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"Jay! Mach die Tür
auf! Schnell!", ruft eine weibliche Stimme. Klopfen an meiner Zimmertür.
Hektisch. Es ist Gina. Meine andere Mitbewohnerin. Sie ist meine Liebste. Sie
hat eine liebe Art, die ich schätze. Das war's dann aber auch schon. "Ja,
Moment!", knurre ich. Ich wollte durchschlafen verdammt. So schnell es geht
öffne ich die Tür. Gina stürmt herein. Ihre Augen sind ängstlich. "Es
ist wegen Chef. Er hat mir gedroht, wenn ich nicht besser verdiene, würde er
mir was antun! Er meint..." Sie schluchzt. Sie hat sehr viel Angst vor
Chef. Sie dachte er liebt sie. Mich wundert, dass die Mädchen immernoch denken
solch ein Mensch könnte lieben. "Er meint, dass ich so tue als verdiene
ich nichts, weil ich ihn um sein Geld bringen will! Dabei ist es was ganz
anderes!" Verzweiflung schwingt in ihrer Stimme mit. Gina tut mir nicht
wirklich leid. Ich weiß schon, was los ist. Sie hat mir gegenüber mal einen
Verdacht geäußert. Der Verdacht bestätigt sich. Wie immer. Das Schicksal
einer Prostituierten ist komisch. Es erfüllen sich meist die schlechten Dinge.
Gina ist keine wirkliche Kämpfernatur. "Ich bin schwanger von Chef!",
würgt sie hervor. Tränen laufen ihre Wangen herunter. Ich lege meine Hand auf
ihre Schulter und nehme sie in den Arm. In meinem Gesicht zeigt sich kein Mitgefühl.
Kein echtes. Ich habe sie so oft davor gewarnt mit Chef zu schlafen. Er benutzt
nie Kondome. Ich kann froh sein, dass ICH nicht von ihm schwanger wurde. Ich
kann wirklich froh sein. Gina ist zu allem bereit. Sie würde das Baby ohne
weiteres nach der Geburt in eine Mülltonne werfen. In ihrem Alter hätte ich
das vielleicht auch getan. 15. Sie geht auf den Babystrich. Wie schon gesagt.
Gina ist eine gute Seele. Sie ist einfach nur dumm. So dumm wie ich in ihrem
Alter war. Nur sie steht schon mitten drin. Sie ist schon tiefer drin als ich.
Und jetzt auch noch das! "Ich will es nicht! Verstehst du Jay? Ich will das
Kind nicht! Ich kann es nicht austragen!" Kopfschüttelnd sitzt sie vor
mir. Heulend. Aufgelöst. So klein und zart. Wie ein 10-Jähriges Kind.
"Dann gehst du in ein Frauenhaus und.." "Nein! Ich kann hier
nicht weg!", unterbricht sie mich. Meine Stimme ist ruhig. Ihre kreischig.
Hysterisch. Sie steht auf. "Gina, bleib!", bitte ich sie. "Nein,
nein. M..mach dir keine Sorgen. Ich krieg' das geregelt." Zuversichtlich
sieht sie nicht gerade aus. Jedoch entschlossen. Mir schwant Böses vor. Ich
kann mich auch täuschen. Gina rennt aus meinem Zimmer und knallt die Tür dabei
zu. Kurz darauf geht sie nochmal auf. Gina steckt nochmal ihren Kopf ins Zimmer.
Sie lächelt. "Sehen wir uns heute Abend an der Ecke?" Ach, Gina...
"Ja, natürlich.", ist meine Antwort. Damit nickt sie und
verschwindet. Ich will nicht klingen, wie eine Wahrsagerin. Doch ich denke es
ist das letzte Mal, dass ich Gina gesehen habe.
