-15-

"Jayda? Soll ich dir irgendwie helfen? Kommst du klar?", fragt Dave hinter mir. Er müsste im Türrahmen stehen. Arschloch. "Hau' ab, du Idiot!"

"Jayda, sorry für den Kommentar eben, aber ich hatte das Gefühl du bräuchtest einen Scherz. Eine kleine Auflockerung der Stimmung. Du hast es bestimmt wegen dem Kerzenlicht nicht gesehen, aber ich hab gelächelt und..." Augenblicklich habe ich ihn am Hemdkragen. Shit. Die linke Hand. Au! Au! Au! Wenigstens ist sein Hemd jetzt voll Blut und er kann dieses Scheißding hoffentlich nie wieder anziehen. "Hör' zu. Du nervst. Du bist ein dummes Arschloch und ich kann dich nicht leiden, also lass' mich verdammt nochmal endlich in Ruhe und kümmer' dich um deinen eigenen Mist!", schreie ich ihn an. Ihm entweicht ein ängstlicher Atemzug. Ich bin SO kurz davor ihn so zu treten, dass er nie wieder auch nur daran denken wird, Sex zu haben. Doch bevor ich dazu komme tritt er einen Schritt zurück und geht. Die Wohnungstür geht auf. "Dann verreckt doch beide hier! Ich zieh' aus!" Rums. Die Tür ist zu.

Zitternd stehe ich da. Vor Aufregung. Vor Angst. Vor Schmerzen. Am meisten aber vor Angst. Sicher nicht wegen Dave. Der kann mich mal. Er kann UNS mal. Wendy und mich. Wir schaffen das auch ohne ihn.

Ohne nochmal zu überlegen schnappe ich mir die Spritze und das kleine silberne Päckchen Alufolie... das ganze Besteck, das in der Schublade liegt. Wendy hat anscheinend nicht so einen guten Riecher für gute Verstecke. Ihr Tagebuch unter dem Bett. Das ist das Standardversteck. Aber das kann ich ihr ja gleich sagen. Eilig taste ich mich durch die Dunkelheit an der Wand endlang zum Badezimmer. Drücke die Klinke herunter. Verschlossen. "Wendy? Bist du da drin? Alles okay?" Alles was ich höre ist ein Stöhnen von drinnen. Es klingt so grausaum. So voller Schmerz. Ich zittere. Wie soll ich die Tür aufbekommen? Wendy kann sich kaum noch bewegen. Wahrscheinlich liegt sie sogar gegen die Tür gelehnt. Ich breche ihr die Beine, wenn ich mich dagegenschmeiße. Noch ein Klopfen meinerseits. Dumpfe Geräusche, die in der Dunkelheit verhallen. Stöhnen als Antwort. "Wendy, bist du okay? Sag' wenigstens ein Wort. Flüster' es. Ich will nur hören, ob es dir gut geht.", bettele ich. Wahnsinnig komisch, Jay! "...ob es dir gut geht." Als ob es Wendy gut gehen könnte! "Jay.", erreicht eine dünne Stimme mein Ohr. Sofort presse ich mein Ohr an die Tür. Röcheln auf der anderen Seite. Leises Wimmern. "Wendy, Wendy! Was ist los? Kannst du die Tür öffnen? Ich hab dein Schmerzmittel hier. Komm schon! Sag' was!" Meine Stimme zittert genauso wie meine Hände. Ich könnte jetzt nichtmal ein Telefon bedienen. Verdammt nochmal. Warum hat sie sich auch eingeschlossen? "Jay, ich kann mich nicht bewegen.", ertönt wieder ihre Stimme. Zart. Brüchig. Ich fühle mich hilflos. Hilfloser als je zuvor. Ich kann rein gar nichts machen. Ich kann ihr einfach nicht helfen. Nur diese beschissene Holztür trennt mich von ihr. Aber es ist nichts zu machen. "Ganz ruhig. Ich komm' schon irgendwie zu dir rein. Bleib' ruhig." Sie weint nicht. Ihre Finger schieben sich unter der Tür hindurch. Gerade mal die Spitze ihres Zeige- und Mittelfingers, aber wenigstens DIE kann ich berühren und ihr zeigen, dass ich da bin. "Gib' mir meinen Stoff.", bittet sie. "Ich kann nicht. Wie soll das gehen?" Meine linke Hand hält ihre Finger fest. Ihre Haut ist kalt. Eiskalt. "Spritz' ihn in die Vene in meinem Zeigefinger." Ungläubig starre ich in die Dunkelheit. In die Richtung in der meine blutige Hand ihre Haut berührt. "I...ich kann sowas nicht. Ich weiß nicht wie." "Du musst... versuchen.", stöhnt sie leise. "Scheiße, Wendy.", sage ich zu mir selbst. Ertaste das kleine Alupack und öffne es. Nicht atmen, sonst puste ich das Pulver weg. Keine Ahnung, wieviel es ist, aber es muss reichen. "Wendy.. wieviel muss auf den Löffel?", frage ich. Meine Stimme zitternd wie Espenlaub. "Egal.", kommt es zurück. Scheiße. Ich hab doch keine Ahnung davon! Shit. Shit. Shit! Ist das Pulver erstmal auf dem Löffel taste ich nach dem Feuerzeug. Wo ist das verfluchte Mistding? Ah, hier. Fahrig zippe ich daran herum, bis es endlich angeht. Autsch! Das war heiß. Vor Schreck vor der heißen Flamme, die an meinen Daumen gerät, lasse ich es wieder fallen. "Jay, mach' schnell. Ich.... tut weh...", wimmert Wendy leidend. Ich mache ja schon so schnell ich kann. "Gleich... bin gleich soweit. Keine Bange." Konzentriert beobachte ich das Feuerspiel unter dem Löffel. Die kleine Flamme tanzt unter dem Messing. Ruß. Gestank. Elender Gestank. Ich ignoriere ihn. Toleriere ihn. Das Pulver verändert seinen Zustand. Verflüssigt sich. Habe ich ihm Fernsehen schonmal gesehen. Und bei Chef. Einmal hat sich eine seiner Mädchen dort Heroin aufgezogen. Chef ist dazugekommen. Hat das gesehen. Ist rasend vor Wut geworden. Ich habe sie nie wieder gesehen.

