Juni '95
Santiago de Chile, 28.05.1995
Drau�en die schreiende Musik, von nebenan das Schnarchen, so war es kein Wunder, da� wir um 9:00 Uhr wie ger�dert durch lautes Kindergeschrei geweckt wurden. Es war Zeit, aufzubrechen. Ich k�chelte mir noch einen Kaffee auf meinem Gaskocher, zog mich an und brachten unsere Fahrr�der in eine Abstellkammer, die uns die drei netten alten Damen kostenlos zur Verf�gung stellte. Immerhin wu�ten sie, da� wir noch mal zur�ckkommen m�ssen, um bei ihnen zu �bernachten. Es tat mir ein wenig leid, mein Fahrrad zur�ckzulassen, andererseits freute ich mich auf die Gro�stadt. Schwer bepackt liefen wir bei wundersch�nem Sonnenschein zum Busbahnhof und kauften Tickets f�r einen regelrechten Luxusbus nach Santiago. Es ging �ber H�gel und durch Tunnel Santiago entgegen, und in Santiago angekommen, fuhren wir mit der U-Bahn zur Station Los Heroes, liefen dann von dort aus die Stra�e "San Martin" in Richtung Busterminal Norte, weil es dort laut "schlechtem F�hrer" (wie wir unseren sehr unzuverl�ssigen deutschen Reisef�hrer nannten) viele billige Hotels geben sollte. Das erste Hotel, bei dem wir fragten, war ein Stundenhotel, das zweite war zu heruntergekommen, das dritte sehr sauber, aber zu teuer, aber dann fanden wir das perfekte Zimmer im Residencial Ovallino, in dem wir es schlie�lich einen Monat lang aushalten sollten. Sonnenbeschienen, warm, frisch renoviert und mit einem Blick auf den Cerro San Christobal, das einzig anst�ndige Hotel mitten im Nuttenviertel.
Santiago de Chile, 29.05. - 01.07.1995
Die gestohlene Regenjacke
Am n�chsten Tag sind wir ins Goethe-Institut gegangen, haben dort Zeitungen gelesen und uns in die Bibliothek gesetzt. Meinen Rucksack hatte ich mitgenommen, aber irgendwo in der Bibliothek abgestellt, ich dachte nichts dabei. Immerhin waren wir in einem alt-ehrw�rdigen Institut. Als wir abends nach Hause gingen, war mein Rucksack nicht mehr da. War er gestohlen worden? In Panik fragte ich den Portier, ob er meinen Rucksack gesehen h�tte. Mit warnenden Finger gab er mir den Rucksack, meinte, da� man in dieser Stadt nie etwas unbeaufsichtigt lassen sollte. Als ich den Inhalt �berpr�fte, stellte ich fest, da� meine Regenjacke fehlte. Sie tauchte auch nicht mehr auf, als wir das Goethe-Institut vollst�ndig durchsucht hatten. Ich war so was von w�tend, da� ich bestohlen worden war. Und gerade meine Regenjacke, die mir schon so gute Dienste geleistet hatte, war unersetzlich.
Die Demonstration gegen Pinochet
Am n�chsten Abend sind wir in die Innenstadt gegangen. In den Stra�en waren viele Polizisten unterwegs, die den Verkehr regelten, obwohl die Ampeln funktionierten. Von weitem h�rte man lautes Geschrei. Aus einer kleinen Seitenstra�e kamen pl�tzlich an die 100 Menschen gelaufen, die Schilder in die H�he hielten. Eine Demonstration also. Aber, anstatt die Autos von der Demonstration wegzuleiten, hat die Polizei die 6-spurige Hauptstra�e gesperrt und zwang alle Autos mitten in den Demonstrationszug hineinzufahren. Anscheinend sollte der Zug aufgel�st werden. Die Demonstranten waren sehr ruhig und friedlich, trotzdem lie�en alle Gesch�fte in Windeseile ihre Gitter herunter und auch die Kundschaft lie� sich bereitwillig miteinschlie�en. Irgend etwas war hier falsch. Wir setzten unseren Weg unbeirrt zum Plaza de Armas, dem Zentrum der Stadt, fort, hielten uns aber vom Demonstrationszug fern.
