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"Jayda? Soll ich
dir irgendwie helfen? Kommst du klar?", fragt Dave hinter mir. Er müsste
im Türrahmen stehen. Arschloch. "Hau' ab, du Idiot!"
"Jayda, sorry für
den Kommentar eben, aber ich hatte das Gefühl du bräuchtest einen Scherz. Eine
kleine Auflockerung der Stimmung. Du hast es bestimmt wegen dem Kerzenlicht
nicht gesehen, aber ich hab gelächelt und..." Augenblicklich habe ich ihn
am Hemdkragen. Shit. Die linke Hand. Au!
Au! Au! Wenigstens ist sein Hemd jetzt voll Blut und er kann dieses Scheißding
hoffentlich nie wieder anziehen. "Hör' zu. Du nervst. Du bist ein dummes
Arschloch und ich kann dich nicht leiden, also lass' mich verdammt nochmal
endlich in Ruhe und kümmer' dich um deinen eigenen Mist!", schreie ich ihn
an. Ihm entweicht ein ängstlicher Atemzug. Ich bin SO kurz davor ihn so zu
treten, dass er nie wieder auch nur daran denken wird, Sex zu haben. Doch bevor
ich dazu komme tritt er einen Schritt zurück und geht. Die Wohnungstür geht
auf. "Dann verreckt doch beide hier! Ich zieh' aus!" Rums. Die Tür
ist zu.
Zitternd stehe ich
da. Vor Aufregung. Vor Angst. Vor Schmerzen. Am meisten aber vor Angst. Sicher
nicht wegen Dave. Der kann mich mal. Er kann UNS mal. Wendy und mich. Wir
schaffen das auch ohne ihn.
Ohne nochmal zu überlegen
schnappe ich mir die Spritze und das kleine silberne Päckchen Alufolie... das
ganze Besteck, das in der Schublade liegt. Wendy hat anscheinend nicht so einen
guten Riecher für gute Verstecke. Ihr Tagebuch unter dem Bett. Das ist das
Standardversteck. Aber das kann ich ihr ja gleich sagen. Eilig taste ich mich
durch die Dunkelheit an der Wand endlang zum Badezimmer. Drücke die Klinke
herunter. Verschlossen. "Wendy? Bist du da drin? Alles okay?" Alles
was ich höre ist ein Stöhnen von drinnen. Es klingt so grausaum. So voller
Schmerz. Ich zittere. Wie soll ich die Tür aufbekommen? Wendy kann sich kaum
noch bewegen. Wahrscheinlich liegt sie sogar gegen die Tür gelehnt. Ich breche
ihr die Beine, wenn ich mich dagegenschmeiße. Noch ein Klopfen meinerseits.
Dumpfe Geräusche, die in der Dunkelheit verhallen. Stöhnen als Antwort.
"Wendy, bist du okay? Sag' wenigstens ein Wort. Flüster' es. Ich will nur
hören, ob es dir gut geht.", bettele ich. Wahnsinnig komisch, Jay!
"...ob es dir gut geht." Als ob es Wendy gut gehen könnte!
"Jay.", erreicht eine dünne Stimme mein Ohr. Sofort presse ich mein
Ohr an die Tür. Röcheln auf der anderen Seite. Leises Wimmern. "Wendy,
Wendy! Was ist los? Kannst du die Tür öffnen? Ich hab dein Schmerzmittel hier.
Komm schon! Sag' was!" Meine Stimme zittert genauso wie meine Hände. Ich könnte
jetzt nichtmal ein Telefon bedienen. Verdammt nochmal. Warum hat sie sich auch
eingeschlossen? "Jay, ich kann mich nicht bewegen.", ertönt wieder
ihre Stimme. Zart. Brüchig. Ich fühle mich hilflos. Hilfloser als je zuvor.
Ich kann rein gar nichts machen. Ich kann ihr einfach nicht helfen. Nur diese
beschissene Holztür trennt mich von ihr. Aber es ist nichts zu machen.
