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DAB-Debatte unausweichlich

MABB versucht sich am Gordischen Knoten

Die DAB-Debatte ist unausweichlich

Endlich hat jemand von den maßgeblichen Playern den Mut, die festgefahrene Situation beim

Quelle: MABB

Digitalradio DAB konkret in Angriff zu nehmen. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) unter ihrem Direktor Hans Hege hat mit einer bis dato noch nie gekannten Offenheit die Finger in die Wunden gelegt: der Empfang in geschlossenen Gebäuden ist schlechter als bei UKW, die Programmzahl ist allenfalls mittelfristig zu erhöhen, technische und politische Parameter sind zu unflexibel. Fazit: es macht keinen Sinn an DAB festzuhalten.

Jeder Rundfunkpolitiker, jeder Radiomacher weiß es seit Jahren: DAB ist am Markt gescheitert. Zahlreiche Diskussionsrunden, Runde Tische bei Ministerpräsidenten und Marketingkampagnen sind gelaufen, ohne substantielle Verbesserungen in der Marktakzeptanz zu erreichen. Nie hat ein verantwortlicher Politiker wirklich die letzte Konsequenz gezogen.

Vor drei Jahren drohte beispielsweise Wolfgang Hahn-Cremer auf dem Kölner Medienforum damit, die Ende 2003 auslaufenden DAB-Lizenzen in NRW nicht zu verlängern,

wenn der Markt nicht in Bewegung käme. Als die Lizenzen ausliefen, war in Düsseldorf davon nicht mehr die Rede. Genauso wenig im Übrigen, wie von der für 2003 vorgesehenen politische Überprüfung der DAB-Situation, niedergelegt im „Startszenario 2000“ der „Initiative Digitaler Rundfunk“.

Solches Nichthandeln geschah nicht zuletzt aus Rücksicht auf die europäischen Partner, denn jenseits des Ärmelkanals entwickelte sich DAB recht positiv und da wäre eine Ausstiegsdebatte in Deutschland ein fatales Signal gewesen.

In Großbritannien soll der DAB-Geräteabsatz im diesjährigen Weihnachtsgeschäft erstmalig die kumulierte Marke von 1 Mio. Empfängern überschreiten. In einigen wenigen anderen Ländern, wie etwa Dänemark entwickelt sich das Geschäft auch besser als in Deutschland. Anderswo dagegen, wie etwa in Frankreich nimmt DAB erst jetzt so langsam die Fahrt auf, liegt aber immer noch weit unter dem schon niedrigen deutschen Niveau.

Der Stein, den die MABB jetzt ins Wasser geworfen hat, wird weit über den Berliner Raum Wellen schlagen. Wenn Deutschland aus DAB aussteigt, dann gehen die Schweiz und Österreich nicht mit und wahrscheinlich auch Frankreich. Großbritannien wäre dann für ein paar Jahre eine Insel der DAB-Seligen. Das europäische Technologieprojekt wäre aber als solches gescheitert – übrigens: nicht wegen der mangelnden Unterstützung durch die Rundfunkanstalten, sondern wegen fataler Marketingfehler der kontinentalen Geräteindustrie und des Handels.

Kardinalfehler No. 1 in Deutschland war die überaus einseitige Ausrichtung des DAB-Systems auf dem Autoradioempfang. So waren in Deutschland lange Zeit praktisch nur Autoradios im Handel zu bekommen.

Die MABB hat diesen wohl gröbsten Marketingfehler prägnant auf den Punkt gebracht:  „Gerade die für die werbefinanzierten Programme wichtigen jüngeren Zielgruppen sind nicht die ersten, die sich Autos mit DAB-Geräten kaufen würden.“

Die Entwicklung und Produktion von DAB-Endgeräten blieb für lange Jahre in Deutschland in der Hand von Autoradioproduzenten wie Blaupunkt und Grundig, letzterer mittlerweile insolvent und in mehrere Unternehmensteile mit unterschiedlichen Neueigentümern aufgesplittert und damit am Markt irrelevant geworden.

