April '95
Santiago de Chile, 05.04.1995
Airport
Es war tats�chlich Sommer in Chile und ich kam hier mit diesen toller Winterkleidung am K�rper an. Ich f�hlte mich unwohl, vor allem weil alle Chileninnen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt ausgemacht hatte, h�bsch herausgeputzt waren, so da� ich mir ganz unweiblich vorkam in den klobigen Wanderstiefeln, mit meinen �bern�chtigten Augen und den wild durcheinandergewehten Haaren. Ein tiefes Gef�hl, v�llig fehl am Platz zu sein, manifestierte sich in mir.
Langsam wurde ich auch noch paranoid - ich stellte mir vor, da� sich alle Taxifahrer, an deren Stand ich sa�, �ber mich lustig machten - leider konnte ich �berhaupt nichts von dem verstehen, was sie sagten. Ein Intensivkurs Spanisch w�re vielleicht doch eine gute Idee gewesen, jetzt war es aber zu sp�t. Die ganze letzte Woche hatte es bei uns in Deutschland noch -5 Grad gehabt und nun sa� ich in einer Gluthitze von 30 Grad. Ich w�nschte mir sehnlichst, da� es einen Park in der N�he geben w�rde oder zumindest ein Sonnendach. Ich wollte doch nur ein wenig schlafen, seit �ber 30 Stunden war ich nun schon auf den Beinen und ein Ende war noch lange nicht in Sicht: Schweinfurt - Frankfurt am Main - London - Sao Paulo - Santiago de Chile und dann noch das Warten auf den bevorstehenden Flug nach Puerto Montt im S�den Chiles.
Der Flug hatte sich nicht nur in die L�nge gezogen, sondern ich hatte auch das zweifelhafte Gl�ck, neben einem dicken, laut schnarchenden und schwer schwitzenden blassen Deutschen zu sitzen. Ich sa� am Fenster und der Mensch mit der Figur Marke "Meat Loaf" sa� am Gang, so da� wenigstens ein Platz zwischen uns frei war. Aber der Weg zur Toilette blieb mir - vor allem als der Herr laut vor sich hinschnarchte - hoffnungslos versperrt und selbst im wachen Zustand scheute ich davor zur�ck, auf die Toilette zu gehen, weil ich bef�rchtete, dieser Drei�igj�hrige w�rde die Anstrengung, sich aus seinem Sitz zu qu�len nicht aushalten und schwer keuchend einen Herzinfarkt bekommen w�rde. Sein Bauch war so dick, da� er fast am Sitz des Vordermanns anstie� und als die Stewardessen das Essen austeilten, war es ihm nicht m�glich das Tischchen vor sich herunterklappen, sondern er verwendete statt dessen das Tischchen von dem freien Platz zwischen uns. Eine halbe Stunde vor der Landung wurde es dann wirklich ekelig: er fr�nte der "K�rperpflege". Mit seinen dicken, wei�en Fingern �ffnete er eine Flasche mit billigem Aftershave und schmierte es sich �ppig in die fettigen, lichten, blonden Haare, die ohne ersichtlichen Schnitt um seinen dicken Kopf herum wuchsen und k�mmte sich die Haare so zur Seite, da� es seiner Meinung nach "mehr" aussehen sollte. Dabei verstr�mte das Aftershave einen bei�enden, widerlich s��lichen Duft und ich - keinen Meter von ihm entfernt - w�re am liebsten aus dem Flugzeug gesprungen.
Am liebsten w�re ich neben diesem chilenischen Chaoten-Ehepaar gesessen, das ich schon in Heathrow kennengelernt hatte - und mich dabei fast kaputtgelacht h�tte. Die beiden unterhielten sich teils auf deutsch und teils auf spanisch und weil sie so wild mit den H�nden sprachen fiel dem Ehemann ein Glas aus seiner Brille. Als er danach suchte, h�tte er es fast zusammengetreten und lachte auch noch herzlich dar�ber. Schlie�lich beschlo� die Frau, als sie in ihren Schminkspiegel sah, sie wolle lieber ein Mann werden, weil dann ihr Kajalstift nicht mehr verwischen w�rde, da sie sich nicht mehr schminken m��te, aber ihr Ehemann wehrte sich heftig gestikulierend dagegen schwul zu werden. Die beiden dachten zuerst, ich w�rde auch aus Chile kommen und eine Landsm�nnin sein, weil ich �ber ihre Witze lachte und sprachen mich auf spanisch an - nur hatten sie vergessen, da� sie den gr��ten Teil ihrer Unterhaltung auf deutsch betrieben.
Als wir endlich gl�cklich in Santiago de Chile gelandet waren, suchte ich bei der Gep�ckausgabe nach meinem Fahrrad, da� ich daheim sorgf�ltig in einem Karton eingepackt hatte. Ich fand es achtlos irgendwo mitten in der gro�en Halle liegen, der Karton war ziemlich zerfleddert, eine Ecke aufgerissen, anscheinend war er durchsucht worden. Der Gesamteindruck war derma�en j�mmerlich, das ich mich fast sch�mte, damit herumzulaufen. Ich hievte den Karton auf den Gep�ckwagen, den ich mir vorher erk�mpft hatte und mu�te noch durch den Zoll - alles verlief problemlos. Da ich am Terminal 1 (International) angekommen war und am abend nach Puerto Montt weiterfliegen mu�te, wollte ich mein Gep�ck sofort zum Terminal 2 bringen und einchecken. Aber das war leichter gedacht als getan. Zun�chst einmal mu�te ich das Terminal 2 finden. Und in der unerwarteten Hitze den Gep�ckwagen mit dem schrecklich schwankenden Fahrrad �ber die fast 30 cm hohen Bordsteine zu wuchten war kein Vergn�gen. Teilweise mu�te ich den unhandlichen Karton mit dem Fahrrad sogar tragen, weil zwei unm�glich geparkte Autos mir den Weg versperrten. Zu meiner Genugtuung wurden sie aber wenig sp�ter von der Polizei abgeschleppt. Aber schlie�lich klappte alles und ich kaufte mir dann an einem der St�nde in dem mickrigen innerchilenischen Flughafen ein giftgr�nes Getr�nk, von dem ich keine Ahnung hatte, was es war, aber es war herrlich kalt und schmeckte nach - Melonen?
Nachdem ich einige Zeit vor dem Internationalen Flughafen auf einer Bank gesessen und mir sehnlichst eine gr�ne Wiese zum Ausstrecken gew�nscht hatte, entdeckte ich doch in der Ferne einen vor Hitze flimmernden Park, der mich mit seinem Schatten anlockte. Ich schwebte diesem Paradies entgegen, suchte mir ein sch�nes Pl�tzchen unter einem gro�en Baum auf der saftig gr�nen Wiese und hatte mich auch schon mit den f�nf verflohten Hunden angefreundet, die hier hausten, als pl�tzlich ein Schwarm M�cken �ber mich herfiel und mich sofort versuchten auszusaugen, kaum das ich richtig sa�. Ich habe noch nie eine M�ckenart gesehen, die derma�en wild darauf gewesen w�re, mich zu stechen und ich mu�te regelrecht die Flucht ergreifen - bedauerlicherweise, obwohl ich es anfangs auf einen Kampf ankommen lassen wollte - seitdem prangerte auf meinem einzigen wei�en T-Shirt eine ekelhafte Blutspur einer von mir erschlagenen M�cke. Also ging ich wieder zur�ck zur Flughafenhalle und versuchte es mir auf den harten Plastikst�hlen so bequem wie nur m�glich zu machen.
Wenn ich es nicht genau gewu�t h�tte, da� ich in Chile gelandet bin, h�tte ich schw�ren k�nnen, ich w�re in Kalifornien - die H�gel, die gleichen B�ume, die gleichen B�sche, der blaue Himmel, die Stra�en, die ganze Architektur so amerikanisch. Und die Taxis sehen aus wie die Polizeiautos aus einem Kojak-Krimi. Was ist das eigentlich hier f�r ein Flughafen? dachte ich mir. Es gab anscheinend keinen funktionierenden Lautsprecher, �ber dem die Fl�ge ausgerufen wurden, nein, das Ausrufen wurde wie folgt abgewickelt: Zun�chst wurde unter gro�em Gekichere aus den Angestellten der Schalterhalle derjenige ausgew�hlt, der dann mit einer Fl�stert�te bewaffnet die Ansagen auf die unmittelbar vor ihm aufgebauten Menschengruppen schreien sollte. Der Erw�hlte, ein junger Mann, schlich sich von hinten an eine Gruppe Wartender heran und fingt pl�tzlich und unerwartet an, seine Ansagen zu schreien, so da� die Gruppe zu Tode erschrocken auseinanderfuhr. Begleitet wurde das Geschehen von dem Gel�chter der restlichen Angestellten.
Die Zeit schlich dahin und endlich, nach 8 Stunden des Wartens auf diesem recht uninteressanten Flughafen war es endlich soweit: Ich konnte in die kleine Maschine von Lan Chile steigen und endlich ging es los mit meiner letzten Etappe: den Flug nach Puerto Montt. Langsam ging die Sonne unter, die Wolken, die keine 5 Meter unter uns waren, f�rbten sich in ein atemberaubendes Rot, man konnte an wolkenfreien Stellen Fl�sse erkennen, H�gel, W�lder. Nicht ohne eine gewisse Furcht vor der Herausforderung dachte ich daran, da� ich diese ganze Strecke mit dem Fahrrad fahren w�rde. Aber es beruhigte mich, die Gegend vorher wenigstens schon einmal gesehen zu haben. Die Nacht brach herein, ab und zu erkannte ich in der Dunkelheit einzelne St�dte. Nach ungef�hr einer Stunde waren wir am Ziel, unter uns funkelten die Lichter von Puerto Montt und das kleine Flugzeug begann mit seinem halsbrecherischen Landeanflug, der es mich bereuen lie�, kurz vorher zu Abend gegessen zu haben.
Nach dem Aussteigen war ich zun�chst nicht im klaren dar�ber, wohin ich jetzt gehen mu�te. Ich suchte das Flughafengeb�ude, fand aber nur eine Art Holzbarrake und weil alle anderen Flugg�ste dorthin liefen, lief ich hinterher. Aufgeregt schaute ich durch die erleuchteten Fenster, ob ich Micha irgendwo entdecken konnte. Wir wollten uns am Flughafen in Puerto Montt treffen; er war schon 8 Wochen vorher nach Usuahia in Feuerland geflogen, die s�dlichste Stadt S�damerikas und hatte mit seiner Fahrradtour begonnen. Letzte Woche hatte er kurz angerufen und unseren Termin und Treffpunkt best�tigt - hoffentlich hatte alles geklappt und ich stehe nicht allein am Flughafen, dann mu� Plan B anlaufen: Hotel suchen, daheim anrufen und auf Nachricht von Micha warten.
Und tats�chlich sah ich ihn - hinter den Glasscheiben in der Flughafenbar, mit einem Bier in der Hand und mit den Bardamen flirtend. Er war sonnengebr�unt und sah herrlich entspannt und. So �bel kann seine bisherige Tour also doch nicht gewesen sein. Ich lief auf die hell erleuchtete T�r dieser Holzbarrake zu und da stand er und freute sich, mich wiederzusehen. W�hrend ich auf mein Gep�ck wartete, dr�ngte Micha zur Eile, weil er einen Kleinbus organisiert hatte, der uns mit nach Puerto Montt nehmen wollte. Wir hievten das Fahrrad oben auf den vollbesetzten Kleinbus und ab ging die Fahrt hinten, auf den letzten Pl�tzen, einem Abenteuer entgegen.
In den Stra�en wimmelte es von Menschen, als wir am Busterminal in Puerto Montt ankamen. Micha schulterte den Karton mit dem Fahrrad und rannte los in Richtung Hotel, so da� ich gro�e M�he hatte, ihm mit den schweren und unhandlichen Fahrradtaschen zu folgen. Ich hatte Angst, ihn aus den Augen zu verlieren und mich hier zu verlaufen. Er war auch schon l�ngst im Hotelzimmer und hatte es sich gem�tlich gemacht, als ich schwer keuchend die Treppen hinaufkam. Wo war meine Kondition geblieben? Zum Abendbrot bot Micha mir das Gericht an, von dem er sich unterwegs haupts�chlich ern�hrt hatte: eine Blechpfanne voll Babybrei- und Milchpulver mit Zucker vermischt und nur ein wenig Wasser dazu, da� das ganze nicht zu fl�ssig wird, sondern ein wenig knusprig bleibt, dar�ber Manjar, eine Art Karamelcreme. Ein wenig angewidert a� ich es, ich wollte ja nicht als Weichling dastehen und war �berrascht, das es gar nicht mal so schlecht schmeckte. Wir sahen uns noch ein paar Fotos von seiner bisherigen Tour an, die er im Laufe des Nachmittags entwickeln lie� und langsam fielen mir die Augen zu, denn ich hatte schon eine sehr lange Zeit nicht mehr geschlafen...
