"Umschulung... [gilt] auch für Fälle, in denen sich das linkshändige Kind selbst auf die rechte Hand umgestellt hat oder wenn der Umstellungsvorgang schon sehr früh im Elternhaus oder Kindergarten vor sich ging und das Kind schon als 'Rechtshänder' in die Schule kommt."1
Die am meisten praktizierte Umschulung von links auf rechts besteht im Zureden
der Eltern auf ihre Kinder. Diese Variante äußert sich durch "Belohnungssysteme"
und "Überredungskünste". Dr. Sattler schreibt, dass "manche
Kinder... schon durch Entzug von Aufmerksamkeit und Zuwendung sehr leicht zu
beeinflussen"2 sind. Viele Eltern versuchen auch durch Geschenke
das linkshändige Kind zu animieren doch mit rechts zu schreiben. "[Sie
geben dem Kind] einen Halbedelstein in die linke Hand,... während es rechts
schreibt". Wenn es dann fleißig mit der rechten Hand geübt hat,
darf es den Stein behalten.3 Beim Interview mit Oliver S. haben
wir erfahren, dass auch er durch Belohnung animiert wurde mit rechts zu schreiben.
"Es gab mal eine DM oder so was... Natürlich nicht ständig."
Als weiteres Beispiel lässt sich die Begrüßung durch das Handgeben
mit der "schönen Hand", der rechten Hand, anführen. Den
linkshändigen Kindern wird jeden Tag von einer Autorität liebevoll
gesagt, doch die rechte Hand beim Begrüßen zu benutzen, sodass sie
es sich nach mehreren Wiederholungen merken bzw. einprägen und unbewusst
praktizieren. Als wir Passanten in Jena befragten, ob sie den Begriff "schöne
Hand" kennen, bestätigten dies 51 von 105 Personen. Ab einem Alter
von 30 bis 40 Jahren bei Frauen bzw. 40 bis 50 Jahren bei Männern war ihnen
dieser Terminus geläufig.
Auch Frau E. kennt diesen Begriff: "Also, ich kann mich auch daran erinnern,
dass das zu mir gesagt wurde. Das kam [aber] eher von Freunden und Bekannten,
da man den eigenen Eltern nicht so die Hand gibt."
Ungewollt kann eine Umschulung auch in einer Erziehungseinrichtung, wie der
Kinderkrippe, auftreten. Beim Frühstück ist es üblich die Tasse
mit dem Henkel auf die rechte Seite zu stellen. So kann es passieren, dass das
linkshändige Kleinkind zu bequem ist, die Tasse mit links zu fassen und
die rechte Hand benutzt. Zu erwähnen ist aber noch, dass man die Händigkeit
bei Kleinkindern nicht konkret ausmachen kann, weil sie bei vielen Tätigkeiten
beide Hände benutzen.
Um die Händigkeit, die sich schon, wie Dr. Sattler berichtet, bei regulärer
Entwicklung innerhalb des 12. bis 16. Lebensmonates zeigt, heraus zu finden,
kann man die Kinder bei gezielten Greifbewegungen, beim Essen und beim Daumenlutschen
beobachten.
Unser Gruppenmitglied Marlen Klische hatte die Gelegenheit in der Kinderkrippe
den Kindern beim Hantieren zuzuschauen. Dabei ist ihr aufgefallen, dass ein
rechtshändiges Kind, welches ihr gegenüber stand, dem ihm mit der
rechten Hand gereichten Gegenstand mit links nahm. Für ihn war dies der
kürzere Weg. Beim Weitergeben dieses Spielzeuges an ein anderes Kind, hat
es jedoch die Seiten gewechselt und den Gegenstand mit rechts übergeben.
Außerdem konnte Marlen beim Essen erkennen, dass ein anderes Kind die
vermutlich dominierende Hand benutzte. Sie hat den Löffel oben auf den
Teller gelegt, sodass eine Manipulation ausgeschlossen war.
So ergibt sich die Vermutung, dass eines von acht Krippenkindern linkshändig
sein könnte.
