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Die Tränen laufen
ohne, dass ich sie daran hindere. Es brennt fast. Die ewige Trockenheit, die
jahrelang in ihnen geherrscht hat, wird heute schon das zweite Mal gebrochen.
Nur ich bin nicht mehr so, wie gestern. Heute ändert sich soviel. Mom ruft nach
mir? Ich soll mitkommen? Oh, wie gern ich würde. Aber ich gehe nicht. Nicht,
solange Mom mich nicht selbst darum bittet. Es geht ihr gut? Es geht mir gut? Es
geht mir nicht gut. Ich bin nur friedlich im Moment. Weil ich weiß, ich kann
nichts tun und Wendy muss nicht mehr leiden. Ich habe sie umgebracht. Ich bin
Schuld. Mit der Spritze. Zuviel Heroin. Ich bin Schuld daran, dass sie jetzt
entschläft. Sie schläft langsam ein und wird nie wieder ihre Schmerzen spüren.
Wendy wird nicht mehr leiden. Ich bin nicht halb so traurig, wie froh. Es hört
sich wahnsinnig an. Ich freue mich für sie. Obwohl es mir fast das Herz zerreißt.
Ich habe ihr vertraut. Wirklich. Ich habe gedacht ich könnte nie wieder
jemandem vertrauen. Aber ich lag so falsch. Ich habe sie geliebt. Ich habe sie
so sehr in mein Herz geschlossen. Und dort wird sie auch bleiben. Sie hat das
erreicht, was sie erreichen wollte. Frieden.
And
so it ended like it was supposed to end
When
it was you that was the strongest
It
hurts so deep inside
But
to know there's one more angel walking
Side
by side with me
Is
even the best thing I can get
And
I feel better now
You've
found your peace
Ich schlafe ein. Mit
dem Wissen ich werde in ein paar Stunden wieder erwachen und nichts wird besser
sein. Ich werde auf das benutzte Besteck sehen und nichts wird sich besser anfühlen.
Außer dem Wissen, dass es Wendy besser geht. Viel besser.
Grelles Sonnenlicht
weckt mich. Es ist heller Tag. Ich habe keine Uhr. Ich bin mir sicher, es ist
bereits Nachmittag. Mein Magen knurrt. Bevor ich realisieren kann, wo ich mich
befinde, klopft es an der Tür. Wer will denn was von uns? Ich bewege mich
nicht. Die Tür geht nicht ohne Schlüssel von außen zu öffnen. Also muss
derjenige wieder gehen. Doch ein Schlüssel klappert im Schloss. Die Tür
springt auf. Dave. Als er mich sieht guckt er so bestürzt, wie noch nie
dagewesen. Sein Blick wandert von mir, wie ich neben der Badtür liege, zu der
Spritze. Dem Löffel. Dem Feuerzeug. Dem leeren Alupapier. "Gott, was habt
ihr denn gemacht?", fragt er erstickt. Keine Antwort. Er läuft auf mich
zu. Seine Dreadlocks bammeln an der Seite seines Kopfes. War er nicht sauer auf
uns? Und war ich nicht sauer auf ihn? Sollte ich ihn nicht wegschubsen? Jetzt,
wo er mich auf den Arm nimmt und auf die Couch legt? Besorgt schaut er mich an.
