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Mit feuchten H�nden klammerte er sich an den Grasb�scheln kurz vor dem Abgrund fest. Noch sa� er am Rand der Schlucht, die vor ihm g�hnte. Aber bald w�rde er da unten liegen. Zerschmettert, v�llig unkenntlich. Ein Anflug von Galgenhumor lie� ihn grinsen, als er die Schlagzeilen der Zeitungen vor sich sah: �Deutscher Tourist in den �sterreichischen Alpen t�dlich verungl�ckt.� Solche Worte w�rden bei den Lesern h�chstens eine gehobene Augenbraue hervorrufen, vielleicht sogar zwei. Aber beim Wetterbericht, der knapp darunter zu finden war, existierte dieser namenlose Tourist schon nicht mehr. Niemand w�rde sich daf�r interessieren, da� der Mann 34 Jahre alt gewesen ist, Karl Lehner hie� und alles verloren hatte, was ihm lieb und teuer gewesen war. Um sich in die richtige Stimmung zu bringen und diese l�stigen Zweifel zu beseitigen, rief er sich die furchtbaren Bilder in sein Ged�chtnis zur�ck: Sein Chef, der ihm erkl�rt hatte, da� der Personalabbau auch seine Filiale betroffen habe und ihm dann mit trauriger Miene einen versiegelten Umschlag �berreichte, und seine Frau, die ihn zu Hause als Trottel und Versager beschimpft hatte, heulend ihre Sachen und die Kinder packte und zu ihrer Mutter gezogen war. Danach hatte er mindestens eine Stunde reglos auf der Treppe gesessen, bis er hemmungslos zu weinen begann. Anschlie�end hatte er in einem Wutausbruch die Inneneinrichtung des noch nicht abbezahlten Hauses stark dezimiert. Er hatte beschlossen Schlu� zu machen. Und nun befand er sich an dem Ort, wo sie jedes Jahr, seit ihrer Hochzeit Urlaub gemacht hatten. Genau hier, an diesem Aussichtspunkt, hatten sie auf weichem Moos gebettet ihren ersten Sohn gezeugt. Unwillk�rlich mu�te er mit den Schultern zucken, als er an die Philosophie des ewigen Kreises dachte. Hier verwirklichte er sie. Wo ein Leben begann, sollte ein Leben enden.
Noch einmal blickt er sich um. Niemand durfte ihn springen sehen. Niemand war da. Nun beugte er sich zitternd nach vorne. Und sofort richtete er sich wieder auf. �Ich kann es einfach nicht tun!�, br�llte er dem Tal entgegen. Er zuckte zusammen, als das Echo kam. Pl�tzlich h�rte er ein entferntes rhythmisches Rascheln im Gras. Als er sich umdrehte, erblickte er einen kleinen Jungen, der, auf einen Wanderstock gest�tzt, vom Ort her genau auf ihn zu kam. Leise murmelte er: �Verschwinde, Kleiner! Das hier, ist nicht f�r deine Augen bestimmt.� Aber der Junge tat ihm den Gefallen nicht. Als er in H�rweite war, drang die fr�hliche Stimme dieses Knirpses an Karl� Ohr.
�Nicht einmal in den Bergen hat man seine Ruhe�, scho� es ihm durch den Kopf.
�Passn�s nur auf! Da Rand is rutschig!�, rief der Junge mit schlecht verborgenem Dialekt zu ihm her�ber.
M�hsam beherrscht gab Karl zur�ck: �Danke f�r den Tip! Ich passe schon auf!�
Der Junge hatte inzwischen den Aussichtspunkt erreicht und machte es sich neben Karl bequem. Mit freundlichen: �Gr�� Gott, i bin da Sepp!�, stellte er sich vor.
�Angenehm. Ich bin Herr Lehner, kannst mich aber Mattias nennen.�, antwortete der Lebensm�de m�rrisch.
