-2-
"Jayda!
Hey Jay! What's up? Kommst du auch mal endlich?", ruft mir eine alte
Bekannte zu. Laquanda. Sie ist schon 28 und hat fünf Kinder. Sie ist Crack abhängig.
Sie tut mir nicht leid. Sie hat es so gewollt. Sie hat diesen Job angefangen,
weil sie sexbesessen war und meinte, hier könne sie ihr Verlangen stillen.
Falsch gedacht. Es geht ihr heute noch genauso. Eine Sucht ist eine Sucht. Da
hilft nichts als eine Therapie. Das sage ich ihr nicht mehr. Sie hat mich einmal
ausgelacht deswegen, also kümmere ich mich nicht um sie. Laquanda mag mich.
Keine Ahnung warum. Ich mag sie nicht. Ich mag niemanden an meiner Ecke. Heute
ist es noch kalt. Es ist Frühling. Der Sommer lässt noch auf sich warten und
doch habe ich das Gefühl, dass der Sommer dieses Jahr anders wird. Anders für
mich. Ich weiß nicht woher, aber ich weiß es und es macht mir Angst. Ich habe
vor vielen Dingen Angst, aber ich unterdrücke sie. Ich kann nicht eine
Charaktereigenschaft von mir nennen ohne im gleichen Atemzug zu sagen, dass es
sich von Tag zu Tag ändert, ob ich tatsächlich so bin. Ich bin auf der Suche
nach mir selbst. Ich weiß nicht, ob ich mich eines Tages finde.
Vielleicht.
Vielleicht auch
nicht.
Anyway, das ist jetzt
nicht so wichtig.
Ich brauche Geld. Ich
habe großen Hunger. Mein Magen knurrt. Obwohl er weiß, dass er eventuell
erstmal tagelang nichts bekommt. Man sieht mir an, dass es finanziell gerade
schlecht um mich steht. Ich bin dünn, doch ich versuche mich soweit über
Wasser zu halten, dass ich nicht abgemagert aussehe. Mein Gesicht sieht älter
aus. Unsichtbare Narben der Vergangenheit. Der letzten zwei Jahre. Eine Narbe
unter dem rechten Auge ist als Einzigste sichtbar. Sie erinnert an Chef. Mein
erstes Mal mit Chef. Er war nicht sehr zartfühlend. Kein Freier ist das. Es
geht ihnen nur um ihre Befriedigung und auch wenn sie so tuen, als gäben sie
auf einen Acht, ist das auch nur zu ihrem Nutzen. Freier tuen nichts ohne
Eigennutz. Chef hat mich nicht geschlagen. Er hat mich geschubst und ich bin auf
die Ecke des Couchtischs aufgeschlagen. Es hat eine Weile geblutet, hörte dann
jedoch wieder auf. Sandy, eine Bekannte sagte mir, ich hätte es nähen lassen müssen,
aber ich gehe nicht wegen so einer Lapalie zum Arzt. Ich gehe überhaupt nur
wegen dem Vorsorgetest jedes viertel Jahr zum Arzt und dann auch nur zu Dr.
Setherick. Er ist der Einzige, dem ich meinen ohnehin schon verdorbenen Körper
anvertraue.
Nun habe ich also
diese Narbe. Meine Freier sehen sie. Sie fragen auch danach. Ich antworte, es wäre
ein Pferd gewesen, dass mich mit seinem Huf erwischt hatte.
Die Stunden vergehen.
Die Sonne steigt hoch an den Himmel und sinkt wieder hinab. Dann geht sie unter.
Ich kann mich kaum noch auf meinen Beinen halten und lehne mich an die
verdreckte Hauswand eines angeblich leerstehenden Mehrfamilienhauses. In
Wirklichkeit tobt da drinnen die Drogenhölle. Die Mafia. Keine Ahnung. Ich war
noch nie drin. Ich will da nicht rein. Es wäre mein Verderben.
Laquanda geht.
"Bye Jay. Bis morgen." Sie wendet sich zum Gehen, dreht sich dann aber
nochmal um und fragt: "Machst du auch bald Schluss hier? Willst du sonst
vielleicht heute Nacht auf meine Kinder aufpassen? Ich muss eine Doppelschicht
machen. Diddy ist krank und ihre Stammfr..." "Ich kann nicht, sorry!
Ich muss heute Nacht arbeiten!", unterbreche ich sie gleich in ihrem
Redeschwall. Ich werde ganz bestimmt nicht auf ihre Kinder aufpassen. Für kein
Geld der Welt.
Okay.
Das war gelogen. Aber
ich tue es nicht für lausige 2 Dollar die Stunde. Da geh ich lieber zum Frisör
und verlaufe meine Haare. Nun kann man aber auch sagen, dass Mädchen mit langen
Haaren mehr Freier bekommen. Das stimmt soweit auch. Ich habe lange Haare.
Dunkelblond. Meine Augen sind ein bisschen grün und ein bisschen blau. Kommt
auf meine Stimmung an. Wenn ich traurig bin sind sie tiefgrün. Wenn ich fröhlich
bin sind sie tiefblau und wenn ich wütend bin sind sie grau.
Egal.
Dieser Tag ist wie
immer. Tagsüber ist es selten, dass man einen Freier bekommt. Abends blüht die
Straße richtig auf. Die Clubs öffnen dann. Leute strömen durch das Nachtleben
von Südkalifornien.