Puerto Montt, 06.04.1995
Wir fanden einen kleinen Campingladen, der hatte auch eine Landkarte von der Umgebung Puerto Montts, die ich interessiert studierte. Wann mag nun mein gro�er erster Tag gekommen sein, der Tag der Wahrheit, ob all mein Training ausreichend war? Ein bi�chen Angst hatte ich schon. Ich traute mich �berhaupt nicht zu fragen und be�ugte argw�hnisch den Regen drau�en vor der T�r. Wir wechselten einen meiner Travellerschecks ein, damit unsere Reisekasse gerechter aufgef�llt war und gingen in ein kleines Restaurant zum Mittagessen, das aussah, als ob eine alte Oma bei der Einrichtung entscheidend beteiligt gewesen war. Den Nachmittag verbrachten wir im Hotelzimmer, w�hrend es drau�en wie verr�ckt sch�ttete und abends holten wir uns ein H�hnchen und fettige Pommes aus einer Imbi�bude. Leider schmeckte das alles ein wenig fischig, aber wenn man Hunger hat, ist das alles nicht so schlimm.
Puerto Montt, 07.04.1995
Erst sp�t am Nachmittag verlie�en wir das Hotel, gingen ein wenig am Hafen spazieren, standen am Kai inmitten in einer Menge kichernder Teenager mit Schuluniformen, die sich dort trafen. Dort gab es auch einen riesigen Berg aus Holzsp�nen, kleingehackter chilenischer Regenwald, der darauf wartete, nach Europa oder Japan verschifft zu werden und ich fand das alles sehr schade. In einem kleinen Buchladen kaufen wir einen Chilenischen Reisef�hrer, der sich als sehr n�tzlich herausstellte, den TURISTEL, auf spanischer Sprache, in dem jedoch alle m�glichen Strecken, Stra�en und Orte beschrieben waren. Chile ist in 12 verschiedene Regionen eingeteilt, im Norden mit der Nr. 1 beginnend und im S�den mit der Nr. 12 endend. Und auch der TURISTEL war nach diesen Regionen aufgeteilt, wobei mehrere Regionen zusammengefa�t waren.
Es stand fest: Morgen war mein erster Tag auf dem Fahrrad, also mu�te am Abend noch alles vorbereitet werden: Das Fahrrad aus dem Karton befreien und zusammenbauen, Fahrradtaschen richtig packen und Vorr�te im Supermarkt einkaufen. Abends belohnten wir uns mit einer Pizza, der besten auf den n�chsten 1000 Kilometern, wie es sich herausstellen sollte.
Puerto Varras, 08.04.1995
Mi�trauisch be�ugte ich mein vollbepacktes Fahrrad, am Vorderrad hatte Micha seinen Ersatzreifen eingeflochten, das sah etwas eigenartig aus. Ich kam mir unbeweglich vor mit dem Regenzeug am K�rper, der Schirmm�tze auf den Kopf und der Kapuze. Die Wanderstiefel waren schwer, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich sie noch nie zum Fahrradfahren getragen und au�erdem bin ich noch nie mit Gep�ck gefahren. So war es auch nichts ungew�hnliches, da� ich nach den ersten Metern wieder vom Fahrrad sprang, weil es so schrecklich wackelte und unkontrollierbar schien; au�erdem mu�te ich die Lenker- und Sattelh�he korrigieren. Aber danach ging es los und ich fuhr tapfer im str�menden Regen zwischen den vielen Autos Micha hinterher, der eine Tankstelle anvisierte, wo er meine Reifen mit Luft f�llen wollte.
Zugegeben, ich war es nicht gewohnt, im Stra�enverkehr zu fahren; sonst hatte ich Fahrradwege bevorzugt. Die Autos sausten mit geringem Abstand an mir vorbei, wir waren bereits auf der Panamericana, als wir Puerto Montt verlie�en, dem ber�hmten s�damerikanischen Highway. Ich qu�lte mich mit dem wackligen Fahrrad bergauf, hatte Angst vor den Autos und die Wanderstiefel zogen wie Blei an meinen Beinen. Es war mir zwar peinlich, aber nach einigen Meter sa� ich vom Fahrrad ab und schob bergauf. Oben angekommen wurde es besser, die Strecke war jetzt flach und ging nur leicht bergauf. Die Vegetation war ungew�hnlich, am Stra�enrand wucherten Bambus und andere fremdartige Gew�chse.
Um meine Laune ein wenig zu erhellen, machte ich mir einen Spa� daraus durch Pf�tzen zu fahren, so da� das Wasser in einem weiten Bogen wegspritzte. Micha fuhr hinter mir, als es zum ersten b�sen Zwischenfall kam: ich fuhr mal wieder mit Schwung durch eine Pf�tze, die sich jedoch als gemeines tiefes Schlagloch herausstellte, mit Kies gef�llt. Ich konnte nicht bremsen und versuchte krampfhaft, auf dem Sattel zu bleiben, w�hrend die Autos dich an mir vorbeirasten - nur nicht herunterfallen, dachte ich mir, w�hrend mein Fahrrad hin- und hergesch�ttelt wurde. Micha rief mir etwas zu, da� ich nicht verstand und als ich endlich zum stehen kam, fragte er mich entsetzt, warum ich denn nicht ausgewichen bin. Man lerne doch schon als kleines Kind, da� man nie kopf�ber in unbekannte Gew�sser springen solle. Zugegeben, ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Vorstellungen �ber die Tiefe s�damerikanischer Schlagl�cher.
Ein paar Kilometer sp�ter bekam ich auch die Quittung f�r dieses un�berlegte Abenteuer: mein erster Platten. Wir fuhren in eine Seitenstra�e und flickten den Reifen. Ich stopfte einige Kekse in mich hinein, denn langsam bekam ich wieder Hunger und seit dem Fr�hst�ck waren ja auch schon einige Stunden vergangen.
Abends suchten wir unsere eine abgelegene Stelle in einem Bambusw�ldchen, um das Zelt aufzubauen. Es war sch�n, die nassen Sachen endlich vom K�rper zu bekommen und ich breitete sie so gut es ging �ber meine Fahrradtaschen aus, damit sie bis zum Morgen etwas trocknen. In der Nacht fror ich f�rchterlich, so da� ich mich zus�tzlich im Schlafsack mit trockener Kleidung zudeckte. Micha dagegen merkte �berhaupt nichts von der N�sse und der K�lte und schlummerte friedlich in seinem Schlafsack.
Am Lago Llanqehue, 09.04.1995
Auf der Strecke von La Poza nach Ensenada
Nach dem Fr�hst�ck ging es weiter auf der noch asphaltierten Stra�e. Die Sonne schien zwischen den Sch�fchenwolken vom Himmel, meine Sachen wurden endlich wieder trocken. Auf einmal sah ich kurz etwas zwischen den B�umen hindurch spitzen und glaubte meinen Augen kaum : Ein riesiger schneebedeckter Berg erhob sich da. Das mu�te der Vulkan Osorno sein! Die subtropische Vegetation war so dicht, da� man ihn erst einige Zeit sp�ter wieder sah, obwohl der Vulkan die m�chtige H�he von 2660 m hat.
Viele Chilenen unternahmen Ausfl�ge in den Nationalpark und hatten es sich zwischen den B�schen neben ihren Autos zum Picknick gem�tlich gemacht. Auch wir machten eine Rast und pfl�ckten im Schatten des Osornos Beeren, die s�uerlich schmeckten und die Micha "Hurtas" nannte. Wir wu�ten, da� diese Beeren genie�bar waren, weil sie auf dem Markt von Puerto Montt zum Verkauf angeboten wurden.
Gegen Abend versuchten wir am See einen Platz zum Zelten zu finden, da aber die Zug�nge zum See vollst�ndig eingez�unt waren, kamen wir nicht hinunter zum Strand. Die Landschaft war �berw�ltigend, die Sonne ging unter und schlie�lich fanden wir ein uneingez�untes Waldst�ck, das sehr absch�ssig war. Uns blieb aber nichts anderes �brig, als dort das Zelt aufzubauen, denn es wurde schon dunkel. Ein eisiger Wind frischte vom See her auf und ich setzte mich dick eingepackt ganz nah an Michas Benzinbrenner, auf dem die Koteletts mit den Zwiebeln und dem Bier brutzelten. W�hrend wir a�en, funkelten die Sterne vom klaren Himmel, trotzdem zog ich mich bald in das Zelt zur�ck, um mich in meinen Schlafsack mit meiner W�rmflasche einzuwickeln, weil es mich entsetzlich fror.
Lago Llanqehue, 10.04.1995
Auf dem Weg von Ensenada nach Las Cascades
Nachts machten wir mit einem toten Baum unter dem s�dlichen Sternenhimmel ein gro�es Lagerfeuer, das mich w�rmte und warteten auf eine der vielen Sternschnuppen, um uns etwas zu w�nschen.
El Para�so, 11.04.1995
Ich machte mich schon mal weiter auf den Weg, w�hrend Micha das Brot kaufte, denn das geht in Chile nicht so schnell, wie man glaubt, vor allem nicht auf dem Land. Ich wollte unbedingt einen gro�en Vorsprung herausholen, also trat ich m�chtig in die Pedalen, obwohl die Sonne vom Himmel brannte. In einer Kurve flog schlie�lich mein Schlafsack vom Fahrrad und rollte in das offene Tor eines Anwesens hinein, so da� ich anhalten mu�te, um den Schlafsack wieder einzusammeln. Die Schotterpiste war feucht, so da� ich ziemlich schnell voran kam und bald schon stand ich v�llig allein auf weiter Flur inmitten von gro�en Feldern. Ich konnte den Osorno sehen und am Horizont tauchten die schneebedeckten Anden auf. An einer Weggabelung blieb ich stehen und wartete schlie�lich auf Micha, weil ich nicht wu�te, welchen Weg ich nehmen sollte.
Ein gro�er, teurer Wagen fuhr an mir vorbei, hielt an und fuhr wieder zur�ck, um neben mir stehenzubleiben. Die Beifahrerin sprach mich auf spanisch an und ich sagte ihr auf deutsch und auf englisch, da� ich sie nicht verstehen k�nnte, weil ich kein Spanisch spreche. Ich dachte, sie fragen mich nach dem Weg. "Nicht verstehen?" wiederholte die Frau begeistert und erz�hlte mir auf Deutsch, das sie aus Deutschland ausgewandert w�re und fragte mich, ob ich Hilfe br�uchte. Ich sagte ihr, da� wir zu zweit unterwegs sind und ich hier nur warte. Au�erdem fragte ich, welcher Weg nach Entre Lagos f�hrte, aber da waren sich die beiden auch nicht so sicher.
Endlich kam Micha angeradelt und wir bogen rechts in eine noch kleinere und noch miesere Schotterstra�e ab. Ich k�mpfte mich �ber die gro�en Kieselsteine und als wir an einem Bauernhof vorbei kamen, wollten uns die dort hausenden Hunde anfallen. Es kamen an die f�nf K�ter laut kl�ffend angerannt und wollten uns in die Waden bei�en. Micha zog das Abwehrspray aus der Lenkertasche und verteidigte unsere Reifen und Waden, w�hrend ich mit meinem Fahrrad im Schotter ausrutschte. Jetzt hatte ich auch noch einen Platten, den wir unter dem Gekl�ffe der Hunde flicken mu�ten. Ich schob dann mein Fahrrad aus der Sichtweite der Hunde um weiter auf dem Schotter Entre Lagos entgegenzuwackeln.
Die Sonne stand schon tief, als wir El Para�so erreichten, aber von einem Hotel war keine Spur, nur Angler, die von einer Br�cke aus in einem Flu� Fische fingen. Obwohl es jetzt schon dunkel wurde fuhren wir weiter und nach ein paar Kilometern erreichten wir auch das eingezeichnete Hotel, da� sich als unbezahlbarer Touristenpalast entpuppte. Also blieb mir nichts anderes �brig, als mein Fahrrad immer weiter in die Nacht hinein zu schieben, bis wir endlich auf einer Koppel, die offen stand, unser Zelt aufschlugen und zum Abendbrot noch einige Kekse knabberten.
Entre Lagos, 12.04.1995
Ich schob das Fahrrad 7 Kilometer �ber tiefen Schotter nach Entre Lagos. Micha schob solidarisch neben mir her. Meine Laune wurde immer besser, je n�her die Stadt kam. Die Stra�e war von h�geligen Kuhweiden einges�umt, es sah so aus wie im Allg�u. Endlich erreichten wir Entre Lagos und nach einigem Suchen fanden wir eine Unterkunft mit Namen "La Panorama" bei einer netten alten Frau. Der Name war gut gew�hlt, weil man direkt auf den See blicken konnte, dahinter lagen die Berge. Wir bekamen eines der beiden kleinen H�ttchen, in der es ein Stockbett und noch zwei weitere Betten gab; au�erdem gab es eine eigene Dusche und ein eigenes WC. F�r uns beide kostete das nur 10.- DM. Bevor man duschen konnte, mu�te man die alte Dame bitten, das Gas anzustellen, damit man warmes Wasser hatte und man sollte ihr sagen, wenn man zuende geduscht hatte, damit sie das Gas wieder abstellen konnte.
Bei der alten Dame wohnten auch zwei Hunde, ein gro�er frecher Mischling und ein junger magerer Welpe, der sich noch nicht auf
den Beinen halten konnte. Obwohl Micha ein sehr gespaltenes
Verh�ltnis zu Hunden hat, war der Mischling sofort begeistert von
ihm. Micha warf Steine in den See, die der Hund wieder
herausholte und zur�ckbrachte. Er hoffte wohl insgeheim, das sich
der Hund in dem eisigen Wasser eine Lungenentz�ndung holen
w�rde...
