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Rheinfahrt Seit knapp einer Stunde sind wir auf dem Fluss. Centia führt unsere kleine Gruppe, sie ist hier zu Hause, der Rhein ist ihr Leib-und-Magen-Bach. Haiky, Eva und ich kommen von weiter her und haben uns ihr angeschlossen. Wir haben uns ein größeres Stück des Mittelrheins vorgenommen und das Sommerwetter ist herrlich. Aufmerksam beobachten wir den Schiffsverkehr. Dank des guten Wasserstandes ziehen die Schiffe flussabwärts zügig an uns vorüber, die aus der anderen Richtung scheinen sich dagegen kaum zu bewegen. Als sich eine größere Lücke vor uns auftut, gibt Centia das Zeichen und zügig queren wir den Rhein. Unser Pausenplatz liegt frei und offen vor uns. Wir ziehen die Boote auf den Sandstrand, werfen unsere Schwimmwesten ab und strecken unsere Glieder der Sonne entgegen. Doch bald schon springen wir alle auf und laufen hinunter zur Lagune, um uns unter Geschrei und Gekicher ins warme Wasser zu stürzen. Nicht weit entfernt ist in dem Flußsaum ein Lücke, durch die der Rhein Wasser in die Lagune drückt, das dann nach kräftiger Verwirbelung weiter unten zurück in den Strom schießt. Centia hat sich auf den Rücken gelegt, ich werfe einen Blick auf ihren nackten gebräunten Körper, dann erfass sie der Sog, und sie wird in den Strom hinausgezogen. Sie läßt sich fast 200 Meter abwärts treiben, um dann in einer Bucht mit feinem , weichem Sand wieder an Land zu steigen. Wir alle machen es ihr einige Male nach, bis wir erschöpft sind und genug von diesem Vergnügen haben. Nur mit Schirmmütze, Sonnenbrille und Schwimmweste bekleidet steigen wir wieder in die Boote. Erst kürzlich haben wir an einem Wildwasserlehrgang teilgenommen. Ohne Weste würden wir uns wirklich nackt vorkommen. Wer Auto fährt legt den Gurt an, wer paddelt schließt die Weste. Kentern kann wirklich jeder und überall, sei es durch eigenes Unvermögen oder durch fremde Schuld. Kenterung Unsere Insel liegt längst hinter uns, wir bewegen uns am Rande der rechten Fahrrinne entlang, von roter Tonne zu roter Tonne. Als Kleinstgruppe paddeln wir gemächlich nebeneinander her. Centia wirft immer wieder einen Blick zurück um nach schnell herannahenden Frachtern Ausschau zu halten. Wir sprechen übers Kentern, Erinnerungen werden ausgetauscht. Richtig gefährlich war es noch für keinen von uns, aber manchmal sehr unangenehm. Besonders ärgerlich ist es, wenn man durch absichtliches Fremdverhalten baden geht. Eva war im vergangenen Jahr zum ersten Mal durch die Schlucht der Ardeche gefahren. Ob gut oder schlecht, am Abend vorher wird immer viel geredet und auf bestimmte Gefahren sehr ausführlich, meist garniert mit nicht selbst erlebten Schauergeschichten , hingewiesen. Als sie dann auf das Hackmesser zufuhr, war sie doch sehr überrascht. Diesen Menschenauflauf hatte sie nicht erwartet. Wer da auf dem Felsen hockte, mit oder ohne Kamera, wollte was erleben. Und bald schon hatte sie das Gefühl, alle, wirklich alle hätten dort nur auf sie gewartet. Doch das war nicht der Grund , warum sie Sekunden später kenterte. Genau dem Hackmesser gegenüber lag im Kehrwasser eine Pistensau. Sobald ein Wackelkandidat das Hackmesser anfuhr, ließ er sich wie unbeabsichtigt, ja geradezu hilflos, in die Strömung treiben, taumelte und torkelte, bewegte sein Paddel mehr in der Luft als im Wasser und rettete sich dann scheinbar mühselig zurück ins Kehrwasser. Eva sah plötzlich das Boot schräg vor sich, versuchte nach links auszuweichen, drohte