Arthurs Geburt
Zurück Home Nach oben Weiter

 

Arthurs Geburt, Tod seines Vaters Utherpendragon

VIII,19. Nach diesem Sieg (über die Sachsenführer Octa und Eosa) eilte er (der Britenkönig Uther1) in die Stadt Alclud2, sorgte für geordnete Verhältnisse in dieser Gegend und stellte überall den Frieden wieder her. Er suchte auch alle Stämme der Schotten auf und führte das widerspenstige Volk aus seiner Wildheit heraus, denn er richtete solche Gerechtsame in ihren Landen ein, wie es keiner seiner Vorgänger getan hatte. So zitterten denn in diesen Tagen alle, die ein Verbrechen begangen hatte, weil sie ohne Erbarmen bestraft wurden. Als er die Nordprovinzen zur Ruhr gebracht hatte, begab er sich nach London und ließ dort Octa und Eosa gefangen halten.

Zum nächsten Osterfest hieß er die Adligen des Königreiches in derselben Stadt zusammenkommen, damit er gekrönt wurde und einen so bedeutungsvollen Tag ehrenvoll feierte. Alle kamen dem nach, ein Jeder reiste aus seiner Stadt herbei und versammelten sich zur bevorstehenden Feier. So beging der König das Fest, wie er es sich vorgenommen hatte. Viele Adlige nämlich, die es verdienten, an frohem Beisammensein teilzunehmen, hatten sich mit ihren Ehefrauen und Töchtern eingefunden.

Unter anderem befand sich dort der Herzog Gorlois von Cornwall mit seiner Frau Ygerna3, deren Schönheit alle Damen Britanniens übertraf. Als sie der König unter den anderen erblickte, so daß er von den übrigen keine Notiz nahm, sondern seine ganze Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Sie allein war es, der er unablässig Platten mit Speisen zukommen und durch seine Diener goldene Pokale bringen ließ. Er lächelte ihr oftmals zu und fügte scherzhafte Bemerkungen dazwischen. Sowie ihr Ehemann das wahrnahm geriet er gleich in Zorn und verließ den Hof, ohne sich zu verabschieden. Keinen gab es der ihn davon abzuhalten vermochte – er fürchtete nämlich, das einzige zu verlieren, was er mehr als alles andere liebte. Erzürnt befahl ihm Uther, an seinen Hof zurückzukehren, daß er für die erfahrene Beleidigung Genugtuung erhielte. Nachdem sich Gorlois geweigert hatte, ihm zu gehorchen, war der König tief empört und schwor den Eid, das Land des Gorlois zu verwüsten, wenn er nicht herbeieilte, sich gehörig zu entschuldigen.

Ohne Aufschub zog der König, da jene erbitterte Stimmung zwischen ihnen herrschte, ein großen Heer zusammen, ritt in die Grafschaften Cornwalls und legte viel Feuer an Städte und Burgen4. Gorlois aber wagte nicht, sich im offenen Kampf mit ihm zu messen, weil er ihm in der Zahl der Bewaffneten unterlegen war; er zog es daher vor, seine Burgen zu befestigen, bis er Hilfe von Irland erhalten hatte. Da er sich um seine Frau mehr Sorgen machte als um sich selber, ließ er sie am Ufer des Meeres in Schloß Tintagol zurück, daß er für die sicherste Zufluchtsstätte hielt. Er selber begab sich in die Bergfestung Dimilioc5, damit sie nicht beide, wenn das Unglück über sie käme, zugleich gefährdet wären. Als das dem König berichtet wurde, begab er sich zu dem Bollwerk, in dem dich Gorlois befand, belagerte es und versperre jeden Zugang zu ihm.

Als schließlich eine Woche vergangen war, trat dem König seine Liebe zu Ygerna wieder ins Bewußtsein. Er rief Ulfin von Ridcaradoch6 zu sich, einen vertrauten Waffenbruder, und offenbarte ihm, worauf er bedacht war, in folgenden Worten: „ich werde von der Liebe zu Ygerna verzehrt“, sagte er, „und wenn ich ihrer nicht habhaft werde, dann glaube ich, mein Leben verlieren zu müssen. Du mußt mir raten, wie ich erreiche, was ich begehre; oder ich werde sonst vor Herzenskummer umkommen.“ Darauf antwortete Ulfin: „Wer ist denn imstande, dir einen Rat zu geben, wo wir an sie innerhalb der Burg Tintagol herankommen, wenn keine Macht dahin vorzudringen vermag? Die Burg liegt nämlich am Meer und ist so von allen Seiten umschlossen, und es gibt keinen Zugang als den, welchen eine Felsenenge bietet. Den können schon drei bewaffnete Krieger sichern, auch wenn du mit dem ganzen Königreich Britannien aufmarschiertest. Doch wenn sich der Zauberer Merlin7 eifrig darum bemühte, könntest du mit seinem Rat, so denke ich, erlangen was du begehrst.“ Im Vertrauen darauf befahl also der König, Merlin zu rufen; der war ebenfalls zu der Belagerung gekommen.

