erstellt am 25.4.2004
geändert am 9.6.2004
Herz aufgeteilt in eine weiße und rote Fläche

Dokumentation Fachtagung

ein Frauen-Body, daneben dieser Körper skiziert mit 2 grünen Linien

Am Freitag trafen die Teilnehmerinnen aus dem Bundesgebiet ab 17.00 in der Rosa Linde ein. Bei Plätzchen und Tee kamen wir schnell ins Gespräch miteinander. Dieser Gesprächsbedarf riß das ganze Wochenende nicht ab, er schien fast unerschöpflich. Zum gemeinsamen warmen und leckeren Abendbrot fuhren wir in die AIDS-Hilfe Leipzig, da in der Linde Abends ab 19.00 normales Programm war.
Die Organisatorinnen hatten sich zum Einstieg in ein gemeinsames Gespräch und zur Gruppenfindung überlegt, daß aus dem angekündigten Buch eine Passage gelesen wurde nach einer mehr oder weniger kurzen Selbstvorstellung im Anschluß an das Abendessen. Da Fr. Müller trotz heftigem grippalem Infekt gekommen war, las eine Teilnehmerin vor. Das Gespräch begann sofort. Leider hatte eine Teilnehmerin vor, den Abend dazu zu benutzen eine Aktion gegen die Umgangspraxis des med. Systems mit uns ins Leben zu rufen. Anscheinend war ihr trotz der Unterlagen entgangen, daß die ganzen Teilnehmerinnen wegen des persönlichen Austausches gekommen waren. Als eine Orgafrau, nachdem geklärt worden war: Frau Müller moderiert nicht, ihr dies verdeutlicht hatte, verließ die Teilnehmerin den Raum. Andere kamen von ihrer Flucht zurück. Der Moderatorin fiel diese heftige Intervention nicht leicht, sie war aber nötig.
Danach waren wir so rege im Gespräch, daß wir vom Zivi der AIDS-Hilfe hinaus gebeten wurden. In der Sammelunterkunft gab es danach noch Gespräche, die durch die Vernunft beendet worden waren und nicht durch Erschöpfung der Inhalte.
Am Samstag morgen fühlten sich bei einer 15 min Warteschlange einige Teilnehmerinnen an DDR-Zeiten erinnert, als Brötchen für das ausführliche Frühstück in der Linde geholt wurden. Dabei sei der hervoragende Service des Praktikanten der Linde für uns erwähnt. Danke.
Auch das Frühstück hätte sich über den Tag hinziehen können bei der Fülle an Themen, aber wir wollten ja von dem Wissen als Gruppe von Frau Müller profitieren. So begaben wir uns ins Untergeschoß der Linde in einen Kreis. So begannen wir wieder mit einer Vorstellungsrunde, da noch 2 neue Teilnehmerinnen hinzu gekommen waren.
Anschließend erklärte uns Fr. Müller, wie ein Epithelabstrich gemacht wird und die Teilnehmerinnen hatten die Chance eine Probe ihrer Flora auf einen Objektträger zu bringen. Davon wurde rege Gebrauch gemacht. Als Ergebnis kam heraus, daß keine Frau eine gesunde Flora (ausreichend Döderlein/Milchsäurebakterien) hat. Auf Grund ihres Fiebers war auch die Flora unserer Referentin pathologisch. Diese Visualisierung der Flora beeindruckte die Teilnehmerinnen sehr. Wie erwartet waren die unglaublichsten "Pflegeempfehlungen" in Umlauf, die Fr. Müller in gewisse Erregung versetzten und die Teilnehmerinnen verwunderten. Warum bei einer Teilnehmerin trotz regen Gebrauchs von Vagiflor und ohne Fieber/Antibiotika ihre Flora immer wieder ohne Joghurt zu Grunde ging, konnte nicht geklärt werden. Sie beantwortete dies mit Joghurt, Joghurt und Joghurt.
Anschließend ging es um Gesundheitsvorsorge bei der FrauenärztIn. Besonders wies sie darauf hin, daß bei einer meist verbliebenen Prostata diese auch untersucht werden muß. Sie behandelt gerade eine Frau wegen Prostatakarzinom. Vergleichbar dem bei "Bio-Frauen" gemachten Abstrich vom Gebärmuttermund sollte bei uns unbedingt ein Scheidenabstrich gemacht werden und nicht nur von der GynäkologIn selbst mikroskopisch untersucht werden. Sondern auch wie bei "Bio-Frauen" ins Labor geschickt werden, da bei uns eine Haut anderen Ursprungs in die Scheide gebracht wurde, sei eine Entartung grundsätzlich möglich, laut Fr. Müller. Allerdings sollte die GynäkologIn informiert werden, woher die Haut stammt.