Ähnlich erging es Oliver S. Seine Eltern versuchten durchaus ihr Kind zur
Rechtshändigkeit zu bringen. "[Meine Mutter] hat... [früher]
einen Gegenstand vor mich hingelegt und immer so, dass ich am besten mit der
rechten Hand hinkomme. Aber ich habe immer versucht mit der linken Hand danach
zu greifen."
Unter Bestrafung versteht man nach Dr. Sattler u. a.:4
1. Schläge auf die Hand
2. Einbinden der Hand an den Körper (oder an Stuhl / Tisch)
3. Ärzte haben Kindern die linke Hand eingegipst
4. Schimpfen
5. Liebesentzug
6. Entzug von Spielsachen
7. Vorenthaltungen von Belohnungen für erreichte Erfolge und Leistungen
Ein Beispiel zum Verbot der Linkshändigkeit ist der Roman "Dornenvögel" von Colleen McCullough, der im Jahr 1917 spielt. Darin wird beschrieben, welche Qualen die linkshändige Meggie in ihrer Schulzeit durchmachen musste. Ihr wurde immer verboten die linke Hand beim Schreiben zu benutzen. Es war für Meggie die gleiche unlösbare Aufgabe, wie wenn sie mit den Zehen schreiben müsste. Da sie es nicht lassen konnte die linke Hand zu benutzen, ging die Lehrerin zu drastischeren Maßnahmen über. So band sie Meggies linken Arm mit einem Strick auf dem Rücken fest. Den ganzen Schultag über musste Meggie mit diesem Handicap leben, selbst in der Mittagspause. Diese Tortour ging fünf Monate lang. In dieser Zeit begann Meggie mit dem Nägelkauen.5 Dies stellt eine typische Folge der Umschulung der Linkshändigkeit dar.
Selbst in Stadtroda wurde in der Grundschule noch bis zirka 1969 die linke
Hand auf den Rücken gebunden. Dies haben wir von einer weiteren betroffenen
Person Frau P. erfahren, die sich selbst als Pseudorechtshänderin bezeichnet.
Auch unser Gruppenmitglied Stefanie Riedl musste zirka 1988 im Kindergarten
miterleben, wie Ärzte zu Besuch kamen und darauf achteten, dass alle Kinder
mit der rechten Hand malten. Als der Arzt bei Stefanie ankam, wechselte sie
den Stift schnell von der linken in die rechte Hand, damit sie nicht beschimpft
wurde.
Diese Bestrafungsarten gehören, wie wir durch unsere Befragungen herausgefunden
haben, kaum mehr der Gegenwart an. Lediglich 1/8 der befragten Passanten in
Jena waren der Meinung, dass Kinder auch heute noch gezwungen werden, die rechte
Hand zu benutzen. Viele Menschen sind nun aufgeklärter und
toleranter gegenüber Linkshändern. Die meisten wissen dennoch nicht,
dass eine Umschulung zu schwerwiegenden Folgen für das Kind führen
kann. Heute ist es noch üblich "durch Verlockungen (wie Geld, Süßigkeiten)
oder durch moralischen Druck ('Du hast es mir doch versprochen...')"6 die
Kinder zum Rechtsschreiben zu bewegen.
Besonders bei Frau E. ist es auffällig, dass die Umschulung von links auf
rechts ohne Gewalt von außenstehenden Personen durchgeführt wurde.
Sie spricht selbst von sich als "nicht so ein widerspenstiger Typ"
, deshalb konnte sie sich selbst umschulen. Sie hat sich einfach angepasst.
Heutzutage ist es so, dass Grundschulen wie zum Beispiel in Bayern neue Lehrpläne
bekommen, die sich mit dem Problem Umschulung in der Schule befassen. Darin
heißt es im Fachlehrplan für Deutsch:
"Linkshänder dürfen nicht zum bevorzugten Gebrauch ihrer nicht
dominanten Hand angehalten werden. Die angeborene Händigkeit darf nicht
umgeschult werden."7 Weiterhin soll Kindern, "die Schwierigkeiten beim
Schreiben haben spezifische Beratung und fachliche Hilfe"8 zukommen.
