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Gewitter

Wir baden , liegen in der Sonne und winken den Ausflüglern der weißen Flotte zu, die weiter draußen an uns vorüber ziehen. Doch irgend etwas hat sich verändert. Ehe man es weiß, spürt man es schon. Weit , noch sehr weit entfernt am Horizont droht ein Gewitter, ein leichtes Grollen tönt zu uns herüber. Bevor wir uns aufregen können, winkt Centia schon ab. Keine Gefahr für uns, es wird uns nicht tangieren.





Nur Eva bleibt beunruhigt und schaut sich ein wenig ängstlich um. Im Moment besteht jedoch keinerlei Grund unruhig zu sein. Erst kürzlich habe ich mich mit einem Fachmann über Gewitter unterhalten können. Jedes Gewitter, dass man draußen erlebt, birgt Gefahren, darüber muss man sich klar sein. Für uns Paddler hier auf dem Rhein ganz besonders. Natürlich gibt es Theorien über das Blitzverhalten, doch sicher kann niemand sein. Vernünftiger scheint es dagegen, sich nach den Wahrscheinlichkeiten zu richten. Man könnte glauben , dass man hier auf dem Mittelrhein durch die hohen Ufer geschützt sei. Doch es gibt keinen wissenschaftlichen Grund , warum der Blitz nicht auch im Rhein einschlagen sollte. Sicher sind wir zeitweise von viel größeren und höheren Schiffen umgeben, doch das bedeutet letztendlich für uns nichts. Sicherer dagegen sind wir am Ufer. Wer zum Beispiel auf einem Waldluft unterwegs ist, ist unter einem Baum geschützter als auf dem Fluss. Die Chance, dass gerade dieser Baum im Wald getroffen wird, ist äußerst gering.

Während wir uns unterhalten, werfen wir immer wieder einen Blick zurück und sind heilfroh, als sich das Gewitter völlig verzieht.

Befreit und entspannt lassen wir die Paddel sinken, unsere Boote schieben sich aneinander und wir dümpeln als Päckchen dahin.

Loreley


Abbildung 1Loreley



Ob es die Loreley wirklich gab, ich glaube es nicht. Es war eine Erfindung der Dichter und Träumer. Clemens von Brentano hat 1801 über sie in einer Ballade geschrieben. Die Lore Lay, eine hinreißend schöne Frau, die dazu verflucht war, Männern den Kopf zu verdrehen und ihnen nur Unheil zu bringen. In ihrer Betroffenheit darüber und weil sie dem Fluch seine Wirkung nehmen wollte, auch weil man sie ins Kloster zu stecken drohte, stürzte sie sich vom höchsten Punkt des Felsens in den Rhein.

Mit dieser Erklärung ist Haiky überhaupt nicht einverstanden, warum soll eine Frau gleich verflucht sein, wenn sie den Männern die Köpfe verdreht. Da hätten sich eher die Männer vom Felsen stürzen sollen, wenn sie mit dem Anblick einer schönen Frau nicht fertig werden.

Besser ergeht es der Loreley bei Heinrich Heine , der hat sie 1824 durch sein Gedicht, das von Friedrich Silcher vertont wurde, weltberühmt gemacht. Die letzte Strophe fällt mir ein:

Ich glaube, die Wellen verschlingen

Am Ende Schiffer und Kahn;

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lore-Ley getan.

 

Doch damit ist das Thema noch lange nicht erledigt. Centia erzählt von der Loreley -Wahl, die hier alle zwei Jahre stattfindet. Da wird das hübscheste Mädchen der Region zur Loreley gewählt. Anstatt ins Unglück muss und darf sie sich ins Vergnügen stürzen, außerdem gehört es zu ihren Pflichten, die Mittelrheinlandschaft und ihre köstlichen Weine in der Öffentlichkeit zu repräsentieren.

Wir haben den Loreley Felsen noch nicht erreicht, so können wir weiter im Boot die Geschichte der Loreley erforschen vom frühen Mittelalter bis zur heutigen Zeit. Es gab das Wort luren, was soviel bedeutete wie " Lauer, Hinterhalt oder lauern", lureln heißt so etwas wie summen, meint vielleicht das Rauschen des Flusses durch die Stromschnellen bzw. einen kleinen Wasserfall, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegenüber dem Loreleyfelsen noch nachgewiesen werden konnte. Im 13. Jahrhundert gab es den Lorleberg, der im 17. Jahrhundert dann Lourley hieß, um heute dann Loreley zu heißen. Lei übrigens bedeutet Felsen.