Da einige Frauen mehr oder weniger viel Milch hatten, gab es eine lange Diskussion über Hypophysentumore und über Brustkrebs. Fr. Müller hatte eine den behandelnden GynäkologInnen widersprechende Meinung. Sie meinte, daß sei alles keine Gefahr. Eine besonders intensive Krebsvorsorge der Brust sei nicht nötig. Gleiches gelte für den Hypophysentumor. Frauen sollten aber lernen sich regelmäßig die Brust zu untersuchen (Mögliches Thema für eine nächste Fachtagung?)
Die Abhandlung der verschiedenen Sexualkrankheiten wurde vergessen.
Auch beim schmackhaften Mittagessen wurde wieder intensiv über "Göttin und die Welt" geredet. Diszipliniert kamen wir zum letzten offiziellen Punkt der Tagung um 14.00. Davor hatte Fr. Müller ihre "Rezepte für Joghurt-Therapie" diktiert (weiter hinten).
Die letzte offizielle Runde der Tagung wurde mit einem Blitzlicht begonnen, wo jede ihr Thema bezüglich Beziehung und Sexualität ... sagen konnte.
Das Thema Kinderwunsch wurde kurz angesprochen. Sperma für eine Schwangerschaft in einer lesbischen Beziehung muß möglichst schnell vom Spender zur Empfängerin ohne in einer Scheide gewesen zu sein. Am besten mittels Diaphragma, welches sich die Empfängerin einfach einsetzt. Der Name des Spenders muß dem Jugendamt nicht mitgeteilt werden. Natürlich sollte der Spender auf HIV oä. untersucht sein. Sie würde in Balance/Berlin gerne ein Beratungsgespräch machen (Die dortige Lesbenberatung vergaß sie). Oder ein Pflegekind sei möglich, zumindest in Berlin-Schöneberg.
Ansonsten gab es drei wesentliche Themen. Wie lebe ich eine befriedigende Sexualität mit verschiedenen Erregungsstörungen, wann sage ich einem Mann meine Geschichte (Wie sage ich es einer potenziellen Partnerin - wurde nicht thematisiert) und die Diskriminierungen in der Lesbenszene (Partnerinnenfindproblem).
Eine Frau hatte auf Grund einer fehlenden Klit in Kombination mit anderen Faktoren massive Beziehungs- und Sexualprobleme. Ihr wurde ein Beratungsgespräch geführt, worin die Gruppe integriert war, wodurch eventuell bestimmte Begleitumstände von der Referentin nicht wahrgenommen wurden. Die Empfehlung eine Sexualmedizinerin aufzusuchen konnte angenommen werden und wurde als hilfreich empfunden. Die Autorinnen möchten ausdrücklich darauf hinweisen, daß sie diese Meinung nicht teilen.
Thema Mann: Leider hatte ein Teil der Gruppe überhaupt keine Männerprobleme auf Grund der lesbischen Neigung. Trotzdem gab es einen intensiven Austausch über Erfahrungen und Praktiken mit Männern bezüglich der Fragestellung, wann und in wie weit teile ich ihm bestimmte Aspekte der persönlichen Vergangenheit mit. Im Prinzip fanden alle, frau solle "es" ihm grundsätzlich und nicht zu spät mitteilen, wenn es um eine dauerhafte Beziehung gehe, aber nicht gleich am Anfang. Eine präzisierte den Zeitpunkt damit: Wenn es mir klar wird, daß die Beziehung dauerhaft wird.
Thema Lesbenszene: Die Probleme bei Lesben wurden grundsätzlich anders wahrgenommen als in heterosexuellen Kreisen. Frauen haben nicht das Problem, wenn sie mit uns im Bett waren, sich in Gefahr zu begeben, "schwul zu sein", außerdem haben sie sich meist mit ihrer eigenen Identität besonders beschäftigt. Aber Probleme gibt es immer wieder bei der Integration in die Lesbenszene um die Möglichkeit zu haben, eine Partnerin zu finden. Wenn eine Integration möglich ist, sind die Probleme eine Partnerin wegen der "besonderen Vergangenheit" zu finden, unerheblich.
Auf Grund des Bedürfnisses, sich mit der Hormonbehandlung auseinanderzusetzen wurde eine Gesprächsrunde durchgeführt, wo von zwei "Hormonfachfrauen" die einzelnen Medikamentenverordnungen erhoben wurden und unter verschiedenen Aspekten und den unterschiedlichen in der Medizin kursierenden Meinungen kommentiert wurden.
Hier ist das Gruppen Bild der Tagung. Es wurde im Großen Kellerraum der Rosalinde gemacht, wo auch andere Veranstaltungen statt finden. Gruppenbild der Teilnehmerinnen mit Fr. Müller


1. Tagungspunkt „ Gesundheit“

Pflege des Genitales: niemals innere Spülungen mit keiner Substanz. Das äußere Genitale mit klaren Wasser pflegen, ohne Seifenzusätze. Slipeinlagen sind generell nicht zu empfehlen.

