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Mein Gesicht wendet
sich ihm zu. Er schaut mich an. Seine blauen Augen weiten sich kurz. Er ist
sichtlich überrascht. Ja. Auch Mädchen wie ich haben Gefühle. Wir können sie
nur besser verstecken. ICH kann meine Gefühle gut verstecken. Ich könnte
schauspielern. Ich könnte Ashley sagen, dass ich ihn liebe, dabei tue ich das
nicht. Ich könnte es ihm SO sagen, dass er es glaubt. Aber auf so eine
idiotische Idee komme ich erst gar nicht. Das ist so unmöglich!
"Mein Weg ist...
ach, ich habe keine Weg. Ich komme zu dir, also, ich bin wieder zu dir gekommen,
weil... also, weil..." Er gerät ins Stottern. Ich schließe unter
Schmerzen meine Augen. Eigentlich höre ich nur noch mit einem Ohr hin. Alles an
das ich plötzlich denke, ist der stechende Schmerz in meiner linken Brust.
Nicht mein Herz. Darunter. Meine Rippe. Meine gebrochene Rippe. Ich kann... kaum
noch atmen. Ashley bemerkt das. "Also, mein... alles in Ordnung, Jayda?",
fragt er besorgt. Ha! Besorgt. Als ob er sich Sorgen um mich macht... nun gut.
Da gibt es noch sowas, was man den "männlichen Beschützerinstinkt"
nennt, aber ich brauche keinen Schutz. Was ich brauche ist eine Tylenol 3!
Dringend!
"Ja.",
presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ich bin kurz davor meine
Hand auf meinen Oberkörper zu legen und einmal laut aufzustöhnen. Vor
Schmerzen. Ashley hat ja eh schon mitbekommen, dass ich 'n blaues Auge hab. Natürlich
interessiert es ihn nicht, wovon. Natürlich hat er nicht nachgefragt. Das geht
ihn ja auch nicht wirklich was an. Ist nicht sein Problem, wenn jemand versucht
hat, mich umzubringen und es wieder versuchen wird, wenn er merkt, dass ich noch
am Leben bin. ER schuldet niemandem Geld. Er hat genug Schotter, um fünfmal zu
leben ohne zu arbeiten. Millionen. Bei dem Gedanken an soviel Geld wird mir
schwindelig. Nein. Nicht wegen dem Geld. Zum glücklich sein brauche ich kein
Geld... hab ich noch nie gebraucht. Das Geld brauch ich ja nur zum Leben. Zum glücklich
sein brauche ich etwas anderes. Glaube ich... ich habe sowas wie Liebe ja noch für
niemandem empfunden. Denke ich. Bei meinem ersten Freund kann das keine
wirkliche Liebe gewesen sein. Dazu war es mir ZU egal, ob er mit anderen Mädchen
schlief. Die eifersüchtigste Person auf Erden war ich sowieso noch nie, aber
wenn man einen Freund hat, will man doch, dass derjenige treu ist. Weitesgehend
jedenfalls. Ach scheiße! Warum ist das alles so verzwickt? So verdammt
kompliziert?!
"Bist du
krank?" Was soll die Frage?
"Nein."
"Was ist es
dann?", fragt er leise und diesen verfickt fürsorglichen Ton hasse ich,
weil ich weiß er ist gespielt. Er KANN nicht real sein. Ashley ist doch nicht
Mutter Theresa. Er kann sich nicht um alles und jeden sorgen. Und wenn er es
doch tut, ist er ganz schön dämlich. Obwohl.. so dämlich ist er mir nie
vorgekommen, eher intelligent. Aber wenn man soviel Kohle hat, ist es sicherlich
egal, was für einen Charakter man hat. Ob man dumm ist. Egozentrisch. Paranoid.
Exzentrisch. Hauptsache Ashley... ich weiß nicht mehr, was für einen Gedanken
ich eben hatte. Es ging um diesen blonden Kerl, der vor mir sitzt und mich
sicherlich immernoch mit diesem Scheiß-mütterchen Blick ansieht.
"Nichts.",
zische ich und schlage die Augen auf, um ihn böse anzusehen. Er soll nicht
versuchen sich mir zu nähern! Wenn ich ihm näher sein will, dann mache ich das
von mir aus. Ich! Nicht er! Ich! Ich! Ich!
"Na
dann....", murmelt er gezwungen. Ich weiß er will jetzt brennend wissen,
was mit mir los ist. Bestimmt rattert sein Gehirn gerade wie eine
Flugzeugturbine. Eigentlich war es mir immer egal, wenn jemand über mich
nachgedacht hat, aber heute finde ich das irgendwie nervig. Viele Menschen mögen
es. Wenn sich jemand Sorgen um sie macht. Dann fühlen sie sich als etwas
Besonderes. Ein Individum. Man steht im Mittelpunkt. Hat die gesamte
Aufmerksamkeit. Das kann positiv und negativ sein. Meistens egal. Ich wünsche
mir trotzdem er würde sich nicht kümmern.
