-9-

One day I'll fly away

Leave all this to yesterday

Live my life from dream to dream

And leave this place

Where dreaming ends

 

"Jay!" Mein Mitbewohner sieht mich erschrocken an. Ich kenn seinen Namen nicht. Das fällt mir gerade wieder ein. Irgendwann frage ich ihn mal danach. Ist ja auch nicht so wichtig. Seine Augen sind geweitet. Hat er Angst um mich? Er kennt mich doch gar nicht. Halt deine Klappe! Seine Hände ergreifen meine Schultern. Ich befreie mich aus der Umklammrung, was mich schon wieder einige Nerven kostet. Mein Körper schmerzt noch so sehr. Nicht weniger als vor zwei Stunden. Vor zwei Stunden bin ich aufgewacht inmitten der Slums. Des Ghettos. Das Ghetto dieser eigentlich ordentlichen, anständigen und ach so vornehmen Stadt. Ich wundere mich wirklich. Also sie hätten das Viertel hier schon längst dem Erdboden gleichmachen lassen können. Die finanzieren die ganze Scheiße hier bestimmt mit. Würde mich nicht wundern. Mich wundert sowieso nichts mehr. Außer die Reaktion meines Mitbewohners. Haben wir schonmal miteinander geredet? Ich glaube nicht. Nicht ein armseliges Wort. Spinnt der nicht ein bisschen? Hat das Gina nicht gesagt? Dave spinnt ein bisschen? Dave. Ja genau. Dave ist ja sein Name. Blöder Name. Blöder Kerl. Der soll mich in Ruhe lassen und nicht so tun, als ob er sich um mich sorgt. Tut er doch sowieso nicht. Der kennt mich nicht. Der hat Langeweile. Nichts zu tun. Also schnappt er sich das nächstbeste Opfer zum Vollquatschen. "Hau ab! Lass mich in Ruh!", zische ich ihn an. Na ja. Ich versuche ihn anzuzischen. Das eben war mehr ein Krächzen. Ächzen. Stöhnen. Vor Schmerzen. Die Schmerzen betäuben meine Sinne. Ich möchte nur noch in mein weiches, warmes Bett. Und nie wieder aufstehen. Nie wieder jemanden sehen. Nie wieder auf die Straße gehen. Nie wieder irgend jemanden anfassen müssen oder so. Mit keinem mehr reden. Fernsehen. Fernsehen kann ich gucken. Das war's. Ich hab genug von Menschen. Heute jedenfalls. Morgen auch und übermorgen. Und überübermorgen. Immer so weiter. "Nun werd' mal nicht so zickig. Ich will dir doch nur helfen Mädel! Du siehst elend aus! Deine Wunden müssen versorgt werden! Du musst baden! Frische Klamotten! Wo ist dein Zimmer?" "Welches Wort von "Hau ab! Lass mich in Ruh!" hast du nicht verstanden?", fauche ich unter letzter Kraftanstrengung. Egal, ob er mich noch festhält. Ich schlurfe auf mein Zimmer zu. Die Müdigkeit bringt mich fast zum Stürzen. Nicht aufgeben. Nur noch ein paar Meter. Hinter mir schließe ich meine Zimmertür. Hierher wollte ich eigentlich nicht mehr zurückkehren. Toll. Hier bin ich also wieder. Hello again. Mein Bett is' nicht bezogen. Die neckte Matratze liegt dort. Das Fenster ist zu. Stickig. Bäh, ich mache das Fenster spehrangelweit auf. Ich lasse mich kraftlos auf's Bett fallen. Es tut doppelt so sehr weh. Ich Doofe knalle auch noch mit dem Schienbein auf das Bettgestell. "Scheiße verdammter...scheiße!", fluche ich leise vor mich her. Tränen. Heiß auf meinen eiskalten Haut. Durchgefroren. Stinkend. Trotzdem liege ich hier auf meinem, sonst so heilig sauberen, Bett. Verflucht. Warum ging das denn nur schief? Was hab ich falsch gemacht? Es geht doch gar nicht anders hier raus zu kommen. Ich kann kein Geld sparen, wenn ich Chef was bezahlen muss. Der will mehr sehen als 25 Dollar die Woche. Das kann nicht gut gehen. Es klappt nicht. Ich muss aufgeben. Doch ein Gefühl des Stolzes lebt noch in mir. Es lässt sich nicht so leicht von der Begegnung letzte Nacht niederzwingen. Das sollte es. Ich liege hier. Malädiert. Halbtot. Halblebend. Ich muss die alten Klamotten ausziehen. Baden. Wie dieser Typ gesagt hat. Dave. Der Blöde. Traurig ist es schon. Was HÄTTE ich alles schönes aus meinem Leben machen können? Ich hätte Anwältin werden können. Ärztin. Architektin. Künstlerin. Extremsportlerin. Es standen mir alle Türen offen. Doch kann ein Schicksalsschlag dein ganzes Leben verändern. Es packen. Umkrempeln. Durchkauen und benetzt mit Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit wieder ausspucken. Und dann stehst du vor der Entscheidung. Die Kreuzung deiner Lebenswege. Welchen du wählst ist nicht immer deine Entscheidung. Einflüsse wirken von überall her. Sie erdrücken dich. Zerquetschen das letzte Quäntchen Hoffnung auf Besserung. Reden dir ein, dein Leben sei sowieso nichts mehr wert. "Mach anderen Menschen eine Freude, die nicht mehr soviel erleben können wie du." Chef's Worte. Ich höre sie heute noch. Sie sind so einfältig wie er selbst. So sinnlos und idiotisch wie ich mein Leben damals empfand. Ich habe den falschen Weg gewählt. Ich hätte besser überlegen sollen. Ich weiß es klingt philosophisch aber die Menschen sind schlecht und was auch immer du tust und versuchst um nicht aus der Bahn geworfen zu werfen, irgendwann holt dich deine Vergangenheit wieder ein und lässt dich nicht mehr los, bis zu am Boden bist. So wie ich es jetzt, hier und heute bin.