Dort zeigte sich uns ein eigenartiges Bild: Ein ganzer Trupp ernst dreinblickender Polizisten stand aneinandergereiht mit Maschinenpistolen im Anschlag. Polizeigitter waren aufgestellt und in der Luft hing ein eigenartiger Geruch. Wie sonst auch waren viele Menschen auf dem Platz unterwegs, kamen vom Einkaufen oder von der Arbeit, waren mit T�ten bepackt. Pl�tzlich kam Bewegung in die Masse und viele der Leute fingen das Rennen an. Auf der einen Ecke des Platzes steht ein Pavillon, in dem sich immer die Schachspieler treffen, um Partien gegeneinander auszutragen. Wir konnten erkennen, wie pl�tzlich ein starker Wasserstrahl eines Wasserwerfers die Schachspieler auseinandertrieb. Wir gingen weiter und der Geruch des Tr�nengases wurde immer st�rker. Die Chilenen hielten sich Taschent�cher vors Gesicht und zwei gesch�ftst�chtige Leute standen in der Menge und verkauften lauthals"Mascaras!!", also Schutzmasken f�r Nase und Mund. Es flog eine gelbe Wolke mit Flugbl�tter vom Himmel, von denen ich einige aufsammelte. Ein gepanzerter Jeep der Polizei raste durch die Stra�en und jagte Demonstranten und unbeteiligte Passanten �ber den Platz. Im Gefolge war ein Wasserwerfer und eine kleiner Panzer, der auch mit Vollgas auf dem Platz herumfuhr. Irgendwie hatte die Polizei den �berblick verloren und jagte alle Leute auseinander, egal ob harmloser Passant oder Demonstrant. Auf den Flugzetteln war etwas von kommunistischer Partei zu lesen und das Pinochet und die anderen Gener�le M�rder w�ren. Auch wir wurden von dem Jeep gejagt, fl�chteten dann in eine Einkaufspassage. Dort stand ein Polizist, der mit einem Gummikn�ppel in der Hand die Leute zum weitergehen aufforderte. Micha, engstirnig wie immer, wollte stehenbleiben. Der Polizist schubste ihn mit dem Gummikn�ppel an und sagte, er solle weitergehen. Er blieb stehen, aber ich �berredete ihn, lieber weiterzugehen, wer wei�, was passiert, wenn schon harmlose Schachspieler mit einem Wasserwerfer verjagt w�rden.
Wir fl�chteten uns in den Pavillon, wo einige Minuten vorher noch die Schachspieler gesessen hatten, und beobachteten von sicherer Stelle aus die Treibjagd auf dem Plaza und h�rten zu, wie die Schreie nach Salvador Allende immer lauter wurden. Als sich die Lage beruhigt hatte, setzten wir unseren Weg weiter fort, um im McDonalds zu essen. Dort hatte man vom 1. Stock aus einen guten �berblick auf die Geschehnisse unten. Es marschierten mittlerweile Polizisten mit Helmen und Schutzschilden auf und stellte sich vor einer Apotheke gegen�ber des McDonalds auf. Wir gingen schlie�lich runter, um nachzuschauen, was die Polizei bewachte und fanden eine Baustelle, auf der Pflastersteine gelagert wurden und die von einer Unzahl von Polizisten bewacht wurde. Ein cleverer Demonstrant war jedoch auf das Baustellenger�st geklettert und hatte sich mit einer Vorrichtung Steine geangelt und bewarf damit die Polizei. Als wir gerade miteinander sprachen und ich Micha fragte, ob dieser Pinochet nicht schon l�ngst gestorben sei, sprach uns ein Chilene auf deutsch an, besser: mit einem breiten Wiener Dialekt. Er fragte, ob wir deutsche seien und erz�hlte uns, da� seine Verwandten vor Jahrezehnten aus �sterreich eingewandert w�ren und er aus Concepci�n stamme. Er erkl�rte uns, da� sich die Demonstranten eigentlich freuten, weil an diesem Tag ein wichtiges Gerichtsurteil gegen zwei der Gener�le Pinochets verh�ngt wurde und sie zu einer Gef�ngnisstrafe verurteilt wurden, weil sie nachweislich in Morden an einem Politiker in Washington beteiligt waren. Pinochet sei immer noch in Amt und W�rden und so m�chtig wie noch nie und seinen Posten noch mindestens in den n�chsten zwei Jahren inne h�tte. Manuel, so hie� der junge Mann mit dem wiener Schm�h, erz�hlte uns, da� die Polizei wohl so brutal gegen die Demonstranten vorgehen w�rde, weil sie Pinochet als M�rder bezeichneten und immer wieder schrieen: "Morgen bist Du an der Reihe, Pinochet!".