"Was ist
nun?", frage ich ungeduldig. Wenn er sich heute tatsächlich noch mit mir
vernügen will, sollte er langsam mal anfangen. Ich will endlich meine
Tablette(n)!
"Wenn es dir
schlecht geht, dann.." "Hör' zu, es ist alles okay!", raune ich.
Er nickt wie in Zeitlupe. Toll. Mein Magen knurrt. Leise. Unhörbar. Ich spüre
es natürlich. Danke Ashley. Dir gebe ich nie wieder was ab. Generell gebe ich
kein Essen mehr ab. Ich brauch's selber. Meine Rippen sind ja schon zu sehen.
Das sieht ungesund aus. Wie mein Lebensstil zur Zeit. Einfach ungesund.
Ashley überlegt
wieder. IST das ein Denker! Überlegt der jedes Mal dreifach, ob er etwas tut?
Gut. Das zeichnet einen Mann aus. Unüberlegtheit ist eine dumme Angewohnheit.
MEINE Angewohnheit. Früher. Misstrauische Personen überlegen sowieso immer
tausend Mal.
"Achso, das hätte
ich fast vergessen.", sagte Ashley wie zu sich selbst. Er steht auf, geht
zu seiner Jacke. Holt aus der Jackentasche Geld heraus und reicht es mir hin.
Ich nehme es entgegen. 150 Dollar. Hallo? Hat er rechnen gelernt? Warum bezahlt
er plötzlich... ey... das regt mich jetzt wirklich auf. Auch, wenn es mir nicht
zusteht. Ich dürfte mich natürlich nicht darüber beklagen, dass ich jetzt den
richtigen Preis bekomme. Ich hab ihn ja eigentlich betrogen die letzten Male.
Ich hätte ihm das Geld wiedergeben müssen, das er nicht "verbraucht"
hat. Ich hab's nicht gemacht. Hab ihn somit ausgenommen. Es sollte mich verdammt
nochmal nicht stören. Hat's eigentlich bis jetzt auch nicht. Doch ich merke
etwas. Schuldgefühle. Hat er.. nein, Geldprobleme KÖNNEN es einfach nicht
sein. Niemals. Nicht bei seinem Job. Bei meinem schon aber nicht, nicht bei
Seinem! Nun ja, 150 Dollars sind auch nicht schlecht. Auf jeden Fall besser als
gar nichts. Ach, was denk' ich hier? 150 Dollar sind fantastisch!
"Danke für das
Essen!", sagt Ashley und geht einen Schritt auf mich zu, um mir ein Kuss zu
geben. Ich bewege mich gar nicht. Liegt an den Schmerzen. Trotzdem komme ich
dazu, ein blödes Gesicht zu machen. Was soll das? Abschied? War das Geld eben
Almosen? Ich will keine Almosen. Ich BRAUCHE keine Almosen, OKAY?
"Was wird
das?", frage ich irritiert.
"Ich muss los.
Is' schon spät." Das interessiert ihn doch sonst auch nicht. Er zieht sich
schnell seine Jacke über und öffnet die Tür. Und geht. Die Tür fällt ins
Schloss. Ich kann es nicht glauben. Ich glaub' das einfach nicht. Ich hab mich
grad' richtig erniedrigen lassen. Ich hätte nicht von Ashley gedacht, dass er
mir etwas Gutes und Schlechtes gleichzeitig tun kann. Erstens: ich brauche das
Geld, aber zweitens: ich brauche das Geld nicht SO! Er hätte wenigstens einmal
mit mir schlafen müssen dafür. Nicht, dass ich so scharf drauf bin, aber ich
hasse Geld für's Nichtstun. So dumm es klingt. Ich muss damit kämpfen nicht
auf die Schnauze zu fallen... aber ich will das Geld nicht haben. Nicht so. Doch
Ashley ist weg. Vielleicht für immer. Gott. Ich merke, dass ich traurig werde.
Nicht nur, wegen diesen beschissenen Schmerzen. Weil er mir Geld gegeben hat,
als wäre ich eine Obdachlose. Irgendwo auf der Straße liegend. Nackte Füße.
Blaue Hände. Gezeichnet von der Kälte. Oder gezeichnet von der Hitze.
Zerfetzte Klamotten. Strähnige, dreckige Haare. Ungewaschen. Stinkend. Das Bild
vieler Obdachlosen geistert mir in meinem Kopf umher. Ich habe mir mal
vorgenommen niemals wie sie zu werden. Abhängig. Das war vor mehr als sieben
Jahren. Ich war neun und hatte das erste Mal eine Obdachlose gesehen. Sie lag an
eine Parkbank gelehnt. Im Winter. Ohne Schuhe. Ohne Handschuhe. Ohne Mütze.