Nach einem kleinen Mittagsschl�fchen gingen wir in das Dorf. An
einem Restaurant hing ein Plakat, darauf wurde ein "Completo"
angeboten. Neugierig gingen wir in das Restaurant, bestellten
dann aber doch das Mittagsmen�, eine H�hnersuppe, weil uns das
Completo wie ein belegtes Br�tchen beschrieben wurde. Ich spielte
noch ein bi�chen mit den Hunden und abends gingen wir in dem Dorf
aus, so gut es eben ging. Der Hund war schrecklich entt�uscht,
als wir uns schlafen legten und scharrte noch eine zeitlang an
der T�r.
Osorno, 13.04.1995
Leider war unsere W�sche noch - oder schon wieder - feucht, als
wir sie von der Leine nahmen, aber wir wollten weiter und packten
sie in die Fahrradtaschen. Weil ich von der Schotterpiste die
Nase voll hatte, beschlossen wir - bzw. setzte ich durch -von
Entre Lagos aus auf eine geteerte Nebenstra�e in Richtung der
Stadt Osorno zu fahren. Der Hund lief uns noch einige Zeit hinterher und schaute traurig, als wir das Dorf verlie�en. Die Reifen meines Mountain-Bikes schnurrten regelrecht, als sie wieder �ber Asphalt fahren durften. Leider begleiteten uns jetzt auch wieder viele Autos, die im geringen Abstand an uns vorbei fuhren; hier gab es wohl nicht die Regelung, mindestens 1,5 m Abstand von einem Fahrrad zu halten. Man mu�te froh sein, wenn man nicht vom Au�enspiegel gestreift wurde. Nachdem wir die Stadt Osorno erreicht hatten, bogen wir wieder auf die Panamericana ab und es gab immer mehr Autos und jetzt auch LKWs, die an uns vorbeisausten. Mit Angst im Magen strampelte ich auf dem Seitenstreifen der Panamericana die Berge hoch, die es laut einem deutschen Reisef�hrer �berhaupt nicht geben sollte.
Es war schwer, einen Platz zum Zelten zu finden, da fast alles eingez�unt war und die Stellen, die nicht eingez�unt waren, als M�llhalde verwendet wurden. Fragte man jemanden, ob man auf seiner Wiese zelten durfte, wurde man weitergeschickt, weil der Gefragte war nur ein Angestellter des "Se�ors" und der w�rde es nicht erlauben, das jemand auf seiner Wiese zeltete, auch wenn die Wiese nur eine Kuhweide war. Nachdem wir einige Male abgewiesen wurden, t�uschte ich einen Schw�cheanfall vor, wobei ich nach all den Steigungen gar nicht mal so viel schauspielerisches Geschick brauchte, weil ich wirklich entkr�ftet war, so das der P�chter schlie�lich doch ein Einsehen hatte und uns erlaubte, da� Zelt auf einer Kuhweide nahe der Stra�e aufzubauen. Wir kochten unser Abendessen vor dem Zelt und genossen die warme und schon fast schw�le Nacht auf dieser sch�nen Wiese mit dem kleinen gurgelnden B�chlein.
Paillaco, 14.04.1995
Ich war froh, bei diesem l�stigen Nieselregen endlich in Paillaco anzukommen, der Seitenstreifen der Panamericana war n�mlich pl�tzlich nicht mehr befahrbar gewesen und auch die Stra�e war in einem erb�rmlichen Zustand, es klafften tiefe Risse in ihr, �ber die man nicht fahren konnte. Paillaco selbst ist ein sehr �rmliches Dorf, da� man trotz der Ausschilderung kaum findet. Es macht den Eindruck einer Wildwest-H�ttenstadt. Heute war Karfreitag und in den Gassen war nur wenig los. Nach l�ngerem Suchen fanden wir eine Unterkunft bei einer sehr �rmlichen Familie in einem Haus (La casa amarilla), da� fast zusammenbrach, wenn jemand die T�r zuschlug. Um in unser Zimmer unter dem Dachboden zu gelangen, das normalerweise von Saisonarbeitern belegt war, mu�te man im dunklen geduckt �ber eine steile, schmale Holzstiege klettern. Die W�nde haben L�cher und man h�rt jedes noch so leise Husten von unten. Auch der Besuch des Badezimmers war das reinste Abenteuer: es besteht weitestgehend aus Pappe, in der Klosch�ssel schwimmt irgend etwas undefinierbares, da� sich nicht wegsp�len l��t und die T�r klafft soweit auf, da� man bequem vom Klo aus in die Wohnstube schauen und auch locker am Gespr�ch teilnehmen kann. Die Dusche ist an und f�r sich lebensgef�hrlich: Ein Apparat aus Plastik h�ngt an wirren Kabeln von der Decke herab. Um die Dusche anzustellen, mu� man einen Hebel an diesem Apparat bet�tigen. Dann, wenn man schon ganz na� von dem eiskalten Wasser ist, mu� man noch geschickt an dem Apparat herumdrehen, damit das Wasser wenigstens lauwarm wird. Nat�rlich mu� man aufpassen, da� man nicht mit den nassen Fingern an eines der losen und stromf�hrenden Kabel kommt, denn mit den F��en steht man ja im Wasser, da� sich weigert durch den verstopfen Abflu� zu flie�en.
Aber die Leute sind trotzdem sehr fr�hlich. Der Sohn der Familie spielte den ganzen Nachmittag und auch Abend �ber bis in die sp�te Nacht hinein mit seinem Nintendo, w�hrend der Rest der Familie in der Wohnstube sa� und darauf wartete, endlich Fernsehen schauen zu d�rfen. Sie unterhielten sich interessiert mit uns und gaben uns Ratschl�ge, wo wir am besten ein Restaurant finden w�rden. Es war schon dunkel, als wir uns auf den Weg machten und zun�chst kauften wir eine Cola, Chips und ein paar Weintrauben in einem kleinen Laden ein. Die Gesch�fte wollten n�mlich schlie�en, weil sich das Dorf zu einem Karfreitagsumzug sammelt. Wir verfolgten diesen Zug, der vom Pfarrer und einem leisen Gitarrenspieler angef�hrt wurde und eher einer Demonstration �hnelte in der Hoffnung, da� die Gesch�fte und Restaurants nach dem Umzug wieder �ffneten. Aber das war leider nicht der Fall. Hungrig kehrten wir zu unserer Unterkunft zur�ck und die Familie kochte f�r uns ein wenig Fisch und Kartoffeln.
Paillaco, Valdivia, 15.04.1995
Da am Ostersamstag nur wenige Gesch�fte ge�ffnet hatten, blieb uns nichts anderes �brig, als einen Fisch- und Krimskramsladen zu besuchen. Die Stadt war wirklich sehr sch�n und besa� einen nostalgisch wirkenden Park. In der Stadtmitte fanden wir eine Handelsniederlassung des FAG Kugelfischer, einer Firma, die in Schweinfurt ans�ssig ist. Wir dr�ckten unsere Nasen an der Fensterscheibe platt und erkannten, da� auf jeder Packung ganz klein "Schweinfurt" stand. Weil Micha seine Diplomarbeit bei dieser Firma geschrieben hatte, stand er f�r wenigstens eine halbe Stunde vor dem geschlossenen Laden und konnte sich fast nicht losrei�en von seinen Kugellagern.
Der letzte Bus zur�ck nach Paillaco ging um 20 Uhr, also setzten wir uns in ein Caf� mit dem Namen "Paula". Auf chilenisch hei�t Kuchen "Kuchen" und den a� ich dort auch. Au�erdem dr�hnte "Metallica" aus den Boxen, obwohl in dem Caf� zum gr��tenteil nur �ltere Damen sa�en. Uns war es recht und wir moschten ein wenig zur Musik, w�hrend wir ein paar Postkarten in die Heimat schrieben. In der Dunkelheit raste dann der Bus zur�ck nach Paillaco und nachts h�rte ich wieder Nager �ber meinem Kopf knabbern, aber man gew�hnt sich ja eigentlich an alles.
Fundo Champulli, 16.04.1995
Nachdem ich in Los Lagos ausgestiegen war, mu�te ich zun�chst unter den unangenehm musternden Blicken der Dorfbewohner mein Fahrrad zusammenbauen. Ich war froh, als Micha ein paar Minuten sp�ter angeradelt kam. Obwohl es mir an diesem Tag nicht so gut ging und mir es etwas schwindlig war, machten wir uns auf nach Panguipulli.
Sp�ter, als wir den breiten Flu�"Calle Calle" �berquerten, wurden wir Zeugen eines doch sehr ersch�tternden Ereignisses, einem Osterausflug auf chilenische Art: Ein altes Taxi kam angefahren. Aus ihm stieg der Taxifahrer mitsamt seiner Familie aus und warfen leere Kisten und M�lls�cke in die wundervolle Naturlandschaft. Die Frau �rgerte sich dar�ber, da� einer ihrer M�llbeutel den herrlichen Anblick der Natur st�rt und wirft ihn noch tiefer in den Wald hinein. Danach blickten alle versonnen in die Landschaft hinein und genossen die frische Luft, bevor sie wieder in den Wagen stiegen und wegtuckerten.
Wir fuhren weiter, aber nach der Br�cke wurden die H�gel immer steiler, ich wurde immer m�der und wir begannen, einen geeigneten Schlafplatz zu suchen. Alles war eingez�unt, es gab keine freie Wiese, man kam �berhaupt nicht von der Stra�e runter und irgendwann gab ich schon fast die Hoffnung auf, einen Platz zum zelten zu finden, als wir eine sehr �rmlich aussehende Frau fragten, ob wir in ihrem Garten zelten d�rften, der mehr wie eine M�llhalde aussah. Die erz�hlte uns jedoch wieder die altgekannte Geschichte, da� sie nicht die Befugnis h�tte, uns dies zu erlauben, ihr geh�re der Garten nicht, wir sollten zwei H�user weiter um Erlaubnis fragen. Wir fragten dort einen Mann, der zu uns erz�hlte, die Se�ora w�re da und wir sollen warten, sie k�me gleich. Also warteten wir auf die Besitzerin und als diese kam, fragten wir ganz artig, ob wir unten auf der Kuhweide zelten d�rften, was uns aber energisch untersagt wurde: Die Se�ora lud uns stattdessen ein, in ihrem G�stezimmer zu �bernachten. Au�erdem sollten wir uns mit dem Duschen beeilen, damit wir rechtzeitig zum Abendbrot fertig w�ren. Ich wu�te �berhaupt nicht, wie mir geschah. Das Haus war wirklich traumhaft eingerichtet: alles mit gl�nzendem Holz verkleidet, Parkettboden und die Einrichtung zeugte von sehr gutem Geschmack. Ein Hausangestellter trug meine Sachen in das G�stezimmer, in dem es zwei edle Holzbetten gab. Aus dem Fenster konnte man in den gepflegten Garten blicken und ich versuchte, mich einigerma�en gut zu kleiden und angelte die verknitterten schwarzen Bermudahosen aus der Fahrradtasche und zog meine schwarzen Strumpfhosen dazu an. Im Kreise der Familie a�en wir an einem gro�en Tisch zu abend, neben uns sa� jemand, der sogar ein wenig deutsch sprach. Die Familie war eigentlich franz�sischer Abstammung und die Se�ora schon seit langer Zeit Witwe, nachdem ihr Mann mit einem Flugzeug abgest�rzt war.
Als wir sp�ter in den weichen Betten lagen lachten wir dar�ber, da� wir fast so bl�d gewesen waren und inmitten von Dornen keine 500 Meter von hier zelten wollten. Man sollte sich h�ufiger bis ganz oben durchfragen.
Panguipulli, 17.04.1995
Es regnete an diesem Tag sehr stark, so da� ich mich fest in das Regenzeug wickelte, bevor ich mich aufs Fahrrad schwang. Mir lief der Regen das Gesicht herunter, so als ob ich unter der Dusche stand. Trotzdem konnte der Regen meiner guten Laune nichts anhaben und die 27 Kilometer bis Panguipulli waren im Nu geschafft, zum Schlu� war ich aber v�llig durchn��t und fror ganz j�mmerlich. Ein Erlebnis der besonderen Art war hatten wir w�hrend einer Rast, als wir gesch�tzt vom Regen in einem Bretterverschlag standen und Honigbrote schmierten. Ein alter, ziemlich �bel angezogener Mann sprach uns an, aber Micha verstand kein Wort von dem, was er sagte. Er deutete immer wieder auf seinen Mund und wir dachten, er h�tte Hunger. Also boten wir ihm ein Honigbrot an. Er sch�ttelte den Kopf und deutete immer noch auf seinen Mund. Beim n�heren Betrachten stellten wir fest, das er total kaputte Z�hne hatte und irgendwie sein halber Kiefer komisch herumhing - wir wu�ten aber nicht, wie wir ihm helfen sollten, vor allem, weil wir ihn �berhaupt nicht verstanden.
In Panquipulli angekommen fanden wir auch schnell eine saubere und billige Unterkunft, in der ich mich unter der hei�en Dusche aufw�rmen konnte. Die Zeit in diesem Ort wird mir unverge�lich bleiben, es fing schon damit an, als wir im Supermarkt eine gro�e Flasche Bier kaufen wollten. Die Kassiererin wies uns darauf hin, da� wir das Bier nicht kaufen k�nnten, wenn wir nicht eine leere Flasche Bier daf�r bringen. Aber wie sollte man an eine leere Flasche kommen, wenn man keine kaufen k�nnte, um diese dann auszutrinken? Wir kamen dann zu der Schlu�folgerung, da� man entweder eine Flasche Bier von den Eltern zum 18. Geburtstag geschenkt bekommt oder man mu� sich seine erste Flasche ganz einfach klauen. Wir nahmen dann statt dessen Bier in kleinen Wegwerf-Flaschen. Und wir schleppten noch eine Menge anderer Leckereien aus dem Supermarkt hinaus, denn nach einem so verregneten Tag, da hatte ich es mir verdient.
