Sammeln und Schießen oder Kriegsgräber in Putlos
Ort : Hamburg + Putlos (Ostseeküste)
Zeit: 15.11.1999 - 07.12.1999
Zwei Monate AGA und zwei Wochen Wach- und Sicherungsausbildung hinter mir, 7 1/2 Monate als Fernmelder noch vor mir. Doch bevor ich meine eigentliche Tätigkeit als VHF-Schreibfunker, zu dem ich eingeteilt wurde, aufnehmen konnte, kamen noch einige andere Ereignisse dazwischen. Eigentlich passierte soviel, das ich während meine ganzen Bundzeit nie offiziell meine Aufgabe ausführen konnte
.
Das erste was mich davon abhielt, war ein kleiner, einwöchiger "Sonderauftrag" von unserem Spieß, für den sich mit mir zusammen noch 9 weitere Freiwillige (diesmal freiwillig freiwillig
) gemeldet hatten: Fünf Tage Spenden sammeln für die Kriegsgräberfürsorge in Hamburg in der Ausgehuniform der Bundeswehr (Wann trägt man die schon mal?).
Und da standen wir dann auch am darauffolgenden Montag morgen beim Spieß auf Matte: geschniegelt und gebügelt. Jeder von uns bekam von ihm eine verplompte Sammelbüchse und noch ein paar Tips & Vorsätze mit auf den Weg - von wegen "Bild in der Öffentlichkeit" und so. Mich wies er noch darauf hin, das ich den falschen Mantel zu meiner Uniform trug ... auf Grund meiner Größe hatte man mir einen Offiziersmantel gegeben. "Na und, was solls?" fragte ich mich.
Die ganze Woche verlief dann folgendermaßen: Früh morgens immer Zählung und Abgabe des gesammelten Geldes vom Vortag. Danach immer paarweise zu einer möglichst vollen Fußgängerzone irgendwo in Hamburg. Geld sammeln und auf die Bevölkerung einen guten Eindruck machen. Nach ein paar Stunden - egal wann - wieder zurück zur Kaserne oder nach Hause, je nachdem ob man Hamburger war, oder von woanders herkam. Am nächsten Tag ging wieder alles von vorne los.
Ich verbrachte die fünf Tage zusammen mit einem anderen Funker, einem Hamburger und gutem Kameraden. Wir fuhren nach dem Zählen des Geldes immer mit seinem Auto zur Mönkebergstraße in der Hamburger City. Dort sammelten wir vor den großen Kaufäusern immer solange Geld bis es uns entweder zu kalt oder unsere Stimmen zu heiser wurden. Dann ging es zum Aufwärmen meistens zu McDonalds um sich ein paar Fritten und Chicken McNuggets reinzuschieben. Unser selbstbestimmter Dienstschluß war natürlich immer so kurz nach zwei Uhr. Das interessante und auch gute an dieser ganzen Aktion war natürlich nicht nur der frühe Dienstschluss, sondern die verschiedensten Reaktionen der Bürger auf die Bundeswehr und diese Sammelaktion. Der größte Teil der Spender waren verständlicherweise Renter, die eventuell ihren Mann, Bruder oder Sohn damals im 2. Weltkrieg verloren haben. Mit einigen kamen interessante Unterhaltungen zustande, nur peinlich wurde es wenn manche dachten die Wehrmacht existiere noch und wir würden für sie sammeln ... naja, was es nicht alles gibt. Der Rest der Spender bestand meistens aus Mitleid habenden (Ex-)Angehörigen der Bundeswehr, welche sich meist über unsere gelben Litzen in Zusammenhang mit unserem grünen Barrett - Fernmelder tragen normalerweise ein rotes - wunderten, was auf unsere übergeordnete Einheit zurückzuführen ist. Sehr vermindert attackierten uns verbal auch einige Bundeswehrgegner ... was allerdings bei den restlichen Bürgern nicht gut ankam und diese veranlasste uns zu verteidigten!
Nach dieser, vom Bundeswehralltag abwechslunsgreichen Woche, stand wieder Militärdienst auf dem Programm ... aber nicht etwa Funken und derartiges, was für uns Fernmelder eigentlich vorgesehen war. Nein, es sollte ein einwöchiger Truppenplatzaufenthalt an der Ostsee in Putlos zur reinen Waffenausbildung folgen. Klang recht interessant ... bis wir erfuhren, dass da ein Wochenende draufgeht, was man erst als Gefreiter "ersetzt" sprich zwei Tage Sonderurlaub als Ausgleich dafür kriegt. Auch die ganzen Geldzulagen, die es für sowas gibt, gelten erst ab Dienstgrad Gefreiter, was wir erst in der zweiten Hälfte der Übung werden sollten. Diese Tatsache schmälerte dann doch gewaltig unsere "Freunde".
Trotz aller dieser "Schwierigkeiten" machte sich die gesamte Stabskompanie nach einer Woche theoretischer Waffenausbildung - "sinnvoll" vor allem für uns neue, die gerade erst die SWA hinter uns hatten - in mehreren der recht unbequemen, und auch unsicheren, großen Bundeswehrbusse am Freitag den 26.11. auf den Weg nach Putlos.