Joghurtkur: täglich zur Nacht ein bis zwei gehäufte Fingerspitzen in die Scheide einbringen, zur ständigen Pflege der Vaginalflora. Bei stark fischigem Geruch -> Essigspülungen mit einem Teil Obstessig aus dem Reformhaus und vier Teilen lauwarmen Wasser mit einer Spritze die Scheide spülen.
Fr. Müller konnte nicht erklären, warum sich die wichtigen Milchsäurebakterien in unseren Scheiden nicht dauerhaft überleben.
Zur Infektionsprophylaxe und –abwehr den Jogurt mit einem gehäuften Esslöffel Vitamin C (Reinsubstanz) vermengen und in eine wiederverfallbares sauberes Glas in den Kühlschank stellen – abendlich ein bis zwei Fingerspitzen (siehe oben).

Krebsvorsorge

einmal jährlich, den Gynäkologen aufsuchen und über die Art des verwendeten Scheidengewebes informieren und darauf hinweisen, ob noch eine Prostata vorhanden ist, oder nicht. Bei der Brust empfiehlt sich die Teilnahme an einem Selbstuntersuchungskurses und somit die regelmäßige Selbstuntersuchung.
Gleitmittel: empfehlen sich fettfreie als Gleitmittel ausgewiesene Substanzen, z.B. SYLK (zu beziehen über die Kessel Marketing GmbH).

Ergänzung von Fr. Müller vom 9.6.2004 aus einer Email

"... Auch bei einer Transfrau stellt die Neovagina eine feuchte Körperhöhle dar, die tendenziell und prinzipiell gefährdet ist durch krankheitserregende Keime infiziert zu werden. Auch bei Transfrauen ist es jedoch möglich die Vagina mit natürlichen Döderleinstäbchen zu besiedeln um diese Körperhöhle stets sauber, sauer und gesund zu erhalten. Die Frage nach dem Sinn und Zweck einer "sauren Möse" liegt also überwiegend in der Prävention.
Warum keine Slipeinlagen:
Prinzipiell sollten weder Bio- noch Transfrauen Slipeinlagen verwenden, da es zur Überwärmung und mangelnder Durchlüftung kommt und zur Reizung des Genitales. Der Sinn und Zweck liegt also auch hier in der Prävention von Infektionskrankheiten ..."

2. Kinderwunsch, Sexualität, Beziehung

Pflegekind ist möglich (Berlin). Kein Gefühle an den Genitalien, keine Klitoris mehr vorhanden.
Humunkulus nicht richtig entfaltet ...dem Problem stellen, die entsprechenden Stellen beleben und immer wieder liebevoll behandeln. Evtl. Blockade im Kopf.
Professionelle Hilfe -> Deutsche Gesellschaft für praktische Sexualmedizin

3. Hormone

Wir kennen keine wissenschaftlichen Publikationen zur Hormonbehandlung bei uns. Das heißt, niemand hat nach wissenschaftlich anerkannten Methoden erforscht, welche Medikation im allgemeinen am effizientesten ist. Ein Austausch zwischen den rezeptierenden ÄrztInnen findet nur selten statt. Jede ÄrztIn macht was sie für richtig hält, auch wenn dies mitunter unreflektiert erfolgt.
Grob eingeteilt kommen trotzdem unter den BehandlerInnen folgende Richtungen der HET zu Stande. Ein Teil ist der Meinung, die Behandlung sollte zu möglichst konstanten Hormonspiegeln führen, was meist nicht begründet wird. Viele von uns werden dagegen auf eine Weise behandelt, die den Hormonzyklus der Frauen nachbildet, was auch von der Theorie her plausibel erscheint und auf offene Ohren stieß. Die Höhe der angestrebten Hormonspiegel ist sehr umstritten.
Früher war die vorherschende Meinung, daß frau nach der Ga-OP keine Gestagene bekommt, weil wir diese auf Grund mangelnder Gebärmutter nicht bräuchten. Hier deutet sich eine deutliche Tendenz an, Gestagene (nicht unbedingt Androcur) postoperativ zu verordnen. Wobei auch hier wieder Wirkstoff, Dosis und zyklisch/konstant sehr variabel sind. Die Therapien wurden nicht in der Weise kommentiert, daß es nur einen richtigen Weg gibt und es wurden Alternativen gegebenenfalls erörtert unter Berücksichtigung persönlicher Aspekte.

