Querdenken

„Alles, was mehrfach nicht geklappt hat:

Nicht weitermachen! Etwas anderes versuchen!“



Diese Lösungsorientierte Grundregel impliziert, dass der Klient (oder ich selbst) es schafft, aus seinen Verhaltensmustern auszubrechen, um etwas zu machen wozu er vorher nicht in der Lage war. Da der Klient sich aber in der Regel in einem Kreislauf befindet, der gerade dazu führt, dass vermeintliche Lösungen immer wieder ins Leere laufen, ist diese Regel ein Schlüssel zum Erfolg.

Die Tetralemmaarbeit ist eine Möglichkeit des „Querdenkens“. „Querdenken“ soll hier als wichtige Ressource verstanden werden, die neue Lösungsmöglichkeiten eröffnet.

Das Tetralemma:

Das Tetralemma ist eine Struktur aus der traditionellen indischen Logik zur Kategorisierung von Haltungen und Standpunkten. Diese Struktur besteht aus vier Standpunkten sowie aus dem fünften, der Negation der vorangegangenen vier.



* das Eine
* das Andere
* Beides
* Keines von Beiden
* All dies nicht – und selbst das nicht



Da es sich bei einem Tetralemma um ein Prozessschema handelt, geht man davon aus, dass die vier Standpunkte nicht von vorneherein bekannt sind, sondern im Verlauf des Tetralemmas erst kennen gelernt werden bzw. sich ausbilden.

Der Einsatz von Tetralemmaarbeit in der lösungsorientierten Beratung ist ein Instrument zur Überwindung jeder Erstarrung im schematischen Denken. Mit Hilfe dieser Arbeitsform soll das Querdenken angeregt und seine Qualität im Hinblick auf die Lösung verdeutlicht werden.

Im Rahmen der Tetralemmaarbeit nimmt der Klient (ich selbst) zuerst die Position „das Eine“ ein. „Das Eine“ vertritt hier den Standpunkt für “Das Richtige“. Das Richtige steht für das Handeln, welches bis zum Punkt x für richtig und angemessen gehalten wurde. Allerdings nur dann, bis dem Klienten die ersten Zweifel kommen.

Nun kommt er in Kontakt mit dem Standpunkt „Das Andere“. Es entsteht ein Dilemma zwischen „Richtig“ und „Falsch“ ( „Das Eine“ und „Das Andere“).

Mit diesem Gegensatz ist die Ausgangsposition eines Tetralemmas geschaffen.

In der persönlichen Auseinandersetzung findet nun ein „Hin und Herpendeln“ zwischen den beiden Positionen statt.

Im Rahmen dieses Pendelns nähern sich beide Positionen zu der Position „Sowohl-als-auch“, bis sich schließlich beide Pole in der Position „Beides“ verbinden.

Aus der Sicht des dritten Standpunkts befindet sich der Klient (oder ich selbst) nicht mehr im Dilemma, so gelangt er zum vierten Standpunkt. Der vierte Standpunkt zeichnet sich dadurch aus, dass der Klient zwar das Dilemma verlassen hat, aber auch die Position „Beides“ nicht akzeptiert oder eine zeitlang in das Hin- und Herpendeln der drei Positionen zurückfällt. Dies führt zur prozesshaften Vorstufe des „Keines von Beiden“.

In dieser Position erkennt der Klient (oder ich selbst), wie es zur Ausbildung der Positionen 1-3 kam. Die Wichtigkeit der Werte, die zu den Standpunkten führten werden erkannt und geben neue Erkenntnisse oder Optionen für die persönliche Wertehierarchie. Im Verlaufe dieser Erkenntnisse ist ein erneutes Durchlaufen dieser Standpunkte/Positionen durchaus möglich und gegebenenfalls auch sinnvoll. Dieser Versuch, auf dieser Basis zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, führt häufig nur zu einer neuen Variante der bekannten Muster.

Der Klient hält zwar etwas Neues für richtig, bemerkt aber nicht, dass sein Neues eigentlich nur das „Gleiche in Grün“ ist (meist merken es die Bekannten und Freunde). Mit dieser „neuen“ Position werden die Standpunkte ebenfalls wieder durchlaufen. „Das Gleiche in Grün“ wird in die zweite Position modifiziert, in „Das Gegenteil in Grün“ usw..

Diese scheinbare Veränderung, mit der der Klient/ich sich eher selbst täuscht als andere wird larvierter Rückfall bzw. larvierte Symptomverschreibung genannt.

Es kann passieren, dass der Klient (oder ich selbst) im Verlauf der Auseinandersetzung die fünfte Position berührt „All dies nicht – und selbst das nicht“, so dass er auf eine neue Weise in den alten Kreislauf der vier Positionen gelangt, um zu prüfen, ob er sich schon von alten Gewohnheiten, Werten verabschieden möchte. Er macht das gleiche wie zuvor, jedoch mit einer anderen Haltung. Durch die so genannte Musterunterbrechung (Berührung der fünften Position) erhält der Klient eine erhöhte Bewusstheit von dem, was er tut.

Dieses erneute Durchlaufen der Standpunkte hat den Vorteil, das Veränderung nicht im Schnelldurchlauf vollzogen wird, sondern dass somit der richtige Zeitpunkt erreicht wird.

Als nächster Standpunkt kann die „Negation des Tetralemmas“ eingenommen werden. Es wird bezeichnet als „All dies nicht – und selbst das nicht“. Dies impliziert den Aufforderungscharakter alte Muster zu durchbrechen.

„All dies nicht (die ersten vier Standpunkte) – und selbst das nicht (auch die fünfte (Nicht-) Position ist kein endgültiger Standpunkt)“ fordert auf, nicht in Untätigkeit zu verharren, da deutlich wird, das der Klient (oder ich selbst) letztendlich nie zu einem endgültigen Standpunkt gelangen wird, da seine Standpunkte nicht vollständig sein können.

Aus dieser Position kann der Klient nun einen neuen Standpunkt beziehen.



Diese ist eine stark verkürzte Darstellung des Kapitels III:

Über den kreativen Umgang mit Gegensätzen: Die Tetralemmaaufstellung

aus dem Buch:

Matthias Varga von Kibed, Insa Sparrer;
Ganz Im Gegenteil
Carl-Auer-Systeme Verlag, dritte Auflage 2002


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