"Jayda! Nun stell' dich doch nicht so an. Ich will dir doch nur helfen!", tönt es hinter meiner Zimmertür. Ich antworte gar nicht. Was macht der denn hier für einen Aufstand? Er kennt mich doch gar nicht. Er weiß nicht wer ich bin. Er weiß vielleicht höchstens WAS ich bin. Blöder Idiot. Denkt der etwa... ach, ich will  nicht mehr über ihn nachgrübeln. Er ist nicht das Einzige, das mich im Moment nervt. Die Schmerzen haben nicht nachgelassen. Sie sind so qualvoll. Sie sind so furchtbar. Sie sind der absolute Horror. Ich kann und will so nicht mehr. Mein Blick schweift hinüber zu meinem Nachtschrank. Er ist leer. Normalerweise liegt dort meine Tylenolpackung. Wo ist sie? Ich habe ganz plötzlich das Bedürfnis die Schmerzen zu lindern. Wieso bin ich nicht schon eher auf die Idee gekommen? Wenn ich nur vier oder fünf davon schlucke, kann ich das alles hier vergessen. Es ist ganz schön beschissen, dass solche Gedanken für mich schon alltäglich sind. Indes ist das was mir passiert ist nicht normal. So wie gestern Nacht wurde ich noch nie verprügelt. Niedergeschlagen. Verdroschen. Ohne irgendwelche Gedanken daran zu verschwenden, was das alles für mich bedeutet. Bedeutet hat. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so verletzlich gefühlt. So verletzt. Dem Tod so nah. Es klingt absolut unwirklich und es kommt mir in diesem Moment auch NOCH unwirklicher vor, doch weiß ich nicht was ich machen würde, wenn ich jetzt zwei Packungen Aspirin hier hätte. Was zum Geier soll ich denn jetzt machen? Nicht auf längere Zeit, sondern jetzt. Ich kann nicht aufstehen. Wozu auch? Dave kann mich mal. Dave? Dave! Was macht der Kerl hier in meinem Zimmer. Erbost schaue ich ihn an. Das hilft allerdings nicht viel. Er hat eine Entschlossenheit, die mich fertig macht. Wie bescheuert ist der eigentlich? Habe ich nicht deutlich gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll? "Jay du brauchst meine Hilfe!" Ich brauche gar nichts, außer meine Ruhe. "Raus hier du Sack!", knurre ich. Er kommt näher. Seine langen Haare hängen schlaff über seine Schultern. Eigentlich sieht er aus wie ein Hippie aus den 70ern. Frische Importware aus Woodstock. "Ich gehe nicht, bevor ich mir deine Wunden angesehen hab. Ich studiere Medizin, weißt du?" Und du laberst ganz schön viel! Seine Stimme fühlt sich an wie Säure in meinen Ohren. Er redet so verdammt laut. Laut wie ein Presslufthammer donnern seine Worte auf meinen Schädel. Halt deine Klappe! Halt deine Klappe! "Raus hier, verdammt!" Meine Stimme klingt nicht wirklich beängstigend. Wie auch? Man hört mich ja nicht. Dave hört mich nicht. Die Wohnungstür geht auf und schlägt wieder zu. "Hey Dave! Wo bist du?", brüllt Wendy durch das Wohnzimmer. Ich möchte sie töten für die Lautstärke, die sie an den Tag legt. Nein. Jetzt kommt sie auch noch hier in's Zimmer. Könnt ihr euch nicht beide verpissen? Wer hat euch reingebeten? Ich will doch nur meine Ruhe. Versteht ihr das denn nicht? Nur meine Ruhe. Für immer! Mom! Mach, dass sie weg gehen! "Oh my... Jay! Du siehst aber gar nicht gut aus!", sagt Wendy und hält sich die Hand vor den Mund. Entweder muss sie wieder kotzen, oder ich sehe wirklich scheiße aus. Beides. Würde ich sagen. Das Zweite weiß ich ganz genau. Mom! Bitte! Weg. Weg. Weg! Plötzlich klingelt das Telefon. Wir haben ein Telefon? Dave und Wendy gehen. Ich stehe "schnell" auf und schließe meine Tür ab. Kraftlos rutsche ich an ihr herunter und spüre wieder Schmerzenstränen an meinen Wangen hinablaufen. Danke Mom.