Ich werde
optimistischer. Doch dann fängt es plötzlich an zu regnen. Wie aus Eimern. Aus
Kannen. Es scheint sich eine Sintflut über die Straße zu ergießen. Und ich
stehe einfach nur da und warte. Der Regen verwischt mein Make-Up. Ich sehe nicht
tuntig aus. Das verschreckt die Kunden. Doch mein Maskara ist nicht wasserfest
und läuft an meinen Wangen herunter. Ich wische darüber. Ich möchte gehen,
aber ich habe Hunger. Ich sehe jemanden auf mich zukommen und setze mein Lächeln
auf. Der Regen bildet einen so dichten Vorhang, dass ich erst nicht erkennen
kann, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Ein Mann. Ein Freier? Wenn er an mir
vorbeigeht, ist es ein Freier, aber nicht mein Freier. Nicht heute. Doch er
kommt auf mich zu. Sein Gang vermittelt mir den Eindruck von Unsicherheit. Auch
er ist vom Regen durchnässt. Seine blaue Jeans hat dunkle, nasse Flecken. Es
ist ein junger Mann, so Anfang 20. Er hat dunkle Haare, nein Blonde. Sie hängen
am Kopf herunter und haben sich an seine Stirn geklebt. Er ist um einiges größer
als ich. Als er einen Meter entfernt von mir stehenbleibt, muss ich den Kopf
nach oben beugen, um ihm in die Augen sehen zu können. Sie sind blau. Unendlich
blau. Ich mag sie. Sie strahlen nicht die Kälte und Hektik aus, die ich sonst
in den Augen der Freier sehe. Erst jetzt erkenne ich ihn wirklich. Und ich kenne
ihn. Aus dem Fernsehen. Alles was ich weiß ist, er ist berühmt. Er ist Sänger.
Ich kenne seine Musik nicht.
Ich hoffe regelrecht
darauf, dass er mich jetzt anspricht. Doch er bleibt nur vor mir stehen und
starrt mir entgegen. "Hallo.", begrüße ich ihn vorsichtig. Er
scheint schüchtern zu sein. Damit kann ich umgehen. Manche tun auch so, als wüssten
sie nicht Bescheid. Das törnt sie an, wenn ich sie behandle wie kleine Jungen.
Ich möchte nicht darüber schreiben. Nur er zählt jetzt. Denn er ist jetzt im
Moment alles, an das ich denke. Er "ist" mein Essen für die nächste
Woche. "Hallo.", kommt es zurück. Er hat eine wahnsinnig gefühlvolle
Stimme. Und jetzt ist klar, er ist keineswegs älter als 25! Wie fasziniert
starre ich ihn an. Wie die Regentropfen auf seine Jacke pladdern, an seinen
Haaren heruntertropfen und auf seinen sehr teuer aussehenden Sneakers landen. Überhaupt
sieht er sehr teuer und markenbewusst angezogen aus. Er wirkt unschuldig. Wie
ein kleiner Junge. Blonde Haare, blaue Augen. Ich lächele ihm vertrauensvoll
entgegen. Was will er denn nun? "Können wir irgendwo hingehen, wo's etwas
trockener ist?", fragt er genau so laut, dass ich es gut verstehen kann.
"Ja. Kommen sie mit." Er nickt. Ich hake mich bei ihm unter. Er ist
genauso durchnässt wie ich. Ein Gutes hat mein Job. Man kommt schnell aus
nassen Klamotten raus.
Vor dem Stundenhotel
bleibe ich stehen und sehe ihn erwartungsvoll an. Irgendwie habe ich das Gefühl
in seinem Inneren nagen Zweifel. Ich denke, wenn er das nicht wirklich wollen würde,
sollte er besser nicht zu mir kommen. Doch er lächelt nur und geht voran. Auf
dem Zimmer lasse ich meine kleine Handtasche auf einen Sessel fallen, ziehe
meinen Mantel aus und hänge ihn ebenfalls darüber. Er sieht sich um. Als ob
die Einrichtung irgendeine Bedeutung gegenüber dem hat, was hier gleich
passieren wird. Er ist nervös. Ich finde, das passt zu ihm. Schließlich habe
ich nur noch einen kurzen Rock, meine knielangen Stiefel und ein Spaghettitop
an. Er steht einfach da und starrt aus dem Fenster. Sein T-Shirt, das er an hat
ist hinten auch durchnässt. Ich setze mich auf das Bett und warte und warte und
warte... "Hey mein Freund! Willst du ewig dort aus dem Fenster
gucken?", frage ich in gewohnt lasziven Tonfall. Der Freier dreht sich um
und schaut mich an. Ich bekomme einen Schreck. Er sieht mich nicht so an, wie
ich es gewohnt bin. Er sieht mich an, als wäre ich eine Frau. Eine wirkliche
Frau. Er scheint sich zu fragen, ob es mir gut geht. Ob ich Sorgen hätte. Ich
weiß einfach, dass es wahr ist, denn ich kenne diesen Blick. Diesen Blick hatte
nur meine Mom immer in den Augen gehabt und nun schaut mich ein völlig
Wildfremder so an. Es macht mir Angst. Große Angst. Panik wallt in mir auf. Was
soll das? Ich verstehe die ganze Situation nicht. Um mich zu versichern, dass
ich mich DOCH täusche sage ich: "Bezahlung vorher! Die Stunde 50
Dollar!" Er nickt einfach, ohne den Gesichtsausdruck zu verändern, geht zu
seiner Jacke, holt Geld heraus und hält es mir hin. Er schmeißt es mir nicht
zu. Er hält es mir hin. Ich greife danach. Es sind 300 Dollar. 6 bezahlte
Stunden. Ich erschauere. Entweder ist er ein ganz Langsamer oder er will reden
oder er hat eine ziemliche Ausdauer. Alle drei Sachen finde ich nicht so toll,
doch bin ja abgehärtet. "Danke.", würge ich unter meinem dicken Kloß
im Hals heraus. Es ist lange her, dass ein Freier mich sprachlos gemacht hat.
Lange her. Doch er schafft es und das ärgert mich nicht. Ich mag das Gefühl
von Abwechslung.