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Arthurs
Siege über Sachsen, Schotten, Pikten und Iren
IX,1.
Nach Utherpendragons Tod trafen die Fürsten der Briten aus den verschiedenen
Provinzen in der Stadt Silchester25 zusammen und rieten dort dem
Erzbischof Dubricius26 von Legionenstadt27, Arthur, den
Sohn Uthers28, zum König zu krönen. Die Notwendigkeit trieb sie
dazu; denn sobald die Sachsen vom Tod jenes Königs hörten, riefen sie ihre
Landsleute aus Germanien herbei und bemühten sich unter der Führung Colgrins29,
die Briten auszurotten. Sie hatten sich bereits ein ganzes Stück der Insel
unterjocht, das sich vom Humber Fluß bis
zum Caithness Meer30 erstreckt. Nachdem
Baldulf33 diese Flucht seines Bruders erfahren hatte, zog er mit
sechstausend Mann zur Belagerung, um den Eingeschlossenen zu befreien. Er hatte
zu der Zeit, als sein Bruder gekämpft hatte, an der Küste des Meeres auf die
Ankunft des Herzogs Cheldric34 gewartet, der ihm aus Germanien zu
Hilfe kommen sollte. Als Baldulf nun zehn Meilen von York entfernt war, entschloß
er sich zu einem Nachtmarsch, um unbemerkt anzugreifen. Davon erfuhr Arthur und
befahl Herzog Cador von Cornwall, Baldulf mit sechshundert Reitern und
dreitausend Fußkriegern in derselben Nacht entgegenzutreten. Er erreichte die
Straße, auf der die Feinde hinzogen, machte einen überraschenden Angriff,
zerfleischte und tötete die Sachsen und zwang die übrigen zu fliehen.
Infolgedessen ärgerte sich Baldulf über die Maßen darüber, daß er nicht
imstande war, seinem Bruder Hilfe zuzuführen, und überlegte sich, wie er ein
Gespräch mit ihm führen könnte: er meinte nämlich, durch gemeinsame Beratung
wäre es möglich, Rettung zu finden, wenn er nur vor das Angesicht seines
Bruders zu treten vermöchte. Da
sich ihm kein Zutritt auf andere Weise bot, schnitt er sich die Haare und den
Bart ab und stattete sich wie eine Spielmann mit einer Harfe35 aus.
Er schritt dann im Lager auf und ab und gab sich durch Melodien, die er auf der
Harfe spielte36, als Harfenspieler37 aus. Da er keinem
verdächtig schien, näherte er sich allmählich den Mauern der Stadt immer
mehr, indem er seine angenommene Verstellung weiterführte. Nachdem ihn schließlich
die Belagerten wahrgenommen hatten, wurde er mit Seilen auf die Mauer gezogen
und zu seinem Bruder geleitet. Als er danach den Brude erblickt hatte, munterte
er ihn mit Küssen und Umarmungen nach Herzenslust auf, so als ob der vom Tode
wiedererweckt worden wäre. Nach vielfältigen Beratungen verzweifelten sie
schließlich schon daran, wieder freizukommen; da kehrten die Boten aus
Germanien zurück, die sechshundert Schiffe unter der Führung Cheldrics nach
Schottland gebracht hatten, mit tapferen Kriegern beladen. Arthurs Berater
erfuhren das und rieten ihm davon ab, die Belagerung länger fortzusetzen, damit
sie nicht, wenn eine derartig große Feindesmacht sie überfiele, sich in eine
verzweifelte Schlacht einließen. IX,2.
Arthur nahm den Rat seiner Vertrauten an und zog sich in die Stadt London38
zurück. Dort rief er den Klerus und die Fürsten aus seinem ganzen Machtbereich
zusammen und fragte sie nach ihrer Ansicht, was er als das Beste und
Vorteilhafteste gegenüber der Invasion der Heiden unternehmen sollte. Mit
allgemeiner Zustimmung wurden
Boten in die Bretagne39 zu König Hoel40 gesandt, um ihn
von dem Unheil Britanniens in Kenntnis zu setzen. Hoel war der Sohn von Arthurs
Schwester und hatte Budicius41, den König der armorikanischen Briten42,
zum Vater. Sobald er die Bedrückung vernahm, die seinem Oheim widerfuhr, befahl
er seiner Flotte, sich klar zum Gefecht zu machen; fünfzehntausend Bewaffnete
zog er zusammen und fuhr bei günstigen Fahrtwind bis Southampton43.
