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One
day I'll fly away
Leave
all this to yesterday
Live
my life from dream to dream
And
leave this place
Where
dreaming ends
"Jay!"
Mein Mitbewohner sieht mich erschrocken an. Ich kenn seinen Namen nicht.
Das fällt mir gerade wieder ein. Irgendwann frage ich ihn mal danach. Ist ja
auch nicht so wichtig. Seine Augen sind geweitet. Hat er Angst um mich? Er kennt
mich doch gar nicht. Halt deine Klappe! Seine Hände ergreifen meine Schultern.
Ich befreie mich aus der Umklammrung, was mich schon wieder einige Nerven
kostet. Mein Körper schmerzt noch so sehr. Nicht weniger als vor zwei Stunden.
Vor zwei Stunden bin ich aufgewacht inmitten der Slums. Des Ghettos. Das Ghetto
dieser eigentlich ordentlichen, anständigen und ach so vornehmen Stadt. Ich
wundere mich wirklich. Also sie hätten das Viertel hier schon längst dem
Erdboden gleichmachen lassen können. Die finanzieren die ganze Scheiße hier
bestimmt mit. Würde mich nicht wundern. Mich wundert sowieso nichts mehr. Außer
die Reaktion meines Mitbewohners. Haben wir schonmal miteinander geredet? Ich
glaube nicht. Nicht ein armseliges Wort. Spinnt der nicht ein bisschen? Hat das
Gina nicht gesagt? Dave spinnt ein bisschen? Dave. Ja genau. Dave ist ja sein
Name. Blöder Name. Blöder Kerl. Der soll mich in Ruhe lassen und nicht so tun,
als ob er sich um mich sorgt. Tut er doch sowieso nicht. Der kennt mich nicht.
Der hat Langeweile. Nichts zu tun. Also schnappt er sich das nächstbeste Opfer
zum Vollquatschen. "Hau ab! Lass mich in Ruh!", zische ich ihn an. Na
ja. Ich versuche ihn anzuzischen. Das eben war mehr ein Krächzen. Ächzen. Stöhnen.
Vor Schmerzen. Die Schmerzen betäuben meine Sinne. Ich möchte nur noch in mein
weiches, warmes Bett. Und nie wieder aufstehen. Nie wieder jemanden sehen. Nie
wieder auf die Straße gehen. Nie wieder irgend jemanden anfassen müssen oder
so. Mit keinem mehr reden. Fernsehen. Fernsehen kann ich gucken. Das war's. Ich
hab genug von Menschen. Heute jedenfalls. Morgen auch und übermorgen. Und überübermorgen.
Immer so weiter. "Nun werd' mal nicht so zickig. Ich will dir doch nur
helfen Mädel! Du siehst elend aus! Deine Wunden müssen versorgt werden! Du
musst baden! Frische Klamotten! Wo ist dein Zimmer?" "Welches Wort von
"Hau ab! Lass mich in Ruh!" hast du nicht verstanden?", fauche
ich unter letzter Kraftanstrengung. Egal, ob er mich noch festhält. Ich
schlurfe auf mein Zimmer zu. Die Müdigkeit bringt mich fast zum Stürzen. Nicht
aufgeben. Nur noch ein paar Meter. Hinter mir schließe ich meine Zimmertür.
Hierher wollte ich eigentlich nicht mehr zurückkehren. Toll. Hier bin ich also
wieder. Hello again. Mein Bett is' nicht bezogen. Die neckte Matratze liegt
dort. Das Fenster ist zu. Stickig. Bäh, ich mache das Fenster spehrangelweit
auf. Ich lasse mich kraftlos auf's Bett fallen. Es tut doppelt so sehr weh. Ich
Doofe knalle auch noch mit dem Schienbein auf das Bettgestell. "Scheiße
verdammter...scheiße!", fluche ich leise vor mich her. Tränen. Heiß auf
meinen eiskalten Haut. Durchgefroren. Stinkend. Trotzdem liege ich hier auf
meinem, sonst so heilig sauberen, Bett. Verflucht. Warum ging das denn nur
schief? Was hab ich falsch gemacht? Es geht doch gar nicht anders hier raus zu
kommen. Ich kann kein Geld sparen, wenn ich Chef was bezahlen muss. Der will
mehr sehen als 25 Dollar die Woche. Das kann nicht gut gehen. Es klappt nicht.
