Todesangst am Eishang

Bis zu den Waden reichte der Schnee. Sein ger�tetes Gesicht war von einem Schal, einer Sonnenbrille und einer tief heruntergezogenen M�tze verdeckt. Selbstsicher beobachtete er die Welt aus seinem Kleidungspanzer. Neben ihm stand seine Mutter. Sie redete mit Tom, dem bekannten, der die Idee gehabt hatte, hierher an den Semmering zu fahren. Unbeachtet rollte Mario Schneeb�lle und warf ab und zu einen Blick auf die Stra�e. Von dort aus mu�te der Skibus kommen. Und er kam auch. Der Fahrer sprach kein Deutsch, verstand aber genau, wohin die Reise gehen sollte: ein gem�tliches Restaurant auf einem Berg der Umgebung. Nichts Besonderes also. Mario langweilte sich. Hypnotisiert starrte er aus dem gro�en Busfenster und beobachtete die vorbeiziehenden B�ume, die unter ihrer Schneelast st�hnten. Er z�hlte die Kilometermarkierungen, bis er sich verz�hlte und aufgeben mu�te. Er sah sich im Bus um. Seine Mutter l�chelte freundlich. Ihr Gesicht war von Locken umrahmt. Zu viele Locken f�r Marios Geschmack. Tom hatte ebenfalls Locken. Mario meinte, M�nner sollten keine Locken haben. Aber Tom war eine Ausnahme. Er l�chelte ebenfalls freundlich. Beruhigt sah er wieder aus dem Fenster. Ein Haus tauchte am Wegrand auf, der Bus hielt an. Schnell wickelte Mario sich wieder ein, und setzte die Sonnenbrille auf. Dann verlie� er den Bus. Hier oben pfiff der eisige Wind noch unangenehmer. Mario sp�rte seine Fingerspitzen nicht mehr und steckte sie in die Taschen des Anoraks.  Das half auch nicht viel. Nun beeilte er sich, den Erwachsenen zu folgen. Tom hatte lange, eiserne Spikes an die Stiefel geschnallt. Wenigstens  er konnte nicht ausrutschen. Mario blickte auf seine Schuhe, die ungef�hr so rutschfest wie Gummistiefel auf einer Kunsteisbahn waren. Trotzdem bewegte er sich mit geschmeidigen Schritten vorw�rts und verlagerte geschickt sein Gewicht. Dabei dacht er an die Indianer, die irgendwo am anderen Ende der Welt durch die B�sche schlichen. Wenn man sich so bewegte, konnte nichts passieren. Ao, der Mammutj�ger war auch so durchs Eis gelaufen.
Nach ein paar Metern, die ihm wie ein Tagesmarsch erschienen, drehte er sich um. Sie waren nicht ins warme Haus gegangen, sondern marschierten auf einen vereisten Weg zu, der den Berg hinauf f�hrte. Mario f�hlte sich �bergangen. �Mami, wir wollten doch da reingehen, Apfelstrudel essen!� Seine Miene hatte sich zu einer w�tenden Maske verzogen, versteckt hinter Schal und Sonnenbrille, wo sie niemand sehen konnte.
�Du kriegst schon noch deinen Apfelstrudel. Aber zuerst gehen wir ein wenig spazieren.� Die Antwort war endg�ltig. Mario folgte seiner Mutter, seine Mutter folgte Tom. Und Tom folgte seiner Nase, die in Richtung Berg zeigte.
Es wurde immer rutschiger. Der Wind trieb ihnen winzige, stechende Eiskristalle ins Gesicht. Der Weg f�hrte ins Nichts.  Es war ein Abhang, den sie nun entlang schlichen. Ein Abhang, dessen Schneedecke sich in eine Eisdecke verwandelt hatte. Ihre Schritte wurden immer unsicherer, Toms Stimmung besserte sich. Er liebte die Gefahr, den Abgrund unter seinen F��en. Doch Marios Mutter machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
�Bis hier her, und nicht weiter!� Ihre Stimme durchschnitt die kalte Luft wie eine scharfe Klinge. Verwundert blickte Tom zur�ck: �Warum?�
Er schien wirklich nicht zu sehen, wohin er die beiden gef�hrt hatte. Wenige Meter links neben ihnen h�rte der Abhang einfach auf und lud zu einer Rutschpartie in den Tod ein. Nach oben konnten sie nicht gehen, weil ihre Schuhe bei jedem Schritt den Halt verweigerten. Sie steckten fest.
Wortlos, aber mit einem Blick, der B�nde sprach, drehte Tom um und stapfte mit seinen Spikes zur�ck zum Weg. Er bemerkte nicht, da� seine Begleiter Probleme hatten.
Adrenalin jagte durch Marios Blut. Endlich konnte er etwas erleben, vor dem er bisher nur gelesen hatte: Lebensgefahr! Er war weit davon entfernt, Angst zu haben. F�r ihn war es das faszinierendste Spiel, das er je erlebt hatte. Ohne eine Mine zu verziehen, schlug er die Spitzen ins Eis und versuchte, sich in Toms Richtung vorzuarbeiten.
Er ignorierte die verzweifelten und im Grunde sinnlosen Ratschl�ge seiner Mutter, die mehr Angst um Mario, als um sich selbst hatte. Dabei kam sie auch nicht besser voran, als ihr Sohn.
Immer wieder sah Mario nach unten. Kurz, bevor der Hang aufh�rte, standen vereinzelt kleine Nadelb�ume. Er schmiedete in Gedanken Notfallpl�ne, wie er sich dort festhalten k�nnte, wenn er abrutschte.
Stoisch schlug er mit seinen Stiefeln neue L�cher ins Eis, pr�fte ob sie stabil waren und stemmte sich einen weiteren Schritt dem sicheren Boden entgegen.
Doch pl�tzlich fand sein rechter Fu� keinen festen Boden mehr. Wie in Zeitlupe verlor Mario die Kontrolle. Der Hang war steil und rutschig. Die entsetzten Rufe seiner Mutter folgten ihm. Als er einige Meter weit gerutscht war, konnte er etwas bremsen. Wieder schlug er die Stiefelspitzen ins Eis, krallte sich mit den Weichen Handschuhen fest, wo er nur konnte. M�hsam arbeitete er sich wieder nach oben. Schlie�lich ergriff er dankbar die Spitze des Wanderstocks, die unerwartet aufgetaucht war. Tom f�hlte sich scheinbar doch verantwortlich.
Endlos erschien der Hang, eine halbe Stunde ben�tigten die Verirrten, um au�er Gefahr zu kommen. Nun redete Marios Mutter mit Tom. Allerdings nicht mehr so freundlich, wie zuvor. Sie �bersch�ttete ihn mit Vorw�rfen.
Als Mario die K�lte wieder sp�rte, unterbrach er die Schimpfkanonade und verlangte hartn�ckig einen warmen, nein, sogar einen hei�en Apfelstrudel. Den bekam er dann auch.
Im gem�tlichen Gasthaus, das sie von Anfang an hatten besuchen wollen. Doch aus unerkl�rlichen Gr�nden hatten die Erwachsenen pl�tzlich keinen Appetit mehr.
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