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Die Tage vergehen.
Ich habe mich tatsächlich dazu aufgerafft zu duschen und Klamotten von Wendy
anzuziehen. Sie ist kaum zu Hause. Ich bin noch nicht einmal draußen gewesen
und esse nur Pizza und altes Brot. Trinken tu' ich Leitungswasser. Es schmeckt
scheußlich. Wunderhaft, dass ich noch keine Salmonellenvergiftung hab. Oder Würmer.
Es wundert mich sowieso, dass ich noch keine Krankheit hab. Einen Pilz. Oder
sowas. Kleine Krankheiten hat anscheinend jeder irgendwo. Gut. Dann habe ich
meine Krankheit im Kopf. Meinen momentanen Wunsch, jemandem zu vertrauen. Mich
ihm anzuvertrauen. Wendy ist die Richtige. Ich versuche mich ihr zu nähern. Ihr
meine Geschichte zu erzählen. Sie hat wenig Zeit. Sie muss ja auch arbeiten.
Sie schafft wenig ran. Höchstens drei Freier die Woche. Manchmal auch gar
keinen. Chef ist höchst unzufrieden mit ihr, meinte sie einen Abend mal. Ich
bete, dass er sie nicht hier ganz plötzlich besuchen kommt. Überraschung. Chef
ist hier. Oh, Jay, du lebst noch? Na das können wir ändern... meine Tagträume
werden immer schlimmer. Ich halluziniere manchmal schon, dass Chef irgendwo
hockt. Chef auf dem Sofa. Chef auf meinem "Heaven"-poster. Chef im
Schrank. Chef im Klo. Es gibt keinen Platz in der Wohnung, an dem Chef noch
nicht war. Ich muss hier raus, sonst werde ich verrückt!
Entschlossen öffne
ich die Wohnungstür. Meinen Fischerschlapphut, gehört Dave, hab ich tief ins
Gesicht gezogen. Die Dunkelheit schützt mich, während ich langsam und bedächtig
durch die Nacht gehe. Schlendern kann man das auch nicht nennen. Eilen auch
nicht. Dazu sind meine Schmerzen noch zu groß. Unter dem Hut sieht man noch ein
bisschen den Rand meines blauen Auges. Die Schwellung ist schon fast weg. Meine
Schürfwunden an den Armen und Beinen fangen an zu heilen. Zu jucken. Elendig zu
jucken. Ich kratze mich wie ein dreckiger Straßenköter. Meine Fingernägel
sind abgekaut. Meine neue Unart. Schnell gewöhne ich mir das nicht mehr ab. Es
sieht unglaublich hässlich aus, aber wen interessiert's? Mich beachtet sowieso
niemand hier auf der Straße. Argwöhnische Blicke bleiben mir erspart. Das ist
ungewohnt für mich. Meine Klamotten sind aber so normal. Bluejeans, weiße
Turnschuhe, blaues T-Shirt, beige Strickjacke, Zopf. Grauer Fischerhut. Die Hände
in den Hosentaschen. Fest um meine drei Dollar Scheine geklammert. Ich habe mir
gedacht, ich gehe mir was ordentliches zu essen kaufen. Das ist meine Ausrede,
wenn ich nach Hause komme und Wendy fragt. Mann. Ich hab jetzt schon
Rechenschaft abzulegen. Das kotzt mich an. Wendy ist lieb, aber hab ich schon
erwähnt, dass sie mich behandelt, als wär' ich ihr Kind. Das nervt. Ich bin 17
Herrgott nochmal! Kein... Noch ein Kind, ja. Lange noch nicht volljährig, ja,
ja.
Vor einem Diner
bleibe ich stehen. Den kenne ich sehr gut. Hier habe ich mir mehr als
zweihundert Mal zwei Hamburger mit Cola für $2,25 gekauft. Es schmeckt gut.
Verträglich. Essbar. Stillt den Hunger für einen Tag. Meinen Hunger für zwei
Tage. Was auch noch gut ist an dem Imbiss: die schwache Beleuchtung. Sieht mehr
aus, wie in einem Puff.
"Was darf's sein
junge Lady?", fragt Mitch, der Wirt. Er erkennt mich. Das ist nicht gerade
gut. Egal jetzt. "Wie immer.", raune ich flüchtig und sehe unauffällig
nach links und nach rechts. Anscheinend hab ich mich echt klasse getarnt.
Juilette sitzt hinten zusammen mit Solena und Tanya. Sie winken mir zu. Ich
nicke nur. Ziehe eine Schnute, die sie nicht sehen können, schnappe mir die weiße
Tüte mit meinem fettigen Essen, den Pappbecher mit der Cola und eile aus dem
Laden. Super gelaufen. Der Mond verschwindet hinter den Wolken. Es blitzt aus
weiter Ferne. Ich wollte eigentlich noch ein bisschen hier herumlaufen. Nur in
den Gegenden von denen ich weiß, dass Chef und seine Mannen da nicht
"verkehren", aber nun muss ich wohl zurück. Auf schnellstem Wege.
Schon frischt der Wind auf. Kleine Regentröpfchen tippeln auf den schwach
beleuchten Gehsteig. Erst winzig und fadenförmig, dann immer dicker. Größer.
Immer mehr. Immer heftiger. Es donnert. Ich muss noch zehn Minuten gehen. Shit.
'Ne Lungenentzündung hab ich schon fast. Mein Hals kratzt. Luft bekomme ich nur
noch durch den Mund. Hoffentlich stecke ich nicht noch Wendy damit an. Die hat
in letzter Zeit schon genug mit ihrem AIDS-Problem zu tun. Das Blut-spucken hat
leider wieder zugenommen und ich kann regelrecht dabei zusehen, wie sich die
Haut von ihrer Schulter ablöst. Es wundert mich nicht, dass sie so wenig Freier
hat. So hart es klingt. In meinem Inneren steigt wieder der Hass auf Chef in mir
hoch. Wenn ER nicht... nein. Wendy ist auch selbst schuld. Hätte sie nicht ohne
Kondom mit dem Freier geschlafen... es ist hauptsächlich ihre Schuld. Genauso
wie es letzten Endes meine Schuld ist, dass ich jetzt hier patschnass durch den
Regen schleiche. Ich hätte mir auch wieder eine Pizza bestellen können. Nein.
Ich musste flüchten. Vor all den Chef's in meiner Wohnung. Der einzige Ort, wo
ich jetzt hinwill, ist der Ort, an dem Mom verweilt. Doch ich muss noch einiges
tun, bevor ich zu dir kann Mom. Aber wenn es soweit ist, werde ich nicht lange
warten. Wenn ich mir sicher bin, dass ich genug geliebt habe, komme ich auf
schnellstem Wege zu dir, Mommy! Irre. Ich bin irre. Jetzt denke ich schon, dass
ich mich wieder selbst umbringe. Nein. Es ist schon so, wie ich es bisher immer
als meine Lebensphilosphie gehalten habe. Wenn Gott will, dass ich zu ihm komme,
werde ich bereit sein. Er wird mich schon nicht einfach aus dem Leben reißen,
ohne, dass ich ordentlich geliebt habe. Er wird mir die Chance geben, alles
wieder gut zu machen. Eher werde ich diesen schrecklichen Ort auch nicht
verlassen!