Sowie Merlin auf die eilige Aufforderung vor dem König erschien, wurde ihm befohlen, wie der König sein Verlangen nach Ygerna gestillt bekommen könnte. Da Merlin den Kummer bemerkte, den der König ihretwegen litt, wurde er über dessen heftige Leidenschaft betroffen und sprach: „ Damit du erreichst, was du begehrst, mußt du Methoden anwenden, die neu und in deiner Zeit unerhört sind. Durch meine Wundermittel weiß ich dir das Aussehen des Gorlois zu geben, daß du ihm in allem gleichst. Wenn du also darauf eingehst, werde ich dich ihm gänzlich gleich machen und Ulfin ganz gleich dem Jordan8 von Tintagol, dem Gefährten des Gorlois. Ich werde eine andere Gestalt annehmen und als dritter mit dabei sein, und du wirst ungefährdet an die Burg zu Ygerna gelangen und eingelassen werden.“

So stimmte denn der König zu und bewies seine Umsicht. Schließlich vertraute der die Belagerung seinen Untergebenen an, überließ sich Merlins Zaubermitteln und wurde in die Gestalt des Gorlois verwandelt. Ulfin wurde in Jordan und Merlin in Britael9 verzaubert, so daß sie niemandem als das erschienen, was sie vorher gewesen waren. Dann machten sie sich auf den Weg nach Tintagol und gelangten in der Dämmerung vor die Burg. In diesem Augenblick, in welchem dem Wächter gemeldet wurde, daß der Herzog10 angekommen sei, öffnete er das Tor und ließ die Männer ein. Wer konnte denn in der Tat etwas anderes vermuten11, da es ganz und gar so schien, als ob es der Gorlois selber wäre? So verbrachte der König diese Nacht mit Ygerna und erquickte sich an dem ersehnten Beilager. ER hatte sie ja durch die falsche Gestalt getäuscht, die er angenommen hatte, getäuscht auch durch die erdichteten Reden, die er auszuschmücken verstand. ER behauptete nämlich, er sei heimlich aus seiner belagerten Festung entwichen, um sich um sie, den ihm so am Herzen liegenden Schatz, und um seine Burg zu kümmern. Sie glaubte ihm daher und schlug ihm nichts ab, was er verlangte. Diese Nacht empfing sie den berühmtesten Mann, den Arthur, der später wegen seines ungewöhnlichen Heldentums gefeiert wurde, wie er es verdiente.

VIII,20. Als man unterdessen bei der Belagerung entdeckte, daß der König nicht anwesend war, versuchte sein Heer unüberlegt handelnd, die Mauern einzureißen und den belagerten Herzog zur Schlacht herauszufordern. Der Herzog, ebenfalls unbedacht, machte mit seinen Krieger einen Ausfall, da er wähnte, sich mit seinen eigenen kleinen Haufen so vieler Bewaffneter erwehren zu können. Während das Ringen hin und her ging, wurde Gorlois unter den ersten getötet, und seine Leute wurden zersprengt; die belagerte Burg wurde erobert und die Schätze, die sich dort angehäuft hatten, nicht gerecht verteilt; denn jeder raubte mit seinen eigenen Krallen, was glücklicher Zufall und Energie ihm in den Weg warfen. Nachdem sich endlich die Wut in diesen kühnen Unternehmen gelegt hatte, kamen Boten zu Ygerna, um ihr den Tod des Herzogs und das Ende der Belagerung anzuzeigen. Als sie aber neben ihr den König in der Gestalt des Herzogs sitzen sahen, wurden sie rot und verwirrt, darüber, das derselbe Mann, den sie bei der Belagerung getötet verlassen hatten, so unversehrt hier vor ihnen angekommen war; sie wußten ja nichts von den durch Merlin zubereiteten Zaubermitteln. Der König lachte über derartiges Gerede und schlang seine Arme um die Herzogin mit folgenden Worten: „ich bin nicht getötet, sondern lebe, wie du siehst. Jedoch betrübt mich die Zerstörung meiner Feste sowie das Blutbad unter meinen Gefährten. Daher müssen wir fürchten, daß der König hierher kommt und uns in dieser Burg gefangen nimmt. Ich will ihm deshalb entgegengehen und mit ihm Frieden schließen, damit uns kein Unheil widerfährt.“