Ohne Mantel. Nur einen Rock und ein T-Shirt an. Zugedeckt mit Zeitungspapier.
Und Schnee. Es schneite. Der Winter zeigte in diesem Jahr sehr spät sein
unerbittlich kaltes Gesicht. Doch nun war der Tag gekommen und die alte Frau saß
dort so und starrte mit starrem Blick auf ihre kleine Taschenuhr. Eine Mickymaus
Uhr. Rosa. Bunt. Ob sie tickte oder nicht, wusste ich nicht. Aber die Frau
starrte darauf, als wäre es das Einzige, das für sie noch existierte. Ich
stand lange vor ihr und wartete ab, ob sie mich registrieren würde. Ich warf
ihr sogar zwei Dollar hin. Doch die wurdem vom eisigen Wind davon geweht. Die
Frau hatte nicht danach gegriffen. Sie würde auch nie wieder nach etwas
greifen. Ich merkte es erst nach zehn Minuten, in denen ich sie eigehend und
neugierig und erschreckt beobachtete. Die Frau war tot. Wahrscheinlich erfroren.
Keiner hatte sich um sie gekümmert. Wahrscheinlich hatte sie niemanden gehabt
und niemand hatte ihr Geld gegeben, damit sie sich Sachen oder Essen kaufen
konnte. Das hatte ich damals gedacht. Nur heute dachte darüber anders. Es hätte
schon sein können, dass das Geld, das ihr zugeworfen wurde, genauso schnell
weggeweht worden war. Vielleicht war die Frau aber auch einfach zu stolz, um das
Geld anzunehmen. Dachte, sie würde es auch gut ohne schaffen und dachte
vielleicht, sie würde für sich selbst sorgen können. Sie wollte
wahrscheinlich genauso unabhängig sein, wie ich heute. Und ich war nicht unabhängig.
Ich war genau das Gegenteil. Obwohl ich das Gefühl hatte, ich wäre es nicht.
Verdammt, und wie sehr ich Ashley's Geld brauchte. Ich brauchte nichts mehr auf
dieser Welt heute, als das Geld! Und wenn ich mich genauso anstellte wie die
Frau damals es vielleicht getan hatte, dann würde ich genauso enden. Denn die
Obdachlose damals hatte keinen Ashley.
Bedächtig stecke ich
das Geld ein und verlasse das Motel. Meine Schritte beschleunigend setze ich
meinen Weg nach Hause fort. Es ist noch immer stockdunkel. Ich fühle Müdigkeit
meine Glieder hinaufkriechen. Niemand spricht mich an. Ich sehe sicher aus, als
wäre ich in Eile. Das bin ich irgendwo auch. Der Supermarkt ist geschlossen.
Ich muss warten bis morgen Abend, bevor ich einkaufen kann. Wendy und ich
brauchen was zu Essen. Dave kann für sich selbst kaufen. Er braucht meine Hilfe
nicht so wie Wendy. Wendy ist hilflos. Verloren. Abhängig. Abhängig von mir.
Ich glaube nicht, dass sie ohne mich überleben kann. Ich glaube auch nicht,
dass sie MIT mir überleben kann. Sie hat wirklich keine Chance. Das weiß ich
schon lange und sie weiß es auch. Ich habe aber eigentlich keine Angst um sie.
Sie ist so ein fröhlicher, lebenslustiger Mensch. Gewesen. Ich sollte mir
Sorgen um sie machen. Ich mache mir Sorgen. Ab jetzt. Bilder in meinem Kopf.
Bild für Bild schießt an meinem inneren Auge vorbei. Wie wird sie aussehen,
wenn sie stirbt? Ich will nicht, dass sie stirbt. Wirklich nicht. Ich denke ich
habe in ihr so etwas wie eine Gefährtin gefunden. Eine Leidensgenossin. Davon gäbe
es sicher viele hier in der Gegend, aber keine ist so wie Wendy. Keine war so
wie Lucy. Lucy ist tot. Und scheiße nochmal, sie hatte das Gleiche wie Wendy
jetzt. Und ich will nicht nochmal jemanden so schmerzlich verlieren. Mit Wendy
ist es ein wenig anders. Wendy kenne ich noch nicht so lange, wie ich Lucy
kannte... nein, ich kenne Lucy ja immernoch. Sie mich auch. Nur ist sie nicht
mehr bei mir. Hier unten. Aber sie ist ja noch da. Nur kann ich sie nicht sehen.
Nicht, wenn ich die Augen geöffnet habe. Im Schlaf sehe ich sie immer. Auch
Mom. Sie lächeln mir beide entgegen. Reden mit mir. Es ist alles in Ordnung.
Sie sind beide zusammen. Sie passen auf mich auf. Heute Nacht werde ich sie
bitten, Wendy auch zu sich zu nehmen. Bei sich zu behalten. Dann kann ich Wendy
auch jede Nacht wiedertreffen. In meinen Träumen.