"Ganz ruhig. Ich komm' schon irgendwie zu dir rein. Bleib' ruhig." Sie
weint nicht. Ihre Finger schieben sich unter der Tür hindurch. Gerade mal die
Spitze ihres Zeige- und Mittelfingers, aber wenigstens DIE kann ich berühren
und ihr zeigen, dass ich da bin. "Gib' mir meinen Stoff.", bittet sie.
"Ich kann nicht. Wie soll das gehen?" Meine linke Hand hält ihre
Finger fest. Ihre Haut ist kalt. Eiskalt. "Spritz' ihn in die Vene in
meinem Zeigefinger." Ungläubig starre ich in die Dunkelheit. In die
Richtung in der meine blutige Hand ihre Haut berührt. "I...ich kann sowas
nicht. Ich weiß nicht wie." "Du musst... versuchen.", stöhnt
sie leise. "Scheiße, Wendy.", sage ich zu mir selbst. Ertaste das
kleine Alupack und öffne es. Nicht atmen, sonst puste ich das Pulver weg. Keine
Ahnung, wieviel es ist, aber es muss reichen. "Wendy.. wieviel muss auf den
Löffel?", frage ich. Meine Stimme zitternd wie Espenlaub.
"Egal.", kommt es zurück. Scheiße. Ich hab doch keine Ahnung davon! Shit.
Shit. Shit! Ist das Pulver erstmal auf dem Löffel taste ich nach dem
Feuerzeug. Wo ist das verfluchte Mistding? Ah, hier. Fahrig zippe ich daran
herum, bis es endlich angeht. Autsch! Das war heiß. Vor Schreck vor der heißen
Flamme, die an meinen Daumen gerät, lasse ich es wieder fallen. "Jay,
mach' schnell. Ich.... tut weh...", wimmert Wendy leidend. Ich mache ja
schon so schnell ich kann. "Gleich... bin gleich soweit. Keine Bange."
Konzentriert beobachte ich das Feuerspiel unter dem Löffel. Die kleine Flamme
tanzt unter dem Messing. Ruß. Gestank. Elender Gestank. Ich ignoriere ihn.
Toleriere ihn. Das Pulver verändert seinen Zustand. Verflüssigt sich. Habe ich
ihm Fernsehen schonmal gesehen. Und bei Chef. Einmal hat sich eine seiner Mädchen
dort Heroin aufgezogen. Chef ist dazugekommen. Hat das gesehen. Ist rasend vor
Wut geworden. Ich habe sie nie wieder gesehen.
"Wieviel muss
ich aufziehen?" Warum frage ich das? Ich kann eh nichts sehen bei dem
Licht. "Alles." Scheiße. Ich weiß ich habe zuviel gemacht. In meiner
Hektik hab ich alles Pulver das in der Folie war auf den Löffel gekippt. Das
MUSS zuviel sein. Ich will sie nicht umbringen. Ich will ihr nicht den goldenen
Schuss verpassen. Wendy soll nur keine Schmerzen mehr haben. Keine Schmerzen
mehr.
Keine... Schmerzen.
In meinem Gehirn
arbeitet etwas. Ein Gedanke beißt sich fest und lässt nicht mehr los.
Tod.
Keine Schmerzen.
Tod.
Keine Schmerzen.
Tod.
Nie wieder Schmerzen.
Tod.
Kein Leiden mehr.
Tod.
Zu Mom und Lucy.
Tod.
Wendy.
Tod.
Ich?
Ich hocke vor der Tür
und starre auf die voll aufgezogene Spritze. Ich habe Angst vor Spritzen. Habe
ich schon immer gehabt. Ich hatte immer das Gefühl, ich könnte mir niemals
selbst Eine setzen. Wahrscheinlich bin ich deshalb nicht heroinabhängig
geworden. Vielleicht ist das EIN Grund. Von hunderten. Warum ich mich nicht...
Ich will nicht mehr
daran denken. Ich weiß ich kann es nicht. Aber es wäre so einfach. Es wäre SO
einfach. So einfach sich jetzt zurück zu lehnen. Einfach, sich diese kleine
Nadel in eine Vene zu stechen. Zuzudrücken. Kurz den ziehenden Schmerz
auszuhalten. Ich bin mir sicher, unter den Schmerzen die ich schon seit Stunden
spüre, würde ich DIESE nicht merken. Es wäre ja so leicht. So leicht...
