Das Verstehen von (Laut-)Sprache

Das Verstehen von gesprochener Sprache stellt die grösste Leistung des Hörorgans dar. Die deutsche Lautsprache hat zwar 26 Buchstaben ("Grapheme"), jedoch etwa vierzig Sprachlaute (z.B. /sch/ besteht aus drei Graphemen, ist aber ein Sprachlaut). Gerade bei der auditiven Wahrnehmung von Lautsprache gilt es, verschiedene Sprachlaute während des Sprechflusses voneinander abzugrenzen und zu identifizieren.

Es hängt z.T. vom Verlauf der Hörkurve ab, welche Sprachlaute wahrgenommen und identifiziert werden können. Vokale befinden sich im Frequenzbereich zwischen ca. 250 und 2.400 dB, Konsonanten hingegen decken den Frequenzbereich zwischen ca. 250 Hz und 8.000 Hz ab.
Das erklärt, warum viele Hörgeschädigte mit einer Hörkurve, die bis 3.000 Hz reicht, lediglich Vokale (ohne Mundabsehen) halbwegs erkennen können, während viele Konsonanten, z.B. Frikative (sog. "Zischlaute" wie /f/, /s/, /sch/), nicht mehr gehört werden können.

Damit wird auch klar, warum in Gesprächen manchmal - z.T. lustige - Missverständnisse entstehen können:

"Freunde im Wirtshaus erzählen mir, dass Willi impotent sei. Ich habe im Lärm nur 'im Hotel' ablesen können. Großes Gelächter, als ich das verstandene wiederholte, denn es kam mir vom Sinn so komisch vor."

"In der [Regel-]Grundschule nahmen wir mal Adam und Eva durch. Damals hatte ich noch keine Microports. Eines Tages erzählte ich meinen Eltern, wir hätten gelernt, Adam sei an einer Entzündung gestorben, dabei war von der ERBSÜNDE die Rede gewesen."

Hörgeschädigte Kinder, welche frühzeitig mit Hörhilfen versorgt und hörgerichtet erzogen werden, können lernen, Vokale und Konsonanten zu unterscheiden und damit Lautsprache ohne Mundabsehen zu verstehen. Andere Hörgeschädigte müssen ihren Hör- und Sehsinn einsetzen, um gesprochene Sprache verstehen zu können.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich hier nicht über die rein lautsprachliche und die bilinguale Erziehung (d.h. Lautsprache und Gebärdensprache) urteilen möchte; hier soll lediglich veranschaulicht werden, wie komplex die auditive Wahrnehmung (und erst recht bei Vorliegen einer Hörschädigung) ist. Hörgeschädigte müssen also erfinderisch sein, um eine lückenhafte auditive Wahrnehmung ausgleichen zu können:

"Wenn ich jemand anrufe, ist besser!"

"Namen am Telefon verstehe ich meistens nicht, ich lasse sie mir extra sagen und evtl. buchstabieren."

"Das Hauptproblem bei der Arbeit ist den richtigen Namen am Telefon zu verstehen. Das Problem umgeht man, wenn man nach der Personal-Nr. fragt. Das geht aber nicht immer."

"Lautsprecherdurchsagen auf Bahnhöfen sind furchtbar. Ich frage dann immer mich begleitende Personen oder Passanten."

"Beim Skifahren (...) muß ich ständig schauen, wo meine Clique ist, da ich ohne Hörgeräte fahre. Einmal bin ich auch eine falsche Abzweigung gefahren, und die anderen haben umsonst nach mir gerufen, seitdem machen wir vorher aus, bei welcher Hütte wir uns treffen, wenn wir uns mal verlieren."

"Manche Personen sprechen zu schnell oder zu leise. Ansonsten am Fahrkartenschalter oder bei der Kasse im Geschäft, wenn der Preis genannt wird, bin ich auf die Anzeige angewiesen."

"Im Bus kann ich den Fahrer nicht immer verstehen, wenn er die Haltestelle durchsagt. Ich muß mir daher bei fremden Routen den Routenplan gut einprägen und beim Busfahren konzentriert sein."

Gerade folgende Aussage ist bedeutsam für viele Hörgeschädigte, wenn sie in lautsprachlich geführten Gesprächen erfolgreich sein wollen: "Es ist immer hilfreich, wenn man am Anfang eines Gespräches gleich sagt, daß man schwerhörig ist."

Bei einer erfolgreichen Kommunikation müssen verschiedene Faktoren zusammenwirken.
Die beteiligten Gesprächspartner müssen einen gemeinsamen "Sprachcode" verwenden, d.h. einen gemeinsamen Wortschatz und ihnen bekannte grammatikalische Strukturen verwenden, damit sie sich verstehen können.

Je nach Kontext bzw. Situation werden bestimmte sprachliche Äußerungen eher erwartet als andere. Hierzu seien einige Beispiele aufgeführt: Ein junger Mann, der nach vielen Jahren seinem ehemaligen Lehrer begegnet, erwartet als erste Äußerung die Frage: "Wie geht es Ihnen?" Beim Arzt hingegen erwartet man Fragen zum eigenen Wohlbefinden. Bei der Bank werden Äußerungen erwartet, die sich auf finanzielle Belange beziehen.