Je l�nger wir im Zimmer sa�en, desto eigenartiger erschien uns diese Herberge. Bet�tigte jemand die Toilettensp�lung, dann erbebte das ganze Haus, so als ob es zusammenbrechen wollte. Irgendwo in einem Raum neben uns piepste unaufh�rlich ein lauter Wecker, der schon gepiepst hatte, als wir in das Zimmer gezogen sind. Und immer wenn jemand die Treppen hochgelaufen kam, vibrierte der Spiegel so stark, als ob er gleich hinunterfallen w�rde. Nach einer weiteren halben Stunde ging Micha auf die Suche nach dem Geisterwecker, denn es gab eigentlich keinen Raum mehr neben uns. Wir kamen darauf, da� der Wecker im Nachbarhaus stehen mu� und fast schon zur Verzweiflung entnervt rannte Micha st�ndig zum Nachbarhaus und klopfte an T�r und Fenster, doch niemand zeigte sich, niemand �ffnete, obwohl das Licht brannte. Doch der Wecker mu�te ausgeschalten werden, denn bei dem nervt�tenden Ger�usch war an Schlafen nicht zu denken.
Schlie�lich ging ich auch einmal zum Nachbarhaus und wollte dem Drama ein Ende bereiten - und das ohne Spanischkenntnisse. Zuvor lernte ich aber schnell noch einige Vokabeln wie Uhr und L�rm und erreichte durch aggressives R�tteln am Fenster, da� sich zumindest jemand zeigte. Eine heruntergekommene Frau in mittleren Jahren kam zur T�r, die eine rote Baumwollstrickstrumpfhose trug, die ihr viel zu lang war und ca. 20 cm davon hinter sich herschleifte. Diese schien mir zu sagen, ich sollte nicht mehr an dem Fenster r�tteln, weil es sonst kaputtginge. Sie erz�hlte mir weiter etwas auf Spanisch und ich erz�hlte ihr was von"reloj" und"dormir" usw. aber sie sch�ttelte nur den Kopf. Ich holte Micha zu Hilfe und es stellte sich heraus, da� sie sich nicht traute, in das Zimmer des"Chico", also des Sohns oder Enkels, zu gehen, der angeblich arbeitete und erst sp�t wieder nach Hause kam. Nachdem wir nicht nachgaben, hatte die verwirrte Frau sich wohl doch ein Herz gefa�t und ist in das Zimmer des Chicos gegangen und hatte seinen Wecker abgestellt, denn es war pl�tzlich ganz still.
Mit dem Schlafen haben wir dann doch noch bis nach Mitternacht gewartet, weil wir mit dem Einweg-Bier auf meinen Geburtstag ansto�en wollten. Bei Kerzenlicht bin ich dann aber doch wenig sp�ter eingeschlafen.
Panguipulli, 18.04.1995
Unsere Ausr�stung hatte bereits gelitten und wir waren auf der Suche nach einer neuen Taschenlampe. Wir gingen in ein Gesch�ft, in dessen Auslage kleine Taschenlampen ausgestellt waren und fragten den Verk�ufer danach. Der griff in das Regal hinter sich, vorbei an den kleinen Stabtaschenlampen und zeigte uns seine gr��te Lampe, obwohl wir extra nach den kleinen gefragt hatten. Auf die Frage, ob er nicht kleinere h�tte, sagte er mit einem entsetzten Unterton"Nein!". Da war nichts mehr auszurichten, dachten wir uns und gingen weiter in ein anderes Gesch�ft, in dem wir besser bedient wurden. Die Suche nach einer neuen Luftmatratze f�r mich blieb vergeblich, wir mu�ten dann halt noch mal versuchen das Loch zu finden und es zu stopfen. Die W�sche, die wir Tage zuvor in Entre Lagos gewaschen hatten, ist bis heute nicht richtig trocken geworden und moderte schon vor sich hin. Nur mit �berwindung konnte ich die Sachen anziehen und bestand darauf, da� wir die W�sche in eine W�scherei brachten, bevor ich noch weitere f�nf Tage den Modergeruch ertragen mu�te.
Am Abend gingen wir noch mal in die Stadt. Als wir an der Wechselstube vorbei liefen, kam die Angestellte herausgeschossen und zerrte mich hinein. Sie br�uchte noch eine Kopie des Reisepasses von mir. Ich war verbl�fft, weil sie meinen Reisepa� bereits am Vortag kopiert hatte, als ich einen meiner Travellerschecks einl�ste. Als Beweis wollte sie mir den Scheck zeigen und - schwupps, da grinste mich ja auch schon mein eigenes Konterfei von der Kopie meines Reisepasses an. Der Geldwechslerin war das sehr peinlich und mu�te zugeben, da� sie mich wohl mit einer englischen Touristin verwechselt h�tte, die sich auch hier im Ort aufh�lt.
Als unsere M�gen knurrten, gingen wir in ein Restaurant, auf dessen Schild geschrieben stand :"Restaurant y Schopperia ". Kurz nachdem wir uns hingesetzt hatten, bestellten wir gleich ein gro�es Bier, das auch prompt kam. Auf die Frage jedoch, ob wir die Speisekarte sehen k�nnten, bekamen wir zur Antwort, da� es hier nichts zu essen g�be. Das Wort"Restaurant" auf dem Schild h�tte nichts zu bedeuten.
Also gingen wir in das n�chste Restaurant. Wir sa�en kaum und warteten darauf, endlich unsere Bestellung aufzugeben, da wurde uns gesagt, das wir umbestellen m��ten, weil die Hamburger ausgegangen w�ren. Wir wurden erneut mit den englischen Touristen verwechselt, die auch in dem Restaurant sa�en und �berhaupt keine �hnlichkeit mit uns hatten, weder von der Haarfarbe her, noch von der Statur, aber was soll's. Nachdem wir das Mi�verst�ndnis aufgekl�rt hatten, bestellten wir"Lomo" und guckten gespannt auf den Fernseher, der traditionell in jeder noch so kleinen Bar und Restaurant h�ngt und eigentlich immer sehr nervt�tend ist. Es lief jedoch ein Film mit Madonna, den ich kurze Zeit zuvor in Deutschland gesehen hatte. Aber immer, wenn ich zu Micha sagte, da� es jetzt interessant werden w�rde, war die Szene einfach herausgeschnitten. Es blieb nichts weiter �brig, als eine langweilige Gerichtsverhandlung und ein sch�chterner Ku�.
Lago Calafquen, 19.04.1995
Nachts wurde es sehr kalt und ich fror schrecklich, aber Micha war so reizend und w�rmte mir zweimal im Laufe der Nacht meine W�rmflasche auf, weil ich mich ganz fest in den Schlafsack eingeschn�rt hatte und nicht herauswollte. Unangenehm wurde es dann, als meine Luftmatratze ihre Luft verloren hatte und langsam dem eiskalten Boden entgegensank.
Hinter Co�aripe, 20.04.1995
Auf der Wiese �ber den Seen
Die Strecke vom Lago Calafquen bis Co�aripe war geschottert und dementsprechend langsam ging es voran. Gleich zu Beginn rutschte mein Fahrrad unter mir weg, aber ich lies rechtzeitig den Lenker los und sprang ab, so da� diesmal meine Knie verschont blieben. Nach einer eiskalten Nacht war es tags�ber sehr hei� und so wechselte ich st�ndig die Kleidung.
In Calafquen machten wir eine kurze Rast, bevor es auf einer unglaublichen Piste aus Erde, Schlamm, Ger�ll und Felsbrocken fast senkrecht nach oben ging. Nach einigen Metern hatten zwei Holzf�ller Mitleid mit mir und nahmen mich hinten auf der Ladefl�che ihres Lkws mit, w�hrend Micha im Wettkampf-Eifer die 5 Kilometer bis zu einer flachen Stelle fast schneller schaffte als der LKW. Es war n�mlich verabredet, da� mich die beiden Holzf�ller an einer Stelle herunterlie�en, an der man gut Zelten konnte. Die Fahrt auf der Ladefl�che war alptraumartig, weil die Stra�e mit Felsbrocken durchsetzt war und ich mich und mein Fahrrad festhalten mu�te, damit wir nicht herunterst�rzten. Au�erdem stieg die Stra�e so steil an, da� ich fast immer herunterrutschte und ich war froh, als der Fahrer endlich seinen Motor abw�rgte und mir sagte:"Plano".
Rio Llanqehue, 21.04.1995
In einem dichten Waldst�ck konnten wir der Versuchung nicht widerstehen, versteckten unsere Fahrr�der am Wegesrand und machten einen Ausflug quer durch den sehr urspr�nglich wirkenden Regenwald.
Die Nacht wurde sehr kalt und wir sch�rten ein Lagerfeuer, da� mich aber nicht richtig w�rmen wollte, weil der Wind kalt durch die Kleidung pfiff. Micha warf einige gro�e Steine ins Feuer und legte sie sp�ter ins Zelt, so da� wir eine Art Heizung hatten. Meine Luftmatratze gab endg�ltig den Geist auf und ich zog mir eine leichte Blasenentz�ndung zu.
Nationalpark Villarica, 22.04.1995
Je l�nger wir uns unterhielten, desto ungeduldiger wurde ich, weil ich an diesem Tag noch nach Puc�n kommen wollte. Nachdem wir das Schw�tzchen beendet hatten, fuhren wir zun�chst zu Dritt weiter, verirrten uns dann aber im Dickicht und mu�ten fast 2 km wieder zur�ck zum Ausgangspunkt zur�ck und das bei unglaublichsten Stra�enverh�ltnissen. Aber, als wir endlich auf dem richtigen Weg waren, wurden die Stra�enverh�ltnisse noch schlechter. Anscheinend verkehrten hier nur noch Ochsenkarren und selbst die mu�ten aufgeben, weil das Geschirr eines Ochsenkarren achtlos mitten auf dem Weg lag. Der Pfad war umwuchert vom dichtem Wald und Araucias, die mit ihren reifen Fr�chten die Wege pflasterten. Langsam wurde mir klar, das wir es noch nicht mal zu den Thermen de Palquin schaffen w�rden, 40 Kilometer vor Puc�n und freundete mich widerstrebend mit dem Gedanken an, auf der Wiese eines ehemaligen Refugios, also einer Schutzh�tte auf 1100m H�he im tiefsten Wald zelten zu m�ssen. Der Amerikaner war schon da und wir bauten unser Zelt in einiger Entfernung auf.
Wir machten ein Lagerfeuer, ich holte flei�ig Holz aus dem Wald, weil mich die Bewegung aufw�rmte und weil ich vor Ersch�pfung nicht viel zur Unterhaltung beitragen konnte oder wollte. Wir teilten unser Abendessen mit Jeff, was aber in Wirklichkeit keine besondere Bereicherung war: Er hatte Nudeln pur und wir hatten Reis mit einem aufgel�sten Br�hw�rfel. Wir r�steten die Kerne der Araunces und zeigten Jeff, wie man sie �ffnet und i�t. Es w�rmte die H�nde auf, wenn man die hei�en Kerne aus ihrer Schale buhlte. Das hatten wir bei einem Bergbauern abgeschaut, als wir an seiner H�tte vorbeikamen. Als Getr�nk hatten wir klares, eisiges Gebirgswasser mit Traubengeschmack, den es in P�ckchen wie so viele andere Geschmacksrichtungen zu kaufen gab. Micha warf wieder einige der Lavabrocken ins Feuer, damit sie sch�n hei� w�rden und mich in der Nacht w�rmen k�nnten. Als wir uns ins Zelt zur�ckzogen, beobachteten wir, wie Jeff mit einer Schaufel in den Wald ging und bewunderten seine Tugendhaftigkeit. Als er in sein Zelt kroch, konnte man vor der Kerze seine Umrisse sehen, wie er in einer gro�en Mappe bl�tterte und schlie�lich einige Lieder des Lobpreises in die Nacht tr�llerte. Da waren wir wohl einem wirklich gl�ubigen Menschen begegnet.
In dieser Nacht war mein K�rper ein einziger Schmerz. Meine H�fte hatte mir schon den ganzen Tag �ber weh getan, jetzt schmerzte auch noch mein R�cken um nicht die Magenkr�mpfe zu vergessen, die ich vom kalten Gebirgswasser bekommen hatte und den h�mmernden Kopfschmerzen, die mich qu�lten. Einen riesigen hei�en Lavaklumpen hatte ich mit einem Handtuch umwickelt und unten in meinen Schlafsack gelegt, der mich aber trotzdem nicht w�rmen konnte, denn ich fror vor Ersch�pfung. Als dann meine Luftmatratze platt und der Lavaklumpen ausgek�hlt war, z�hlte ich fr�stelnd die Minuten bis zum Morgen. Nebel zog auf und eine unangenehme Feuchtigkeit kroch in das Zelt, aber auch diese Nacht hatte Gott sei Dank irgendwann ein Ende, dem wohl auch Micha genervt entgegengesehnt hatte.
