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Reggae und Dub zwischen Pink Floyd und
Voodoo #1 (nov 03)
von Robert Stubenrauch
Im Sommer 2003 erschienen zwei bemerkenswerte Produktionen, die ein weites stilistisches Spektrum innerhalb des Genres Reggae und Dub abdecken.
Die Easy Star All-Stars, ein speziell zusammengestelltes Musiker-Kollektiv des Reggae-Labels Easystar Records coverten Pink Floyds epochales Album "The Dark Side of the Moon", dessen Erscheinen sich heuer zum 30ten mal jährte. Bei Dub Side of the Moon handelt es sich nicht etwa um einen der branchenüblichen Remixes mit aufgesetzten Zusätzen und überbordender Elektronik, sondern die Musik wurde zur Gänze - Titel für Titel - komplett neu eingespielt und mit einem authentischen Reggae Feeling umhüllt. So gibt es reichlich den im Dub üblichen Hall, und da im Reggae Gitarren-Soli eher unüblich sind, hat man sie stilgerecht durch lässige Beiträge auf Saxofon, Posaune und Melodika ersetzt. Die Texte sind Wort für Wort die gleichen, die Abläufe, die Übergänge, das irre Lachen, die Uhr, die ekstatische Frauenstimme, alles ist noch dort, wo man es seit 30 Jahren von Pink Floyd kennt und liebt. Es ist wie bei einem Wiedersehen mit einem Freund, den man sehr viele Jahre nicht gesehen hat: nach wenigen Augenblicken ist man sich wieder vertraut.
Es ist also Pink Floyd, kein Zweifel. Und trotzdem: es ist Reggae! Beides gleichzeitig, gleichwertig! Es gelingt sogar ein kleines Lehrstück in Sachen stilistischer Bandbreite des Genres, denn verschiedenste Reggae-Rhythmen werden eingesetzt um den Stimmungen der Nummern gerecht zu werden. Die Kombination von authentischem Reggae bei gleichzeitiger "Originaltreue" ist schlichtweg umwerfend - man muss es gehört haben. Das Spannende dabei: die Charakteristik der Musik von Pink Floyd bleibt bei der Transformation in die Reggae Vibrations unversehrt erhalten.
Dieser Aha-Effekt kann aber glücklicherweise nicht die große Musikalität dieser
aufwändigen Produktion (drei Jahre wurde daran gearbeitet!) verdrängen. Nach dem
ersten Staunen bleibt auch beim wiederholten Hören eine CD, die unglaublich Spaß
macht. Das ganze Album fließt wie aus einem Guss, und die vier Bonus Tracks
(Instrumental-Versionen und Alternates) verlängern das Vergnügen dort, wo Pink
Floyd geendet haben.
African Head Charge kommen aus einer anderen - der afrikanisch-mystischen - Ecke, und sie schaffen hoch-originelle Klangwelten. Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens der Formation rund um den Percussionisten Bonjo Iyabinghi Noah erschien nun die Anthologie Shrunken Head. Die mit knappen 80 Minuten prall gefüllte CD vereint Musik aus den besten Alben der Gruppe und bringt auch bisher unveröffentlichtes Material (als Vorschau auf ein neues Album, das Anfang 2004 erscheinen wird) bzw. Neuabmischungen.
Die Musik von AHC lässt sich schwer einordnen. An der Schnittfläche zwischen Dub und Elektronica enthält sie Zutaten wie afrikanische Trommelrhythmen, Pygmäengesang, Einsteins Stimme, Drum'n'Bass Anklänge und mehr. Der Groove kommt nicht aus der Rhythmusmaschine, sondern von den Fellen der Trommeln. Kreativ eingesetzte Studiotechnik lässt immer wieder aufhorchen und verbindet Elemente alter Musiktradition mit dem aktuellen Zeitgeist.
Trotz der allgegenwärtigen Stimmen sind die Nummern kaum Songs im üblichen Sinne der Popmusik, sondern wirken eher wie rituelle Stammesgesänge. Oft ist die heraufbeschworene Stimmung mystisch beunruhigend, beklemmend fremdartig, und Assoziationen von Voodoo und psychedelischem Rausch drängen sich auf. Nicht zufällig war eine Schlüsselszene des Psychoschockers "Wild at Heart" mit Music von AHC unterlegt, einem Track der sich auch auf der vorliegenden CD findet.
Von der Kritik gelobt, haben AHC dennoch immer noch den Status eines Geheimtipps, wohl, weil ihre Musik sich so schwer kategorisieren lässt. Gerade das aber ist eine Herausforderung an den Hörer. Die vorliegende CD bietet eine großartige Gelegenheit, einen repräsentativen Querschnitt dieser hochkreativen Gruppe zu hören, ohne die teils schwankende Qualität der Originalwerke mitmachen zu müssen.
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Easy Star All-Stars "Dub
Side of the Moon", EFA CD 32112 (Ixthuluh) African Head Charge "Shrunken Head", ON-U SOUND ONUCD1007 (Ixthuluh) |