Langsam wurden die T�ne scharfer, es flogen Steine und Manuel meinte, es w�re jetzt wohl an der Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, weil die Polizei wohl gleich endg�ltig die Geduld verlieren w�rde. Als wir uns umdrehten, um schnell in eine Kneipe zu laufen, wurden schon die ersten Demonstranten brutal zusammengeschlagen und verhaftet. Wir luden Manuel auf ein Bier ein und er gab uns einen Schnellkurs in chilenischer Geschichte, das Pinochet von den Demonstranten auch als "Perrochet" betitelt wird. Manuel hatte ein kleinen CD-Laden in Concepci�n, und er w�re nach Santiago gefahren, um mit seinen Zulieferern gesch�ftliches zu regeln, vor allem um p�nktlichere Liefertermine zu bitten, vor allem, weil er sie bezahlen sollte, bevor er sie verkaufen konnte.
Wir erfuhren auch, warum man in Chile immer so viele Zettelchen beim Einkaufen bekommt und bei mindestes 4 Leuten vorweisen mu� und abstempeln lassen mu�, bevor man die Ware bekommt: wenn der Vorgang nicht so oft kontrolliert werden w�rde, w�rden die Angestellten in ihre eigene Tasche wirtschaften, deshalb gibt es stets einen Verk�ufer, einen Ausschreiber des Belegs, einen Kassierer und einen Kontrolleur, optional gibt es noch einen extra Einpacker.
Manuel war ganz froh, endlich wieder sein Wiener Schm�h pflegen zu d�rfen, weil seine Oma schon vor 10 Jahren und seine Mutter vor zwei Jahren gestorben war und er seitdem keine Gelegenheit hatte, deutsch zu sprechen.
Unterricht im Goethe-Institut
Die Nacht vor dem ersten Tag des Sprachkurses im Goethe-Institut war ich so aufgeregt, da� ich nicht schlafen konnte. Um genau 7:11 Uhr klingelte der Wecker und ri� mich aus meinem oberfl�chlichen Schlaf. Die Sonne war noch nicht richtig aufgegangen, als ich m�de und voll schlechter Vorahnung meinen Kaffee kochte. Das Bad war st�ndig besetzt, so da� wir schlie�lich rennen mu�ten, um rechtzeitig vor Unterrichtsbeginn ins Goethe-Institut zu kommen. Michael wurde in den Fortgeschrittenenkurs eingestuft, w�hrend ich in den Anf�ngerkurs geschickt wurde. M�de sa� ich mit drei weiteren "Anf�ngern" im Kurs und mu�te feststellen, da� zwei von ihnen, Tina und Masaaki, den Kurs wiederholten und der dritte im Bunde, Jens, schon ziemlich gut spanisch sprach. Ich war die einzige richtige Anf�ngerin. Der Kurs war so ausgelegt, da� er nur auf spanisch gehalten wurde, und das sehr konsequent. Alle plapperten drauf los, inklusive der Lehrerin, die alles auf spanisch erkl�rte und ich vestand rein gar nichts. St�ndig sollte ich irgendwelche Fragen an meine Mitsch�ler stellen, doch ich hatte keine Vokabeln parat und wu�te noch nicht mal die Fragew�rter auf spanisch, so da� mir vor lauter Nachdenken sowieso keine tollen Fragen eingefallen waren.
In den Pausen unterhielt ich mich sehr gut mit Jens, der aus der N�he von Frankfurt stammte. Nach 5 Stunden Ratlosigkeit war der erste Tag vor�ber und ich glaubte, auf diese Weise niemals ein Wort spanisch zu lernen. Aber man sollte ja nicht so schnell aufgeben. Nach zwei Wochen stellte sich auch schon der erste Erfolg ein und ich lernte langsam spanisch, konnte dann sogar schon Aufs�tze schreiben. Es stie�en im Laufe des Monats noch weitere Kursteilnehmer dazu, wir waren zum Schlu� an die 10 Leute. Gew�hnlich gingen wir im Bankerviertel essen. Und Burger-King und McDonals passte sich anscheinend ihrer Umgebung an und servierte die Speisen, als ob man sich auf der B�rse bef�nde. Es war wohl weniger Marketing-Gag als chilenisches Chaos: Zun�chst mu�t man an einer Kasse seine Bestellung aufgeben und bezahlen. Dann bekam man ein Zettelchen mit einer Nummer drauf und mu�te sich dort anstellen, wo sich schon viele andere dr�ngelten. Der Kontrolleur hatte aber dummerweise mitten auf die Nummer einen Stempel aufgedr�ckt, so da� man die Zahl nicht mehr entziffern konnte. Wurde dann ein Tablett mit Burgern serviert, rissen alle Wartenden ihre Zettelchen in die Luft und schrien drauf los.