Arthur empfing ihn mit geziemenden Ehren, und beide schlossen sich sehr oft in
die Arme. IX,3.
Sie ließen danach einige Tage verstreichen und begaben sich dann zu der Stadt
Kaerluideoit44, die von den oben erwähnten Heiden belagert wurde.
Sie liegt auf einem Berg, zwischen zwei Flüssen in der Provinz Lindsey45
und heißt mit anderem Namen Lincoln46. Nachdem sie dort mit ihrer
ganzen Macht eingetroffen waren, um mit den Sachsen zu kämpfen, richteten sie
ein unerhörtes Blutbad an; sie töteten nämlich an demselben Tag sechstausend
Mann, die teils in den Flüssen ertranken, teils von Waffen getroffen ihr Leben
verloren. Dadurch wurden die übrigen erschreckt, gaben die Belagerung auf und
ergriffen die Flucht. Arthur
verfolgte sie unablässig, bis sie den Caledon Wald47 erreichten.
Dort kamen sie auf ihrer Flucht von allen Seiten zusammen und versuchten, sich
Arthurs zu erwehren. So entstand ein Handgemenge, sie verteidigten sich mannhaft
und bereiteten den Briten ein Blutbad, sie nahmen sich Bäume zu Hilfe und schützten
sich vor den Waffen der Briten. Kaum hatte Arthur das bemerkt, da lies er Bäume
um diesen Teil des Waldes herum fällen und ihre Stämme in einem Kreis so
gruppieren, daß ihnen jedes Entkommen daraus verwehrt wurde; Arthur wollte nämlich
die Eingeschlossenen so lange belagern, bis sie Hungers starben. Nachdem das
getan war, ordnete er an, daß seine Truppen den Wald umstellten, und blieb drei
Tage dort. Als die Sachsen nichts mehr zum Essen hatten, um sich vor dem
schnellen Hungertod zu bewahren, baten sie, unter der Bedingung herauskommen zu
dürfen, daß sie alles Gold und Silber zurückließen und nach Germanien mit
nichts anderem als ihren Booten heimkehren dürften. Auch versprachen sie, ihm
von Germanien aus Tribut zu zahlen und von dort Geiseln zu schicken. Da beriet
sich Arthur und willigte in ihr Anerbieten ein. Er behielt also all ihre Schätze,
nahm Geiseln für die Tributzahlung und gestattete nur die reine Abfahrt, ohne
etwas mitzunehmen. Nachdem
Arthur das gesprochen hatte, erklomm der heilige Dubricius, Erzbischof von
Legionenstadt, den Gipfel eines Hügels und rief mit erhobener Stimme: „Ihr Männer
des christlichen Glaubens, in euch wohne die Liebe zu euren Landsleuten und zu
eurem Vaterland! Sie, die durch den Verrat der Heiden fortgejagt wurden, werden
ein ewiger Vorwurf für euch sein, wenn ihr sie nicht eifrig zu schützen
trachtet. Streitet für euer Vaterland und ertragt willig um seinetwillen den
Tod, wenn er euch ereilt! Denn das ist der Sieg und das Heil für die Seele.
