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Bohren & der Club of Gore                                             #2 (März 04)    
 
von Robert Stubenrauch

Zwischen Zeitlupentrash und Gruseljazz oder Die Gänsehaut der Meditation oder Musik der dunklen Stille oder ...

So schaurig schön wie ihre Musik ist, so irritierend sinnlos scheint der Bandname: Bohren & der Club of Gore. Eine Gruppe aus Mühlheim, Deutschland, kehrt vor 10 Jahren dem Trash den Rücken und geht einen abenteuerlich einsamen Weg, eine Gratwanderung in Richtung minimalistischer Öde, entspanntem Salonjazz und gänsehautverdächtigem Grusel. Jawohl, alles gleichzeitig! Auf der Reise lauern vielfältige Gefahren: Abgründe von tödlicher Langeweile, geschmackloser Mittelmäßigkeit und abgedroschenen Klischees tun sich auf. Aber die Reise wird zum Triumph. Diese Musik ist nicht nur Klanggenuss, sie ist ein Psychotripp! Allerdings nichts für labile Gemüter.

Bohren beginnt als Quartett mit Morten Gass (Keyboards), Thorsten Benning (Schlagzeug), Robin Rodenberg (Bass) und Reiner Henseleit (Gitarre). Schon die erste CD aus dem Jahre 1994, genannt Gore Motel, und ohne viel Aufhebens an nur einem Tag eingespielt, zeigt klar das Konzept: Entspannte Instrumentalsounds vor dem Hintergrund stark zurück genommener Rhythmen sollen Spannung erzeugen. Beunruhigende Geisterklänge von Gitarre und Synthi lösen sich atemhaft im Nichts auf, während ein Bass (noch elektrisch) endlos in unglaublicher Tiefe grummelt und von Zeit zu Zeit der Besen des Schlagzeugers metallisch zischelt. Allerdings finden sich auf dem Erstlingswerk noch belebte Reste aus der Welt des metallischen Trashrock bis hin zu Ansätzen von hektischem Chaos.

Schon ein Jahr danach folgt ein wahrer Geniestreich: die Doppel-CD Midnight Radio, ein atemberaubendes Klangwerk von epischen Ausmaßen. Die Musik ist ein Vakuum, das sich gierig mit den Stimmungen aus den entlegensten Unterbewusstseinsecken des Hörers vollsaugt. Einsamkeit, dunkle Nachstille. Geschehenlassen. Eine Meditationsübung: Anspannen, Durchatmen, Loslassen. Vielleicht Einschlafen. 140 Minuten Musik, die Tracks sind zwischen 10 und 22 Minuten lang und unterscheiden sich kaum im Aufbau. Der Beat (kann man das noch so nennen?) ist noch langsamer geworden, der Bass noch tiefer, und immer öfter akustisch, die Gitarre verliert an Dominanz. Fender-Piano und E-Gitarre mit Echo versetzen uns in die Zeit unserer Jugend zurück, in die grindigen 70-er Jahre. Höchster Effekt mit billigsten Mitteln. Ein früher Höhepunkt von Bohren und vielleicht die spannendste der ersten vier Platten (der unnötige Bonus-Schlusstrack wird zum Malus, weil er als versuchte Dance-Nummer komplett deplaciert ist; Schwamm drüber).

Die nächste CD: Sunset Mission. Das Label wurde inzwischen gewechselt, die Fotos auf Covers und im Booklet zeigen immer noch menschenlos leere, nächtliche Stadtszenen. Und die Musik? Klanglich perfekter als vorher, glatter. Die E-Gitarre wird ersetzt durch das Tenorsaxophon von Christoph Clöser, wodurch die Musik schlagartig stärker in einen Jazzkontext gerückt wird. Verstärkter Synthi-Hintergrund sorgt für dickere, etwas sülzige Atmosphäre. Dies ist die nach herkömmlichen Begriffen "schönste" Platte von Bohren, die bekömmlichste. Kaum Grund zur Beunruhigung, auch wenn manchmal schon dieser gewisse kalte Hauch zu vernehmen ist. Die Längen der Tracks haben wieder erträgliche Ausmaße angenommen, der Beat lädt öfters fast schon zum Fingerschnippen ein. Edelkitschkrimi-Soundtrack. Womit endlich das Stichwort gefallen ist: Bohren machen Soundtracks zu Kopfkino. Die Musik ist die perfekte Untermalung zur Trostlosigkeit und der psychopathischen Beengtheit von leerer Weite, wie man sie aus Ry Cooders Paris Texas kennt. Auch an Miles Davis/Marcus Millers Siesta und natürlich an Twin Peaks könnte man denken.  

Apropos Assoziationen: Diesbezüglich gönnt man dem Hörer kaum Freiraum. Die Bilder und Tracktitel drängen dem Hörer penetrant eine Schiene von stark eingeschränkten Interpretationsmöglichkeiten auf. Zu dem, was man bei der Musik assoziieren soll, gehören ausschließlich: Nacht, Depression, Großstadt, Kühle, Ahnungen von Gewalt, Okkultisches, Einsamkeit, Angst. Tod. Dies wird bis zum Überdruss suggeriert durch die Fotos - vom kalten Blick Bruce Lees über unzählige nächtliche Großstadtszenen der Verlassenheit, bis hin zum schwarzen Totenschädel auf schwarzem Hintergrund (autsch!) - und durch Musiktitel wie "Nightwolf", "Grave Wisdom" oder "Skeleton Remains" (lobenswerte Ausnahme: die unbetitelten Tracks von Midnight Radio). Muss das sein? Weder die Musik, noch der Hörer braucht diese aufdringliche Art der Sinngebung, die Sprache der Musik ist deutlich genug. Aber vielleicht denkt man ja, man müsse die Musik am Markt verankern und ihr eine neue Schublade auftun (wie wär's mit "Gothic minimal Jazz"?).  

In diesem Sinne wird dann auch die Gruft weit geöffnet: Auf Black Earth, dem bislang letzten Werk, schlägt einem der Todesmuff mit jedem Besenschlag, jedem Melotron-Gesäusel und jedem endlosen Bassbrumm penetrant ans Ohr. Akustisches Klavier. Nichts mehr zum Mitschnippen, kein Spaß. Kein Trost, außer einem Anklang von Fahrstuhl zum Schafott. Todernst. Der Hörer wird wieder gnadenlos auf die Leere in seinem Inneren, und auf die schiere Qual des Zeitverrinnens gestoßen. Die Musik sagt ihm: Auch deine Zeit wird kommen. Vielleicht ist es dir ein Trost, dass sie so langsam verrinnt wie in dieser Musik. Aber irgendwann läuft sie ab, deine Zeit!

Die CDs

Gore Motel Epistrophy LC 04603 (1994)
Midnight Radio
Epistrophy EPI 018 (1995, 2CD)
Sunset Mission
wonder won 01CD (2000)
Black Earth
wonder won 08CD (2002)

Die Labels

epistrophy
wonder

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