Lediglich die Nettetaler Firma Terratec, als führender Produzent von Soundkarten auf dem Computersektor eine bekannte Marke, versuchte sich an Heimempfängern und Computerkomponenten. Doch auch sie ist jüngst aus der DAB-Entwicklung wieder ausgestiegen.

Anders in England: viele kleine Unternehmen bündelten ihr Entwicklungspotential bei DAB. So manche Firma versuchte die preiswerte Optimierung von Technik und Kundenorientierung. Inzwischen ist eine Vielzahl an Empfangsgeräten  - vom Küchenradio bis zur

Eines der wenigen Autoradios aus “englischer” Produktion

hochklassigen HiFi-Komponente - auf dem britischen Markt erhältlich. Interessanterweise gibt es kaum Autoradios von britischen Unternehmen.

Den Begriff „britischer Hersteller“ kann man in diesem Zusammenhang allerdings kaum verwenden: entworfen werden die Geräte meist in den Entwicklungsabteilungen in England. Die Werkbänke allerdings stehen weitgehend in Korea und in China. Eine gallige Ironie der Geschichte, war doch DAB als EUREKA-Projekt 147 in den 80er Jahren dazu gedacht, der europäischen Unterhaltungsgeräteindustrie wieder ein Marktstandbein gegenüber der Konkurrenz aus Fernost zu verschaffen.

Aber immerhin: kleine englische Unternehmen haben die Chance genutzt, aus der Technologie ein Geschäftsfeld zu entwickeln, das auf der Insel langsam ein Erfolg zu werden verspricht. Hinzu kam ein Engagement des Handels und sogar von Rundfunkveranstaltern, die Geräte als Eigenmarke in Ostasien produzieren ließen und mit entsprechendem

Design-DAB-Gerät des Hörfunkveranstalters “Ministry of Sound”

Promotionsaufwand auf den Markt warfen.

Soweit zur Erfolgsgeschichte von DAB in England - womit nicht gesagt werden soll, dass dort alles Gold ist, was glänzt. Zunehmend macht sich Kritik an der Überbelegung der DAB-Multiplexe breit. Auf den britischen Inseln werden z.t. bis zu 12 Programme in einen DAB-Block gequetscht (Deutschland: 6-7) was sich wegen der damit verbundenen reduzierten Datenraten gehörig in der Tonqualität niederschlägt.

Zurück auf den Kontinent. Die verbliebenen großen Hersteller mit europaweiter Vertriebsstruktur Thomson und Philips haben DAB immer ignoriert, die großen Japaner pflichtschuldigst ein bis zwei Geräte vorrätig gehalten. Aber ohne grünes Licht aus Tokio oder Osaka konnte das europäische Management nicht an eine massive Marktausweitung denken.

Ein weiteres grandioses Defizit von DAB ist dem schlechten Inhouse-Empfang zu suchen. Im Prinzip kann die DAB-Lobby in Deutschland bisher noch ganz froh darüber sein, dass hierzulande erst wenige Heimgeräte auf dem Markt sind. Spricht sich unter Verbrauchern erst einmal herum, dass DAB-Signale in der Wohnung kaum mehr ohne zusätzlichen Aufwand empfangen werden können, wäre die Glaubwürdigkeit der Industrie vollkommen perdu, möglicherweise mit weiterreichenden Folgen für die gesamte Digitaltechnik.

Selbst nach der anstehenden Wellenplankonferenz von 2005/06, wenn die Leistung der DAB-Sender in Deutschland erhöht werden darf, wird sich an schlechten Empfangsverhältnissen nicht unbedingt etwas ändern. Simulationen der Stuttgarter Landesanstalt für Kommunikation zeigen trotz verzehnfachter Sendeleitung auch weiterhin eklatante Inhouse-Versorgungsschwächen in topografisch ungünstigen Räumen wie dem von Stuttgart auf.