"Wieviel muss ich aufziehen?" Warum frage ich das? Ich kann eh nichts sehen bei dem Licht. "Alles." Scheiße. Ich weiß ich habe zuviel gemacht. In meiner Hektik hab ich alles Pulver das in der Folie war auf den Löffel gekippt. Das MUSS zuviel sein. Ich will sie nicht umbringen. Ich will ihr nicht den goldenen Schuss verpassen. Wendy soll nur keine Schmerzen mehr haben. Keine Schmerzen mehr.

Keine... Schmerzen.

In meinem Gehirn arbeitet etwas. Ein Gedanke beißt sich fest und lässt nicht mehr los.

Tod.

Keine Schmerzen.

Tod.

Keine Schmerzen.

Tod.

Nie wieder Schmerzen.

Tod.

Kein Leiden mehr.

Tod.

Zu Mom und Lucy.

Tod.

Wendy.

Tod.

Ich?

Ich hocke vor der Tür und starre auf die voll aufgezogene Spritze. Ich habe Angst vor Spritzen. Habe ich schon immer gehabt. Ich hatte immer das Gefühl, ich könnte mir niemals selbst Eine setzen. Wahrscheinlich bin ich deshalb nicht heroinabhängig geworden. Vielleicht ist das EIN Grund. Von hunderten. Warum ich mich nicht...

Ich will nicht mehr daran denken. Ich weiß ich kann es nicht. Aber es wäre so einfach. Es wäre SO einfach. So einfach sich jetzt zurück zu lehnen. Einfach, sich diese kleine Nadel in eine Vene zu stechen. Zuzudrücken. Kurz den ziehenden Schmerz auszuhalten. Ich bin mir sicher, unter den Schmerzen die ich schon seit Stunden spüre, würde ich DIESE nicht merken. Es wäre ja so leicht. So leicht...

"Jayda?", quiekt es aus dem Bad. Ich werde katapultartig zurück in die Realität geschleudert. Es trifft mich fast am Kopf. Nein. Ich bin nur mit dem Kopf gegen die Tür gedonnert. Wieder Schmerzen. Ach. Ihr Schmerzen könnt' mich alle. Ich weiß ja jetzt Bescheid. Ich weiß, wie ich euch beenden kann. Und ich freue mich darüber, dass ich jetzt eine Möglichkeit habe. Wenn es nicht mehr besser wird. Den Plan behalte ich im Hinterkopf. Auch wenn ich weiß, dass es falsch und feige ist. Deswegen ist es ja auch mein letzter Ausweg. Nur weiß ich jetzt, wie.