Der König ging also fort und begab sich zu seinem eigenen Heer; sowie er die Gestalt des Gorlois abgelegt hatte, wurde er wieder Utherpendragon. Nachdem er das ganze Geschehen erfahren hatte, trauerte er um den Tod des Gorlois, freute sich aber, daß Ygerna von ihrer Ehebindung befreit war. Er kehrte daher zur Burg Tintagol zurück, nahm sie ein, brachte Ygerna in seinen Besitz und erreichte damit, was er begehrte. Danach lebten sie zusammen, durch große Liebe zueinander vereint, und bekamen einen Sohn und eine Tochter; der Name des Knaben war Arthur, der des Mädchens Anna.

VIII,21. Tage und Jahre waren vergangen, da befiel den König eine Krankheit und quälte ihn viele Tage. Unterdessen flohen die Gefangenenwärter, welche die oben erwähnten Octa und Eosa bewachten und dabei ein verdrießliches Leben führten, mit ihren Gefangenen nach Germanien und setzten damit das Königreich in Schrecken; das Gerücht behauptete nämlich, daß sie bereits Germanien aufgewiegelt und eine sehr große Flotte ausgerüstet hätten, um der Insel zum Verderb zurückzukehren. Das geschah dann auch. Sie kamen nämlich mit einer mächtigen Flotte zurück und mit unzähligen Bundesgenossen, fielen in Teile Schottlands ein und machten sich daran, Städte und Bewohner12 mit Feuer zu vernichten. Das britische Heer wurde dem Loth

von Lodonesia13 unterstellt, um den Feind möglichst fern zu halten. Dieser Fürst14 war ein sehr entschlossener Krieger, an Alter und Weisheit gereift. Da seine Tüchtigkeit dazu einlud, hatte ihm der König seine Tochter Anna gegeben und die Verwaltung seines Königreichs, solange er der Krankheit unterliege. Nachdem Loth gegen die Feinde ausgezogen war, wurde er von ihnen oftmals wieder zurückgeschlagen, so daß er sich in die Städte zurückzog. Häufiger aber jagte und zersprengte er sie und zwang sie, entweder in die Wälder oder zu ihren Schiffen zu fliehen. Zwischen den beiden Parteien war der Ausgang der Kämpfe zweifelhaft, so daß man nicht wußte, wem der Sieg zufallen würde. Die Überheblichkeit aber schadete den Briten15, weil sie es verschmähten, den Befehlen ihres Führers zu folgen. Daher waren sie schwächer und nicht imstande, über die bedrängenden Feinde zu triumphieren.

VIII,22. Als fast die ganze Insel verwüstet war und das dem König verkündet wurde, erregte er sich mehr, als es seine Krankheit erlaubte, und lud alle Fürsten zur Zusammenkunft ein, damit er sie wegen ihres Hochmuts und ihrer Schwäche tafle; und als er sie alle vor sich erblickte, hielt er eine Strafpredigt mit scheltenden Worten und schwor, selber sie gegen den Feind zu führen. Er befahl, eine Sänfte für ihn zu bauen, mit der er weggetragen werde, weil seine Krankheit eine Fortbewegung anderer Art verbot. Er forderte auch alle auf, in Bereitschaft zu sein, so daß sie gegen den Feind losmarschieren könnten, wenn sich eine günstige Gelegenheit ergäbe. Die Sänfte wurde unverzüglich hergestellt, alle waren gerüstet, und der günstige Zeitpunkt stand unmittelbar bevor.

  VIII,23. Als sie den König in die Sänfte gelegt hatten, brachen sie nach St. Albans16 auf, wo jene Sachsen allem Volk über zusetzten. Nachdem Octa und Eosa davon unterrichtet waren, daß die Briten eingetroffen seien und ihr König in einer Sänfte herbeigeschafft worden sei, da hielten sie es für unwürdig, mit ihm zu kämpfen, weil er in einem Transportmittel gekommen sei. Sie sagten nämlich, daß er halbtot sei und es sich für starke Männer nicht geziemte, mit einer Person in diesem Zustand den Kampf zu führen. Daher zogen sie sich in die Stadt zurück und ließen die Tore offen, als ob sie nicht befürchteten. Sowie das aber Uther gemeldet wurde, befahl er, sogleich die Stadt einzuschließen und die Mauern von jeder Seite zu bestürmen. Die Briten17 gehorchten ihm, schlossen die Stadt ein und stürmten gegen die Mauern an. Sie richteten unter den Sachsen ein Blutbad an, rissen fast die Mauern ein und wären eingedrungen, wenn sich die Sachsen nicht zuletzt doch daran gemacht hätten, Widerstand zu leisten. Da nämlich die Briten das Übergewicht gewannen, bereuten die Sachsen18 ihren anfänglichen Hochmut und drängten überall zu Abwehr. Sie kletterten auf die Mauern und schlugen die Briten mit Waffen aller Art zurück. Als sie auf beiden Seiten um die Entscheidung rangen, brach schließlich die Nacht herein, die alle von den Waffen zur Ruhe rief. Viele verlangten nach ihr, doch die Mehrheit nach einem Mittel, mit dem sie die Feinde vernichten könnten.

