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Seine Lippen berühren
meine Wange. Ich liege an ihn gepresst. Sein Arm ist um meinen Kopf geschlungen.
Er könnte mir etwas ins Ohr flüstern. Wenn es etwas zu sagen geben würde. Das
gibt es nicht. Sein Mund ist geschlossen. Ruhig. Es macht allerdings schon die
winzige Berührung, dass ich meine Augen schließe und innerlich seufze. Seine
andere Hand ruht auf meiner Hüfte. Wenn das alles zu einer ganz anderen Zeit
passieren würde, wäre alles besser. Dann wäre ich auch in der Lage mehr Gefühle
zu zeigen. Ehrliche Gefühle. Keine Schauspielerei. Doch sowas ist schwer.
Besonders für mich. Sicherlich klappt das nie mehr so wirklich und ehrlich wie
es in einer Beziehung von Nöten ist. Eine Beziehung zu führen ist aber zu
anstrengend. Für mich. Für fast alle von Chef's Mädchen. Du merkst, ich
vermeide das Wort "Hure" oder "Nutte" oder
"Prostituierte". Diese Worte mag ich nicht. Es hört sich an, als würde
ich keiner Arbeit nachgehen, sondern... was weiß ich. Ich mag diese Wörter
nicht. Sie sind schon längst aus meinem Vokabular verbannt. Wie der Gedanke an
richtige Freiheit. Doch heute Nacht wird mein Traum Wirklichkeit. Ich ringe mit
mir selbst, ob ich Ashley sagen soll, dass ich nicht mehr hier sein werde, falls
er noch ein drittes Mal kommt. Aber was geht ihn das an? Soll er doch zu einer
anderen gehen. Würde er das tun? Warum denke ich die ganze Zeit, dass ich nicht
möchte, dass er das tut? Bin ich so angetan von ihm? Nein. Nicht von ihm. Nicht
von Ashley. Von Ashleys Körper. Der Sex mit ihm wird es sein. Das Einzige, das
ich eventuell vermissen werde... WENN es denn alles so klappt, wie ich das
geplant habe.
Schlafe ich jetzt
etwa ein? Ich gebe zu, ich bin müde und erledigt, aber ich muss eigentlich los.
Los Ashley! Geh endlich! Er hat wieder für 6 Stunden 300 Dollar bezahlt. Es
sind 3 Stunden vergangen. Nun los! Geh!
Tatsächlich steht er
einige Zeit später auf und zieht sich wieder an. Die dunkelblaue Jeans. Man
erkennt über dem Bund noch fast seinen halben Hintern, der aber von einer
schwarzen Boxershorts bedeckt ist. Nötig hätte er es nicht. Das hellblaue,
nein babyblaue T-Shirt ist ihm ein bisschen zu groß. "Basketball"
steht ganz groß in weißen Lettern da drauf. Ich habe das Gefühl, das ist
nicht sein Shirt. Egal. Worüber mache ich mir schon wieder Gedanken?
Ich stehe auch auf
und ziehe mich an. Ashley ist schon weg. Das ist schon eine Weile her. Ich hab
wirklich noch eine lange Zeit einfach in dem Bett gelegen und mich von der Frage
plagen lassen, was ich nach heute mit mir anstellen soll. Mal sehen. Ich lasse
einfach alles auf mich zukommen. Hoffentlich muss ich niemandem mehr vertrauen.
Darin bin ich nämlich schlecht.
Es ist wirklich
stockdunkel hier. Noch zwei Straßen, eine Biegung, dann komme ich an den
Bahnhof. Hier ist nichts beleuchtet. Es ist ein ekelhaftes Ghetto, in dem ich
nicht leben möchte. Alle drei Sekunden hört man irgendwo Hilferufe, Schüsse,
Schreie, Gestöhne... Ich möchte mir meine Ohren zuhalten. Mich jetzt schon
abkapseln. "Hey!", ruft eine tiefe Stimme hinter mir. Erschrocken
drehe ich mich um und bekomme fast einen Schock. Vor mir stehen zwei ziemlich
riesige Kerle. Sie sind schwarz. Schwarze Hautfarbe, schwarze Anzüge, schwarze
Augen. Der Tod in doppelter Ausführung. Ich erkenne sie sofort. Mustafa und
Enrico. Chef's Clan. Chef's
Bodyguards. Chef's Leibgarde. Seine... seine Geldeintreiber. Nein. Sie
haben mich! Das darf nicht wahr sein! Nicht jetzt, wo ich schon so weit gekommen
bin! "Oh hey ihr Zwei.", stammele ich. Was soll das? So stimme ich sie
auch nicht milde. Mustafa ist so groß, dass ich mir fast den Hals ausrenke, als
ich in sein grimmiges, angsteinflößendes Schägergesicht hochblicke. Er steht
viel zu dicht an mir dran. Ich kann sein After Shave riechen. Es umweht ihn wie
eine unheimliche Wolke aus Gefahr vermischt mit Schweiß und ein wenig
"Aqua di Gio" von Armani. Hilfe! Helft mir! Ich habe Angst.