Wir möchten an dieser Stelle auf eine weitere und als wichtig anzusehende
Variante hinweisen. Es handelt sich um die oft unterschätzte Nachahmung,
welche für das Kind, hinsichtlich seiner Händigkeit, fatale Folgen
mit sich führen kann. Meist haben hierbei nahe Angehörige (Eltern,
usw.) und enge Bezugspersonen (Erzieher, Lehrer) den entsprechenden Einfluss
auf die Kinder. Es kommt auch vor, dass die Kinder sich gegenseitig bestimmte
Bewegungen abgucken. Dabei muss natürlich erwähnt werden, dass der
Ablauf dieser äußeren Beeinflussung meist unterschwellig und unbewusst
geschieht.
Von Anfang an versucht ein Kleinkind Mimik und Gestik später auch die Sprache
seiner Eltern, vor allem seiner Mutter, zu verfolgen sowie zu verstehen, um
sie im Endeffekt so gut wie möglich wiederzugeben. Diese Nachahmung beginnt
bei der Bildung von Lauten und setzt sich bis zu ganz bestimmten Handlungs-
und Bewegungsabläufen der Gliedmaßen fort. Dabei lernt das Kind auch,
in welche Hand die Erwachsenen zum Beispiel einen Löffel, Stift oder Messer
und Gabel nehmen und tut es ihnen gleich. Nichtsahnend und mit schneller Wirksamkeit
kann hier eine Umstellung der ursprünglich festgelegten Linkshändigkeit
erfolgen, wobei sich das Kind sozusagen selbst von links auf rechts umschult!
Diese Tatsache darf auch während der als kritisch anzusehenden Kinderkrippen-
und -gartenzeit nicht vergessen werden, da die Nachahmung hier besonders schnell
erfolgen kann.
Somit können Kinder mit relativ geringem Einsatz und Aufwand davon überzeugt
werden, die rechte Hand zu benutzen, egal, ob die Eltern diese Beeinflussung
bewusst oder unbewusst aus Fürsorge, Liebe und Verantwortlichkeit durchführen.
Insgesamt gesehen ist es Betroffenen, aufgrund dieser oft zeitlich früh
stattgefundenen Möglichkeit der Umschulung, nicht oder kaum möglich,
sich an ursprüngliche Beweggründe zu erinnern. Da sie nun keine Linkshänder
mehr sind, erhalten sie die Bezeichnung "Pseudorechtshänder"
und das meist ein Leben lang. Sofern keine körperlichen oder geistigen
Probleme auftreten, die wir in unserer Arbeit noch an späterer Stelle erläutern
werden, müssen sie eine Rückschulung nicht in Betracht ziehen.
Frau E. erklärte uns in einem Interview, dass "[d]ie Umschulung...
bei [ihr auch] relativ leicht vonstatten gegangen sein [muss]" , da sie
nur wenige Erinnerungen an die damalige Zeit besitzt. Ein weiterer Aspekt ihrer
problemlosen Umschulung lag wahrscheinlich - laut ihrer Aussage - darin, dass
sie nie gerne aufgefallen ist und sich lieber ihren Mitmenschen, ihrem Umfeld
(welches rechts schrieb) anpasste.
1 Sattler, Dr. Johanna Barbara: "Der umgeschulte Linkshänder
oder Der Knoten im Gehirn". Auer-Verlag, Donauwörth 1995, S.53
2 a. a. O. S.52
3 a. a. O. S.52
4 a. a. O. S.52
5 McCullough, Colleen, "Dornenvögel". Goldmann Verlag, München
1992, S. 42f.
6 Meyer, Rolf W. "Linkshändig? Ein Ratgeber". Humboldt-Taschenbuchverlag
Jacob KG, München 1991, S.73
7 "Lehrplan für die Grundschulen in Bayern". im Amtsblatt der
Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft,
Forschung und Kunst, Teil I, Sondernummer 1, ausgegeben in München am 25.
September 2000, D 1/2.2, S. 78
8 a. a. O., S. 27