Die Sachsen erkannten, daß ihr Hochmut ihnen geschadet, die Briten aber fast gesiegt hatten; daher entschlossen sie sich, bei Tagesanbruch einen Ausfall zu machen und ihre Gegner zu einer Schlacht im offenen Feld herauszufordern. Das geschah dann auch. Sobald Titan19 den Tag heraufgeführt hatte, marschierten sie in geordneten Haufen heraus, um ihren Plan auszuführen. Die Briten, welche das bemerkten, teilten ihre Krieger in Trupps ein, rückten entgegen und begannen den ersten Angriff. Die Sachsen setzten sich sofort zur Wehr, stürmten auf die Briten los, und beide Parteien richteten gegenseitig ein Blutbad an. Schließlich fiel, als der Tag weit vorgerückt war, dem Britenkönig der Sieg zu, Octa und Eosa aber wurden getötet, und die Sachsen wandten sich zur Flucht. Den König ergriff darüber so große Freude, daß er, vorher unfähig, sich ohne die Hilfe eines anderen zu erheben, sich jetzt mit geringer Anstrengung in seiner Sänfte aufrecht setzte, als ob er plötzlich seine Gesundheit wiedererlangt hätte. Er brach sogar in Lachen aus und brachte mit heiterer Stimme folgende Worte hervor: „Die Ambronen20 pflegten mich den halbtoten König zu nennen, weil21 ich von Krankheit sehr ermattet auf meiner Sänfte lag. Ich war es allerdings. Doch ich will lieber halbtot sie besiegen als heil und gesund mit froher Lebenshoffnung besiegt zu werden. Ein Tod in Ehren ist wertvoller als ein Leben in Schande.“

VIII,24. Als die Sachsen, wie gesagt, in die Flucht geschlagen waren, ließen sie deswegen nicht von ihrem schlimmen Verhalten, sondern zogen in die nördlichen Provinzen und quälten unablässig die Bevölkerung. König Uther drängte darauf, sie zu verfolgen, wie er sich vorgenommen hatte; aber seine Fürsten rieten ihm davon ab, weil ihm die Krankheit nach dem Sieg noch heftiger zusetzte. Infolgedessen traten die Feinde kühner auf und bemühten sich mit allen Mitteln, das Reich in ihre Gewalt zu bringen. Sie nahmen wie üblich zum Verrat Zuflucht und sannen darauf, wie sie den König hinterlistig umbrächten; da jeder andere Schritt nicht in Betracht kam, entschlossen sie sich ihn mit Gift zu beseitigen. Und das geschah auch. Während Uther krank in der Stadt St. Albans lag, schickten sie Späher in Bettlerkleidung, welche die Verhältnisse am Hof auskundschaften sollten. Als sie sich über alles informiert hatten, entdeckten sie unter anderem das eine, das sie sich für ihren Verrat aussuchten. In der Nähe des Hofes gab es nämlich eine Quelle mit sehr klarem Wasser, das der König zu trinken pflegte, da er die anderen Flüssigkeiten wegen seiner Krankheit verschmähte. Diese ruchlosen Schurken gingen zu der Quelle und tränkten sie ganz und gar mit Gift, so daß alles ausströmende Wasser infiziert wurde. Als nun der König davon trank, erlag er sofort dem Tod. Noch hundert Leute starben mit ihm, bis man endlich die Schurkerei aufdeckte und einen Haufen Erde darauf schüttete. Sobald sich der Tod des Königs verbreitet hatte, kamen die Bischöfe mit der Geistlichkeit des Königreichs herbei und brachten seine Leiche ins Ambrius-Kloster22 und bestatteten sie mit königlichen Ehren an der Seite des Aurelius Ambrosius23 in Stonehenge24. 

 

 
Hosted by www.Geocities.ws

1