Nach mehrstündiger Fahrt - welche mit zivilen Mitteln nur ein fünftel so lange gedauert hätte - erreichten wir die leere Übungskaserne in Putlos. Nach Zimmeraufteilung , Einweisung und Waffenabgabe war der erste Tag gelaufen. Am nächsten Tag stand *gähn* Waffenausbildung auf dem Programm, um den beteiligten Reservisten nochmal den Gebrauch in Erinnerung zu rufen. In den folgenden Tage sollten dann auf verschiedenen Schießanlagen sowohl einzelne Schußwaffen als auch Handgranaten und auch das sogenannte "Gruppengefechtsschießen in der Verteidigung" geübt werden. Bei letzterem wurde auch ein Wettbewerb durchgeführt.
Für meine Gruppe - bestehend aus überwiegend "altgedienten" Obergefreiten plus zwei neuen und einem Unteroffizier als Gruppenführer - ging es am ersten Tag mit Panzerfaustschießen los. Nachdem wir als erste um ca. 8 Uhr dort ankamen, wurde uns mitgeteilt das erst noch jemand vor uns rankommen sollte. Dieser jemand bestand aus ca. 6 anderen Gruppen, so das wir erst gegen 16 Uhr zu schießen kamen. Anstatt die Zeit "sinnvoll" mit Ausbildung zu verbringen, saßen wir im Kreis im kalten Graß, alberten, verarschten die anderen Gruppen, sowie "Horst Tappert" und versuchten die Kälte um den Gefrierpunkt zu verdrängen. Sobald allerdings ein Vorgesetzter vorbei kam, wurden von uns lauthals einige "wichtige, militärische" Begriffe in den Raum geworfen, um ein intensives Lernen vorzutäuschen. Das klappte so gut, das unser damaliger KpChef Major Nichols die anderen Gruppen, welche wirklich Ausbildung abhielten, darauf hinwies sich doch an unserer tollen Gruppe doch ein Beispiel zu nehmen! Das die anderen Gruppenführer auf unseren uffz dann nicht gut zu sprechen waren war klar
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Mit dem ersten Gefechtsschießen, welches am nächsten Tag stattfand, konnten wir uns noch weitere Bewunderung unseres KpChef abholen, da wir die beste Punktzahl dabei bekamen. So ein Gefechtsschießen lief folgendermaßen ab: In einem vorgefertigten Stellungssystem warten zwei Soldaten in einem Alarmposten mit MG und Feldtelefon bestückt auf auftretenen Feind in Form von Klappfallscheiben. Sobald dieser auftaucht wird der Rest alarmiert, der sich unverzüglich in seine Stellungen begibt. Dort angekommen folgt ein bestimmter Ablauf an Feindwellen, die von uns aufgehalten werden sollten, inkl. abschießbaren Pappanzer, simuliertem Mörserfeuer, etc.
Also insgesamt ein richtig schönes Feuerwerk.
Bevor am übernächsten Tag das Wettbewerbsschießen stattfinden sollte, kam es beim Handgranaten werfen noch zu einem recht lustigen Zwischenfall. Nachdem ich mich bei den Übungswerfen extra dumm angestellt hab, um keine scharfe werfen zu müssen, und dies nach den Vorschriften bei meinem schlechten Trefferbild auch nicht hätte machen dürfen, wurde ich doch dazu "gezwungen". Weil unser KpCh dachte ich hätte Angst vor einer Handgranate - aus meiner Sicht war es nur gebührender Respekt - kam er zu mir, wollte mir meine Granate aus der Hand nehmen und mir zeigen, das alles ganz sicher ist. Dabei zupfte er wild am Sicherungsring und sagte nur: "Solange dieser Ring *rüttel, rüttel* drin ist kann nichts passieren. Bevor er die Handgranate noch dazu brachte in meiner Hand loszugehen, warf ich sie leiber wie vorgeschrieben ... und traf beim drei Würfen immer ins schwarze. Achja, beim "offiziellen" Vergleichschießen der einzelnen Gruppen am darauffolgenden Tag wurden wir leider nur dritter, weil unser Panzerfaustschütze OG Eckelt im Gegensatz zum erstenmal den Panzer nicht beim ersten Versuch traf. War aber auch kein Wunder, da mit jedem Tag dort draußen das Wetter schlechter wurde - Sturmböen, Dauerregen, dunkler Himmel und arschkalte Luft.
Nebebei wurden wir "Neuen" am 31.11. gegen Mitternacht endlich zum Gefreiten befördert - und durften uns mit nur einem Paar Schulterklappen für Parka und Feldjacke rumärgern. Die letzten zwei Tage stand dann auch nicht mehr so viel an. Am Donnerstag fand nochmal ein Gefechtschießen statt, welches meine Gruppe ausrichten durften ... unser Major fand, das wir keine Übung mehr brauchten. Die "Freizeit" verbrachten wir wie jeden Tag dort mit Waffenputzen, dem bewältigen der dortigen Hindernisbahn (natürlich wieder Wettbewerbsmäßig), Saufen oder einem Besuch im dortigen Soldatenkino.
Am Freitag ging es dann so gegen Mittag wieder zurück Richtung Hamburg, wo diese Übung dann mit nochmaligen Waffenputzen beendet wurde. Da unser KpChef mit dem Ablauf der Übung und mit der Leistung der Soldaten sehr zufrieden war, gestattete er allen - auch uns - zwei Tage Sonderurlaub. Damit war wieder ein abwechslungsreicher Abschnitt meiner Bundzeit vorbei auf den erstmal ca. zwei Monate "Standardarbeit" folgen sollte.