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"Jayda! Hey Jay! What's up? Kommst du auch mal endlich?", ruft mir eine alte Bekannte zu. Laquanda. Sie ist schon 28 und hat fünf Kinder. Sie ist Crack abhängig. Sie tut mir nicht leid. Sie hat es so gewollt. Sie hat diesen Job angefangen, weil sie sexbesessen war und meinte, hier könne sie ihr Verlangen stillen. Falsch gedacht. Es geht ihr heute noch genauso. Eine Sucht ist eine Sucht. Da hilft nichts als eine Therapie. Das sage ich ihr nicht mehr. Sie hat mich einmal ausgelacht deswegen, also kümmere ich mich nicht um sie. Laquanda mag mich. Keine Ahnung warum. Ich mag sie nicht. Ich mag niemanden an meiner Ecke. Heute ist es noch kalt. Es ist Frühling. Der Sommer lässt noch auf sich warten und doch habe ich das Gefühl, dass der Sommer dieses Jahr anders wird. Anders für mich. Ich weiß nicht woher, aber ich weiß es und es macht mir Angst. Ich habe vor vielen Dingen Angst, aber ich unterdrücke sie. Ich kann nicht eine Charaktereigenschaft von mir nennen ohne im gleichen Atemzug zu sagen, dass es sich von Tag zu Tag ändert, ob ich tatsächlich so bin. Ich bin auf der Suche nach mir selbst. Ich weiß nicht, ob ich mich eines Tages finde.

Vielleicht.

Vielleicht auch nicht.

Anyway, das ist jetzt nicht so wichtig.

Ich brauche Geld. Ich habe großen Hunger. Mein Magen knurrt. Obwohl er weiß, dass er eventuell erstmal tagelang nichts bekommt. Man sieht mir an, dass es finanziell gerade schlecht um mich steht. Ich bin dünn, doch ich versuche mich soweit über Wasser zu halten, dass ich nicht abgemagert aussehe. Mein Gesicht sieht älter aus. Unsichtbare Narben der Vergangenheit. Der letzten zwei Jahre. Eine Narbe unter dem rechten Auge ist als Einzigste sichtbar. Sie erinnert an Chef. Mein erstes Mal mit Chef. Er war nicht sehr zartfühlend. Kein Freier ist das. Es geht ihnen nur um ihre Befriedigung und auch wenn sie so tuen, als gäben sie auf einen Acht, ist das auch nur zu ihrem Nutzen. Freier tuen nichts ohne Eigennutz. Chef hat mich nicht geschlagen. Er hat mich geschubst und ich bin auf die Ecke des Couchtischs aufgeschlagen. Es hat eine Weile geblutet, hörte dann jedoch wieder auf. Sandy, eine Bekannte sagte mir, ich hätte es nähen lassen müssen, aber ich gehe nicht wegen so einer Lapalie zum Arzt. Ich gehe überhaupt nur wegen dem Vorsorgetest jedes viertel Jahr zum Arzt und dann auch nur zu Dr. Setherick. Er ist der Einzige, dem ich meinen ohnehin schon verdorbenen Körper anvertraue.

Nun habe ich also diese Narbe. Meine Freier sehen sie. Sie fragen auch danach. Ich antworte, es wäre ein Pferd gewesen, dass mich mit seinem Huf erwischt hatte.

Die Stunden vergehen. Die Sonne steigt hoch an den Himmel und sinkt wieder hinab. Dann geht sie unter. Ich kann mich kaum noch auf meinen Beinen halten und lehne mich an die verdreckte Hauswand eines angeblich leerstehenden Mehrfamilienhauses. In Wirklichkeit tobt da drinnen die Drogenhölle. Die Mafia. Keine Ahnung. Ich war noch nie drin. Ich will da nicht rein. Es wäre mein Verderben.

Laquanda geht. "Bye Jay. Bis morgen." Sie wendet sich zum Gehen, dreht sich dann aber nochmal um und fragt: "Machst du auch bald Schluss hier? Willst du sonst vielleicht heute Nacht auf meine Kinder aufpassen? Ich muss eine Doppelschicht machen. Diddy ist krank und ihre Stammfr..." "Ich kann nicht, sorry! Ich muss heute Nacht arbeiten!", unterbreche ich sie gleich in ihrem Redeschwall. Ich werde ganz bestimmt nicht auf ihre Kinder aufpassen. Für kein Geld der Welt.