Aus diesen Beispielen wird auch ersichtlich, dass nicht nur die Kenntnis der Situation, sondern auch die Kenntnis über die sozialen Normen (d.h. wie Menschen zueinander stehen) und über das Gesprächsthema die Kommunikation zwischen Hörgeschädigten und ihren Gesprächspartnern erleichtern kann.
Ebenso wichtig sind außersprachliche Kommunikationsmittel wie Gestik, Mimik, Körperhaltung sowie paralinguistische Kommunikationsmittel wie Sprechrhythmus, -melodie, -lautstärke etc.

Ein hochgradig Schwerhöriger erzählt: "Bei einer Feier habe ich einen Studenten 3 und 4 mal nachfragen müssen, was er gesagt hatte (es handelte sich nur um einen einzigen Satz!). Dann sagte dieser Student zu mir, ob ich Ausländer sei? (den negativen Unterton ersah ich an der Mimik)"

Hörgeschädigte sind, wie bereits erwähnt, darauf angewiesen, in Gesprächen zu kombinieren und "Lücken aufzufüllen". Dieses Prinzip der Substitution und Kombination ist vor allem für Hörgeschädigte mit geringen Hörkapazitäten von Bedeutung.
Natürlich können aufgrund fehlerhafter Substitutionen während der Sprachwahrnehmung auch lustige Situationen entstehen:

"Wer moog a Eis?" fragte uns eine Arbeitskollegin, ich verstand 'Mokkaeis?'"

"Als ich ein Kind war, hat mein Vater mich gebeten, ihm ein Glas zu bringen. Ich habe aber immer nur Gras verstanden."

"'Machst du einen Tee?' - Ich: 'Ja', und wartete, denn ich dachte, dass er mich gefragt hat, ob ich einen Tee mag."

"Im Alter von 6 Jahren: Mama beklagte sich, daß sie zuviel Sekt getrunken hätte. Ich sagte zu Freunde von meinen Eltern: 'Mama mag keinen Sex mehr.'"

"Meine Mutter telefonierte mit einem hochgradig schwerhörigen Jungen, der kurz vor der Volljährigkeit stand. Sie erkundigte sich: 'Und was macht der Führerschein?' - 'Ja, er ist auch in der zwölften Klasse. Im Augenblick jobbt er, aber ansonsten geht`s ihm ganz gut.'"

"Eines Tages kam der Kaminkehrer (er hatte Angst vor unserem Hund) zu uns, und fragte mich: 'Ist der Hund da?' Ich verstand: 'Wohnt der Herr Hund da?' Ich antwortete: 'Nein, er wohnt woanders!' Im selben Moment kam unser Dackel auf den Mann angeschossen!!! Der Kaminkehrer rannte davon!!!!"

Hörgeschädigte gehen manchmal das Risiko ein, nicht nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Das kann unangenehm werden, wie jene hörgeschädigte Frau erzählt:

"Ein junger Sanitäter fuhr mich ins Krankenhaus. Nach einiger Zeit fragte er mich, wie lange es noch dauert, bis ich beim Arzt fertig sei, dann sagte er etwas, was ich nicht verstand. Ich antwortete: 'Wenn ich fertig bin, komme ich gleich nach.' Der junge Mann verschwand in der Toilette! Peinlich!"

Resümee

Eine Hörschädigung bedeutet also nicht nur ein "leiseres Hören", sondern auch ein "verzerrtes Hören". Das "leisere Hören" kann mittels Hörhilfen z.T. ausgeglichen werden, aber um das "verzerrte Hören" auszugleichen, müssen Hörgeschädigte ständig kombinieren, um Schallereignisse richtig deuten und in lautsprachlich geführten Gesprächen bestehen zu können. Die Fähigkeit des Kombinierens ist nicht angeboren, sondern muss erst erlernt werden, denn Wahrnehmung ist stets ein aktiver Vorgang.

Bezogen auf die Förderung des Gehörs bei Hörgeschädigten ergeben sich dadurch folgende Forderungen: Frühzeitige Versorgung mit optimalen Hörhilfen, ein reiches Lautsprachangebot mit normaler Grammatik, Vermittlung von breitem Wissen anhand verschiedener visueller Medien (Bücher, Tagebücher, Bilder, Gegenstände, Modelle etc.), Kontakt mit verschiedenen Menschen und Kennen lernen verschiedener Situationen (zuhause, bei Verwandten, im Lokal, im Zoo, beim Arzt, in der Behörde etc.). Die grösste Schwierigkeit besteht natürlich darin, vor allem hörgeschädigte Kinder und Jugendliche dabei nicht zu überfordern. Ebenso dürfen sie keinesfalls auf den Aspekt Hörschädigung reduziert werden.
Des Weiteren gibt es viele Hörgeschädigte, welche bewusst auf Hörhilfen verzichten - auch das Nicht-Hören hat seine Berechtigung.

Ich möchte mit dem Zitat einer hörgeschädigten Person, welche sich auch an der schriftlichen Befragung beteiligt hat, abschließen:

"Sehr wichtig bei der Frage der optimalen Förderung von Hörbehinderten erscheint mir der Aspekt der INDIVIDUALITÄT eines jeden Hörbehinderten. Von 'optimalen' Förderungsmodellen die auf einen Großteil der Behinderten angeblich passen halte ich wenig. Sprach-Hör-Schul-Ausbildungsförderung muß von Fall zu Fall betrachtet, erfahren und erlebt werden."

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29. September 2002

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