Wo sind meine Tylenol? Ich brauche... ich will... scheiße! Mein Atem ist flach. Ich habe das Gefühl sobald ich mich bewege schnürt sich ein Strick um meinen Brustkorb. Mit einem dumpfen Aufprall rutsche ich zur Seite weg. Ich bleibe gekrümmt liegen. Ob ich nun hier liege oder nicht ändert auch nichts. Mir wird es nicht besser gehen. Es wird nichts besser werden. Ich darf aber eigentlich nicht aufgeben. Was soll ich in der Hölle? Ich bin kein schlechter Mensch. Ich habe nur schlimme Dinge mit meinem Körper getan. Nur. Witzig. Nein. Nicht witzig. Dumm. Das war einfach dumm. Bisher gibt es kaum etwas, das ich richtig gemacht hab. Vielleicht hätte ich... nein. Das ist Quatsch. Warum denke ich an Ashley? Ich habe die ganze Zeit, während ich verprügelt wurde nicht an ihn gedacht. Ich habe von Mom geträumt, als ich an der Häuserwand lag. Aber jetzt, als ich einschlafe und erstmal die nächsten 12 Stunden nicht mehr aufstehe, träume ich von Ashley. Ich sehe sein Gesicht nicht, aber ich weiß, er ist es. Ich finde das nicht gut. So sollte ich nicht denken. Beim Träumen kann ich eh nichts steuern, doch bemerke ich mitten im Traum meine eigene Unmut gegenüber dem, was ich tue.

