich den Weg nicht fand. Doch ein Mann sprach mich an und half. Ich fuhr weiter nach Süden in die Mecklenburger Seenplatte. Die weiten Landschaften wurden abgelöst von Wald und Hügeln. Ich kam durch Kratzeburg, Neustrelitz und Wesenberg und es begann zu regnen. Etwa sechs Kilometer vor Rheinsberg, in Zechlinerhütte, bog ich von der Straße ab und fuhr in den Wald. Es war schon nach sechs Uhr und durch die Wolken schon recht dunkel. Meinen Schlafplatz fand ich auf einer Lichtung, nicht weit von einem See. Ich verbrachte den Abend gemütlich im Zelt bei Kerzenschein, Zeitung und Buch.
Ich hätte nicht gedacht, dass es in Deutschland wirklich noch solche Orte der Stille gibt. Allmählich hörte das Rauschen des Regens in den Blättern der Bäume auf. Nur zwei Käuzchen schrien noch eine weile jämmerlich durch die dunkle Stille. Dann kehrte Ruhe ein.

3. Tag, doch noch nach Havelberg
Es regnete nicht mehr. In der Morgendämmerung frühstückte ich. Auf dem Weg zurück zur Straße nach Rheinsberg hörte ich in dem Radio eines Autos einer Baufirma den Wetterbericht: Ab Nachmittag Sonnenschein. Na also. In Rheinsberg fand ich meine Straße nicht. Fuhr eine andere und kam dann doch auf den gewünschten Weg. Was auf der Karte eine Straße war, war in Wirklichkeit ein Schotterweg. Ich fuhr durch einsamen Wald. Wie so oft kam mir wieder die Vorstellung, was wäre, wenn ich jetzt eine Panne hätte... Ich hatte nur unzureichend Werkzeug, geschweige denn Ersatzteile dabei. Die Vorbereitung war etwas zu hektisch gelaufen. Ich schob den Gedanken schnell beiseite. Acht Kilometer über eine Plattenstraße kam ich nach Neuruppin. Ich brauchte dringend Kettenfett für mein Fahrrad. Nun ging es in westlicher Richtung weiter über kleine Orte Richtung Havelberg. Obwohl das Wetter schöner wurde, verschlechterte sich meine Laune. Ich sehnte mich nach Gesellschaft. Nun musste ich entscheiden, ob ich vor Havelberg Richtung Havel und Sumpfgebiet abbiegen sollte, um einen Platz für die Nacht zu finden, oder ob ich noch bis Havelberg fahren sollte. Doch es war erst 16 Uhr. So entschied ich mich für letzteres.
Ich erreichte Havelberg gegen 17 Uhr. Und spielte mit dem Gedanken eine Jugendherberge zu suchen und wollte doch nicht ganz zugeben, dass ich sogar schon nach einem Bahnhof Ausschau hielt. Ich fand eine Telefonzelle und rief meinen Bruder an - er war sogar da und wir plauderten ein paar Minuten. Dass baute mich wieder ziemlich auf. Und als ich dann auf dem Berg vor dem Dom stand, und einen Blick über die Stadt in der Abendsonne warf und im Osten den Havellauf mit herrlichen Wiesen ringsum sah, entschied ich mich dort mein Zelt für die Nacht aufzustellen. Ich orientierte mich, wie ich zu fahren hätte und fuhr bergab - halt, war da nicht ein Friedhof gewesen? Ich füllte meine Flasche mit Wasser. Ein paar Minuten später war ich an dem ausgesuchten Platz - ein wundervoller Flusslauf. Ein Maler saß da am Fluss und das erste (und einzige) kurze Gespräch auf meiner Fahrt ergab sich.
Das Zelt war aufgebaut, das Lager eingerichtet - es war schon dunkel, erste Sterne blinkten auf und ich war am kochen. Da, --- das Geräusch eines Motorbootes drang an mein Ohr. Polizei? An diesem Ort des Friedens? Ich löschte die Kerzen und huschte doch hinter einen Baum. Warum ist man doch immer so misstrauisch? Durch zwei Baumstämme erspähte ich eine Yacht, die sich vorbeischob. In Ruhe kehrte ich zu meinem Tee zurück. Doch was war das? Manchmal trügt eben der Schein der Ruhe: nach etwa 100 m machte die Yacht mit der Familie halt - und Lärm. Sogar ein kleines Feuerwerk wurde gezündet!

4. Tag Elbe-Radweg und Schluss
Am nächsten Morgen, ich packte gerade zusammen, erneut ein Motorgeräusch... Aus dem Zelt erspähe ich ein kleines wendiges Boot. An der Seite mit weißen Buchstaben auf grünem Grund: POLIZEI! Na, ---? nein er ging nicht vom Gas, sondern fuhr vorbei, uff. Ich setzte mit der Fähre über die Elbe und folgte dem gut ausgeschilderten "Elbe Radweg". Mein Ziel der Bahnhof in Sandau, ein Ort südlich von Havelberg gelegen. Der Weg ist wunderschön. Ich verließ den "Elbe Radweg" wieder und setzte mit der Fähre nach Sandau über. Doch wo war der Bahnhof? Ein paar verfallene Gebäude, ein Schild: "Gefahr! Betreten Verboten!", ein verrostetes verwachsenes Gleis zerstörten meine Hoffnung. Der nächste große Ort, Tangermünde, ist 25 km über eine große Landstraße entfernt, nach ein paar Minuten war ich auf dem Weg.
Eine Stunde später, über 2/3 des Weges liegen hinter mir, überquere ich eine Brücke. Ein Fluss? Nein Gleise! (Große Verbindung zwischen Berlin und Hannover.) Aber ach, kein Bahnhof. Mit Schwung fahre ich von der Brücke. Und da - ich blicke auf - ein Schild: "BAHNHOF" nach links. Um 12.36 Uhr erreiche ich den Bahnhof an einem Nebengleis. 12.39 Uhr kommt ein Zug nach Braunschweig über Stendal. "Kommt man von dort weg?", frage ich die einzige Wartende. "Ja, ja, ist ein größerer Ort." Rein in den überfüllten Zug, zehn Minuten später wieder raus - in Stendal. Unfreundliches Personal im Reisezentrum. Drei Verbindungen nach Dresden habe ich zur Auswahl, ich raus, um mich zu entscheiden, will wieder rein, um Fahrschein zu kaufen - tja, 13.00 Uhr - geschlossen. Auf mein Klopfen nur Schulterzucken. So ein Mist! Ich will doch mit dem IR fahren und brauche dazu eine Reservierung fürs Fahrrad. Doch alles geht glatt, ein fast leerer Zug bringt mich nach Dresden.
Dreieinhalb Tage war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Ich merkte einmal mehr, dass die beste Methode ein Land kennen zu lernen, sowohl landschaftlich als auch die Bevölkerung, doch die Reise mit dem Fahrrad ist. Gleichzeitig machte ich wichtige, so glaube ich wenigstens, Erfahrungen, was das Alleinsein betrifft. Und ich nahm mir vor, dann doch das nächste Mal die Sache etwas besser zu planen und vorzubereiten und - lieber doch in Gesellschaft zu fahren...
© Lukas Weidauer

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