Jeder, der den Tod für seine Brüder erleidet, bietet sich als lebendes Opfer
Gott dar und schwankt nicht, Christus nachzufolgen, der es nicht verschmähte,
sein Leben für seine Brüder zu lassen. Wenn also einer von euch in diesem
Krieg den Tod findet, dann soll der Tod für ihn Buße und Absolution von allen
seinen Sünden sein, sofern er sich dem nicht entzieht, den Tod auf seine Weise
anzunehmen.“ Sogleich beeilte sich jeder, von dem Segen des heiligen Mannes
beschwingt, die Waffen zu ergreifen und dessen Befehlen zu gehorchen. König
Arthur stellte seine Leute in Abteilungen zur Schlacht auf und griff dann kühn
die Sachsen an, die nach ihrer Art keilförmig gereiht waren. Den ganzen Tag
leisteten sie mannhaften Widerstand und schlugen auf die Briten in einen fort
ein. Gegen Sonnenuntergang schließlich besetzten sie Sachsen den nächsten
Berg, um sich auf ihm zu lagern. Im Vertrauen auf die mächtigen Bundesgenossen
schien ihnen der Berg an sich genügend zu helfen. Als jedoch die nächste Sonne
den Tag wiederbrachte, erstieg Arthur mit seinem Heer den Gipfel, verlor jedoch
bei dem Aufsteig viele Mannen. Die Sachsen konnten ja, von der Höhe entgegenstürmend,
leichter Wunden schlagen, weil sie mit schnellerem Schritt hinabsteigen konnten
als jene hinauf. Trotzdem erreichten die Briten den Gipfel durch höchste
Anstrengung und verwickelten sofort die Feinde in ein Handgemenge. Ihnen
streckten die Sachsen ihre Brust entgegen und bemühten sich mit aller Macht
standzuhalten. Als
der größte Teil des Tages in dieser Weise vorübergegangen war, geriet Arthur
darüber in Entrüstung, daß es für die Feinde noch so gut stünde und der
Sieg sich ihnen noch nicht nahte. Er zückte sein Schert Caliburn, rief den
Namen der heiligen Maria und stürzte sich mit raschem Ungestüm in die Reihen
der Feinde. Jeden, auf den er stieß, tötete er, indem er Gott anrief, mit
einem einzigen Streich. Mit seinem Angreifen hielt er nicht eher ein, als bis er
allein mit seinem Schwert Caliburn vierundsiebzig Mann aus dem Weg geräumt
hatte. Als die Briten das bemerkten, stürzten sie in dicht geschlossener
Formation hinter ihm her und richteten überall ein Blutbad an. Es fielen dort
Colgrin und sein Bruder Baldulf, sowie viele tausend andere. Cheldric hingegen
wandte sich sofort, als er die Gefahr für die Bundesgenossen erkannt hatte, mit
den übrigen zur Flucht. König
Arthur errang also den Sieg und hieß dann Herzog Cador von Cornwall die Sachsen
verfolgen, während er selbst eilends nach Schottland zog. Es war nämlich
gemeldet worden, daß die Schotten und Pikten Hoel53 in der Stadt
Alclud belagerten, wo Arthur, wie gesagt, ihn schwer erkrankt zurückgelassen
hatte. Er beeilte sich, ihm zu Hilfe zu kommen, damit er nicht von den Barbaren
gefangen genommen würde. Der Herzog von Cornwall wollte mit zehntausend Mann
die Sachsen noch nicht verfolgen, sondern stürmte zu ihren Booten um das
Einschiffen zu verhindern. Sobald er sich der Boote bemächtigt hatte, bemannte
er sie mit seinen besten Kriegern, welche die Heiden daran hindern sollten, an
Bord zu gehen, wenn sie zu ihren Booten flüchteten. Danach eilte er, die Feinde
zu verfolgen und, wenn er sie fand54, erbarmungslos niederzumetzeln,
um Arthurs Befehl auszuführen. Die
Sachsen, die eben noch mit angeborenem Grimm wie der Blitz losgefahren waren,
liefen jetzt furchtsamen Herzens davon; einige von ihnen flüchteten in
Geheimverstecke der Wälder, andere strebten zu den Bergen und deren Höhlen, um
sich noch eine Frist zum Leben zu verschaffen. Da sich ihnen zuletzt nichts mehr
zum Schutze darbot, fuhren sie bis zur Insel Thanet55, die Reihen
gelichtet56. Der Herzog von Cornwall verfolgte sie bis dahin,
richtete wie üblich ein Blutbad an und ruhte nicht eher, als bis er Cheldric
getötet, alle sich zu ergeben gezwungen und Geiseln erhalten hatte. IX,6.
Nachdem der Friede so gesichert war, begab er sich nach Alclud, das Arthur
bereits von der Bedrückung durch die Barbaren befreit hatte. Er führte dann
sein Heer nah Moray57, wo die Schotten und Pikten belagert wurden;
sie hatten dreimal gegen den König und seinen Neffen gekämpft, waren von ihm
überwunden worden und bis in diese Provinz geflohen. Dann erreichten sie den
Loch Lomond58, besetzten die Inseln darin, um sichere Zuflucht zu
finden. Der See enthält sechzig59 Inseln, nimmt sechzig Flüsse auf,
und nur ein einziger fließt aus ihm ins Meer. Auf diesen Inseln befinden sich
bekanntlich sechzig Felsenklippen, die genauso viele Adlernester tragen – die
Adler pflegten jedes Jahr sich zu sammeln und zeigten mit hohem Gekreisch, das
sie gemeinsam ausstießen, Wunderbares an, das im Königreich eintreffen sollte.