Ich spüre Tritte in meinen Rücken. Aua! Aufhören! Stöhnend schlage ich meine Augen auf und starre hinter mich. Das dunkle, abgeschabte Holz der Zimmertür. Jemand tritt von außen gegen die Tür. Regelmäßig. Ohne einen Ton von sich zu geben. Er tritt einfach zu. "Was?", frage ich leise. ZU leise. Es findet kein Gehör. "WAS?", schreie ich heiser. "Ich bin's! Wendy! Mach bitte auf Jay! Ich will mit dir reden!" Reden? Ich kann nicht reden. Meine Kehle ist so dick wie ein Strohhalm. "Jay! Na los! Mach schon! Es ist wichtig! Chef ist auf dem Weg hierher!" Alarmglocken fangen an zu schellen. Chef? Auf dem Weg hierher? Warum? Was will er von Wendy? Oder mir? Denkt er nicht, ich wäre tot? Nein. Mustafa und Enrico haben ihm sicher erzählt, ich habe noch gelebt, als sie mich verließen. Allein in der Dunkelheit. Unbeholfen rappele ich mich auf und drehe knirschend den Schlüssel um. Wendy springt sofort herein, schließt die Tür sorgfältig und dreht den Schlüssel um. Dann nimmt sie mich in den Arm. Es tut weh. Es tut nicht gut. Sie ist für mich da. Ich kann damit nichts anfangen, denn begeistert bin ich nicht. Es ist komisch, wenn sich Leute für mich interessieren. Ich glaube, ich stehe nicht gern im Mittelpunkt. "Jay! Jay! Jay! Meine Jay! Was ist bloß passiert?" Hat sie nicht eben noch was von Chef erzählt? "Wann kommt Chef?", frage ich nüchtern. Sie grinst. "Das war doch nur 'ne Notlüge." Das Zwinkern danach bringt auch nichts. Ich möchte ihr eine feuern. Doch den Gedanken verwerfe ich sofort wieder. Ich habe noch nie jemanden geschlagen. Es sei denn die Freier wollten es. Vorsichtig tapse ich rückwärts, lege mich auf mein Bett und starre auf mein "Heaven"-poster. Mom. Danke. "Hast du dich geprügelt? War das ein Freier? Sag' schon!" Während Wendy mich das fragt, begutachtet sie eindringlich mein zugeschwollenes Auge und meine Schürfwunden. Dass es ihr nicht unangenehm ist, dass ich so stinke?! Wahrscheinlich riecht sie gar nichts. Sie hat Schnupfen. Schon seit 'ner halben Ewigkeit. "Chef's Kerle." Sie weitet die Augen und fragt gleich weiter nach. Anscheinend ist sie erstmal happy, dass ich überhaupt mal etwas gesagt habe außer: "Haut ab!" und: "Raus hier!". "Hat Chef dich so vermöbeln lassen? Dieses arrogante Arschloch!" Seit wann hat sie diese Meinung über ihn? Ach ja... seit dem er sie mit AIDS angesteckt hat. Über einen anderen Freund. Chef hat kein AIDS. Jedenfalls hatte er keins, als er mit mir geschlafen hat. Mein Glück. Mom. Danke. Ich nicke nur stumm. Sie legt die Hand auf Meine. Zum ersten Mal seit letzte Nacht durchströmt mich ein sicheres Gefühl. Ja, ich fühl' mich relativ sicher hier. Geborgen. Chef denkt anscheinend, ich bin tot. Tote leben länger und man stirbt ja nur zweimal. James Bond Filmtitel sind manchmal doch auch im richtigen Leben anwendbar. Plötzlich wünsche ich mir doch ein bisschen, dass sich jemand um mich kümmert. Aber lieber Wendy, als Mr. Woodstock-hippie. Dave scheint mir ein Döskopp. Der ist mir zu blöd. Ich bin ja nicht blöd. Eigentlich. Intelligent schein ich aber auch nicht zu sein. Sieht man ja an meinem Leben. "Hast du Hunger, Kleines?", fragt Wendy in einem mütterlichen Ton. Hunger nicht. Ich will meine Tylenol 3. "Hast du noch Ty's?", krächze ich. "Klar. Ich hol' dir zwei. Oder besser gleich drei." Damit ist sie verschwunden. Mom. Danke. Für Wendy. Sie ist lieb. Kann ich ihr vertrauen? Bitte, Mom! Ich möchte so gerne wieder jemandem vertrauen. Wenigstens einem Menschen auf Erden! 

zurück    vor

setstats 1
Hosted by www.Geocities.ws

1