Ab und an gingen wir auch in einem billigen Kellerrestaurant namens "Big Ben" zum essen, in dem wir das k�stliche "Pastel de Choclos" zu sch�tzen lernten, einem typisch chilenischen Gericht, das �brigens auch ganz gut im Frankfurter Restaurant "Tres Pablos" im Westend zu bekommen ist.
So gingen die Tage ein und aus, fr�h aufstehen, Unterricht, Hausaufgaben und ab und zu ein Bier am Abend. Am Wochenende mu�te ich manchmal f�r Pr�fungen lernen oder Aufs�tze vorbereiten und ich wurde richtig strebsam, als man mir sagte, da� wir auch ein Zeugnis mit einer Note bekommen w�rden. Micha konnte es nicht sehen, wenn eine Ecke des Spannbetttuchs "gepfitzt" war und manchmal �rgerte ich ihn, indem ich alle vier Ecken pfitzen lie�. Dann konnte er stundenlang unter der Bettdecke liegen und schmollen und kam nicht darunter hervor, bevor ich die Ecken nicht wieder ordentlich gemacht hatte.
�ber die Anden nach Argentinien
Da Micha's Visum abzulaufen drohte sahen wir uns gen�tigt, dieses irgendwie verl�ngern zu lassen. Ilse aus dem Goethe Kurs hat letze Woche versucht, dies auf dem offiziellen Dienstweg zu erledigen, hat seitdem mehrere Nachmittage in diversen Amtsstuben verbracht und das hei�ersehnte Stempelchen immer noch nicht im Pa�. Wir entschlossen uns, auf diese kaffkaesken Schikanen zu verzichten und statt dessen �ber die Grenze ins nahe Argentinien zu fahren.
An einem Samstagmorgen standen wir darum p�nktlich zur Abfahrt in Busbahnhof vor unserem Hotel. Doch irgendwie lie�en die lustlosen Blicke von Fahrern, Fahrkartenverk�ufern, Fahrkartenkontrolleuren, Beifahrern und Schuhputzern nicht darauf schlie�en, das es bald losgehen w�rde. Auf Nachfrage wurde uns mitgeteilt, das es �ber Nacht in den Bergen geschneit h�tte und nun die Stra�e gesperrt sei. Wir sollen es doch "despues" nochmal probieren. Mittlerweile kennen wir dieses chilenische "sp�ter" nur zu gut und checkten gleich wieder in unser Hotel ein.
Urspr�nglich wollten wir ja einen Tag in Mendoza verbringen, aber jetzt war ja schon Sonntag nachmittag. Wir lie�en also die chilenischen Ausreise- und argentinischen Einreiseformalit�ten �ber uns ergehen, nur um 5 Meter nach der argentinischen Station aus dem Bus auszusteigen und auf der anderen Stra�enseite auf einen Bus zur�ck nach Chile zu warten.
Es schien �berhaupt kein Fahrzeug mehr zu kommen. Wie sich herausstellte war die Strecke wohl nur so halboffiziel ge�ffnet und jetzt am Nachmittag traute sich wohl keiner mehr herauf. Mittlerweile fing es auch wieder an zu schneien, aber die Z�llner versicherten uns, das es hier im Sommer sehr sch�n sei und man bei klarem Himmel sogar den Anconcagua, den h�chsten Berg Amerikas, sehen k�nne.