Sepp musterte ihn pr�fend: � Woher kommst� denn? Bist� a Deutscher, gell?�
Langsam verlor Karl die Geduld. �Erraten. Ich mache hier jedes Jahr Urlaub, weil man auch allein sein kann.�
Er schielte zur Seite, ob der Knirps die Anspielung auch verstanden hatte, und stellte entt�uscht fest, da� dem nicht so war.
�Jo, deswegen kommen die Leit immer wieder gern hier her.�, antwortete Sepp stolz.
Als Karl nicht reagierte, bohrte Sepp weiter: �Du schaust traurig aus. Was is� denn los?�
Zuerst wollte er den Jungen anbr�llen: �Das geht dich einen Dreck an!�, lie� es aber sein und sagte wahrheitsgem��: �Ich habe meinen Job verloren. Meine Frau ist mit den Kindern durchgebrannt und ich sitze hoch verschuldet auf einem nicht abbezahlten Haus. Das ist los. Aber du verstehst das noch nicht. Keine Ahnung, warum ich dir das erz�hle.�
�Doch, i versteh� des. Weil mei� Papa sich a Frau aus da Stadt g�schnappt hat, mu� die Mama den Gasthof Sonnberg allein f�hr�n. Jetzt sucht sie jemanden, der ihr hilft.�, antwortete der Kleine aus einer Mischung von Mitleid und �rger.
Karl war mit einem Schlag wieder aufmerksam. Dieser kleine, nervt�tende Junge hatte da gerade eine traumhafte Aussicht offenbart: Ein sicherer Arbeitsplatz in der florierenden Tourismusbranche und eine Wohnung am sch�nsten Ort der Welt! Im �Sonnberg� hatte er schon einmal vor zehn Jahren �bernachtet. Damals hatte er die attraktive Wirtin so lange angestarrt, bis er die w�tenden Blicke seiner Frau bemerkte. Nun war seine Frau nicht mehr im Weg. Karl versp�rte pl�tzlich das Bed�rfnis aufzuspringen und mit Sepp zum Gasthof zu gehen. Doch er blieb sitzen. Irgend etwas war hier faul. Er kannte die Ironie des Schicksals nur zu gut. Wenn sich vor ihm eine T�r �ffnete, spannte sich garantiert ein Stolperseil auf der Schwelle � symbolisch gesehen. Mi�trauisch sah er Sepp ins Gesicht. War es nur ein ungeschickter Versuch, ihn am Springen zu hindern? Er sah furchtlos in die Tiefe. Unten flo� ein klarer Wildbach entlang. Das Rauschen schwebte wie ein unwirkliches Fl�stern zu ihm herauf.
Als vom Kirchturm des Dorfes sechs Glockenschl�ge drangen, blickte der Junge auf und sagte: � Jetz� mu� i aber z�ruck! Die Mama wartet schon.�
Karl antwortete in Gedanken versunken: �Ich gehe auch bald. Vielleicht komme ich mal zu euch. Mir gef�llt der Gedanke, hier zu leben und ... deiner Mutter zu helfen.�
Die Miene des Jungen hellte sich auf: �Jo, echt? Des w�r super! Ich w�rd mich freuen! Servus!� Dann rannte er den grasbedeckten Abhang hinunter, sprang dabei �ber Elektroz�une und rannte zwischen den K�hen hindurch. Als er fast unten war, drehte er sich noch einmal um und winkte. Karl wendete seinen Blick wieder ab. War das der Anfang einer neuen Existenz? Zu sch�n um wahr zu sein. Aber er hatte den Haken noch nicht gefunden. Nein, er wollte nicht sterben. Nicht mehr. Er st�tzte seinen Fu� auf einen Vorsprung und stemmte sich nach oben. Dann sah er noch einmal zum Wildbach hinunter. L�chelnd fl�sterte er ins Tal: �Oh nein, Fortuna. So leicht bringst du mich nicht um die Ecke.�
Da glitt er auf dem rutschigen Felsen ab und st�rzte in die Tiefe. |
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