"Sag' schon, was ist passiert, Jay?" Ich schüttele den Kopf. Er atmet
hörbar aus und geht wieder zur Badtür, um die Klinke herunterzudrücken. Natürlich
geht die Tür nicht auf. Von drinnen kommt kein Geräusch. "Wendy? Alles in
Ordnung? Wendy? Antworte!" "Dave, lass' es!", flüstere ich. Er
ignoriert es. Von der Straße dringen Menschenstimmen in unsere Wohnung. Das
Fenster bei mir ist offen. Ich stehe auf und gehe wie in Trance in mein Zimmer,
um mich auf das Fensterbrett zu setzen. Nebenbei höre ich, wie Dave an der Badtür
herumwerkelt. Sich dagegenstützt. An der Klinke rüttelt. Mein Blick schweift
über die dreckige Straße über die Schilder mit halbnackten Frauen und Oasen
und indischen Palästen. Auf fast jedem Schild ist eine Palme. Palmen hab ich
natürlich schon gesehen, aber das Meer noch nie. Es wundert mich, dass Dave
nicht gefragt hat, ob ich mir was gespritzt hab. Vielleicht ist es aber auch
einfach egal. Wendy ist ja auch wichtiger. Auch, wenn Wendy schon nicht mehr
hier ist. Im Traum heute Nacht habe ich mit Mom und Lucy gesprochen. Sie haben
mich in den Arm genommen. Mom hat wieder so schön nach ihrem vornehmen Parfüm
gerochen, dass ich so liebe. Lucy und Mom haben immer die gleichen Klamotten an,
wie an dem Tag, an dem sie starben. Mom ihr blümeliges Sommerkleid, die Haare
offen und Lucy ihren Teddyschlafanzug. Sie hat ihn geliebt und deswegen
getragen, als sie sich umbrachte. Ich merke mal wieder, dass ich in solchen
Sachen so abgestumpft bin. Ich sollte wie jeder normale Mensch jetzt weinen.
Tage hindurch. Ich habe Wendy verloren. Aus meinem alltäglichen Leben ist sie für
immer verschwunden. Existiert nur noch in meinen Träumen und meinem Herzen.
Aber irgendwie kann ich das nicht. Ich kann nicht mehr wie jeder normale Mensch
auch, Gefühle zeigen. Dass ich vor Ashley geweint habe, war schon seltsam
genug. Stattdessen sitze ich auf meinem Fensterbrett und sehe den Leuten beim
Putzen oder Einkaufen zu. Viele Mädchen stehen auch tagsüber auf der Straße,
aber am Tage verdient man sehr schlecht. Keine der verheirateten Männer gehen
öffentlich, also bei hellem Tageslicht, zu ihnen und sprechen sie an. Man könnte
sie ja sehen. Außerdem ist heute Sonntag und allgemein am Wochenende läuft das
Geschäft schlecht, weil ja all die braven Familiendaddies mit Kind und Kegel
einen Ausflug machen müssen. Nicht, dass sie mir leid tun. Keiner meiner Freier
tut mir leid. Also lenke ich mich mit Gedanken an meine Freier ab. Ich gehe alle
Gesichter mit Namen durch. Gehe das durch, was ich als Standard mit ihnen tun
muss. Gehe ihr Alter nach. Ihren Wohnort, wenn ich ihn weiß. Ihren
Familienstand... die Meisten sind geschwätzig. Sie erzählen 'ne Menge aus
ihrem privaten Bereich. Dabei wissen sie, dass die Tour bei mir nicht zieht. Als
Gegenleistung erwarten sie dann immer, dass ich auch etwas aus dem Nähkästchen
plaudere. Doch mit Keinem wollte ich bisher über mich selbst reden. Doch, mit
Einem ja fast. Fast!
Mein Kopf dröhnt.
Mein Genick ist steif. Zum ersten Mal blicke ich auf meine linke Hand.
Getrocknetes Blut. Mehr kann ich nicht erkennen. Es schmerzt auch zu sehr, sie
zu öffnen. Dann könnte ich die richtigen Wunden sehen. Das muss ich jedoch
noch nicht. Mein Oberkörper hat aufgehört wehzutun. Nur wenn ich mich zu viel
bewege, tut er weh. Das muss ich wohl lernen. Schließlich hab ich nicht vor,
zum Arzt zu gehen.
"Heilige Scheiße,
was habt ihr nur gemacht?", brüllt Dave aus dem Wohnzimmer. Ich werfe ihm
einen Blick zu. Er... er hat die Badezimmertür geöffnet. Sein Kopf steckt in
dem kleinen Raum. Schnell zieht er ihn wieder heraus. Sein Gesicht ist aschfahl.