Die Zeit verging und wir richteten uns geistig schon auf eine kalte Nacht in einer der Zollbaracken ein, als sich endlich doch noch ein Fahrzeug den Berg heraufqu�lte. Es handelte sich um einen uralten Ford Transit, der nur noch vom Rost zusammengehalten wurde, auf dem Beifahrersitz befand sich eine gro�e Termoskanne mit Kaffee. Die Z�llner waren so nett, den Fahrer zu bitten, uns mitzunehmen. Dieser schien dar�ber sogar recht erfreut zu sein. Schon nach wenigen Metern stellte sich n�mlich heraus, das er schon seit 24 Stunden am Steuer sitzt und um jede Abwechslung froh war, die ihm am einschlafen hinderte. Micha bot zwar an, das Steuer zu �bernehmen, aber was ein echter Argentinier ist l��t nat�rlich nichts auf sich sitzen. An der chilenischen Zollstation bekamen wir unser Visum f�r weitere 3 Monate in den Pa� gestempelt, dann man�vrierte uns unser Fahrer im Halbschlaf am Abgrund entlang hinunter. Micha redete ununterbrochen auf ihn ein, um ihn am Einschlafen zu hindern und ich war heilfroh, als er uns unten in Los Andes, an der Abzweigung nach Santiago, aussteigen lies. Wir w�nschten ihm noch viel Gl�ck f�r seine bevorstehende 2.000 km Nonstop-Fahrt nach Antofagasta und bestiegen einen alten klapprigen Bus, der uns zur�ck nach Santiago brachte.
Skifahren im Juni
Chilenische Skifahrer sollen sehr wehleidig sein, wurde mir berichtet. Wenn sie hinfallen, schreien sie demonstrativ, w�lzen sich und lassen sich von der Pistenaufsicht wegtragen. Ja, ja; der Hang der Chilenen zur dramatischen Selbstdarstellung...
Gl�hwein im Barrio Bellavista
Von dem Berg aus hatte man einen wundervollen Blick auf die Stadt und es ist ausgesprochen reizvoll, den Sonnenuntergang von dort oben aus zu genie�en. Man erkennt ganz deutlich, wie Santiago in einem Schachbrettmuster angelegt ist, man erkennt die Hochh�user und die Elendsviertel, sieht den Smog und bekommt einen Eindruck davon, wie riesig Santiago eigentlich ist. Beeindruckend ist auch die Wildnis, die auf diesem Berg wuchert, man kann auf einem Trampelpfad rund um den Berg wandern, vorausgesetzt man hat nicht so eine H�henangst wie ich.
Neben Providencia war der Barrio Bellavista der zweite erw�hnenswerte Stadtteil, an dem man abends ausgehen konnte, aber erst ab 23:00/24:00 Uhr. W�hrend man in Providencia viele, auch teure Restaurants vorfindet (so auch ein deutsches Restaurant namens "Der M�nchner"), gab es im Barrio Bellavista allerlei Unterhaltung f�r junge Leute. Da gab es einen Tr�delmarkt am Eingang und fliegende H�ndler entlang der Stra�e bis zum Cerro San Christobal. K�nstler traten in den Stra�en auf, Feuerschlucker und Gaukler. Man fand Diskotheken und Salsa-Clubs, gem�tliche Kneipen, neon-plastik-Clubs, romatische Caf�s, f�r jeden Geschmack war etwas dabei.
Wer etwas auf sich hielt, rollte mit seinem Auto durch die von Menschen verstopften Stra�en im Barrio Bellavista, nur um gesehen zu werden. Wir fanden eine Marktbude, in der "Tecito" verkauft wurde. Als wir davon probierten, stellten wir fest, da� es sich um Gl�hwein handelte. Klar, mitten im Winter sollte man sich mit Gl�hwein aufw�rmen, auch wenn es in Santiago im Winter w�rmer ist als bei uns in so manchem Sommer.