Hormondosierung der Teilnehmerinnen

K. (orchiektomie)

Östrogengel Gynokadin gel 1x1,25mg/Tag -> Verweiblichung/ Brustwachstum
Andracthingel (f.) (Testosteron) 2,5mg/Tag - > Erektion und Libido
Diosgeninöl 4Trp./Tag (natürliches Gestagen) -> Psyche

J. (postop)

Progynon depot 5x10mg alle 4 Wochen
Gynokadin Gel 2x1,25mg/Tag
Utrogest (100mg Progesteron) 1kps/Tag
Wegen der Leberprobleme ist eine besonders leberschonende Medikation durch Spritzen wichtig.

K. (präop)

Diane 35 (1-0-1)
Warum: Standartdosierung des konsultierten Endokrinologen in Hamburg
Probleme: Thromboserisiko (!), erhöhte Leberbelastung, atypische Dosierung – nicht über längere Zeit einnehmen, unter Umständen 6 Tage Pause

V. (präop)

Estrifam forte 2x4mg Estradiol/Tag
Androcur 1x10mg/Tag
Warum: sinnvolle Dosierung,

I. (postop)

Andracthingel (fr.) 1,25mg/Tag (stabilisiert die Psyche nach Eigenauskunft von I.)
Diosgeninöl 5trp/Tag (Gestagen)
Estrifam 2x1mg/Tag
Ovestinkrem 2x im Mon. für die Scheide
Warum: Ungewöhnlich, wegen Unverträglichkeit/Allergien, nur eine Nebenniere, Herzrhythmusstörungen

P. (präop)

Estradiol jenapharm 1x4mg/Tag
Gynokadin Gel 2 x 1,25mg/Tag (Estradiol über die Haut)
Androcur 1x10mg/Tag
Proscar finasterid 1x1mg/Tag (angeblich fördert das Haarwachstum nach P.)

B. (postop)
Trisequens forte (zyklische Östrogen-Gestagen-Kombination) 1 Tbl/Tag

S. (postop)

Estrifam forte 3x4mg/Tag
Mpa-gyn 1x5mg Medroxygosteron/Tag
Androcur 10mg/Tag
Warum: Sehr hohe Dosierung von Estradiol zu Vermeidung von Bildung massiver männlicher Körperbehaarung/trockner und juckender Haut. Teils erhöhte DHEAS-Werte.
C. (postop)

Estradiol jenapharm 2x4mg/Tag
Lafamme (2mg Dienogest (synthetisches Gestagen) und 2mg Estradiolvalerat) 1Tbl/Tag
Nach Auskunft von C. unter niedriger Dosierung Auftreten von Problemen.

K. (postop)

Estrifam forte (Estradiol) 1x4mg/Tag
Belara (0,03mg Ethinylestradiol, 2mg Chlormadinonacetat (synthetisches Gestagen)) 1Tbl/Tag
Behandlung wird anscheinend gut vertragen.
M. (postop)

Trisequens forte (zyklische Östrogen-Gestagen-Kombination) 1Tbl/Tag
Empfehlung: Utrogest nur in zweiter Zyklushälfte 2kps/Tag (Progesteron über 12h gleiche Abgabe!)

A. (postop)

Estronorm (Estradiol) 2x2 mg/Tag
Estreva gel 4 Hübe à 0,5 mg Estradiol/Tag
Evtl. noch Einnahme von Gestagen (Progesteron) „Utrogest“

Links:
Erfahrungen mit vaginalen Medikamenten von Saku
Ovestincreme+Döderlein - Anregung von Saku
Gelbe Liste Informationen über Medikamente
Lesbenberatung Berlin
Balance (Arbeitsstelle von Fr. Müller
Gesellschaft für praktische Sexualmedizin
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4 . Zusammenfassung/ Resümee



Positiv
- sehr konstruktive Diskussion
- informativ
- gute Tipps
- anschauliche Darstellung, durch Mikroskop (Scheidenflora)
- gute Gruppendynamik
- gute Fachkompetenz durch Frau S. Müller und M.
- konfliktarme Situation
- kostenlose Übernachtung wichtig
- reine Frauengruppe
- keine typischen „TS-Themen“


Negativ
- max. Gruppenstärke war erreicht
- keine gute Moderation (wegen Krankheit)
- zu kurze Pausen/ Auszeiten

Wünsch/ Vorschläge
- komplettes Wochenende, einschließlich Sonntag mehr Pausen
- zweites Abendessen am Samstag
- Arbeitsgruppen bei größerer Zahl an Teilnehmerinnen (>14 Teilnehmerinnen)
- Fortführung der Fachtagung
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