Wahnsinnige Angst. Ich weiß, was sie wollen. Ich will es ihnen plötzlich alles
geben. ALLES! Sie machen mir solche Angst. Ich komme mir klein und unbedeutend
vor. Ich dachte ich schaffe es. Ich dachte ich bin stark und kann auf eigenen
Beinen stehen. Meine ganze Hoffnung wird mit einem gefährlichen und
durchdringenden Blick von den beiden zerschlagen. Zerplatzt wie eine
Seifenblase. Aufgelöst wie eine Nacktschnecke mit Salz auf dem Rücken. Chef
ist ein Arsch. Er weiß, dass ich ängstlich bin. Ich sehe mich ganz plötzlich
damit konfrontiert, dass ich rennen muss, um ihnen zu entkommen. Schaffe ich
das? Ich MUSS! So unvorhersehbar wie ein Ameisenbiss renne ich los, an den
beiden vorbei in eine kleine Gasse. Ich bin schnell. Meine Schuhe haben keine
Absätze heute. Daran wird es liegen. Ich habe aber keine Kondition. Mustafa und
Enrico hasten mir schreiend und fluchend hinterher. Sollen sie doch, dann werden
sie schneller müde. Eine kleine Biegung. Alles ist dunkel. Ich höre meinen
lauten, keuchenden Atem. Kalter Schweiß rinnt an meinen Schläfen herunter.
Eiskalter Wind reißt an meinen Haaren. Unter meinen Füßen tut es mit jedem
Schritt mehr weh. Meine Beine schmerzen noch nicht, aber ich weiß, das passiert
schnell bei mir. Scheiße, verdammt! Ich muss schneller rennen. Ich habe das Gefühl
gleich fassen mich zwei Niggahände von hinten, packen mich und knallen mich mit
voller Wucht gegen die dreckige, steinerne Häuserwand der Slums. Ich bin so aus
der Puste, dass sich mein Speichel so verdickt, dass ich fast daran ersticke.
Ich habe trotzdem das Gefühl so schnell wie eine Wolke die über die Erde
schwebt dahinzufliegen. Natürlich bin ich längst nicht so schnell. Die Angst
treibt mich zu solch einer Überbelastung meines Körpers. Wenn Ashley jetzt...
nein, er hat in meinen Gedanken nichts verloren. Im Moment kämpfe ich um mein
Leben. Ich renne davon. Nein, ich kämpfe nicht. Ich renne weg anstatt mich der
Konfrontation zu stellen. Na ja, es wäre wohl eine Konfrontation geworden, bei
der ich nur verlieren kann. Chef hat mich dazu gebracht. Dass ich wieder
davonlaufe. Heute kann es nur gesund sein. Lebensversichernd. Gott! Ich kann
nicht mehr. Ich werde langsamer. Auch habe ich mich hier in den schmalen,
stockdunklen Gassen total verirrt. Mustafa und Enrico sind immernoch so gefährlich
nah hinter mir. Ich spüre einen stechenden Schmerz in meiner Hüfte.
Seitenstiche. Sie fühlen sich an wie tausend Nadeln die einfach seitlich durch
mich hindurch stechen. Meine Lunge brennt wie Feuer. Mein Rachen ist
ausgetrocknet. Meine Augen brennen. Ich habe solche Angst. Ich will
weiterrennen. Ich will schneller laufen. Ich kann einfach nicht mehr. Ich bin so
erschöpft. Die beiden Kerle haben mich bestimmt schon über 3 Kilometer gejagt
und sie kriegen mich. Ich weiß es. Ich merke, dass sie näher kommen. Kann
ihren Schweiß schon riechen. Ihr billiges Parfum. Ihre kräftigen Hände um
meinen Hals. Ich möchte hier und jetzt irgendwo in ein tiefes Loch fallen und
fallen und fallen bis ich nach ein paar Tagen verdurstet bin. Noch im Fallen.
Oder irgendwo gegen rennen und gleich bewusstlos werden. Aber nirgendwo ist ein
Loch und nirgendwo ist eine Planke oder ein Ast zum Dagegenrennen. Verzweiflung
nagt an mir. Angst. Angst. Ich fühle nichts als das. Es bestimmt mein gesamtes
Denken. Habe ich es geahnt...