Theatervorstellung "Einstein"
In einem kleinen Theater wurde das St�ck "Einstein" gegeben, eine Ein-Mann-Auff�hrung, die uns w�rmstens empfohlen worden war. An einem Sonntag sind wir dorthin gegangen. Das Theater war so klein, da� h�chstens 40 Leute darin Platz fanden. Die W�nde waren zu B�cherregalen umgestaltet worden und auf einer Tafel stand die Ableitung der Relativit�ts-Theorie gekritzelt. Die B�hne ging unmittelbar in den Besucherraum �ber, es gab keine eindeutige Abgrenzung, so da� das Publikum Teil der Theatervorstellung wurde. W�hrend seines zweist�ndigen Monologs sprach "Einstein" immer wieder Leute aus dem Publikum an und beteiligte sie auch aktiv, z.B. als er beweisen wollte, da� die Gravitationstheorie Newtons falsch sei. Zu diesem Zweck nahm er ein gro�es Tuch, gab vier Leuten, darunter auch Michael, jeweils einen Zipfel in die Hand mit der Anweisung, das Tuch gleichma�ig zu spannen. Dann lie� Einstein eine Sonne in Form einer Orange in die Mitte des Tuches fallen, die das Tuch trichterf�rmig nach unten verformte. Als Planet mu�te ein Radieschen herhalten und lie� es am Tuch entlang um die Sonne kreisen, um zu beweisen, da� der Planet von sich aus gesehen immer geradeaus fliegt, nur der Raum gekr�mmt ist. Zum Schlu� bekam Micha die Sonne geschenkt und Einstein sagte: "Und ich esse den Planeten auf" und steckte sich das Radieschen in den Mund.
Obwohl der Schauspieler nur spanisch sprach, war der zweist�ndige Monolog f�r mich sehr einfach zu verstehen, denn der Schauspieler hatte einen extrem deutschen Dialekt und er sprach sehr langsam. Vor uns sa� ein �lteres deutschst�mmiges Ehepaar, das wohl schon l�ngere Zeit nach Chile ausgewandert war (aus welchen Gr�nden auch immer, vielleicht ehemalige DDR-Politiker...). Der Mann wandte sich gl�cklich zu seiner Frau und meinte: "Das erste mal, da� ich alles verstehe!".
Abschlu�feier im Goethe-Institut
Am Ende des Kurses gibt es immer eine Abschlu�feier. Jeder sollte etwas typisches aus seiner Heimat zubereiten und mitbringen. Wir entschlossen uns, etwas typisch fr�nkisches zuzubereiten und trugen in die Liste "Federwei�en" und Gerupften ein, obwohl wir nicht sicher waren, da� wir beides hinbekommen w�rden.
Da der Federwei�e - Traubenmost - einige Tage g�ren mu�te, kauften wir die Trauben 5 Tage vorher ein, quetschten in unserem Hotelzimmer mit blo�en H�nden den Saft in unser Campinggeschirr aus, f�llten den Traubensaft in Flaschen, um ihn dort verg�ren zu lassen. Es war schon eine ziemliche Schweinerei, die wir veranstalteten und das Zimmer stand leicht unter Waser, bzw. unter Traubensaft, aber spa�ig war es allemal.
Nach langem Suchen fand ich in einem Supermarkt auch richtigen Cambembert, der Voraussetzung f�r den Gerupften ist. Am Tag vor der Party machten wir Unmengen von Gerupften an und beobachteten mit Sorge unseren Federwei�en, der nicht so recht g�ren wollte und irgendwie nur tr�ber Traubensaft voller R�ckst�nde war.
Nat�rlich war unser Gerupfter der Renner auf der Party und jeder wollte das Rezept haben: D�nen, Frankfurter, Schwaben, "Ossis", Peruanerinnen, Australer, Japaner und Iraner. Auch der vermeintliche Federwei�er wurde getrunken, obwohl ich lieber die Finger davon lie�.
Unser letzter Tag in Santiago, 01.07.1995
Ich brauchte unbedingt noch eine Regenjacke, denn meine war gestohlen geworden. Nach langem Suchen fanden wir so eine Art Regenjacke, die f�r den Trip durch die Atacama gen�gen w�rde. Regendicht mu�te sie ja in der trockensten W�ste der Welt nicht sein, aber wohl winddicht. Wir mu�ten noch Postkarten schreiben und unsere Zeugnisse kopieren und die Originale nach Hause schicken.
Am Abend gingen wir ein letztes Mal nach Bellavista in unsere Lieblingsstra�e mit den vielen Leuten, den gro�en und teuren Bieren, der lauten Musik und dem Gl�hwein, den vielen Sta�enverk�ufern und den Clowns.