Anders als in Großbritannien – da hat die MABB ebenfalls recht – besteht auch in der medienpolitischen Kleinstaaterei Deutschlands ein grundlegendes Hindernis für den Erfolg von DAB. Dort wo in England neue Programme, etwa für Hörspiele, Sport oder ethnische Minderheiten landesweit von der BBC auf den DAB-Äther gegeben wurden, ist dies in Deutschland nicht möglich. Sowohl die eifersüchtige Privatkonkurrenz als auch so mancher Rundfunkpolitiker würden es den öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland nicht erlauben, bundesweite Spartenkanäle anzubieten. Gerade das aber – das zeigt England – bietet spezifischen Hörergruppen einen interessanten Mehrwert für die neuartige Technik und dient als Kaufanreiz.

Als weitere aktuelle Marktbremse konstatiert die MABB den 8. Rundfunkänderungsstaatsvertrag, nach dem die Anreize, „attraktive Programme für die bisherige Technologie DAB zu entwickeln.“ wegfallen. Das ist auch richtig so.

Nachdem nun über Jahre hinaus die Gebührenzahler praktisch in Vorleistungen getreten sind für den Aufbau der Senderinfrastruktur einer Technik, von der sie noch nichts haben, ist  angesichts der Spardiskussion um die Rundfunkgebühren eine Fortsetzung dieser Politik nicht mehr vermittelbar.

Im Gegensatz etwa zu Bayern, wo die BLM gerade wieder an einer großen DAB-Image-Kampagne werkelt, hat sich die MABB hier die massive Kritik ihrer zuständigen Rechnungshöfe zu Herzen genommen.

Und schließlich konstatiert die MABB, dass das DAB-System zu unflexibel ist für eine sich permanent wandelnde Hörfunklandschaft. Längst gibt es sehr viel bessere Audiocodierungsverfahren, die Sprache und Musik bandbreitensparend und frequenzökonomisch in die Sendekanäle presst. Doch die sind mit dem festgeschriebenen DAB-Standard nicht vereinbar.

Nun stellt sich die Frage nach den Alternativen. Da bleibt zunächst einmal festzuhalten, dass der Verbraucher gar kein Interesse an Alternativen hat. Er ist mit der derzeitigen Qualität von UKW und vielerorts mit dem Programmangebot auf diesem Wellenbereich recht zufrieden. Dies ist der stärkste Grund für das bisherige Marktversagen von DAB.

Für den Verbraucher gibt es keinen erkennbaren Mehrwert beim Umstieg auf DAB. Datenfunk gibt es auch über Mobiltelefone oder aus dem Internet. Der Unterschied in der Klangqualität zwischen DAB und UKW lässt sich in einem fahrenden Auto subjektiv schwerlich belegen.

Stattdessen überwiegen die Nachteile: schlechter Inhouse-Empfang, bislang keine interessanten neuen Radioangebote (im Ernst: die breite Öffentli

chkeit wird wegen „Mallorca – Das Inselradio“ oder russischsprachigem Programm wie im Berliner L-Band wohl kaum mehr Interesse an DAB verspüren). Und schließlich droht mittelfristig eine ungeheure Investition in die Ersatzbeschaffung der durchschnittlich drei bis vier heimischen Hörfunkempfänger.

So gesehen kann eine Umstellung des Radioempfangs auf digitale Technik nur funktionieren, wenn sie für die Verbraucher weitgehend kostenneutral erfolgt oder aber wie bei den Handies subventioniert wird. Sprich: die Ersatzbeschaffung von Hörfunkempfängern darf allenfalls geringfügig teurer sein, wenn Digitaltechnik im Spiel ist. Von dieser Situation ist man aber noch Lichtjahre entfernt.