Puc�n, 23.04.1995
Hospedaje Casita
Bei einer Rast betrachtete ich mir meine Beine. Sie sahen aus wie abgestorben: schwarzes �l von der Kette, gr�ne und blaue Flecken, die ich mir an den Pedalen geschlagen hatte und blutige Striemen von dem Gestr�pp. Nach den Thermen de Palquin wurde die Stra�e endlich besser, dann doch wieder schlechter und schlie�lich unm�glich zu befahren: Sand! Jeder sollte mal versuchen auf tiefen Sand zu fahren, dann wei� man, von was ich spreche. Und pl�tzlich, wie ein Wunder: Asphalt! Meine Reifen schnurrten pl�tzlich �ber einer bestens asphaltierten Stra�e mit breiten Seitenstreifen. Jeder kleine H�gel und jede kleine Kurve wurde durch ein Stra�enschild vorgewarnt. Endlich ging es mit Tempo ungebremst bergab, der Fahrtwind pfiff mir um die Ohren, meine Kleider flatterten am K�rper und ich kam in einen regelrechten Geschwindigkeitsrausch. Ich trat noch zus�tzlich in die Pedalen, um noch schneller zu werden.
Unsere rasante Fahrt wurde urpl�tzlich von einem gro�en Trauerzug ausgebremst, der sich langsam nach Puc�n hineinschob. Wir wollten nicht warten, trotzdem war es mir schon etwas mulmig, vorbei an den tiefschwarzen Trauerg�sten und dem Leichenwagen zu fahren. Wir fanden eine h�bsche Unterkunft mit K�chenmitbenutzung. Nach dem Duschen gingen wir auch gleich einkaufen und Micha brutzelte Steaks, w�hrend ich einen gro�en Salat machte und den gro�en Tisch im Vorraum feierlich deckte. Nachdem wir uns f�nf Tage von Reis, Nudeln und Keksen ern�hrt hatten, genossen wir unser reichhaltiges Men� und hatten irgendwie ein schrecklich schlechtes Gewissen, als sich ein Amerikaner zu uns gesellte, der ein hartes Br�tchen in seine d�nne Tomatensuppe einbrockte.
Puc�n, 24.04.1995
In Villarica fanden wir zwar keine Luftmatrazen, aber immerhin gab es dicke Isomatten. Ich kaufte mir gleich zwei St�ck und wir kehrten am Abend nach Puc�n zur�ck. Der Busbahnhof in Villarica war �bertrieben gro�, es herrschte eine Hektik wie auf dem Frankfurter Flughafen, die Wartenden wurden mit Lautsprecherdurchsagen beschallt und die Busse warteten stundenlang mit laufenden Motoren auf die Fahrg�ste. W�hrend wir �ber unserem Steak mit Knoblauch, Salat und Bier sa�en, kl�rten wir unsere weitere Strecke ab. Nach den anstrengenden Tagen in den Anden widerstrebten mir Michas Pl�ne, der mit einem vertr�umten Blick auf die Landkarte mit einer noch l�ngeren und anstrengeren Strecke lieb�ugelte. Ich sagte ihm, da� er sie meinetwegen fahren kann, ich w�rde mich dann drei Tage in Puc�n allein vergn�gen, aber mitkommen w�rde ich auf keinen Fall, vor allem da das Klima auch hier im Tal herbstlich kalt geworden ist. Wir einigten uns darauf, da� Micha am morgigen Tag 110 Kilometer nach Temuco f�hrt, w�hrend ich den Bus nehme und mich dort gegen Abend mit ihm in einem Caf� treffe. Ich hoffte, da� das Wetter weiter im Norden besser w�re als in dieser Gegend.
Temuco, 25.04.1995
Der heutige Morgen verlief ganz ulkig. Als wir fr�h morgens aufstanden, waren wir ganz allein im Haus. Weder die junge Mutter noch ihr Mann waren zu finden und auch das Kind war weder zu h�ren noch zu sehen. Weil Micha aber bald aufbrechen wollte, machten wir uns nach anf�nglichen Z�gern selbst das Fr�hst�ck. Am Tag vorher hatte sich ja die Vermieterin darum gek�mmert. Wir kochten, brutzelten und toasteten und gegen 9 Uhr kam dann die Vermieterin, total verschlafen, stellte uns noch ein wenig ungetoasteten Toast auf den Tisch und ein P�ckchen Tee dazu und verschwand schlie�lich wieder. Vom Mann war keine Spur, seitdem er gestern gegen 23 Uhr angeblich zum Pizza-Essen gegangen war. Zuvor hatte er sich fl�sternd eine Zeitlang mit einem anderen Mann unterhalten. Schon am Nachmittag vorher hatten wir seine Frau gesehen, wie sie mit dem S�ugling im Arm am Busbahnhof eingestiegen ist und davon fuhr. Alles deutete auf einen handfesten Ehekrach hin.
Wie ich so am Tisch sa�, wurde ich nachdenklich. Ich �rgerte mich, da� ich kein Spanisch kann und immer auf Micha angewiesen war. Ihm war es schon l�stig, immer alles f�r mich erledigen zu m�ssen. Ich dachte dar�ber nach, da� ich Micha nur aufhalte, weil ich so langsam bin und so viele Pausen brauche und nach einer l�ngeren Tour mindestens zwei Tage Entspannung. Ich f�hlte mich immer noch nicht auf dem Damm nach den 5 Tagen durch die Anden. Der Kampf gegen die K�lte, gegen die Berge, gegen die Schotterstra�en, alles war so anstrengend f�r mich und ich w�nschte, ich k�nnte alles mit einer solchen Leichtigkeit meistern wie Micha. Mit meinem Jammern ging ich ihm auf die Nerven, da� wu�te ich. Nat�rlich mu�te ich zugeben, da� ich belohnt wurde durch einzigartige Eindr�cke, durch Landschaften, die ich mir in meinen k�hnsten Tr�umen nicht vorstellen konnte. Diese Freiheit und die"Lagerfeuerromantik", die atemberaubenden Sonnenunterg�nge, der rauchende Vulkan Villarica, eigentlich wollte ich nicht aufgeben, ich war gl�cklich hier zu sein, aber ich wollte Urlaub vom Urlaub. Ausruhen, schlafen, faulenzen.
Meine Bef�rchtungen mit dem Zimmer und den Sprachschwierigkeiten l�sten sich in Luft aus, weil der junge Vermieter, der mit rotunterlaufenden Augen und Bierfahne am sp�ten Vormittag aufgetaucht war, sehr gut englisch sprach. Nachdem alles gekl�rt war, packte ich mein Fahrrad, legte mich noch ein wenig hin und ging dann langsam zum Busbahnhof, um nach Temuco zu fahren. Es gab �berraschenderweise keine Probleme dabei, das Fahrrad zu verstauen, nur war ich mir in Temuco nicht sicher, wo ich genau aussteigen soll und kl�rte diese irgendwie mit H�nden und F��en mit dem Schaffner. Nachdem ich ausgestiegen war und mein Fahrrad wieder zusammenbaute, stand Micha schon neben mir, obwohl ich bei der Kilometerzahl glaubte, ich m��te noch einige Zeit auf ihn warten. Er war aber schon eine Stunde fr�her in Temuco, als ich in Pucon abgefahren bin und das bedeutete, da� er mit einer guten Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein mu�. In der Zwischenzeit hatte er schon eine sehr gem�tliche Hospedaje gefunden, in der man sich wie daheim f�hlte. Und es war dort ruhiger als in anderen Unterk�nften. Obwohl sie mitten in der Stadt lag, h�rte man keine kl�ffenden Hunde und keine schreienden H�hne.
Temuco kam mir vor wie eine Gro�stadt: Leuchtreklame, Einkaufspassagen, richtige Kaufh�user und Kinos entdeckten wir w�hrend unseres Stadtbummels. Wir lie�en es uns richtig gut gehen und speisten in einem China-Restaurant und gingen danach ins Kino, soweit ich mich erinnere war es der Film"Timecop" mit Jean- Claude van Damme. Die St�hle im Kino waren sehr hart, der Ton des Films war mies. Der Film selbst war in englischer Sprache und hatte lediglich einen spanischen Untertitel, aber aufgrund der schlechten Qualit�t der Lautsprecheranlage konnte man den englischen Text nicht verstehen.
Ich hatte mich noch immer nicht richtig erholt und hatte nachts starke Schmerzen in der H�fte und litt unter Magenkr�mpfen, aber Micha kommentierte mein Leid nur mit"Gejammer" und"du bist nur gl�cklich, wenn du meckern kannst" ab und das machte mich richtig erst richtig w�tend.
Temuco, 26.04.1995
Wir bekamen uns noch tiefer in die Wolle, weil Micha nicht wollte, das ich meine stinkige W�sche zu einer W�scherei brachte und als ich dann bei einem Einkaufsbummel kein T-Shirt in einer passenden Gr��e fand, konnte ich seinen genervten Blick kaum mehr aushalten. Die Sachen waren viel zu eng geschnitten, weil chilenische Frauen sehr viel kleiner sind als deutsche Frauen; dazu war alles auch viel zu teuer.
Micha redete davon, da� er weiter will. Ich erkl�rte ihm, da� ich total demotiviert bin, da� ich dieses Regenwetter deprimierend finde und das ich mich einfach noch ein wenige ausruhen will. Micha verstand das so, das ich �berhaupt keine Lust mehr hatte, weiterzumachen und schlug vor, da� ich nach Santiago fahre und von dort aus nach Hause fliege. Das wollte ich nicht, nein, ich wollte nicht den Eindruck erwecken, da� ich heim wollte. Ich wollte auf keinen Fall heim, ich wu�te �berhaupt nicht, was ich dort sollte. Mir gefiel es doch in Chile und insgesamt war ich �berrascht, da� wir erst nach 3 Wochen in einer solchen Krise steckten. Eigentlich h�tte ich gedacht, da� wir uns schon innerhalb der ersten Woche zerfleischen.
Temuco, 27.04.1995
Carahue, 28.04.1995
In einer sehr bescheidenen Kneipe probierte Micha zum ersten Mal eines der ber�hmtesten chilenischen Gerichte, da� Completo. Es stellte sich als ein Hot Dog heraus, da� zus�tzlich noch mit Avokado-Creme, Tomaten, Majonese, Senf und Ketchup gef�llt war, so da� das W�rstchen unten im Br�tchen schon ganz kalt war. Es schmeckte schrecklich. Bei einem kleinen Dorfbummel entdeckten wir das Dorfkino: ein Fernseher, der auf einem Fensterbrett im Rathaus stand und auf eine Parkbank zeigte, auf der interessierte Dorfbewohner den Nachrichten folgten. Als es heftig zu regnen begann, setzten wir uns in den gem�tlichen Aufenthaltsraum des Hotels und entdeckten im TURISTEL, da� dieser Ort doch nicht so langweilig sein konnte, wie er erschien, so sollte er gar eine Atmosph�re einer alten Hafenstadt haben und eine ganz tolle Uferpromenade besitzen. Als es drau�en st�rmte und der Wind durch die Giebel pfiff, entschlossen wir uns, am n�chsten Tag an die K�ste zu fahren und dann weiter am Meer entlang Richtung Norden nach Tiru�.
4 Kilometer hinter Trovelhue, 29.04.1995
Nach dem Fr�hst�ck f�hrte unser Weg zun�chst auf einer sch�nen ebenen Stra�e entlang des Flusses"Imperial" dem Pazifik entgegen, was nat�rlich zur Folge hatte, das wir starken Gegenwind hatten. Der Weg nach Trovelhue schraubte sich bergauf, h�her und wurde sehr steil, so da� wir insgesamt nur 25 Kilometer schafften. In Trovelhue, einem urigen Dorf, da� �berflutet war, machten wir in einer kleinen Bar eine Rast, die mir vorkam wie eine miese Bar aus irgendeinem schlechten Terence-Hill-Western. Es kreisten tausende von Fliegen in der Holzh�tte, neben uns lagen 4 lebenden H�hner, die mit den Pfoten zusammengebunden waren und manchmal in Panik gaggerten und aus der Ecke dudelte ein kleines Radio schreckliche Musik Die Menschen in diesem Dorf haben uns begafft wie Au�erirdische und die Wirtin von dieser Bar dachte zun�chst, wir w�ren mit Motorr�dern unterwegs und sagte uns, da� wir in ca. 4 Stunden in Tiru� w�ren. Als sie nach n�herer Betrachtung merkte (,Wo ist denn der Motor?"), da� es sich um Fahrr�der handelt, brach sie in entsetztes Geschrei aus.
Wir fuhren noch einige Kilometer weiter und zelteten auf einem trockenen St�ckchen Wiese inmitten eines kleinen Sumpfes unter einem dichten Weidenbaum.
20 Kilometer hinter Trovelhue, 30.04.1995
Die Menschen in dieser Gegend besitzen wegen der schlechten Stra�en keine Autos, weil sie sie die H�lfte des Jahres nicht benutzen k�nnten, erz�hlte uns ein Einheimischer. Und im Mai, so sagte er, wird es noch schlimmer. Als wir im Zelt sa�en und auf den Regenschauer warteten, h�rten wir das bedrohliche Getose der Meeresbrandung, obwohl man das Meer �berhaupt nicht sehen konnte. Laut TURISTEL gab es hier ein Seehundrudel am Strand, aber wegen der steilen K�stenkordilliere erschien uns ein Besuch unm�glich.