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Puerto Montt, Osorno, Villarica, Temuco (April '95)
Radtourbilder aus Feuerland, Patagonien, S�dchile
Wir machten uns auf in Richtung Innenstadt und - pl�tzlich standen wir vor einem McDonalds! So etwas h�tten wir nicht erwartet. Die Stadt war uns schon sympathisch. McDonalds, da� ist f�r mich eine weltweite Konstante: die Hamburger schmecken in jedem der Restaurants gleich, keine b�sen �berraschungen, ein St�ck Heimat sozusagen. Wir eilten hinein, bestellten richtig and�chtig einen Hamburger. Das Restaurant war von Zigeunern bev�lkert, die versuchten, bei Touris Geld zu schnorren oder ihnen die Zukunft aus der Hand (und die Uhr vom Handgelenk) zu lesen. Wir beobachteten, wie ein naiver Touri sich von f�nf Frauen unter den Vorwand, ihm aus der Hand lesen zu wollen, in eine dunkle Ecke hinter einem PKW gedr�ngt wurde. Nach einer Viertelstunde konnten wir die Frauen sehen, wie sie Geldscheine z�hlten. Wir liefen noch ein wenig durch die Gegend und fanden das Goethe-Institut. Micha hatte in Feuerland jemanden getroffen, der hier in Santiago im Goethe-Institut arbeitete und der ihm erz�hlte, da� man hier Spanisch-Kurse belegen k�nnte. Am n�chsten Tag wollten wir hier vorbeischauen, um uns �ber die Kurse zu informieren.

Am n�chsten Morgen probierten wir es wieder und tats�chlich gab der Oberbusbahnhofsvorsteher nach einigem Z�gern gr�nes Licht zur Abfahrt. Die Strecke f�hrte �ber abenteuerliche Serpentinen immer h�her in die Anden. Die ersten Schneefelder tauchten auf und irgendwann ging es an Portillo vorbei, einem der Orte, an dem die Profi-Skiwelt das (Nord-)Sommerloch zu �berbr�cken pflegt.
Die Z�llner guckten etwas verwirrt und waren wohl auch etwas beleidigt, das sie jetzt den ganzen Papierkram nochmal erledigen m�ssen. Als wir ihnen allerdings erkl�ren, das wir nur die chilenische B�rokratie umgehen wollten, hellten sich ihre Minen wieder auf und man best�tigte uns aufs heftigste, das dr�ben in Chile die B�rokratie ganz furchtbar sei, aber in Argentinien w�re nat�rlich alles viel besser organisiert... Wir durften uns dann sogar in ihrem H�ttchen aufw�rmen, denn drau�en pfiff ein eisigkalter Wind.
Micha f�hrt gerne Ski und als im Juni die Skisaisson er�ffnet wurde, leistete er sich den Luxus, an zwei Sonntagen eine Tour in die Berge zu buchen. Weil ich sozusagen "zwei linke F��e" habe und schon einige Male vergeblich versucht habe, skifahren zu lernen, blieb ich an diesen Tagen allein in Santiago, ging einkaufen oder lernte f�r Pr�fungen.
Ein Bus brachte ihn von den 3333m hohen Cerro Colorado, von dem aus man einen herrlichen Blick auf Santiago hatte, sofern man es sah. Micha erz�hlte, da� man von Santiago nur die Spitze des Cerro San Christobal erkannte und der Rest unter einer dichten, gr�nen Smogdecke versteckt lag.
Nach einem Besuch des Cerro San Christobal, auf den man entweder zu Fu� hochlaufen oder mit einem Funicular hochgebracht wurde, entdeckten wir das angrenzende Barrio Bellavista, in dem wir dann immer gerne ausgegangen sind. Auf dem Gipfel des Cerro San Christobal steht eine gro�e, wei�e Figur mit ausgestreckten Armen und wir dachten immer, es w�re dieser San Christobal. Um so verwunderter waren wir, als wir eine Marienstatue vorfanden.
Wir hatten noch viel zu erledigen, bevor wir zur�ck zu unseren Fahrr�dern nach Valpara�so fuhren. Ich hatte die Stadt liebgewonnen, die Stadt voller Autos, Hektik und Smog, ich hatte viele Leute kennengelernt und war einen Monat lang jeden Tag in die Schule gegangen und hatte jetzt ein Zeugnis vom Goethe-Insitut in der Tasche.
Ca�ete, Concepci�n, Talca, Valparaiso (Mai '95)
----- Santiago de Chile, Portillo (Juni '95) -----
La Serena, Copiapo, Antofagasta (Juli '95)
Antofagasta, San Pedro, Iquique, Arica (August '95)
La Paz, Coroico, Cuzco (September '95)
Radtourbilder aus Bolivien, Brasilien, Venezuela