Ich muss aufgeben. Doch ein Gefühl des Stolzes lebt noch in mir. Es lässt sich
nicht so leicht von der Begegnung letzte Nacht niederzwingen. Das sollte es. Ich
liege hier. Malädiert. Halbtot. Halblebend. Ich muss die alten Klamotten
ausziehen. Baden. Wie dieser Typ gesagt hat. Dave. Der Blöde. Traurig ist es
schon. Was HÄTTE ich alles schönes aus meinem Leben machen können? Ich hätte
Anwältin werden können. Ärztin. Architektin. Künstlerin. Extremsportlerin.
Es standen mir alle Türen offen. Doch kann ein Schicksalsschlag dein ganzes
Leben verändern. Es packen. Umkrempeln. Durchkauen und benetzt mit Trauer,
Verzweiflung und Hilflosigkeit wieder ausspucken. Und dann stehst du vor der
Entscheidung. Die Kreuzung deiner Lebenswege. Welchen du wählst ist nicht immer
deine Entscheidung. Einflüsse wirken von überall her. Sie erdrücken dich.
Zerquetschen das letzte Quäntchen Hoffnung auf Besserung. Reden dir ein, dein
Leben sei sowieso nichts mehr wert. "Mach anderen Menschen eine Freude, die
nicht mehr soviel erleben können wie du." Chef's Worte. Ich höre sie
heute noch. Sie sind so einfältig wie er selbst. So sinnlos und idiotisch wie
ich mein Leben damals empfand. Ich habe den falschen Weg gewählt. Ich hätte
besser überlegen sollen. Ich weiß es klingt philosophisch aber die Menschen
sind schlecht und was auch immer du tust und versuchst um nicht aus der Bahn
geworfen zu werfen, irgendwann holt dich deine Vergangenheit wieder ein und lässt
dich nicht mehr los, bis zu am Boden bist. So wie ich es jetzt, hier und heute
bin.
"Jayda! Nun
stell' dich doch nicht so an. Ich will dir doch nur helfen!", tönt es
hinter meiner Zimmertür. Ich antworte gar nicht. Was macht der denn hier für
einen Aufstand? Er kennt mich doch gar nicht. Er weiß nicht wer ich bin. Er weiß
vielleicht höchstens WAS ich bin. Blöder Idiot. Denkt der etwa... ach, ich
will nicht mehr über ihn nachgrübeln.
Er ist nicht das Einzige, das mich im Moment nervt. Die Schmerzen haben nicht
nachgelassen. Sie sind so qualvoll. Sie sind so furchtbar. Sie sind der absolute
Horror. Ich kann und will so nicht mehr. Mein Blick schweift hinüber zu meinem
Nachtschrank. Er ist leer. Normalerweise liegt dort meine Tylenolpackung. Wo ist
sie? Ich habe ganz plötzlich das Bedürfnis die Schmerzen zu lindern. Wieso bin
ich nicht schon eher auf die Idee gekommen? Wenn ich nur vier oder fünf davon
schlucke, kann ich das alles hier vergessen. Es ist ganz schön beschissen, dass
solche Gedanken für mich schon alltäglich sind. Indes ist das was mir passiert
ist nicht normal. So wie gestern Nacht wurde ich noch nie verprügelt.
Niedergeschlagen. Verdroschen. Ohne irgendwelche Gedanken daran zu verschwenden,
was das alles für mich bedeutet. Bedeutet hat. Ich habe mich noch nie in meinem
Leben so verletzlich gefühlt. So verletzt. Dem Tod so nah. Es klingt absolut
unwirklich und es kommt mir in diesem Moment auch NOCH unwirklicher vor, doch
weiß ich nicht was ich machen würde, wenn ich jetzt zwei Packungen Aspirin
hier hätte. Was zum Geier soll ich denn jetzt machen? Nicht auf längere Zeit,
sondern jetzt. Ich kann nicht aufstehen. Wozu auch? Dave kann mich mal. Dave?