Er zittert. Seine Augen blicken verstört zu mir herüber. Ich erwidere seinen
Blick. Ängstlich.
"Jayda!
Antworte! Was ist hier gelaufen?" Ich beiße mir auf die Unterlippe und
halte meine Tränen zurück. Stehe auf. Gehe zu ihm. Anscheinend kann man die Tür
nicht weiter als einen Spalt breit öffnen. Seine Hand ist dagegengestützt. Er
sieht nicht zornig aus. Nur verwirrt und verängstigt. "Jay! Sag' schon!
Ich will wissen, was du mit Wendy gemacht hast." Ich sehe einmal auf die Tür.
Dann zu Dave. Und antworte: "Ich hab ihr das Heroin gespritzt." Er
wird noch blasser. "Du hast nicht.... wieviel hast du ihr gespritzt?"
Ich überlege nicht lange: "Eine Ganze." Er zieht scharf die Luft
durch die Nase. "Eine ganze Spritze? Bist du eigentlich noch ganz bei
Trost?" Ich sage nichts. Mein Blick wird trotzig. Ich habe schon gewusst,
was ich tat. "Dave, halt einfach deine Klappe! Eigentlich geht dich das gar
nichts an! Du hast uns doch allein gelassen und musstest eingeschnappte
Leberwurst spielen! Außerdem interessierst du dich sonst auch nicht für uns,
dann lass' es auch jetzt besser bleiben!" Meine Augen verengen sich zu
Schlitzen. Er hätte nicht hier sein dürfen. Er wird mich an die Bullen
verpfeifen, so wie ich ihn kenne. Shit! Was hab ich nur getan? Ich hätte ihn
Wendy niemals finden lassen dürfen. Ich hätte so tun müssen, als sei sie
baden oder sowas. Ach nein, wir haben ja keine Badewanne. Egal. Das hätte der
mit seinem Kiffergehirn auch nicht gemerkt. Oh Mann... ich steck' ganz tief
drin... ich muss ihn irgendwie dazu bringen, dass er genauso Schuld hat. "Jayda,
du weißt gar nicht was du redest! Wendy ist tot, Mann! Mausetot! Und sie liegt
in unserer Wohnung! Zusammen mit Heroin! In UNSERER Wohnung. Heroin, das du ihr
verabreicht hast! Weißt du, was die mit uns machen werden?" Gut, er redet
nicht davon, dass nur ich schuld bin. Überhaupt, was plustert er sich hier so
auf? Hätte er sie sich nicht einschließen lassen, wäre das Ganze sowieso
nicht passiert und... und Wendy wäre vielleicht noch am Leben. Doch als ich ihm
das sage, verfällt er in noch mehr Panik. "Du hast Recht! Wir sind beide
ganz schlecht dran.. scheiße... ich will nicht in den Knast. Ich bin noch viel
zu jung, zum Sterben.." "Dave, halt' mal die Luft an. Wir sterben
nicht deswegen. Wir sagen einfach die Wahrheit. Glaubst du, ich hatte vor, Wendy
umzubringen, als ich ihr das Morphium gespritzt hab?" Er sieht mich einmal
an und fängt schallend an zu lachen. "Bist du jetzt komplett bescheuert,
oder was, Dave? Warum lachst du?" Er beruhigt sich wieder. Seine Augen
werden feucht. Feuchter. Er heult los. "Wer hat je gesagt, dass das
Morphium ist, in der Alufolie?" Ich mache ein verwirrtes Gesicht. Was will
er mir damit sagen? "Jay, das war pures Heroin in der Alufolie. Heroin und
Morphium sind ganz bestimmt nicht dasselbe! Auch, wenn Wendy dir das gesagt hat,
damit du nichts dagegen sagst, dass sie es sich spritzt. Wendy war nicht
Morphiumabhängig oder sowas.. sie war einfach nur eine dreckige Fixerin, die
deine Unwissenheit ausgenutzt hat, damit du sie nicht maßregelst." Um mich
herum fängt es an sich zu drehen. Das kann doch nicht stimmen. Wendy kann mich
nicht belogen haben. "Wendy war keine dreckige Fixerin. Und du hast mich
auch belogen. Als ich gefragt hab, ob du ihr das Morphium gegeben hast..."