"Ja, okay. Ich werd's versuchen. Halt still, Wendy! Gleich ist es besser." Ich habe nur diesen einen Versuch. Diesen EINEN Versuch. Ich muss mich konzentrieren. All meinen Mut zusammennehmen. Gewissenhaft taste ich in der Dunkelheit nach Wendy's Zeigefinger und führe die Nadel auf die Haut. Mit einem Finger halte ich ihre Fingerkuppe fest. Mit der Anderen die Spritze. Scheiße. Ich zittere noch immer. Ich habe solche Angst. Solche Angst. Verdammte.. Jayda, du kannst das! Wendy vertraut dir. Sie vetraut mir gerade ihr Leben an. Und ich darf sie nicht enttäuschen. Auch wenn ich nie jemandem mein Leben in die Hand legen würde. Wendy tut es und ich muss es retten. Wenigstens für heute Nacht. Mit einem Stoß ramme ich die Nadel in die Haut ihres Finger. Von drinnen kommt kein Mucks. So langsam wie möglich drücke ich die Flüssigkeit in ihre Vene. Noch ein bisschen... noch ein bisschen... geschafft. Mit einem Ruck ist die Nadel wieder draußen. Wendy zieht ihre zwei Finger unter der Tür hervor. Ich höre sie dreimal tief einatmen. Rasseln. "Wendy? Alles in Ordnung? Ist es besser?", frage ich vorsichtig und lausche gegen die Tür. "Ja, danke. Es ist... besser. Ich... bin..." Sie beendet ihren Satz nicht. "Was bist du? Erschöpft? Froh? Wendy, rede mit mir!" Mein Herz klopft heftig gegen meinen Brustkorb. Ich wünsche mir so sehr bei ihr im Bad sein zu können. "Müde... müde. Ich möchte... schlafen.", säuselt sie zart. Sanft wie ein Windhauch an einem warmen Sommerabend. Die rotgoldene, untergehende Sonne. Das Zwitschern der Vögel. Freies Feld. Grüne Wiesen so weit das Auge reicht. Leicht im Wind wehende Baumwipfel. Der Geruch von Blumen in meiner Nase. Ich halluziniere fast. Aber ich kann nichts dagegen tun. Ihr Tonfall hat meine Fantasie eben so sehr angeregt. Das stelle ich mir vor. Und es ist so schön. Es muss so unvorstellbar herrlich sein, an so einem Ort zu wohnen. Weit und breit nichts, als Natur und Frieden. So stelle ich mir das Paradies vor. "Dann schlaf'. Ruh' dich aus. Und wenn du wieder aufwachst, dann kannst du die Tür öffnen und ich mache dir wieder diese schöne..." "Hmmm... Jay? Hmmm.. Jay... will nicht mehr... hmm.. aufwachen... nicht mehr aufwachen... schlafen.. schlafen... Jay... auf wiedersehen... jay... ich hab dich... lieb, Jay... schlafen..." Meine Augen werden feucht. Warum wusste ich, dass es so kommen muss?

Warum weiß ich, dass ich nichts tun kann?

Warum weiß ich, dass Wendy geht?

Warum tue ich nichts dagegen?

Warum sitze ich so ruhig hier?

Warum ist alles so klar?

Warum tue ich nichts?

Warum tue ich nichts?

Ich könnte versuchen die Tür aufzubrechen. Den Notarzt anrufen. Sie ins Krankenhaus bringen lassen... operieren lassen, oder was sie in solch einem Fall tun. Stattdessen tue ich gar nichts. Ich rutsche auf meinen Hintern. Das linke Ohr an die Tür gepresst. Höre Wendy. Wendy's Worte. Ich höre Wendy beim Sterben zu. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich ziehe meine Beine an meinen Körper und schließe die Augen, um sie von den Tränen zu befreien. Nasse Straßen auf meinen Wangen. Ein schmerzendes Gefühl in meinem gesamten Körper. Ich kann nichts dagegen tun. Gar nichts tun. Ich bin machtlos. Gott will Wendy. Wendy will Gott. Es soll so sein, wie es geschieht. "Jay.. Jay... deine Mom... Jay, deine Mom! Deine Mom, Jay... sie ruft dich, Jay. Hörst du sie, Jay? Ich sehe deine Mom, Jay.. sie ruft dich, Jay, sie ruft dich. Du... es geht dir gut.. ich sage ihr, es geht dir gut... es geht ihr gut... es geht ihr gut.. es geht mir gut. Jay, Jay, keine Schmerzen...hmmm... nur schlafen.. Jay, Jay, deine Mom... sie ruft dich.. komm' mit mir.. Jay, deine Mom ruft nach dir... komm' mit mir mit...schlafen..." Stille.

zurück    vor

setstats 1
Hosted by www.Geocities.ws

1