Dave! Was macht der Kerl hier in meinem Zimmer. Erbost schaue ich ihn an. Das
hilft allerdings nicht viel. Er hat eine Entschlossenheit, die mich fertig
macht. Wie bescheuert ist der eigentlich? Habe ich nicht deutlich gesagt, dass
er mich in Ruhe lassen soll? "Jay du brauchst meine Hilfe!" Ich
brauche gar nichts, außer meine Ruhe. "Raus hier du Sack!", knurre
ich. Er kommt näher. Seine langen Haare hängen schlaff über seine Schultern.
Eigentlich sieht er aus wie ein Hippie aus den 70ern. Frische Importware aus
Woodstock. "Ich gehe nicht, bevor ich mir deine Wunden angesehen hab. Ich
studiere Medizin, weißt du?" Und du laberst ganz schön viel! Seine Stimme
fühlt sich an wie Säure in meinen Ohren. Er redet so verdammt laut. Laut wie
ein Presslufthammer donnern seine Worte auf meinen Schädel. Halt deine Klappe!
Halt deine Klappe! "Raus hier, verdammt!" Meine Stimme klingt nicht
wirklich beängstigend. Wie auch? Man hört mich ja nicht. Dave hört mich
nicht. Die Wohnungstür geht auf und schlägt wieder zu. "Hey Dave! Wo bist
du?", brüllt Wendy durch das Wohnzimmer. Ich möchte sie töten für die
Lautstärke, die sie an den Tag legt. Nein. Jetzt kommt sie auch noch hier in's
Zimmer. Könnt ihr euch nicht beide verpissen? Wer hat euch reingebeten? Ich
will doch nur meine Ruhe. Versteht ihr das denn nicht? Nur meine Ruhe. Für
immer! Mom! Mach, dass sie weg gehen! "Oh
my... Jay! Du siehst aber gar nicht gut aus!", sagt Wendy und hält
sich die Hand vor den Mund. Entweder muss sie wieder kotzen, oder ich sehe
wirklich scheiße aus. Beides. Würde ich sagen. Das Zweite weiß ich ganz
genau. Mom! Bitte! Weg. Weg. Weg! Plötzlich klingelt das Telefon. Wir haben ein
Telefon? Dave und Wendy gehen. Ich stehe "schnell" auf und schließe
meine Tür ab. Kraftlos rutsche ich an ihr herunter und spüre wieder
Schmerzenstränen an meinen Wangen hinablaufen. Danke Mom.
Wo sind meine Tylenol?
Ich brauche... ich will... scheiße! Mein Atem ist flach. Ich habe das Gefühl
sobald ich mich bewege schnürt sich ein Strick um meinen Brustkorb. Mit einem
dumpfen Aufprall rutsche ich zur Seite weg. Ich bleibe gekrümmt liegen. Ob ich
nun hier liege oder nicht ändert auch nichts. Mir wird es nicht besser gehen.
Es wird nichts besser werden. Ich darf aber eigentlich nicht aufgeben. Was soll
ich in der Hölle? Ich bin kein schlechter Mensch. Ich habe nur schlimme Dinge
mit meinem Körper getan. Nur. Witzig. Nein. Nicht witzig. Dumm. Das war einfach
dumm. Bisher gibt es kaum etwas, das ich richtig gemacht hab. Vielleicht hätte
ich... nein. Das ist Quatsch. Warum denke ich an Ashley? Ich habe die ganze
Zeit, während ich verprügelt wurde nicht an ihn gedacht. Ich habe von Mom geträumt,
als ich an der Häuserwand lag. Aber jetzt, als ich einschlafe und erstmal die nächsten
12 Stunden nicht mehr aufstehe, träume ich von Ashley. Ich sehe sein Gesicht
nicht, aber ich weiß, er ist es. Ich finde das nicht gut. So sollte ich nicht
denken. Beim Träumen kann ich eh nichts steuern, doch bemerke ich mitten im
Traum meine eigene Unmut gegenüber dem, was ich tue.