aufs Hackmesser zu krachen und warf sich in die Fluten. Unser Fahrtenleiter drohte dem Kameradenschwein Prügel an, wenn er nicht sofort verschwände, und wenig später hatten wir schon seinen Namen, die Paddelwelt ist eben kleiner als manche denken. Während Eva erzählt, sind wir ein gutes Stück vorwärts gekommen. Immer noch halten wir uns rechts, fahren indirekt auf die nächste rote Tonne zu, bis es dann passiert. Versunken ins Gespräch, vielleicht abgelenkt von der grandiosen Landschaft um uns herum, dazu eine momentane Unentschlossenheit oder Nachlässigkeit, vielleicht unterschätzte sie die hier doch starke Strömung, auf jeden Fall, wie auch immer , Haiky knallt seitlich auf eine Markierungstonne, kentert und taucht wenige Meter weiter, mit dem Paddel in einer Hand, wieder auf. Im ersten Moment geht alles wild durcheinander, wie in einem Hühnerhof, in den der Fuchs eingebrochen ist, doch dann reißt Centia die Initiative an sich. Eva und ich fangen das kieloben abtreibende Boot ein und versuchen durch abwechselndes Anheben der Bootsspitzen das eingedrungene Wasser auszuschütten. Nach einigen Versuchen sind wir so weit, dass wir das Boot umdrehen können. Haiky hält sich am Heck von Centia's Boot fest und läßt sich langsam in ruhigere Gewässer ziehen. Vor Jahren hatte ich mal auf dem Staffelsee zusammen mit unserer Tochter das Wieder-Einsteigen ins Kajak geübt, und trotz 90 kg Lebendgewicht war es mir gut gelungen. Paddelbrücke von Boot zu Boot. Auch hier klappt alles bestens. Wenige Minuten später ist alles gut überstanden, und wir beschließen eine Pause einzulegen.
Wir haben das schöne Rheingau längst hinter uns gelassen. Bei Bingen hat der Fluss seine Fließrichtung wieder geändert, statt nach Westen zieht es ihn jetzt nach Norden. Das Binger Loch haben wir durchfahren, rechts und links an den Ufern tauchen idyllische Dörfer und Städtchen auf, sowie Burgen und Ruinen auf schroffen Felsen, umgeben von Weinbergen. Dicht bei dicht wie jetzt die Touristen die Ufer bevölkern, so saßen hier früher die Zöllner , die ihre Eisenketten über den Strom gezogen hatten und beim Schiffsvolk abkassierten. Auf eine dieser Zollburgen steuern wir zu, auf die Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub, vor 700 Jahren auf einem Felsenriff im Rhein erbaut. Heute kann man die Anlage besichtigen, sich ein wenig gruseln , wenn man in das tiefe, feuchte und kühle Verließ hinunterschaut, in dem die Händler schmachteten, die den Wegezoll nicht entrichten konnten. Einige hundert Meter vor der " Pfalz " landen wir an. Zwischen den weit in den Strom hineinragenden Kribben haben sich Ufer mit feinem Sand gebildet. Pappeln, Eschen und Erlen bewalden den schmalen Landstreifen. Einzelne Bäume sind umgekippt, altersschwach vom Sturm umgelegt oder die immer wiederkehrenden Hochwasser haben das Wurzelwerk soweit ausgewaschen, bis der Baum sich nicht mehr halten konnte und fiel. So ergibt sich ein eigenartiges , ungewohntes Bild. Nicht in die Breite , in die Tiefe drängen hier die Wurzeln, die jetzt fast einen Meter frei über dem Sandboden liegen. Für mich eine traumhafte Umgebung. Leichtfüßig balancieren die Freundinnen auf schmalen Stämmen, verstecken sich in den Nischen des Wurzelwerks oder erklettern Bäume. Einige Meter über dem Boden hat sich Eva mit dem Rücken an den Stamm einer Esche geschmiegt, ihr Körper verschmilzt mit dem Stamm, so dass sie für mich zu einem Teil des Baumes wird.
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