Okay.

Das war gelogen. Aber ich tue es nicht für lausige 2 Dollar die Stunde. Da geh ich lieber zum Frisör und verlaufe meine Haare. Nun kann man aber auch sagen, dass Mädchen mit langen Haaren mehr Freier bekommen. Das stimmt soweit auch. Ich habe lange Haare. Dunkelblond. Meine Augen sind ein bisschen grün und ein bisschen blau. Kommt auf meine Stimmung an. Wenn ich traurig bin sind sie tiefgrün. Wenn ich fröhlich bin sind sie tiefblau und wenn ich wütend bin sind sie grau.

Egal.

Dieser Tag ist wie immer. Tagsüber ist es selten, dass man einen Freier bekommt. Abends blüht die Straße richtig auf. Die Clubs öffnen dann. Leute strömen durch das Nachtleben von Südkalifornien.

Ich werde optimistischer. Doch dann fängt es plötzlich an zu regnen. Wie aus Eimern. Aus Kannen. Es scheint sich eine Sintflut über die Straße zu ergießen. Und ich stehe einfach nur da und warte. Der Regen verwischt mein Make-Up. Ich sehe nicht tuntig aus. Das verschreckt die Kunden. Doch mein Maskara ist nicht wasserfest und läuft an meinen Wangen herunter. Ich wische darüber. Ich möchte gehen, aber ich habe Hunger. Ich sehe jemanden auf mich zukommen und setze mein Lächeln auf. Der Regen bildet einen so dichten Vorhang, dass ich erst nicht erkennen kann, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Ein Mann. Ein Freier? Wenn er an mir vorbeigeht, ist es ein Freier, aber nicht mein Freier. Nicht heute. Doch er kommt auf mich zu. Sein Gang vermittelt mir den Eindruck von Unsicherheit. Auch er ist vom Regen durchnässt. Seine blaue Jeans hat dunkle, nasse Flecken. Es ist ein junger Mann, so Anfang 20. Er hat dunkle Haare, nein Blonde. Sie hängen am Kopf herunter und haben sich an seine Stirn geklebt. Er ist um einiges größer als ich. Als er einen Meter entfernt von mir stehenbleibt, muss ich den Kopf nach oben beugen, um ihm in die Augen sehen zu können. Sie sind blau. Unendlich blau. Ich mag sie. Sie strahlen nicht die Kälte und Hektik aus, die ich sonst in den Augen der Freier sehe. Erst jetzt erkenne ich ihn wirklich. Und ich kenne ihn. Aus dem Fernsehen. Alles was ich weiß ist, er ist berühmt. Er ist Sänger. Ich kenne seine Musik nicht.

Ich hoffe regelrecht darauf, dass er mich jetzt anspricht. Doch er bleibt nur vor mir stehen und starrt mir entgegen. "Hallo.", begrüße ich ihn vorsichtig. Er scheint schüchtern zu sein. Damit kann ich umgehen. Manche tun auch so, als wüssten sie nicht Bescheid. Das törnt sie an, wenn ich sie behandle wie kleine Jungen. Ich möchte nicht darüber schreiben. Nur er zählt jetzt. Denn er ist jetzt im Moment alles, an das ich denke. Er "ist" mein Essen für die nächste Woche. "Hallo.", kommt es zurück. Er hat eine wahnsinnig gefühlvolle Stimme. Und jetzt ist klar, er ist keineswegs älter als 25! Wie fasziniert starre ich ihn an. Wie die Regentropfen auf seine Jacke pladdern, an seinen Haaren heruntertropfen und auf seinen sehr teuer aussehenden Sneakers landen. Überhaupt sieht er sehr teuer und markenbewusst angezogen aus. Er wirkt unschuldig. Wie ein kleiner Junge. Blonde Haare, blaue Augen. Ich lächele ihm vertrauensvoll entgegen. Was will er denn nun? "Können wir irgendwo hingehen, wo's etwas trockener ist?", fragt er genau so laut, dass ich es gut verstehen kann. "Ja. Kommen sie mit." Er nickt. Ich hake mich bei ihm unter. Er ist genauso durchnässt wie ich. Ein Gutes hat mein Job. Man kommt schnell aus nassen Klamotten raus.