"Das sollte doch nur ein kleiner Hinweis sein. Ein Gedankenanstoß.
Ein.." Ich schubse ihn weg und gehe schnellen Schrittes in mein Zimmer. Das
kann nicht stimmen. Das kann nicht stimmen. Auch wenn es einleuchtend klingt.
Ich hätte Wendy nicht erlaubt, sich Heroin zu spritzen. Ach Scheiße... wieso
war ich so blöd? So blöd auf diesen Trick hereinzufallen? Und ich hab ihr
vertraut... ich hab Wendy vertraut und sie hat das einfach ausgenutzt.. ich
dachte, sie wäre anders. Vielleicht hat es ihr letztendlich auch leid getan,
dass sie mich angelogen hat. Aber vielleicht auch nicht.. langsam hab ich echt
genug von diesem ganzen Mist. Alle wollen mich nur über's Ohr hauen. Und ich
bin immer so dumm und mache alles noch schön mit und habe auch noch ja und Amen
dazu gesagt, dass sich Wendy das Mor..Heroin gespritzt hat. Damit hab ich doch
zweimal umgebracht! Gott, ich weiß nicht, ob ich traurig wegen ihr sein soll,
oder ob ich sie hassen soll. Eins steht jedenfalls fest: Dave und ich werden uns
niemals verstehen und dafür hat er eben gesorgt.
Warum tun Menschen so
etwas? Warum nutzen sie einander aus? Nur um ihren eigenen Vorteil zu bekommen?
Um sich besser zu machen als andere? Um zu zeigen, dass sie mehr drauf haben? Um
zu zeigen, dass sie überlegen sind? Aus Hilflosigkeit? Aus unverständlichen Gründen?
Warum belügen sie sich? Aus Angst? Aus Spaß? Aus Eifersucht? Aus Liebe? Aus
Geldgier? Um einen persönlichen Vorteil zu erlangen? Warum hat Wendy mich
belogen? Wusste sie zu gut über mich und mein Verhalten Bescheid? Wusste sie zu
gut, wenn ich mit etwas nicht einverstanden sein würde? Hatte sie Angst vor
meiner Missbilligung? Wollte sie unbedingt so unschuldig wirken, damit ich sie
mochte? Wollte sie mich in Wirklichkeit nicht belügen, musste es aber tun?
Wahrscheinlich ja. Sie kann das nicht mit schonungsloser Absicht gemacht haben.
So gut konnte sie sich nicht vestellen, dass sie 24-7 das liebe Mädchen
spielte. Und ich weiß, ich hätte nicht mehr mit ihr geredet, wenn ich gewusst
hätte, dass sie fixt. Bin ich denn wirklich so dumm? Bin ich NOCH ZU
unvorsichtig? Ja, was soll ich denn noch tun, damit mich niemand mehr verletzen
kann? Mich noch mehr verschließen? Dabei war ich doch gerade dabei, mich wieder
ein wenig zu öffnen. Für Ashley. Aber wahrscheinlich ist Ashley genauso wie
Wendy. Nach außen hin nett und lieb und schön, aber innerlich belügen sie
mich. Vielleicht wartet Ashley ja nur auf irgendeinen günstigen Zeitpunkt? Aber
ich wollte doch endlich mal jemanden lieben. Das geht ja auch nicht mehr. Denn
wahrscheinlich sind doch alle Menschen gleich. Sie lügen alle für ihren
Vorteil. Wendy war da keine Ausnahme. Ashley wird Keine sein. Und auch ich bin
keine...
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b continued soon... I promise!