Hier geht's weiter:
----- Puerto Montt, Osorno, Villarica, Temuco (April '95) -----
Radtourbilder aus Feuerland, Patagonien, S�dchile
Ich wu�te genau, da� ich eine ziemlich eigenartige und j�mmerliche Figur abgab, so wie ich mit diesen dunklen Ringen unter den Augen vor dem Ankunftsterminal auf einer Bank vor dem Flughafengeb�ude sa�. Als ich endlich alle Taxifahrer an diesem Flughafen darauf hingewiesen hatte, da� ich nicht nach Santiago Centro fahren will, hatte ich endlich meine Ruhe. Mir war einfach viel zu hei� f�r eine solche Tour.
Der Regen beherrschte den Tag. Ich schlief sehr lange und wir bekamen gerade noch ein Fr�hst�ck im Hotel. Es gab getoastetes Wei�brot mit Butter und Marmelade, dazu Nescaf�. Das Ritual um die Zubereitung des Kaffees beeindruckte mich: der Kellner kam herbei geeilt, hielt in den H�nden jeweils eine Kanne voll hei�em Wasser und warmer Milch und wartet mit strengem Blick, bis man eine angemessene Menge Nescaf� in seine Tasse geschaufelt hatte. Dann fragte er, ob man den Caf� lieber con leche, oder mit Wasser will. Nach dem Fr�hst�ck nahm ich erst mal eine Dusche. Aus dem Fenster unseres Zimmers konnte man direkt auf einen Markt blicken, auf dem alles angeboten wurde, was man sich vorstellen kann, Fisch, Muscheln, Gem�se, Gummistiefel, alles wild durcheinander gew�rfelt. Au�erdem konnte man das Meer sehen und den dunkel wolkenverhangenen Himmel. F�r heute hatte ich noch eine Schonfrist - ich durfte mich erst einmal von den Strapazen der Anreise ausruhen, bevor wir losradelten, au�erdem brauchte ich noch eine Kartusche f�r meinen Gasbrenner, also gingen wir in die Stadt.
Die H�user waren gr��tenteils aus Holz gebaut, in der Luft hing der Geruch von verbranntem Holz, mit dem die Menschen hier ihre H�user heizten. Anfangs war das Wetter noch in Ordnung gewesen, dann fing es aber an, heftig zu regnen. "Regenzeit" dachte ich mir, davon hatte ich viel gelesen. Der S�den Chiles, die Region mit dem meisten Niederschlag pro Quadratmeter im ganzen Land. Wie sollte das nur werden, immer im Regen? Ich bin noch nie im Regen Fahrrad gefahren, hatte aber alles notwendige dabei: Regenjacken, Regenhose, Gore-Tex-Stiefel, wasserdichte und zus�tzlich impr�gnierte Fahrradtaschen und viele wasserdichte T�ten, um meine Kleidung trocken zu halten. Aber so wie es hier sch�ttete, konnte Regen keinen Spa� machen, es kamen richtige Sturzb�che vom Himmel. Und es war k�hl, hier war nichts mehr zu sp�ren von der Hitze Santiagos, eher war es wie bei uns im Sp�tsommer. Wir liefen durch die Stra�en auf der Suche nach einem Campinggesch�ft und ich mu�te mich erst einmal daran gew�hnen, da� es keine Fu�g�ngerampeln gab, sondern da� man sich nach den Ampeln f�r den Autoverkehr richten mu�te, wenn man nicht �berfahren werden wollte, denn die Autofahrer waren hier r�cksichtslos.
Heute kamen wir �berhaupt nicht aus den Federn, das Fr�hst�ck verpa�ten wir gnadenlos. Also war heute nicht der gro�e Tag der Abreise, aber weil Micha genauso wie ich bis zum sp�ten Vormittag d�ste, war das auch nicht weiter wild. Da uns die Leute an der Rezeption seit dem vorangegangen Vormittag nicht mehr gesehen hatten, klingelte das Telefon in abwechselten Abst�nden, einmal nahm ich ab und es legte am anderen Ende gleich wieder auf. Anscheinend wollten sie herausfinden, ob wir noch im Hotel wohnten oder schon abgereist waren.
Als ich am Morgen aufwachte, war ich richtig aufgeregt. Mit den gr��ten Bef�rchtungen zog ich vorsichtig die Vorh�nge zur�ck und: ich blickte in eine dicke Regenwand!! Na gut, so sollte es wohl sein, mein erster Tag auf dem Fahrrad im Regen. Am liebsten h�tte ich hier im warmen kuscheligen Hotelzimmer auf besseres Wetter gewartet, aber das Hotel war zu teuer f�r eine weitere Nacht und Micha langweilte sich schon. Naja, und zugegeben, die Sportlichste war ich nie und die Herausforderung deshalb um so gr��er, obwohl ich daheim kr�ftig trainiert hatte. Nach dem Fr�hst�ck packten wir die restlichen Utensilien in die Taschen, Micha brachte die Fahrr�der auf die Stra�en und befestigte das Gep�ck daran, w�hrend ich vor Aufregung an die 10 mal auf die Toilette rannte, man wu�te ja nicht, wo man die n�chste fand.
Ich begann auch zu frieren, weil meine Regensachen v�llig durchn��t waren und an der Haut kleben - ich hatte nur ein T-Shirt und die kurze Fahrradhose darunter und es sah nicht danach aus, als ob es heute noch zu regnen aufh�ren wollte. Im n�chsten Ort machten wir Rast in einem kleinen Restaurant. Zitternd und dankbar setzte ich mich neben den warmen Bullerofen, wir bestellten ein Bier und als Mittagessen Lachs. Weil die Fische hier im S�den Chiles in Massen gefangen werden, gibt es sie in Restaurants immer frisch und zu einem Spottpreis. Es schmeckte alles so herrlich und es fiel mir schwer, weiterzufahren. Bevor ich wieder auf das Fahrrad stieg, zog ich unter dem immer noch nassen Regenzeug einen Pullover und eine Stretch-Hose an; jetzt f�hlte ich mich wieder gut und so konnte ich meine Fahrt fortsetzen entlang der von Bambus zugewucherten Stra�en.
Der Morgen war schrecklich: Drau�en war es k�hl und nebelig, die Regensachen waren noch feucht und kalt. Ohne Fr�hst�ck mu�te ich mich in die Kleider qu�len, so ein widerliches Gef�hl auf der Haut kann man kaum beschreiben, als ob man die Haut eines toten Frosches �berziehen m��te. Ich war jetzt v�llig durchgefroren und ich konnte nicht behaupten, da� es mir sehr viel Spa� machte mich wieder auf das Fahrrad zu setzen und bis zum Abend in die Pedalen zu treten. Ich stellte mir vor, wie es w�re, wenn es auf meiner ganzen Reise regnen w�rde und jeder Morgen so beginnen w�rde wie dieser und kam zu dem Schlu�, da� ich es nicht lange aushalten k�nnte.
M�de schwang ich mich auf das Fahrrad und nachdem sich langsam der Nebel verzogen hatte, kam langsam die Sonne heraus. Nach ein paar Kilometern machten wir Rast an Lago Llanqehue, weil Michas Fahrradachse eigenartig klapperte und er diesem Ger�usch auf den Grund gehen wollte. Au�erdem brauchte ich jetzt endlich mein Fr�hst�ck und vor allem meinen Kaffee, weil ich sonst ganz ungenie�bar werden w�rde. W�hrend Micha sein Fahrrad reparierte und ich darauf wartete, da� das aus dem See gesch�pfte Kaffeewasser endlich kochte, spazierte ich am Kiesstrand entlang, um mich in den wenigen sonnenbeschienenen Stellen aufzuw�rmen.
Wir fuhren vorbei an Wasserf�llen, die auf die Stra�e st�rzten, neben uns rauschte der Lago Llanqehue und ab und zu schwirrte einer der vielen Kolibris direkt vor meiner Nase und dabei machte das kleine V�gelchen einen enormen L�rm. An einer Weggabelung machten wir Rast. Ich setzte mich am See in die Sonne, w�hrend Micha im nahen Dorf ein paar Koteletts, Zwiebeln, Brot und Bier f�r das Abendessen kaufte. Bei der Weggabelung bogen wir von der Asphaltstra�e auf eine Schotterpiste in den Nationalpark ab, eine neue Erfahrung f�r mich. Nach einigen Metern Schottern warf es mich in einer Kurve vom Fahrrad, als pl�tzlich mein Vorderrad im schwarzen Vulkansand wegrutschte. Mit zittrigen und aufgeschlagenen Knien fuhr ich weiter.
W�hrend der Nacht hatten wir die Schlafs�cke getauscht, weil Michas Schlafsack w�rmer gef�ttert war und ihm K�lte sowieso wenig ausmacht. Am n�chsten Morgen schien wieder die Sonne und ich stand auf und erkundete das W�ldchen. Es gab viele Brombeerb�sche, an denen gro�e, reife Beeren hingen und ich pfl�ckte mir einige davon. Wir reparierten noch den Reisverschlu� am Zelt, weil der schon etwas ausgerissen war. Jeder hatte eine Nadel mit Zwirn und flickte den ihm zugeteilten Teil, was am�sant war, weil wir uns gegenseitig im Weg waren.
Als wir endlich los wollten, kam der Besitzer des W�ldchen vorbei und fragte uns stolz, ob wir gut in seinem W�ldchen geschlafen h�tten. Er erz�hlte uns, da� es in der Nacht auf dem Osorno geschneit h�tte; deshalb war es wohl auch so entsetzlich kalt gewesen. Ich radelte schon mal los und k�mpfte mit der Schotterpiste. Kuhlen, Schotter, Sandhaufen, dann mal wieder eine tiefe Pf�tze und gro�e Steine - ich hoffte, das ich mich schnell daran gew�hnte. Es fiel mir noch schwer, den Lenker festzuhalten, es schien mir fast, als ob ich mein Fahrrad nicht mehr unter Kontrolle habe. Manchmal drehte der Vorderreifen durch, wenn ich versuchte auf Sand loszufahren; dann mu�te ich aufpassen, da� ich nicht vom Fahrrad fiel. Micha fand es lustig, wenn er mich fluchend hinter sich h�rte.
Nach einigen Kilometern fuhren wir an das Ufer des Lago Llanqehue. Wir breiteten die Isomatten am Strand aus und Micha suchte sich im Wald eine Schnecke und versuchte diese, auf einen Angelhaken aufzuspie�en. Er hatte beobachtet, wie Chilenen eine Angelvorrichtung mithilfe einer Plastikflasche und einer Angelschnur aufbauten und erfolgreich damit Fische fingen. Er bastelte lange an dieser Vorrichtung herum und als sie endlich im Wasser war, wurde sie wenig sp�ter von den Wellen des Sees weggesp�lt. Ich legte mich in die Sonne, vor mir brachen laut die Wellen des riesigen Sees, hinter mir, durch einen Eukalyptushain abgeschirmt, erhob sich wie �ber allen Dingen dieser Welt erhaben der Vulkan Osorno. Es war alles irgendwie spektakul�r und schon fast unwirklich sch�n. Obwohl die Sonne schien, empfand ich das Klima als rauh und kalt. Wir unternahmen barfu� einen langen Spaziergang am Strand entlang und beschlossen, heute nicht mehr sehr viel weiter zu fahren, sondern irgendwo im Eukalyptushain unser Zelt aufzuschlagen.
Heute stach die Sonne regelrecht vom Himmel. Es fror mich auch nicht mehr, sondern ich schwitzte auf dem Fahrrad, so da� ich meine kurzen Radlerhosen anzog. Auf der Strecke lag ein winzig kleines D�rfchen, in dem es einen Tante-Emma-Laden gab. Dort kauften wir einige frische Sachen ein und fragten den Besitzer, ob es auch einen Laden gab, in dem Brot verkauft wurde. Der Besitzer verneinte es. Als wir wieder aus dem Laden kamen, waren wir nicht mehr die einzigen Touristen in dem Ort. Eine 4k�pfige israelische Reisegruppe war mit einem Jeep unterwegs und machte gerade Pause. Auch sie waren auf der Suche nach einer B�ckerei und tats�chlich fanden wir eine, die sich fast neben dem Tante- Emma-Laden befand.
Insgeheim w�nschte ich mir eine Dusche und ein weiches Bett. Meine Haare waren staubig und ich war v�llig verschwitzt. Aber auf dieser Stra�e kam ich nicht richtig voran, sondern mu�te immer wieder vom Fahrrad steigen und schieben. Auf der Karte war ein kleiner Ort namens El Para�so eingezeichnet, in dem es ein Hotel geben sollte. Dort wollte ich unbedingt hin. Mittlerweile hatte ich auch noch einen Sonnenbrand auf der Nase, weil ich vergessen hatte, mich einzucremen.
Als ich am Nachmittag endlich frisch geduscht war und der Staub und Dreck endlich im Abgu� verschwunden waren, f�hlte ich mich wie neu geboren. Doch bis dahin war es ein langer Weg gewesen. Am Morgen hatten wir auf der Weide neben der Koppel gefr�hst�ckt. Wir sa�en dabei in den nat�rlichen �berresten eines m�chtigen Baumes, der so geformt war, da� man einen Sitzplatz hatte und einen Platz f�r das Geschirr. Pl�tzlich tauchte ein berittener Gaucho mit einer Kuh und einem kleinen K�lbchen auf, die beide brav neben ihm her trabten. Er ignorierte uns aber geschickt, obwohl er uns gesehen haben mu�te und schlo� einfach das Tor zur Weide ab. Wir mu�ten uns dann umst�ndlich durch den Stacheldraht wieder nach drau�en k�mpfen; zum Gl�ck standen unsere Fahrr�der drau�en auf der Stra�e.
