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"Bäh! Diese elenden Penner und Huren
hier überall! Zum Kotzen!" Rauchige Stimmen dringen in mein Ohr. Zwei
Leute. Zwei alte Leute. Langsam öffne ich meine Augen. Auf dem linken kann ich
nichts sehen. Sonnenlicht sticht mir schmerzend in mein rechtes Auge. Schnell
schließe ich es wieder. Ich bin immernoch so erschöpft wie am Vorabend. Mein
ganzer Körper tut weh. Irrsinnig weh. Es pulsiert. Es pocht. Mein Kopf hämmert
und es dröhnt. Meinen Oberkörper krampfe ich verzweifelt an. Es hilft nicht
wirklich meine Schmerzen zu lindern. Überhaupt sind Schmerzen im Moment alles,
an das ich denken kann. Ich habe keinen Hunger. Nur Schmerzen. Ich habe nicht
den Drang danach nach Hause zu gehen. Nur nach einer Linderung der Schmerzen.
Warum hat mich Gott gestern Nacht nicht einfach sterben lassen? Ich wäre gerne
gegangen. Ich habe sowieso keine Perspektive mehr. Keinen Willen. Ich hab alles
verloren. Meine Unschuld. Schon vor Jahren. Meine Würde. Auch schon vor Jahren.
Meinen Stolz. Gestern Nacht. All mein Geld. Auch gestern Nacht. Ich habe nichts
mehr, außer mich selbst. Hoffentlich schneidet der Penner mir die Kehle
durch... wartet! Kommt zurück! "Rufst du die Bullen an, oder ich?"
Bullen? Polizei? Nein! Nur keine Polizei. Ich will nicht ins Gefängnis. Ich
will gar nichts mit denen zu tun haben! Ich muss schnell hier weg. Irgendwie.
Hektisch versuche ich meine Beine zu bewegen. Es klappt nicht. Stattdessen
schnellt ein stechender Schmerz hindurch. Wieder öffne ich mein Auge, halte mir
aber eine Hand davor. Keine Ahnung, wie ich es schaffe meinen Arm hochzuhalten.
Verstört schaue ich herunter auf meine Beine. Mein Rock ist dreckig. Versaut.
Mein weißes Oberteil ist voll von Straßendreck, Erbrochenem und Blut. Meine
Beine sind verschürft. Dünne Blutspuren und blaue Hämatome ziehen sich darüber.
An meinen Armen ist es nicht anders. Mein linkes Auge ist zugeschwollen. Fast
noch stärker, als gestern Abend. Ich bin durchnässt. Ich spüre aber keine Kälte.
Meine Finger sind auch nicht blau angelaufen. Wäre es Winter, wäre ich heute
Nacht erforen. Wie ich mir wünsche, es wäre Winter. Dann könnte ich hier
liegenbleiben und langsam einschlafen. Und wenn die Bullen kommen würden, wäre
ich schon von meiner Qual erlöst. Doch so ist es nicht und unter mehreren
Schmerzensschreien rappele ich mich auf. Ich kann mich kaum auf meinen Beinen
halten, knicke bei jedem Schritt, den ich mache zur rechten Seite weg. Taumelnd
laufe ich in irgendeine Richtung. Ich habe kein Gefühl in meinem Körper. Ich
koordiniere mich nach den Dächern der Innenstadt. Wenn sie rechts von mir sind,
dann bin ich auf dem richtigen Weg. Was heißt Weg? Ich weiß nicht wirklich, ob
ich diesen Weg gehe. Mein Verstand geht ihn, aber meine Beine machen nicht das,
was ich will. Sie knicken ein. Ich falle mehrere Male fast wieder hin. Ich gehe
an der Häuserwand um mich zu stützen. Hunderte von Leuten auf der Straße
glotzen mich an. Sie sehen alle nicht besser aus als ich. Dreckig. Stinkend. Ich
gehe manchmal in Schlängellinien, wenn ich nichts zum Festhalten habe.
Irgendwie habe ich Angst, Chef könnte mich sehen. Das treibt mich dazu an,
schneller zu machen. Mich zu beeilen. Egal was die Schmerzen meines Körpers mir
sagen. Am schlimmsten sind die stechenden Schmerzen in meinem Brustbein.
Sicherlich ist da irgendwo was gebrochen, aber lieber lass ich mich erschießen,
als mit sowas ins Krankenhaus zu gehen. Da lasse ich mich zur Vorsorge sehen und
das ist auch schon das Höchste. Ich wünsche mir Geld, um mir ein Taxi zu
rufen. Das wäre mein größter Wunsch jetzt, aber nichts passiert. Es glotzen
alle nur blöd. Niemand fragt mich, ob er mir helfen kann. Sie denken alle ich
bin 'ne mit Drogen vollgepumpte Hure, die von ihrem Freier verprügelt wurde,
oder 'n Pennerweib. Früher habe ich es immer gut gefunden, wenn sich niemand für
meine Angelegenheiten interessiert hat, aber heute wünsche ich mir jemand wäre
da um mir zu helfen. Nicht, dass ich mir so sehnlichst wünsche, weiter dieses
beschissene Leben zu führen, aber ich möchte nicht hier, vor allen Leuten auf
der Straße abkratzen. Lieber zu Hause. In meinem Zimmer. Vor meinem "Heaven"
Poster. Dann sehe ich Mom wieder. Meine Mom erwartet mich bestimmt schon. Sie
hat bestimmt schon einen schönen Platz für mich eingerichtet. Dort wo sie auch
ist. Obwohl ich nichtmal denke, dass ich zu ihr komme. Zu ihr, in den Himmel. Für
all das was ich getan habe, komme ich sicher in die Hölle. Zu Lucy. Verdammt.
Ich will zu meiner Mom. Ich will, dass mich jemand in den Arm nimmt, von dem ich
mich geliebt fühle. Und wenn das nicht geht, möchte ich so gerne wieder lernen
zu lieben! Ich möchte nicht mehr sterben. Dann komme ich in die Hölle und
nicht zu meiner Mutter. Ich möchte das alles wieder gutmachen. Ich möchte mich
bessern. Ich möchte wieder lernen zu lieben. Vielleicht komme ich ja dann in
den Himmel. Zu
Mom.
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