Vor dem Stundenhotel bleibe ich stehen und sehe ihn erwartungsvoll an. Irgendwie habe ich das Gefühl in seinem Inneren nagen Zweifel. Ich denke, wenn er das nicht wirklich wollen würde, sollte er besser nicht zu mir kommen. Doch er lächelt nur und geht voran. Auf dem Zimmer lasse ich meine kleine Handtasche auf einen Sessel fallen, ziehe meinen Mantel aus und hänge ihn ebenfalls darüber. Er sieht sich um. Als ob die Einrichtung irgendeine Bedeutung gegenüber dem hat, was hier gleich passieren wird. Er ist nervös. Ich finde, das passt zu ihm. Schließlich habe ich nur noch einen kurzen Rock, meine knielangen Stiefel und ein Spaghettitop an. Er steht einfach da und starrt aus dem Fenster. Sein T-Shirt, das er an hat ist hinten auch durchnässt. Ich setze mich auf das Bett und warte und warte und warte... "Hey mein Freund! Willst du ewig dort aus dem Fenster gucken?", frage ich in gewohnt lasziven Tonfall. Der Freier dreht sich um und schaut mich an. Ich bekomme einen Schreck. Er sieht mich nicht so an, wie ich es gewohnt bin. Er sieht mich an, als wäre ich eine Frau. Eine wirkliche Frau. Er scheint sich zu fragen, ob es mir gut geht. Ob ich Sorgen hätte. Ich weiß einfach, dass es wahr ist, denn ich kenne diesen Blick. Diesen Blick hatte nur meine Mom immer in den Augen gehabt und nun schaut mich ein völlig Wildfremder so an. Es macht mir Angst. Große Angst. Panik wallt in mir auf. Was soll das? Ich verstehe die ganze Situation nicht. Um mich zu versichern, dass ich mich DOCH täusche sage ich: "Bezahlung vorher! Die Stunde 50 Dollar!" Er nickt einfach, ohne den Gesichtsausdruck zu verändern, geht zu seiner Jacke, holt Geld heraus und hält es mir hin. Er schmeißt es mir nicht zu. Er hält es mir hin. Ich greife danach. Es sind 300 Dollar. 6 bezahlte Stunden. Ich erschauere. Entweder ist er ein ganz Langsamer oder er will reden oder er hat eine ziemliche Ausdauer. Alle drei Sachen finde ich nicht so toll, doch bin ja abgehärtet. "Danke.", würge ich unter meinem dicken Kloß im Hals heraus. Es ist lange her, dass ein Freier mich sprachlos gemacht hat. Lange her. Doch er schafft es und das ärgert mich nicht. Ich mag das Gefühl von Abwechslung.

Ich stehe auf und gehe auf ihn zu. In seinen Augen zeigt sich Verlangen. Ich wusste, er ist nicht so scheu, wie er sich gibt. "Ich heiße Jayda. Wie heißen sie?", hauche ich ihm ins Ohr. "Du. Sag' einfach du!", antwortet er genauso leise. Seine Stimme hat einen melodischen Klang. Sie hallt in meinen Ohren wider und wider. "Ashley." Ashley? Das ist ein Mädchenname. Eigentlich. Ashley ist ein schöner Name. Ich mag ihn sehr. Ich liebe ihn! Er ist so weich wie Sahne auf einer Riesenportion Eiskrem und ich liebe Eiskrem. "Okay. Ashley? Was soll ich tun?", frage ich. Er mustert mich nicht. Seine Augen dringen tiefer in Meine. Nehmen meine Seele unter die Lupe. Ich fühle mich nackt. Ich habe das Gefühl er will nicht meinen Körper, sondern meine Seele und das verängstigt mich. Noch nie habe ich gefühlt, was ich bei ihm verspüre. Es ist unheimlich und ich möchte es hassen, aber ich will, dass er mich so ansieht. Ich will, dass er mir in die Augen sieht, als gäbe es auf der ganzen Welt niemand anderen außer mir. Seine Hand greift nach meiner Hand. Er führt sie zu seinem Mund und küsst sanft meine Handinnenfläche. Ich bekomme eine Gänsehaut.

 

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