"Jayda?",
quiekt es aus dem Bad. Ich werde katapultartig zurück in die Realität
geschleudert. Es trifft mich fast am Kopf. Nein. Ich bin nur mit dem Kopf gegen
die Tür gedonnert. Wieder Schmerzen. Ach. Ihr Schmerzen könnt' mich alle. Ich
weiß ja jetzt Bescheid. Ich weiß, wie ich euch beenden kann. Und ich freue
mich darüber, dass ich jetzt eine Möglichkeit habe. Wenn es nicht mehr besser
wird. Den Plan behalte ich im Hinterkopf. Auch wenn ich weiß, dass es falsch
und feige ist. Deswegen ist es ja auch mein letzter Ausweg. Nur weiß ich jetzt,
wie.
"Ja, okay. Ich
werd's versuchen. Halt still, Wendy! Gleich ist es besser." Ich habe nur
diesen einen Versuch. Diesen EINEN Versuch. Ich muss mich konzentrieren. All
meinen Mut zusammennehmen. Gewissenhaft taste ich in der Dunkelheit nach Wendy's
Zeigefinger und führe die Nadel auf die Haut. Mit einem Finger halte ich ihre
Fingerkuppe fest. Mit der Anderen die Spritze. Scheiße. Ich zittere noch immer.
Ich habe solche Angst. Solche Angst. Verdammte.. Jayda, du kannst das! Wendy
vertraut dir. Sie vetraut mir gerade ihr Leben an. Und ich darf sie nicht enttäuschen.
Auch wenn ich nie jemandem mein Leben in die Hand legen würde. Wendy tut es und
ich muss es retten. Wenigstens für heute Nacht. Mit einem Stoß ramme ich die
Nadel in die Haut ihres Finger. Von drinnen kommt kein Mucks. So langsam wie möglich
drücke ich die Flüssigkeit in ihre Vene. Noch ein bisschen... noch ein
bisschen... geschafft. Mit einem Ruck ist die Nadel wieder draußen. Wendy zieht
ihre zwei Finger unter der Tür hervor. Ich höre sie dreimal tief einatmen.
Rasseln. "Wendy? Alles in Ordnung? Ist es besser?", frage ich
vorsichtig und lausche gegen die Tür. "Ja, danke. Es ist... besser. Ich...
bin..." Sie beendet ihren Satz nicht. "Was bist du? Erschöpft? Froh?
Wendy, rede mit mir!" Mein Herz klopft heftig gegen meinen Brustkorb. Ich wünsche
mir so sehr bei ihr im Bad sein zu können. "Müde... müde. Ich möchte...
schlafen.", säuselt sie zart. Sanft wie ein Windhauch an einem warmen
Sommerabend. Die rotgoldene, untergehende Sonne. Das Zwitschern der Vögel.
Freies Feld. Grüne Wiesen so weit das Auge reicht. Leicht im Wind wehende
Baumwipfel. Der Geruch von Blumen in meiner Nase. Ich halluziniere fast. Aber
ich kann nichts dagegen tun. Ihr Tonfall hat meine Fantasie eben so sehr
angeregt. Das stelle ich mir vor. Und es ist so schön. Es muss so unvorstellbar
herrlich sein, an so einem Ort zu wohnen. Weit und breit nichts, als Natur und
Frieden. So stelle ich mir das Paradies vor. "Dann schlaf'. Ruh' dich aus.
Und wenn du wieder aufwachst, dann kannst du die Tür öffnen und ich mache dir
wieder diese schöne..." "Hmmm... Jay? Hmmm.. Jay... will nicht
mehr... hmm.. aufwachen... nicht mehr aufwachen... schlafen.. schlafen... Jay...
auf wiedersehen... jay... ich hab dich... lieb, Jay... schlafen..." Meine
Augen werden feucht. Warum wusste ich, dass es so kommen muss?
Warum weiß ich, dass
ich nichts tun kann?
Warum weiß ich, dass
Wendy geht?
Warum tue ich nichts
dagegen?
Warum sitze ich so
ruhig hier?
Warum ist alles so
klar?
Warum tue ich nichts?
Warum tue ich nichts?