Der sogenannte "GENERATIONENKONFLIKT" und seine voelkisch-nationalsozialistischen Wurzeln

The so-called "Generation-Conflict" and its voelkisch-nationalsocialist Roots


Neben dem ideologisch gepraegten Klischee der "Gefolgschaftsdemokratie" (vgl. Die "Gefolgschaftsdemokratie" Harald Roths und deren dunkle Herkunft) liegt ein weiteres Klischee vor, das aus demselben voelkisch-nationalsozialistischen Ideenpool herkommt: der "Generationenkonflikt" als Bestandteil der propagandistisch-rechtfertigenden Trias, welche die in Siebenbuergen in den spaeten 20er und fruehen 30er Jahren des 20. Jhs. aufstrebenden NS-Kraefte gegen die buergerliche politische Fuehrung ins Feld fuehrten. Dazu zaehlten auch:

- das Postulat, sich selbst um die angebliche "Demokratisierung" der einheimischen politischen Einrichtungen und Gepflogenheiten bemueht zu haben entgegen einer undemokratischen, verkrusteten, "reaktionaeren" politischen Fuehrungsschicht;

- das Postulat, die buergerliche Fuehrungselite sei grundsaetzlich zu keinerlei Dialog mit den um "aufrichtige" Demokratisierung des "Volkslebens" bemuehten jungen, "neuen" politischen Kraeften (lies: radikalen Nationalsozialisten) bereit gewesen, weil dazu unfaehig.

In der kritischen Uebersicht der
 


13 bedenkliche Punkte


 

fuehrte ich unter Punkt "I" in Verbindung mit Punkt "H" bezueglich des "Generationenkonfliks" aus:
 


H.

Die Apologetik in Sachen rumaeniendeutscher Nationalsozialisten geht soweit, zu behaupten, deren Kampf gegen die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen (Landeskirche als Volkskirche, repraesentatives Wahlrecht, Schule als kirchliche Institution, Bruder-
und Schwesterschaften usw.) habe die allumfassende Demokratisierung bezweckt, eine in ihrem Zynismus kaum ueberbietbare Behauptung.

I.


 

Dasselbe gilt von einem weiteren Postulat der einheimischen Nationalsozialisten: die Auseinanderstzungen der 30er Jahre seien ausschliesslich ein Generationenkonflikt. Damit soll angedeutet werden, dass die Anhaenger der "Bewegung" vor allem im jugendlichen Alter waren, was eigentlich im Widerspruch steht zum Anspruch, die Mehrheit des siebenbg.-saechsischen Volkes sei hinter ihnen gestanden.
 

Wie nehmen sich nun Harald Roths Ausfuehrungen in Sachen "Generationenkonflikt" in seiner "bahnbrechenden" Schrift Politische Strukturen und Stroemungen bei den Siebenbuerger Sachsen 1919-1933 (Studia Transylvanica Bd.22, Koeln Weimar Wien 1994) in diesem kritischen Kontext aus?

Roth schreibt:

Anlaesslich dieser Tagung [die von dem von Heinrich Zillich geleiteten "Klingsor"-Kreis am 7. Juni 1931 in Herrmannstadt veranstaltet wurde] kam der Drang einer jungen Generation in die Verantwortung deutlich zum Ausdruck: >>Wir muessen Moeglichkeiten zum Aufstieg freimachen, indem wir durch eine sofortige gruendliche Auffrischung unserer Koerperschaften dem Geist, der weithin in unserem Volke arbeitswillig vorhandne ist, Raum schaffen<<. Es geht hier in erster Linie um eine Auseinandersetzung der Generationen, so wie sie in der saechsischen Politik seit dem Ausgleich 1867 in gewissen Abstaenden wiederkehrte. [...] Es ist kennzeichnend, dass die junge Generation auch diesmal die zu intensive Kooperation der Parlamentarier mit der Regierung kritisierte. [...] Dabei ging es diesen jungen Intellektuellen um eine Erneuerung, Modernisierung der bestehenden politischen und kirchlichen Strukturen [...]. (S.152; unsere Hervorhebung)


Was ist nun an dem Phaenomen des "Generationenkonflikts" so aussergewoehnlich, dass H. Roth ihm eine grundlegende Bedeutung in den politischen Auseinandersetzungen der Siebenbuerger Sachsen der 20er und 30er Jahre des 20. Jhs. beimisst? Denn dass die Generationen aneinanderraten, auch in politischen Belangen, ist in der modernen europaeischen Geschichte eine gaengige Erscheinung. Und auch in Siebenbuergen waren generationenuebergreifende Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Zukunftsvorstellungen und -erwartungen zumindest seit dem össterreichisch-ungarischen Ausgleich 1867 auch an der Tagesordnung.

Roth setzt den "Generationenkonflikt" der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts zwar in Beziehung zu dem der zweiten Haelfte des 19. Jhs., doch er uebersieht, dass die qualitativen Unterschiede zwischen den beiden Momenten so schwerwiegend sind, dass ein Vergleich unangebracht und eine Wesensverwandtschaft ausgeschlossen ist. Warum? Weil Roths Betrachtungs-,  Interpretations- und Schreibweise die Ereignisse, Personen und Interessengruppen nicht aus der kritischen Perspektive des heute gültigen Geschichtsbildes und Erkenntnisstandes betrachtet, sondern all diese Elemente und Momente ausnahmslos der ideologisch-propagandistischen Sichtweise jener "jungen, aufbegehrenden Generation" unterordnet, die in Siebenbuergen den extremistischen NS der 30er und fruehen 40er Jahre des 20. Jhs. repraesentierte. Roth schreibt also im ausgehenden 20. Jahrhundert ueber einen schwierigen und hochbrisanten Zeitabschnitt siebenbuergisch-saechsischer Geschichte aus der Perspektive der alles infrage stellenden, dem ideologischen Extremismus des NS verhafteten "jungen Generation" jener Zeit. Und das aussergewoehnliche am Klischee des Rothschen "Generationenkonflikts" ist, dass er aus dem Gedankengut eben jener "jungen Generation" herkommt, die sich extrem nationalsozialistisch artikulierte.

Ueber den ideologischen Hintergrund dieses Verstaendnisses von "Generationenkonflikten" schreibt die zeitgenoessische Geschichtsschreibung in der Person von Karl Heinz Roth, dieser habe seinen Ursprung im akademischen Betrieb der fruehen 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Der "Generationenkonflikt" wurde von den "nachdraengenden Adepten des voelkischen Geschichtsbewusstseins" vorgeschoben, um die "seit Ende der 1920er Jahre eingespielte Arbeitsteilung zwischen gelehrtem Expertentum und politischer Praxis" aufzuheben. Zudem bediente sich die SS dieses Ideologems, um verstaerkt seit "1937/38 einige aus der Weimarer Zeit ueberkommene und mehr oder weniger weitgehend nazifizierte Institutionen der "Volkstumspolitik" unter ihre Kontrolle zu bringen", wie die DA - Deutsche Akademie Muenchen, das DAI - Deutsches Auslad-Institut Stuttgart und das "Institut fuer Grenz- und Auslandstudien in Berlin oder den BDO - Bund Deutscher Osten [K.H. Roth, Heydrichs Professor. Historiographie des "Volkstums" und der Massenvernichtungen. Der Fall Hans Joachim Beyer, in: Peter Schoettler (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt a.M. 1999, S.266f. und Anm.29, S.321].


Counter


Datei: Genkonfl.html                Erstellt: 12.02.2002            Veraendert:  29.03.2002                     Autor und © Klaus Popa

1