Meine Finger zittern
ein wenig. Mein Magen dreht sich. Schwankt hin und her. Meine Beine zucken. Ich
stehe schnell auf und hole mir meine Tylenolpackung ins Bett. Sie steht immer
auf dem Nachtschränkchen. Sichtbar. Greifbar. Abrufbereit. Heute schlucke ich
nur zwei. Bestimmt geht es mir heute gut. Auch wenn ich schlafen wollte stehe
ich auf und sehe im Wohnzimmer einen Rest Pizza stehen. Schinken mit Käse. Mein
Magen knurrt. Ich muss auch etwas essen, damit die Tablette wirkt. Wir haben
keine Mirkowelle oder sowas. Nur einen Gasherd, den ich mich nicht traue zu
benutzen. Ich habe Angst er wird uns alle umbringen. Zwar rauche ich nicht, das
ist mir zu teuer, aber Gina und meine zwei anderen Mitbewohner/innen tun es. Die
Pizza ist kalt. Sie schmeckt gut. Frisch. Von gestern Abend. Ich habe für 10
Dollar Pizza bestellt. Jetzt habe ich noch 290 Dollar. Was soll's? Sein oder
nicht sein. Das ist hier die Frage. Warum kommt mir dieser Satz jetzt in den
Sinn? Egal. Mir kommen öfter solche intelligenten Eingebungen zu den unmöglichsten
Zeiten. Den Vormittag und den Nachmittag verbringe ich zu Hause vor dem
Fernseher. Mich treibt ja niemand nach draußen. Kein Chef, dem ich
normalerweise noch gestern Nacht das Geld hätte bringen müsste. Ich sehe
Talkshow über Talkshow. Es ist zum Totlachen. Was die für Probleme haben. Sie
sind zu dick oder zu dünn. Können sich nicht entscheiden, welchen von bis zu fünf(!)
Männern sie haben wollen und dann wenn sie einen haben wollen sie noch einen
anderen. Ich kann da auch so einiges erzählen. Natürlich ist der Gedanke
absurd. Ich stelle mir trotzdem vor, wie die Leute auf meine Stories reagieren.
Reagieren WÜRDEN! Ich muss nicht erwähnen, dass ich nicht gern über mich
spreche. Schon gar nicht mit Leuten, die ich nicht kenne.
Here
I come again. Ich verlasse die Wohnung. Ich muss einkaufen. Gestern Abend
hab ich nur das Nötigste gekauft, um satt zu werden. Jetzt schlendere ich durch
den kleinen Supermarkt. Locker. Lässig. Provozierend. Einige Leute schauen mich
schief an. Schütteln den Kopf. Ich muss vielleicht auch was essen! Soll ich in
einem Extraladen kaufen? Sie sind so pikiert. Sie haben alle keine Ahnung. Die
Dame an der Kasse lächelt. Wir kennen uns bereits. Irgendwann frage ich sie mal
nach ihrem Namen. Ich mag es nämlich sehr, wenn ich Leute auf der Straße begrüßen
kann, die ich kenne. Normale Leute mit einem normalen Job. Eine anständigere Tätigkeit.
Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Der Himmel ist klar. Sterne und Mond
funkeln. Ich wandere ziellos durch die Straßen, die ich wie meine Westentasche
kenne. Von irgendwoher heulen Polizeisirenen. Schreie. Irgendwo ist wieder was
los. Die Mädchen die am Straßenrand stehen sind alle jünger als ich. Restlos.
Ich bin auf dem Babystrich gelandet. Sie sehen schlimm aus. Wirklich schlimm.
Richtig schlimm. Einige nehmen Drogen. Eigentlich alle. Ich tue es nicht. Keine
Drogen. Gelten Tabletten als Drogen? Wenn ja, dann bin ich wohl auch abhängig..
doch eine Abhängigkeit habe ich mir schon vom Hals geschafft. Chef. Ein Lächeln
huscht über mein Gesicht. Meine Laune steigert sich wieder. Beinah fange ich an
eine Melodie zu summen. Doch dann komme ich mir nachher noch vor wie eine kleine
Heidi aus den Bergen die überglücklich über die Weiden der Alpen hüpft.
Alice im Wunderland. Jayda im Wunderland. Es geht wieder bergauf. Jup!