Hier liegen die Ansätze der MABB, wenn sie als Alternativen DVB-H oder DMB mit ins Gespräch bringt. DVB-H basiert auf der terrestrischen Netzstruktur des digitalen Fernsehens (DVB-T), DMB ist eine flexible Weiterentwicklung des DAB-Standards, auch geeignet für Bewegtbildübertragung.

Dies sind Technologien, an denen auch die Mobilfunkbranche Interesse zeigt. Mit deren Hilfe wäre einerseits der Ausbau der Sendernetze (gerade auch in der Fläche und nicht nur in den Ballungsräumen) abgesichert und andererseits die Refinanzierung durch den Verkauf von multimedialen Inhalten.

Doch genau hier liegt die Crux des MABB-Vorstoßes. Einerseits sind die vorgeschlagenen Technologien erst noch in der Probe. Gerade läuft ein DVB-H Pilotprojekt in Berlin. Andererseits begibt man sich hier in eine gefährliche Grauzone des Telekommunikationsrechtes: das Vordringen der Telcos in die für Rundfunk reservierten Frequenzbereiche ist überaus heikel. Es droht eine schleichende Übernahme der Frequenzbänder durch die breitbandhungrigen und zahlungsbereiten Telekommunikationsanbieter mit der Konsequenz, dass langfristig immer weniger Frequenzspektrum für Hörfunk und terrestrisches digitales Fernsehen zur Verfügung stünde.

Unausgegoren am MABB-Vorschlag ist auch, dass längst nicht ökonomisch abgesichert ist, dass bundesweit auch eine komplette Netzabdeckung in den notwendigen Frequenzbereichen sichergestellt ist. Radio via DVB-H ist Radio via DVB-T und das Angebot muss dann auch auf der mecklenburgischen Seenplatte, im Emsland oder im Bayrischen Wald zur Verfügung stehen, und zwar vordringlich, bevor nicht genutzte Restkapazitäten im Frequenzband zur Vermarktung durch Telcos freigegeben werden.

Eine andere Variante kommt mit Drm ins Spiel. Die Mitglieder des

internationalen Konsortiums Digital Radio Mondiale sollen im März kommenden Jahres beschließen, diese Technik auch in den Rundfunkbändern zwischen 30 und 120 MHz anzuwenden, also im UKW-Band und in den stillzulegenden analogen Fernsehkanälen 2-4 . (zu den Vorteilen der Drm-Technik siehe gesonderte Meldung).

Insgesamt kommt die Diskussion, die die MABB losgetreten hat, zu einem richtigen Zeitpunkt. Sie ist ergebnisoffen intendiert und sie versucht, einerseits dem derzeitigen DAB-Dilemma zu entfliehen und zukunftsgerichtet neue Ansätze zu diskutieren. Unterstützung erfährt die MABB vom Vorsitzenden der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) Wolfgang Thaenert. Er verkündete, dass sich die DLM zusammen mit der gemeinsamen Technischen Kommission der Landesmedienanstalten schon auf der nächsten Sitzung im Dezember mit den Vorschlägen der MABB und anderen Optionen befassen werde.

Wenig hilfreich dagegen erscheinen die in Ihrer Tendenz zu erwartenden Stellungnahmen aus dem Süden der Republik. Statt produktiv in eine Diskussion einzusteigen lud der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien Wolf Dieter Ring kurz nach Bekanntwerden der MABB-Vorschläge seinen Medienrat zu einer Sondersitzung, wo nicht etwa beispielsweise ein Verbrauchervertreter um Rat gebeten wurde, sondern – quasi zur Selbstbestätigung der eigenen Wahrheit – einmal mehr Ex-Blaupunkt-Mann Gert Siegle und andere Industrievertreter ihre Sicht der Dinge referieren durften.

Ob das krampfhafte Festhalten an althergebrachten Positionen auf lange Sicht wirklich zielführend in Sachen Digitalisierung des Hörfunks ist, darf angesichts der verfahrenen Situation bezweifelt werden.

Jürgen Bischoff

 

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