Nach dem Duschen wuschen wir unsere W�sche in einem ausgedienten
Schmier�l-Beh�lter, den uns die Besitzerin zur Verf�gung stellte.
Es machte richtig Spa�, so in der warmen Sonne herumzuplanschen,
w�hrend uns die Hunde dabei beobachteten. Micha und die alte Dame
hingen laut schw�tzend die W�sche an einer W�scheleine im Garten
auf.
Beim ersten Blick aus dem Fenster erkannte ich, da� uns das
schlechte Wetter eingeholt hatte. Drau�en erwartete uns dichter,
unfreundlicher Nebel. Die alte Dame brachte uns ein gro�es
Fr�hst�ck mit Br�tchen, Wurst, Marmelade, Kaffee und Tee ans Bett
und entschuldigte sich, da� es keine Milch gab, aber der
Milchmann sei noch nicht da gewesen. Ich war richtig entz�ckt
�ber soviel Gastfreundschaft.
Am n�chsten Morgen sammelten wir alle noch so kleinen Fetzen Abfall zusammen, damit sich unser Gastgeber nicht �ber uns beschweren konnte. Es erwartete mich eine Horrorfahrt auf der Panamericana, 55 Kilometer Todesangst. Zwar fehlten die Holzkreuze der Toten, die die Stra�e von Entre Lagos nach Osorno s�umten, aber ich glaube auf dieser "Traumstra�e" lassen sehr viele Menschen und Tiere ihr Leben. Ich sah tote Hunde mit abgefetzten Beinen, tote Katzen, V�gel, Eulen, jede Art von Tier war entlang der Panamericana zu sehen. Ich bekam Panik, wenn ich mit ansehen mu�te, wenn einer der vielen Lkw's �bertrieben nah an Micha vorbeirauschten. Die H�gel auf der Panamericana waren immer noch steil, aber im Vergleich zum Vortag ging es schon besser. Ein H�gel hat mich an San Francisco erinnert: Bis zum Scheitelpunkt hatte er drei Stufen und die bin ich tapfer hochgeradelt, ohne zu schieben. Zur Strafe hatte ich am Abend Knieschmerzen. Eine einheimische Radlergruppe rauschte mit ihren leichten Rennr�dern an uns vorbei und gr��te nicht einmal zur�ck.
Die Nacht in dem "Gelben Haus" war abenteuerlich. Aus Furcht vor den Fl�hen der Saisonarbeiter schliefen wir lieber in unseren Schlafs�cken im Bett. Im Laufe der Nacht h�rte man ein undefinierbares Knabbern aus der schr�gen Holzdecke und nach einiger �berlegung kamen wir zu dem Schlu�, das es sich entweder um M�use oder um Ratten handeln mu�te, die sich einen Weg durch das Haus bahnten. Aber nach einiger Zeit beruhigte ich mich und schlief tief und fest.
Am n�chsten Morgen hatte ich immer noch Schmerzen im Knie und handelte einen Ruhetag aus. Um 10 Uhr sind wir dann f�r 1,80 DM in den Bus nach Valdivia gestiegen, die Stadt mit Flair, wie sie der TURISTEL beschreibt. Micha wollte unbedingt eine Marzipanfabrik besuchen, die aber tragischerweise vor kurzem abgebrannt war, wie es sich vor Ort herausstellte. Am Hafen beobachteten wir eine Gruppe von ungef�hr 20 Radfahrer mit wei�en Legion�rskappen auf dem Kopf und Musikinstrumenten, die sich vor einem Geb�ude aufstellten und einige Lieder zum besten gaben. Sinn und Zweck dieser Veranstaltung haben wir jedoch nie herausgefunden.
Weil wir in Richtung Panguipulli wollten und noch 29 Kilometer Panamericana zu fahren w�ren, entschlo� ich mich, weil mir mein Leben doch sehr lieb war, lieber das St�ck mit dem Bus zu fahren und mich in Los Lagos mit Micha zu treffen. Micha m�chte jeden Kilometer mit dem Fahrrad zur�cklegen, ansonsten w�re es ja unsportlich, wie er es ausdr�ckte. Er brachte mich aber noch zum Bus, legte mein Fahrrad auseinander und verstaute es im Gep�ckraum, bevor er losradelte Dem Schaffner sagte ich dann, da� ich zum"Terminal de Busses" in Los Lagos wollte und bezahlte den Fahrpreis, verstand aber �berhaupt nicht, was er zu mir sagte und hoffte inst�ndig, da� ich auch wirklich am Treffpunkt rauskomme. In Los Lagos angekommen verstand ich dann auch, da� der Schaffner mir nur sagen wollte, da� es dort keinen Busbahnhof gibt, denn es handelte sich um ein sehr kleines Dorf, das lediglich eine Haltestelle besitzt.
Vor der ersten Steigung auf der ansonsten recht flachen Strecke schlug ich mich noch mal in die B�sche und entdecke dort viele Str�ucher mit den kleinen, wohlschmeckenden Hurtas und wir beschlossen, erst mal einige von den Beeren zu sammeln. Aber wir waren nicht alleine. �berall entdeckten wir chilenische Familien, die auch Beeren sammelten, au�erdem kamen viele Chilenen mit Jeeps angefahren und wollen auch sammeln, so da� es bald ein richtiger Volksauflauf zwischen den B�schen herrschte. Wir vermuteten, da� es wohl irgendeine chilenischer Ritus sein mu�te, am Ostersonntag Hurtas pfl�cken zu gehen. Au�erdem war es wohl weit und breit das einzige nicht eingez�unte St�ckchen Land.
Dieser Tag war einer der lustigen Tage auf meiner Reise. Nach der gut durchschlafenen Nacht in dem wundervollen Haus der Familie Champulli, packten wir fr�h am Morgen und wollten nach Panguipulli aufbrechen und planten, unterwegs zu fr�hst�cken. Aber die Se�ora fing uns ab und lud uns wie selbstverst�ndlich zu einem Fr�hst�ck mit allem drum und dran ein und hielt noch ein kleines Schw�tzchen mit uns. Zum Abschied schenkte sie uns noch einen Beutel mit"Limonen�pfel" aus ihrem Garten und w�nschte uns viel Gl�ck auf unserer weiteren Reise.
An meinem Geburtstag sind wir erst gegen Nachmittag aufgestanden und dann einen kleinen Spaziergang zum See unternommen und haben Doppelregenb�gen bewundert, die sich vor den bedrohlich aufragenden Bergen abzeichneten, die in noch bedrohlicheren Regenwolken geh�llt waren. Wir planten, am n�chsten Tag durch den Nationalpark Villarica zu radeln, bis nach Puc�n. F�r die anspruchsvolle Strecke haben wir 3 bis 4 Tage veranschlagt (100 km Schotter- und Erdpiste) und mu�ten entsprechend viel Proviant einkaufen.
Nachdem Micha unsere W�sche von der W�scherei geholt hatte, sind wir in Richtung Puc�n aufgebrochen. Nach gerade mal 9 km Schotterpiste machten wir eine kleine Pause am Stra�enrand. Gerade hatte mir Micha erz�hlt, da� es gut sein k�nnte, da� wir in dieser Gegend irgendwann auch mal auf andere Fahrradtouristen treffen w�rden und da� es in dieser Gegend - im Gegensatz zu Mitteleuropa - immer noch zum guten Ton geh�rt, ein Pl�uschchen zu halten, da erkannte ich keine f�nf Minuten sp�ter einen Radfahrer, der sich vollbepackt mit dem Fahrrad auf der Schotterpiste abm�hte. Micha kannte ihn, es handelte sich um Ottmar aus der Schweiz, den Micha vor ein paar Wochen und �ber tausend Kilometer weiter s�dlich zum Essen eingeladen hatte. Sie unterhielten sich �ber den starken Wind und ihre Erlebnisse in Patagonien. Ottmar hatte nach ein paar Tagen Gegenwind in Patagonien aufgegeben und war nach Chile zur�ckgekehrt, und jetzt bezeichnete er Micha als"elenden Masochisten". Die Zeit war schnell verplaudert und wir kamen nur noch 11 km weiter, fanden aber auf Anhieb ein perfektes St�ckchen Erde zum Zelten, direkt am Lago Calafquen mit Blick auf den Vulkan Villarica. Das Zelt pa�te genau auf die kleine Gr�nfl�che, die es dort am See gab. Der majest�tische Vulkan rauchte und als es dunkel wurde, leuchtete der Rauch orange, weil er vom Magma aus dem inneren des Vulkans angeleuchtet wurde. Nat�rlich hatte ich zun�chst ein wenig Angst, da� der Vulkan so rauchte, aber hier in der Einsamkeit, in der Dunkelheit und mit Fahrr�dern h�tte man sowieso nicht so schnell fliehen k�nnen. Da redet man sich ein, da� alles ganz normal ist. So sa�en wir im offenen Zelt und beobachteten das Schauspiel vor dem Hintergrund des funkelten s�dlichen Sternenhimmels und in der Ferne h�rte man einen Wasserfall pl�tschern.
Der Tag begr��te uns mit Sonnenschein und als ich aus dem Zelt kroch, entdeckte ich eine dicke Eisschicht auf dem Zeltdach. Nachdem das Eis weggeschmolzen war, packten wir das Zelt ein, legten uns zum Aufw�rmen in die Sonne und beobachteten den Vulkan, der ruhig vor sich hinrauchte und ab und zu leise donnerte. Micha versuchte unterdessen, meine platte Luftmatratze zu flicken.
Zun�chst f�hrte die Strecke durch eine Almlandschaft wie im Allg�u, die Stra�e wand sich steil bergauf und wurde immer wilder. Wir mu�ten Pf�tzen umschiffen, die so gro� wie kleine Teiche waren, aber irgendwann ging es dann doch wieder bergab bis nach Co�aripe, aber auf einer solch schlechten und sandigen Ger�llpiste, da� ich h�ufiger - auch bergab - schieben mu�te. Die Landschaft wechselte in eine Art Regenwald, Wasserf�lle st�rzten zwischen den dichten gr�nen Str�uchern auf die Stra�e und neben uns lag ruhig der Lago Calafquen. Als endlich in der Ferne Calafquen auftauchte, ging es so rasant bergab, da� ich kaum mehr bremsen konnte und mir wurde Angst und Bange bei dem Gedanken auf den bevorstehenden Pass.
Die Wiese war tats�chlich traumhaft sch�n: Hoch oben auf dem Berg, selbst von noch h�heren Bergen umringt, standen �berall verbrannte, von der Sonne wei�gebleichte Baumst�mpfe und Lavabrocken, tief im Tal konnte man zwei Seen erkennen, die eigentlich nur ein See waren, der durch einen schmalen �berlauf verbunden war. Auf der anderen Seite spitzte der Vulkan Villarica hervor und pustete unabl�ssig seine orangeleuchtenden Rauchw�lkchen aus seinem schneebedeckten Gipfel. Der Sonnenuntergang war ein Schauspiel besonderer Art: zuerst leuchtete die eine H�lfte des Sees im Andengl�hen, dann f�rbte er sich dunkelblau und die andere H�lfte begann orange zu leuchten. Die ersten Sterne erschienen am t�rkisfarbenen Himmel und im Schein des Lagerfeuers beobachteten wir die unz�hligen Sternschnuppen in dieser klaren, warmen Nacht. Dann frischte pl�tzlich ein starker, aber lauer Wind auf, der uns Funken vom Lagerfeuer um die Ohren blies. Es war eine wunderbare Nacht.
Als wir am Morgen aus dem Zelt gekrochen kamen, beobachtete uns eine gaffende und bl�kende Schafherde dabei. Einige Minuten sp�ter gaffte uns eine kichernde Gruppe Kinder in ihren albernen Uniformen auf dem Weg zur Schule auf die gleiche Weise an. Nach dem Fr�hst�ck machten wir uns daran, mal wieder den Zustand des Zeltes zu verbessern und n�hten ausgerissene Stellen rund um die Rei�verschl�sse, was uns ziemlich viel Zeit kostete.
Das alles hatte zur Folge, da� wir an diesem Tag auch nur 10 km weit kamen und unser Zelt an einem sehr kalten Gebirgsbach aufbauten. Die Landschaft drum herum sah richtig unwirklich aus: verbrannte ausgebleichte Baumst�mpfe lagen herum, vereinzelt wucherte hoher Bambus dazwischen, die B�ume waren noch sehr klein und die B�sche sahen aus wie von Menschenhand angepflanzt und gestutzt, das Gras dazwischen war sehr kurz. Es erschien mir, als ob die Natur viele kleine G�rtchen angelegt h�tte, die von den Baumst�mpfen abgegrenzt wurden und in denen schwarz-wei�e K�he weideten.