Zu diesen Inseln waren die Feinde, wie gesagt, geflüchtet, um sich vom See
beschützen zu lassen; das nützte ihnen freilich wenig, Arthur zog nämlich
eine Schiffsflotte zusammen, segelte um die Flüsse herum und nahm die Feinde
dadurch, das er sie fünfzehn Tage lang belagerte, durch Aushungerung so hart
mit, daß an die tausend starben. Während
er sie auf diese Weise hart bedrängte, stieß König Gilmaurius60
von Irland mit einer mächtigen Masse Barbaren AUF Schiffen hinzu, um den Bedrängten
Hilfe herbeizuschaffen. Arthur hob daher die Belagerung auf und wandte seine
Waffenmacht gegen die Iren61, zerfleischte sie unbarmherzig und zwang
sie heimzufahren. Als er den Sieg errungen hatte, war er wieder dafür frei, das
Volk der Schotten und Pikten vernichtend zu schlagen, und wandte unnachgiebige
Strenge an. Da er keinen verschonte, sowie er ihn fand, versammelten sich alle
Bischöfe dieses bejammernswerten Landes mit der ganzen ihnen ergebenen
Geistlichkeit und trugen barfuß die Reliquien ihrer Heiligen und die Schätze
ihrer Kirchen, um das Mitleid des Königs für die Rettung ihres Volkes zu
erflehen. Sobald sie vor das Angesicht des Königs gelangten, fielen sie auf die
Knie und flehten ihn um Gnade an für ihr aufgeriebenes Volk. Er habe ihnen ja
genug Verderben gebracht, und es bestehe keine Notwendigkeit, die paar Leute,
die noch übrig geblieben seien, bis auf den letzten zu vernichten; er möge
ihnen gestatten, nur ein Stückchen ihres eigenen Landes in Besitz zu behalten,
sie würden obendrein das Joch ewiger Knechtschaft auf sich nehmen. Als sie den
König in dieser Weise angingen, rührte ihn mitleidige Güte zu Tränen; er gab
den Bitten der heiligen Männer nach und gewährte Begnadigung. IX,7.
Nach diesen Ereignissen sah sich Hoel den erwähnten See näher an und war überrascht,
daß so viele Flüsse, Inseln, Felsen und Adlernester in genau der gleichen Zahl
vorhanden waren. Als er das zu den Wundern gerechnet hatte62, kam
Arthur hinzu und erzählte ihm, daß ein anderer See in derselben Gegend noch
wunderbarer sei. Der lag nicht weit davon entfernt, besaß eine breite von
zwanzig Fuß und eine Länge desselben Ausmaßes, aber eine Tiefe von nur fünf
Fuß. Entweder war er durch menschliche Kunst oder die Natur quadratisch
gestaltet und brachte vier verschiedene Arten Fische in seinen vier Ecken
hervor, und die Fische des einen Teils wurden niemals in einem anderen gefunden. Arthur
fügte hinzu, es gebe in den Teilen von Wales63 nahe dem Severnfluß64
noch einen anderen See, den die Einwohner dort Lin Ligua65 nennen.
Wenn sich das Meer in diesen See ergießt, dann wird es wie in einer bodenlosen
Tiefe verschlungen; und wenn er die Flut einschlürft, dann füllt er sich
keineswegs so, das er den Uferrand überdeckt. Wenn die Flut abebbt, dann stößt
er das Wasser, das er verschlungen hat, hoch wie einen Berg aus und bedeckt und
bespritzt erst jetzt mit dem Wasser die Ufer. Wenn unterdessen die Leute aus der
ganzen Gegend sich mit zugewandtem Gesicht in die Nähe stellen, wobei ihre
Kleider den Wasserregen auffangen würden, dann könnten sie es kaum oder nie
vermeiden, vom See verschlungen zu werden; wenn sie jedoch den Rücken kehrten,
dann wäre kein Besprengtwerden zu befürchten, auch wenn sie am Ufer stünden.
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