Trotz Klischee, Kitsch, Kunst und Geschichte befinden wir uns wie jedesmal in besonderer Anspannung. Für die Schifffahrt und auch für uns Paddler ist der Loreleyfelsen eine Herausforderung. Auf knapp 160 m verengt sich hier der Fluss und je nach Wasserstand und Schiffsverkehr kann es richtig aufregend werden. Heute haben wir Glück. Kurz vor der Loreley werden wir von einem flussabwärts fahrenden Frachter überholt, dann sind wir allein. Wir halten uns weiterhin nahe am rechten Ufer, weder Wind, noch Wellen, noch kräftige Kehrwasser und Strömungen behindern uns.

Konzentriert sitzen wir in unseren winzigen Booten. Sobald der Fluss wieder breiter wird, das Tal sich weitet und der Loreley Felsen deutlich hinter uns liegt, fällt die Anspannung von uns ab. Der 132 m hoch aufragende Schieferfelsen ist für Bus und Bahntouristen nicht sonderlich attraktiv, ja noch nicht einmal auffallend. Ein langweiliger Berg auf dessen Spitze 2 Fahnen flattern. Das ist alles.

In früheren Zeiten überwinterten die Lastkähne unterhalb des Loreleyfelsens in einem großen Hafenbecken, das talabwärts offen und durch einen Damm vom Strom getrennt ist. Hier am Molenkopf von St. Goarshausen steht die Bronzeskulptur von Natascha Alexandowna Prinzessin Jusopov. Die lebensgroße Figur sitzt gekauert nackt auf einem Stein, den Blick gesenkt, das lange blonde Haar reicht ihr bis auf die Oberschenkel.

"Und sie hat doch gelebt," dabei deutet Eva über den Fluss auf das kleine Städtchen St. Goar. Dort steht das Loreley Haus mit einer Gedenktafel. In diesem Haus verbrachte einst die Lurlei ihre Jugendjahre als Pflegekind der Fischerfamilie Sandrog.

"Ihr seht , sie lebte wirklich und sie lebt auch heute noch, ihr werdet es gleich sehen."

Sie geht voran zu einem Tunnel, der unter der Uferstraße hindurchführt. Wir folgen einem schmalen Pfad der sich langsam den Berg hinaufzieht, durchqueren eine aufgegebene Obstbaumplantage, Apfel- und Kirschbäume stehen noch vereinzelt, dazwischen bauchhohes, störrisches Gras und Brennesseln. Wir verharren einen Augenblick, blicken zurück hinunter auf den Fluss, dann steigen wir weiter hinauf. In langen Reihen ziehen sich Weinstöcke den steilen Berg hinauf. Wir pflücken süße Trauben, die uns Saft und Erfrischung geben, das Blätterwerk rechts und links spendet leider keinen Schatten, und als wir endlich die Höhe erreichen, sind wir schweißnass und völlig erschöpft. Von hier oben haben wir einen grandiosen Ausblick. Wir sehen das Rheintal rauf und runter, folgen mit den Augen dem Flußlauf, der einen gewaltigen Bogen beschreibt, sehen kleine Autos und Motorräder auf der Uferstraße, wie eine Spielzeugeisenbahn saust der Intercity am Fluss entlang, große und kleine Schiffe befahren den Rhein, eine Gruppe Ruderer wird von einem Motorboot begleitet. In der Ferne sehen wir ein Städtchen und glauben das Läuten einer Glocke zu hören.

"Und wo ist jetzt deine Loreley ? "

frage ich, noch ganz außer Atem.

"Schließt die Augen, zählt langsam bis zehn, dann werdet ihr sie sehen."

Ein kleiner Bergweg führt knapp am steil abfallenden Abhang entlang. Gelbe Blüten mit langen Stengeln, schmücken dicht bei dicht den Wegessaum. Inmitten der Blumen hockt Eva , so wie die Loreley auf ihrem Stein, den Kopf zur Seite geneigt, das Haar fällt ihr auf die nackten Schultern und sie singt eine wunderbare, einschmeichelnde Melodei (und damit ist diese Geschichte vorbei).




Wolfram Freutel 2001

erschienen in Kanusport Heft 7/2001 ; KSR-Nachrichten Heft März/April 2001

 

 

     

 

 

Zuletzt geändert: 25.02.2004, 18:26:54

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