Immer noch trug ich mich mit der Hoffnung, wenigstens gegen Ende dieses Tages nach Puc�n zu kommen, denn ich kam mir in der Einsamkeit langsam sehr, sehr verlassen vor. Unsere Vorr�te nahmen sichtlich ab, so da� zwar die Gep�cktaschen leichter, jedoch das Essen sehr eint�nig wurde. Au�erdem machte mir die n�chtliche K�lte hier in den Anden zu schaffen und ich wollte endlich mal wieder eine Nacht in einem warmen Bett schlafen und nicht frieren. Die Landschaft war gerade wegen dieser Einsamkeit �berw�ltigend und hier kam auch kein Auto mehr durch, so schlecht war der Zustand der Stra�en. Der Pfad bis zum Pass wurde immer steiler und ich schaffte es kaum noch, das Fahrrad zu schieben, weil ich es fast hochheben mu�te; teilweise ging der matschige Pfad fast senkrecht nach oben. Am Nachmittag mu�te mir Micha sogar beim Schieben helfen, weil ich nicht mehr konnte. Er war so aufopfernd, schob bzw. fuhr mein Fahrrad ein St�ck und holte dann sein Fahrrad hinterher.
Ersch�pfung machte sich bei mir breit, wir hatten nicht mehr viel zu essen, ich f�hlte mich krank und hatte genug damit zu tun, mich selbst bis zum Pass zu bringen. Als wir in dieser Einsamkeit eine Rast machten, begegnete uns eine weitere menschliche Seele: ein amerikanischer Fahrradtourist mit Namen Jeff keuchte den Berg hoch. Es war eine gute Abwechslung, sich mit jemanden zu unterhalten. Wir stellten fest, das Jeff fast die gleiche Strecke von Puerto Montt aus gefahren ist, und fast immer an den gleichen Pl�tzen gezeltet hatte wie wir. Als er von einer hei�en Quelle erz�hlte, die nur 500 Meter von unserem kalten Zeltplatz heute morgen entfernt war, warf ich Micha einen ziemlich b�sen Blick zu. H�tte er doch wissen k�nnen, dachte ich mir im ersten Augenblick. Ich w�re viel lieber die ganze Nacht im warmen Wasser statt im eisigen Zelt gelegen.
Micha machte mir zum Fr�hst�ck ein warmes Lagerfeuer, viel mehr gab es nicht, abgesehen von klumpigen Babybrei, diesmal ohne Manjar und der Reis mit der H�hnersuppe am Vorabend war auch nicht besonders nahrhaft gewesen. Ich sp�rte immer noch die Ersch�pfung in den Knochen, aber alles Jammern half nichts, ich mu�te heute die �ber 40 km schaffen. Nach dem Pass konnte es ja theoretisch nur noch bergab gehen, redete ich mir ein. Am Himmel zogen bedrohliche Regenwolken auf und wir machten uns so schnell wie m�glich fertig, um wirklich die Strecke bis nach Puc�n zu schaffen. Ich fuhr vor den beiden M�nnern los, um wenigstens einen kleinen Vorsprung zu haben.
Die Stra�e ging so steil bergab wie sie auf der anderen Seite angestiegen war und ich mu�te h�llisch aufpassen, nicht �ber eine Baumwurzel zu fahren oder einem Felsbrocken. Wer wei�, wohin es mich geschleudert h�tte und wie tief ich gefallen w�re. Immer bremsbereit konzentrierte ich mich auf den Weg, das langsame bergab fahren mit dem st�ndigen bremsen ging schrecklich auf die H�nde und die Oberarme. Ich fing schlie�lich sogar an, den Pfad zu beschimpfen und fragte ihn vorwurfsvoll, wer ihn nur so unm�glich gebaut haben k�nnte, wer ihn nur so unm�glich steil gemacht h�tte und wer all die Steine auf ihn geworfen h�tte. Mitten in meinem Zwiegespr�ch mit dem Pfad kam mir ein weiterer Fahrradfahrer entgegen, der mich dann auf englisch fragte, ob ich durch Co�aripe gekommen w�re. Er wollte die genaue Wegbeschreibung mit Kilometerangaben und weil ich mir schon schwer tue, jemanden den Weg zur n�chsten Kreuzung zu erkl�ren, verwies ich ihn an Micha und Jeff oben am Refugio, die k�nnten ihm mehr sagen. Als Micha mich sp�ter eingeholte hatte, lachte er mich aus, da� ich mich mit einem Schwaben auf englisch unterhalten h�tte. Dabei war ich doch so erfreut dar�ber gewesen, da� ich diesen Fahrradfahrer viel besser verstehen konnte als Jeff. Peinlich...
Mein tiefer Schlaf wurde nur von zwei kl�ffenden Hunden aus dem Nachbarhaus gest�rt, ansonsten schlief ich aber wie auf Wolken und ich f�hlte mich nach dem Aufwachen wie neugeboren. Die Anstrengung der letzten Tage war vergessen und ich war frisch und munter. Da das Fr�hst�ck im Preis inbegriffen war, lie�en wir uns nat�rlich von vorn bis hinten bedienen und ich g�nnte mir noch ein Vormittagsschl�fchen, bevor wir in die Stadt gingen, um einen neuen TURISTEL f�r die n�chste Region zu finden und eine Isomatte f�r mich, weil ich meine Luftmatratze kurz nach der Ankunft in Puc�n in einen M�llbeh�lter warf. Aber in Puc�n selbst war nichts von dem zu finden, was wir suchten, es gab nur Andenkenl�den, Eisdielen, Pommesbuden und Gesch�fte, die Touren in die n�here Umgebung anboten. Deshalb beschlossen wir gegen Nachmittag mit dem Bus nach Villarica zu fahren, der gr��ten Stadt an diesem See. Dort hatten wir zun�chst Probleme, die Innenstadt zu finden und nach einigem Irren waren wir auf dem richtigen Weg. Mich qu�lte ein harmloser, kleiner Durchfall, so da� ich eiligst ein Restaurant aufsuchen mu�te.
Micha war keine Viertelstunde vorher nach Temuco aufgebrochen und ich sa� am Fr�hst�ckstisch in der Herberge, lie� mich von dem Geisterradio berieseln, das den ganzen Tag im ganzen Haus zu h�ren war und hatte keine Ahnung, wie ich den Leuten klar machen sollte, da� ich erst um 16 Uhr das Zimmer verlasse, aber keinen weiteren Tag bezahlen will. Ich und Spanisch, das wird was geben!
Ich hatte ganz herrlich in dem weichen Bett geschlafen und als ich aufwachte, war Micha in der Stadt, also schlief ich weiter. Als er gegen Nachmittag zur�ck kam, erkl�rte er mir, da� er Temuco langweilig findet, er antriebslos sei und weiter will, w�hrend ich mir ganz gut vorstellen konnte, noch ein wenig durch Temuco zu bummeln und ein paar neue T-Shirts zu kaufen oder was mir sonst noch fehlte. Micha suchte auch schon auf der Landkarte nach einem guten Weg weiter in den Norden und ich quengelte, wann wir endlich fr�hst�cken gehen. Klar, er w�re am liebsten gleich jetzt losgeradelt, aber in mir str�ubte sich alles bei dem Gedanken daran.
Der heutige Tag geh�rte zu einen der wenigen Tage, an die ich nicht gerne denke. Auf jeden Fall gab es einige gr��ere Aussprachen und am Abend sah die Welt schon wieder anders aus, nachdem ich mich definitiv bereit erkl�rt hatte, weiterzufahren, wenn er respektiert, da� meine Erholungsphase wesentlich l�nger ist als seine.
Am Morgen brachen wir mit vollbepackten Fahrradtaschen in Richtung Carahue auf. Stadtausw�rts ging es teilweise auf einem Fahrradweg, der aber nach der Stadt so pl�tzlich endete, wie er gekommen war. Die Stra�e war geteert und die Gegend wurde von Kilometer zu Kilometer einsamer. In einem kleinen W�ldchen machten wir Rast und wir bereiteten einen chilenischen Mate-Tee zu. Dazu stopft man einen traditionellen Mate-Becher mit den Mate- Bl�ttern voll und gie�t kochendes Wasser hinein. Den starken Tee trinkt man dann mit einem Strohhalm aus Silber, wobei man aufpassen mu�, da� man sich nicht die Lippen verbrennt. Nachdem ich zwei Tassen von diesem Tee getrunken hatte, war ich hellwach und fuhr mit einer ungeahnten Leichtigkeit Kilometer um Kilometer; ich f�hlte mich richtig gedopt.
Ich wurde erst wieder von der K�stenkordilliere mit ihren starken Steigungen ausgebremst und habe einige wilde Fl�che in die Gegend gerufen, als mir zum tausendsten Mal eine Fliege ins Auge geriet und ich nichts mehr sah. Denn wo ein Berg stark ansteigt, da geht es auf der anderen Seite rasant wieder runter und man erwischt umso mehr Insekten. Nach immerhin 60 Kilometern erreichten wir Carahue, ein verschlafenes kleines Nest. Nachdem wir den Plaza Central erreicht hatten, setzten wir uns in das einladendste Restaurant, tranken erst mal ein Bier und fragten die Bedienung, ob es ein Hotel in diesem Ort g�be. Sie gab zur Antwort:"Nein, nichts." Wir fragten die andere Bedienung und die sagte knapp"Ja.", drehte sich um, ohne noch etwas dazu zu sagen. Als sie merkte, da� Micha sie immer noch erwartungsvoll ansah und auf eine Wegbeschreibung wartete, sagte sie, sie wisse nicht, wo das Hotel sei. Wie es sich herausstellte, war es eine Stra�e weiter und nicht zu �bersehen. Entweder reden die Leute hier ungern mit Fremden oder sie kommen niemals aus ihrer eigenen Stra�e heraus. Wir mieteten uns ein und mu�ten aus einer alten Zeitung ein provisorisches Schlo� basteln, weil die T�re von allein nicht schlie�en wollte.
Als wir nach einer sehr regenreichen und st�rmischen Nacht, die einem den Schlaf raubte, am Morgen aufwachten, blickte uns ein d�sterer und wolkenverhangener Himmel durch das Hotelzimmerfenster an. Dieses"Hotel" hatte seine T�cken: nicht nur, da� die T�ren nicht schlossen und man Zeitungspapier dazwischen klemmen mu�te, nachts wurde auch der Strom abgeschalten oder er war ausgefallen, jedenfalls mu�te man im Stockdunklen die Toilette finden, die durch unendlichen verwinkelten G�ngen zu erreichen war. Dann gab es nat�rlich kein Toilettenpapier.
W�hrend der Nacht hatte es stark geregnet und in einem Abstand von nur einem Meter flo� nun ein lustiger kleiner Bach am Zelt vorbei, der munter vor sich hin gluckste. In der Nacht war ich schon in diesem Bach getreten. Bevor wir das Zelt abbauen konnten, mu�ten wir erst einmal warten, bis der Wolkenbruch vor�ber war. Es sch�ttete wie aus K�beln. Die Stra�e war zun�chst noch einem relativ guten Zustand und es ging garstig bergauf. Das Klima war sehr wechselhaft. Windig, regnerisch, k�hl, dann wolkenlos und sonnig, sp�ter schw�l, so da� ich mich insgesamt f�nf mal umgezogen habe. Und wenn ich gewu�t h�tte, wie schrecklich die Strecke noch wird, w�re ich vielleicht noch ganz gl�cklich �ber die steile Schotterpiste mit dem groben Ger�ll gewesen. Der Wind wurde immer heftiger und pustete mich beinahe in den Stra�engraben. Irgendwann h�rte die Schotterpiste auf und ich freute mich �ber die angenehme zu fahrende Erdpiste. Aber nur kurz. Durch den vielen Regen in der letzten Zeit hatte sich die Erdpiste zu einer Schlammpiste mit riesigen Pf�tzen verwandelt, die man kaum"umschiffen" konnte, da der Weg von beiden Seiten mit Z�unen begrenzt war. Manchmal stand ich bis zum Schafft meiner Stiefel im fl�ssigen Schlamm.
Der Schlamm wurde z�her und von Zeit zu Zeit grub sich der Vorderreifen meines Fahrrads so tief in den Schlamm, da� ich nicht mehr weiterkam und Micha mir zur Hilfe eilen mu�te. Dann, wenn es mal bergab ging, glitschte der Vorderreifen gerne weg und das Fahrrad wollte hinst�rzen und mich mit ihm rei�en, aber ich war schneller und sprang ab. Gegen Abend wurde der Schlamm immer fester, lehmig und tonartig, meine Reifen"fra�en" den Schlamm und sammelten ihn im Schutzblech, es bremste immer mehr bis gar nichts mehr ging und der Reifen sich nicht mehr drehte und selbst schieben zwecklos war, weil die R�der v�llig blockierten und da ging es auch schon wieder bergauf. Als dann auch noch bedrohliche Regenwolken vom nahen Pazifik aufzogen, gaben wir auf und suchten uns einen Schlafplatz. Wir zelteten in einem Eukalyptus-Hain auf einer kleinen Anh�he in einiger Entfernung von der b�sen Schlammpiste, auf der uns viele ponchobehangene Gauchos entgegengeritten kamen, stets von ihren treuen Hunden begleitet.
Ca�ete, Concepci�n, Talca, Valparaiso (Mai '95)
Santiago de Chile, Portillo (Juni '95)
La Serena, Copiapo, Antofagasta (Juli '95)
Antofagasta, San Pedro, Iquique, Arica (August '95)
La Paz, Coroico, Cuzco (September '95)
Radtourbilder aus Bolivien, Brasilien, Venezuela

